Aus: John Gray Landels, Die Technik in der antiken Welt, dt. Übersetzung von Kurt Mauel, (1978), München 1983. S. 30 und 217 f.

[Zur Frage der Existenz antiker Windmühlen]

Obgleich die Griechen und die Römer Windkraft für Segelschiffe nutzbar machten und verwendeten, ist nichts darüber bekannt geworden, daß sie die drehende Windmühle als Kraftquelle entwickelt hätten. Das ist seltsam und es gibt eigentlich keinen befriedigenden Grund hierfür. Sie wußten ganz genau, daß durch entsprechendes Setzen der Segel ein Boot in einem bestimmten Winkel zur Windrichtung fahren konnte und eine verhältnismäßig einfache Entwicklung dieser Idee mag zu jener Art von Segelmühlen geführt haben, die man noch heute auf Mykonos und in Kreta sehen kann. Wir haben jedoch keinerlei Beweis dafür, daß es eine solche Maschine bereits im klassischen Altertum gegeben hat. Es findet sich nur eine einzige Erwähnung nutzbar gemachter Windkraft, und zwar in den Pneumatica' des Heron von Alexandria (1,43) und diese, da sie ganz einmalig ist, geriet in den Verdacht, später eingeschoben worden zu sein. Es gibt jedoch im Wortschatz oder im Stil der Griechen nichts, was unvereinbar ist mit Herons übrigen Werken. Andererseits ist nicht zu erkennen, aus welchem Grund jemand irgendwann im Mittelalter solch eine Stelle in einen klaren und wohlbekannten Text hätte einschieben sollen, zu einer Zeit, wo die Windmühle in allgemeinen Gebrauch kam.

Herons Maschine, in der die Windkraft verwendet wird, um eine Orgel zu betätigen, ist grob, aber funktionsfähig. ...

[Zur Frage einer beweglichen Deichsel an antiken Wagentypen]

Es ist eine vieldiskutierte Frage, ob die römischen vierrädrigen Wagen feste oder bewegliche Vorderräder gehabt haben. Aus Abbildungen kann man allgemein entnehmen, daß sie einen ziemlich kurzen Achsstand hatten und daher ohne große Schwierigkeiten um Kurven herumgefahren werden konnten. Es gibt keinen Beweis für das Vorhandensein einer ,,Schwenkplatte", an der die Vorderachse befestigt war und die samt der Deichsel (oder bei späteren Fahrzeugen den Stangen) gedreht werden konnte. Es ist schon gesagt worden, daß bei den meisten Abbildungen die Räder zu dicht am Fahrzeug liegend dargestellt werden, als daß sie überhaupt Platz gehabt hätten, sich zu drehen. Andererseits mag man, da es sich ja bei den meisten Abbildungen um Flachreliefs handelt, einwenden, daß der Künstler durch sein Material daran gehindert war, einen Abstand zwischen Rad und Wagenkasten richtig anzuzeigen. Es gibt noch den Rest eines schriftli-

chen Beweises in dem sogenannten ,,Preisedikt" des Diokletian, dem Text einer 'Verfügung zur Festlegung der Höchstpreise für eine große Anzahl von Gütern, erschienen 301 n. Chr. Unter den dort aufgezahlten Teilen eines Wagens erscheint das Wort columella, eine "kleine Säule". Das ist das Wort, das auch für den kurzen Zapfen verwendet wird, auf dem der Rotor einer Olivenpresse gedreht wird, und zufällig bezieht sich jeder andere Gebrauch dieses Wortes auf einen vertikalen Zapfen oder Pfosten. Es dürfte daher natürlich sein anzunehmen, daß in diesem Zusammenhang der Stummel oder Zapfen gemeint ist, auf dem eine ,,Schwenkplatte" gedreht wird.