Kap. 1: Begriffsklärungen und Überblick zum Gesamtthema 'Antike Bildung und ihre wirkungsgechichtlichen Beziehungen bis zur Gegenwart'.

Bearbeitungsstand: 10. Juli 2011.

1. Zum Aufbau der Lehrveranstaltung.

2. Zum Begriff 'Bildung' in der Gegenwart (Übersicht)

3. Zu den traditionsbildenden Epochen antiker Bildungsgeschichte (Übersicht).

4. Zur Wirkungsgeschichte der antiken Bildung (Übersicht).

5. Literatur, Medien Quellen.

1. Zum Aufbau der Lehrveranstaltung.

a) Vorlesung und Übung: Die Lehrveranstaltung ist zugleich eine Vorlesung und eine Übung. Die ständige Absolvierung von kleineren Übungsarbeiten ist in den Vortrag eingebaut. Außerdem besteht die Möglichkeit, freiwillig eine schriftliche Übungsarbeit anzufertigen und dafür einen Übungsschein zu erhalten.

Zur schriftlichen Übungsarbeit.

b) Systematik, exemplarische Darstellung und Auswahlthemen: Da das Gesamtthema viele Aspekte hat und diese dem Hörer und Leser bewußt bleiben sollen, kann die Behandlung des Stoffes einerseits nur in der Entwicklung und Begründung einer Systematik, andererseits nur in einer exemplarischen Darstellung bestimmter Teilthemen und Themenaspekte bestehen.

Schon die Zahl der Wissenschaften, mit denen ein als gebildet geltender Mensch in der griechischen und lateinischen Antike wenistens schulmäßigen Kontakt gehabt haben mußte ('enkyklios paideia', 'universitas literarum'), nämlich Logik, Dialektik und Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie), läßt sich in der Lehrveranstaltung und ihrem Skript nicht ausführlich darstellen darstellen.

Auch solche bereits in der Antke vorhandenen Erfahrungswissenschaften wie Medizin, Geographie, Biologie, Physik, Pharmazie und das, was in späteren Epochen der Wissenschaftsgeschichte 'Chemie' genannt wurde, all diese natirwossenschaftlichen Fächer, die heute in gewissem schulmäßigen Umfang ebenso zur Allgemeinbildung gehören, können nur kurz berührt werden.

Ferner sind einige für die politisch-gesellschaftliche Orientierung wichtigen Wissensgebiete schon der Antike wie vor allem die die Jurispridenz und die Historie nicht mehr kurz ansprechbar. Ähnliches gilt für eine religiöse 'Bildung', wie sie seit dem antiken Erscheinen des Christentums in dessen 'Theologie' zusammentrifft.

Bestimmte Sparten spezialisierten Erfahrungs- und Handlungswissens, wie sie auch in der Antike bereits (z. B. als 'agricultura' und 'architektura') vorhanden sind, und heute vor allem in der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre und in allen Arten der Technikwissenschaft zusammengefaßt werden, aber in gewissemm Umfang auch Bildungselemente sind, lassen sich ebenfalls nur streifen.

Nur wenig Beachtung können schließlich Geschmacks-, Mode- und Stil-Bildungen finden, welche in der Antike und in unserer Zeit außerhalb dezidiert 'kultivierter', sozial zumeist höher zu liegen gekommener Lebensweisen anzutreffen sind.

So blieben für die Lehrveranstaltung und bleiben für das WWW-Skript nur die Systematik antiker Bildung sowie diejenigen fachlichen Aspekte des Gesamtthemas übrig, die die philosophische Bildung der Antike und ihre Wirkungsgeschichte (Kap. 3), die sprachliche Bildung der Antike und ihre Wirkungsgeschichte (Kap. 4), die Bildung in der antiken Kunst und ihre Wirkungsgeschichte (Kap. 5) und einige antike Geschmacks-, Mode- und Stil-Bildungen als Ausdruck 'gehobenen' sozialen und politischen Selbstverständnisses mit ihrer Wirkungsgeschichte betreffen. Andere Aspekte des Gesamtthemas müssen - eventuell späteren - Lehrveranstaltungen und Skripten vorbehalten bleiben.

c) Offenes Programm: Die Anordnung des Stoffes erlaugt es, daß das Programm nach Bedarf umgestellt werden konnte.

d) Literatur, Medien, Quellen und WWW-Seite 'AGiW': Jedes Kapitel des Skripts zur Lehrveranstaltung enthält am Schluß einige praktikable, kurze Hinweise auf Liteartur, Medien und Quellen; zu ihnen gehört natürlich auch der Hinweis auf die Gesamtheit der Ausführungen in diesem WWW-Skript 'AGiW'.

2. Zum Begriff der 'Bildung' in der Antike und in der Gegenwart.

a) Zu einem antiken Begriff der 'Bildung'.

Den Inhalt dessen, was im griechischen und römischen Altertum, d. h. der 'Antike' i. e. S., als 'Bildung' verstanden zu werden pflegt, läßt sich am Beispiel der griechischen Worte 'paideia', 'trophe', 'philosophia', 'mousike', 'anthropismos' und 'gymnastike' (in Vbdg mit 'aretes') sowie der lateinischen Worte 'eruditio', 'cultura' und 'humanitas' erklären. Es geht darum, daß ein 'Naturzustand' oder ein 'Barbarismus' des Menschen durch Erziehung, Einübung, Lernen und Entwicklung des Wissens, der Fähigkeiten des Verstehens und des Sprechens bestimmten angenommenen, im menschlichen Wesen enthaltenen 'wertvollen' 'Anlagen' gemäß ausgeprägt wird. Der 'antike' Bildungsbegriff bzw. seine seine Varianten sind somit sehr voraussetzungsreich, sowohl was die Beurteilung menschlichen Wesens, menschlicher Werte und Tugenden und menschlicher Sinnorientierungen und Lebensziele betrifft. In starkem Maße ist der Bildungsbegriff dieser Geschichtsepochen aber auch ein 'zivilisationsverbundener', d. h. gegen eine 'barbarische' Lebensweise in nichtgriechischen oder nichtrömischen 'Kulturen' und 'Völkern' gerichteter.

In einem erweiterten, heute üblich werdenden Sinne können aber auch für eine 'außerantike' Altertumsgeschichte als 'Bildung' solche Werthaltungen, Wissens- und Glaubenssysteme verstanden werden, die Ähnliches meinen wie die antik-griechischen und -römischen. Dazu gehört, um hier nur ein Beispiel zu erwähnen, die bis heute im Christentum nachwirkende jüdische Religiosität, die im 'Alten' und im 'Neuen Testament' der Bibel ihren Ausdruck findet.

b) Zu einem heutigen Begriff der 'Bildung'.

Vor allem folgende Aspekte eines heutigen europäischen, speziell deutschen Bildungsbegriffs lassen sich zusammenstellen:

a) Bildung als 'geistige Souveränität' (mit dem Ziel der Unabhängigkeit von Herrschafts- und Machtverhältnissen, ökonomischen Interessen und Zwängen, Traditionen und Vorurteilen).
b) Bildung als Ausprägung religiöser und nichtreligiöser Glaubensüberzeugnungen.
c) Bildung als Suche nach Weisheit und Erkenntnis ('Philosophie').
d) Bildung als Fähigkeit zum Verstehen des menschlichen Wesens, der Gesellschaften und der Geschichte der Menschheit ('Hermeneutik', 'Anthropologie', 'Soziologie', 'Geographie'. 'Historie').
e) Bildung als Fähigkeit zum Reden und zur Argumentation, vor allem in der Öffentlichkeit ('Dialektik', 'Publizistik').
f) Bildung als differenzierte Fähigkeit zu politischem und rechtlichem Handeln ('politische und juristische Bildung').
g) Bildung als Kenntnis verschiedener Sprachen und als differenzierter Sprachgebrauch.
h) Bildung als umfassendes Kunstverständnis
i) Bildung als methodisches Verständnis aller Bereiche der Natur (naturwissenschaftliche Bildung).
j) Bildung als fundierte Fähigkeit, Heiltätigkeiten auszuüben ('Medizin')
k) Technische Bildung (z. B. Architektur)
l) Spezialisiert-praktische (z. B. ökonomische oder militärische) Bildung.
l) Geschmacks-Bildung (z. B. Eleganz, Mode, Stil).

Alle diese Aspekte haben ein Fundament in der Altertumsgeschichte, vor allem in der römischen und römisch griechischen Geschichte, aber auch in hebräisch, griechisch und lateinisch vermittelten Bibel-Überlieferung, und durch Vermittlung mittelalterlicher und neuzeitlicher Umarbeitungen im Rahmen kultureller Adaptation, (neuanknüpfender) Rezeption und humanistisch-säkularer 'Aufklärung'.

3. Zu den traditionsbildenden Arten antiker Bildungsgeschichte (Übersicht).

Im folgenden sei an nur drei Beispielen illustriert, wie vielfältig die 'Bildung', d. h. eine differenzierte Ausprägung der gesamten geistigen, praktischen und sinnlichen Fähigkeiten des Menschen, in den Epochen der Antike war. Es wird schon dadurch deutlich, daß sie als kulturelles, über die einzelne Person hinausgehendes kollektives Phänomen trotz gewisser Grundrendenzen sehr variantenreich und auch entwicklungsoffen war - in den Grenzen allerdings der Lebensgestaltungs-, Technik- und Erkenntnis-Möglichkeiten, die antiken Gesellschaften gegeben waren.

a) Beispiel I: Zur republikanischen Gesinnung und politischen Bildung.

Die im demokratischen Athen des 5. Jhts. v. Chr. auf der Agora aufgestellten Statuen der 'Tyrannen-Töter' Harmodios und Aristogeiton als Leitbilder republikanischer Gesinnung und politischer Bildung.


Art. 20 GG:

(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.

(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.

(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.

(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

b) Beispiel II: Zur philosophisch-dialektischen Bildung

a) Philosophisch-dialektische Bildung in der römischen Antike

Aus Cicero, Tusculanae disputationes 2, 13.:

b) Dialog- und Diskussionskuktur in unserer Zeit.

c) Beispiel III: Zur Geschmacksbildung.

a) Die Kochkunst als Teil der verfeinerter antiker Geschmacks-Bildung.

'Apicius, De re coquinaria' (Excerpta a Vinidario, Brevis ciborum 1 - 7).

b) Der 'Eintopf' in unserer Zeit.

3. Zu den traditionsbildenden Epochen antiker Bildungsgeschichte (Übersicht).

Bei der mehrtausendjährigen, einen großen Raum der Erdoberfläche einschließenden Bildungsgeschichte des 'Altertums' liegt es nahe, diejenigen Zeiten hervorzuheben, die in die spätere Bildungsgeschichte in größerem Umfang Eingang gefunden haben, indem sie während und nach der Antike, d. h. dem griechisch und römisch bestimmten Teil der Altertumsgeschichte, für den mittelmeerisch-europäischen Raum traditionsbildend wurden. Doch ist die Anzahl viel größer gewesen, als die verkürzende Perspektve der späteren Bildungsgeschichte es erscheinen läßt.

Von den Hochkulturen des alten Orients ist es vor allem die religiöse Bildung des Judentums, die über das 'Alte Testament' der Bibel in maßgeblicher Weise Eingang in die christlich-europäische Bildungsgeschichte gefunden hat.

Im griechischen und im römischen Bereich der Antike lassen sich fünf großräumige Bildungsepochen unterscheiden, die mit großen Teilen ihrer Bildungsarten für die spätere Bildungsgeschichte Bedeutung haben:

a) Die archaische griechische Geschichte und ihre Bildungsideen.
b) Die klassische griechische Geschichte in Athen und Sparta mit ihren Bildungsideen.
c) Die hellenistische Geschichte und ihre Bildungsideen.
d) Die römische Geschichte der Republik und des vorchristlichen Kaisertums mit ihren Bildungsideen.
e) Die spätantike, christlich gepägte römische Geschichte und Bildungsgeschichte.

3. Zur Wirkungsgeschichte der Antike (Übersicht).

Es lassen sich drei Typen und ihnen zuzuordnende Epochen der Wirkungsgeschichte antiker Traditionen in Europa (Deutschland) unterscheiden:

a) der Typus kultureller Adaptation, vor allem in der Epoche des direkten Kontakts germanischer Völker mit der späteren (römisch-kaiserzeitlichen) antiken Kultur, der das frühe, teilweise aber auch das spätere Mittelalter bestimmt,

b) der Typus einer neuanknüpfenden Rezeption vom späteren Mittelalter bis zum Zeitalter der reformatorischen, stark religionsbestimmten Rückgriffe auf die antike Kultur,

c) der Typus einer neuzeitlichen, von der christlichen Glaubenstradition abrückenden, teilweise areligiös-atheistisch akzentuierten Bildung ('Aufklärung', säkularisierte Erkenntnis) in Anknüpfung an entsprechende wissenschaftliche und philosophische Traditionen der antiken Bildung.

4. Beispiele für eine Fortwirkung der Antike in der Bildung der Gegenwart.

Beispiel IV.
Übung.
AUFGABEN:
1) Welcher Zeit entstammt Ihres Erachtens die Bildertafel, deren Photographie hier gezeigt wird?
2) Wo und zu welchem Zweck könnte sie usrprünglich aufgestellt gewesen sein?
3) Auf welchen Text aus dem Altertum bezieht sie sich?
4) Wieso hat dieser für die nachantike Bildungsgeschichte (im weiten Sinne des oben definierten Bildungsbegriffs) Bedeutung gehabt?

Beispiel V.
ÜBUNG.
AUFGABEN:
Vergleichen Sie die Innenansichten der beiden Bauwerke.
1) Welches ist das antike, welches das moderne? Können sie einschätzen, wo sie sich befinden?
2) Inwiefern sind sie sich ähnlich? Inwiefern geht diese Ähnlichkeit auf eine Traditionsbeziehung zurück?

Beispiel VI.
ÜBUNG.
AUFGABEN:
Beantworten Sie die nachfolgenden Fragen unbefangen nach bestem Vermögen, auch wenn Sie keine historischen und sprachlichen Vorkenntnisse haben sollten, allein aufgrund genauen Zuhörens, musikalischer Einfühlung und Achtens auf Ihnen bekannte Begriffe und Worte in den beigefügten Musikstücken 1 und 2 (ggf. etwas längere Ladezeiten wegen des Volumens der Audiodateien).
1) Welchen Zeiten entstammen die Stücke, wer sind die Komponisten und Textautoren? Welche Botschaft wollen Sie übermitteln, sowohl was den Text, als auch was Melodie und Rhythmus betrifft?
2) Stellen Sie für beide Stücke alles zusammen, was Ihres Erachtens daran in irgendeiner Weise (musikalisch, sprachlich, gedanklich) auf die Antike zurückgeht oder sich auf sie bezieht.

4. Literatur, Medien, Quellen.
a) Literatur:

Andreas Dörpinghaus, Bildung, 'Forschung und Lehre', Supplement 9, 2009, 14 S.

H. I. Marrou, Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum, Übersetzung aus dem Französischen, hg. von R. Harder, Freiburg, München 1957.

E. Lichtenstein, Die Grundlagen europäischen Bildungsdenkens in der griechisch-römischen Antike, Hannover 1970.

Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold, Berlin, Newyork 2002 24.

A. Schirmer, W. Mitzka, Deutsche Wortkunde. Kulturgeschichte des deutschen Wortschatzes, sammlung Göschen Bd. 929, Berlin 1965, 125 S.

H. J. Störig, Kleine Weltgeschichte der Wissenschaft (1), Stuttgart 1970.

J. G. Landels, Die Technik in der antiken Welt, München 19833.

Siehe auch WWW-LV-Skript 2003 'Christian Gizewski, Zur historischen Bedeutung antiker Wissenschaft': http://www2.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Auditorium/BAntWiss/Portal.htm .

b Medien:

Die Quellen der beigefügten, hier nur zum Zweck wissenschaftlicher Lehre zitierten Audiodateien werden vom Autor dieser WWW-Seite bei Bedarf mitgeteilt.

c) Quellen:

Die Heilige Schrift des Alten Testaments, übersetzt von E. Kautzsch u. v. anderen Gelehrten, hg. von A. Bertholet und Mitarbeitern, 1. Bd. (1 Mose bis Ezechiel), Tübingen 19224, S. 125 f. (2. Mos. 20, 1 - 21).

Cicero, Tuskulanische Gespräche, Ins Deutsche übertragen von Alexander Kabza, München 1959, S. 60 - 63.

Das römische Kochbuch des Apicius. Vollständige zweisprachige Ausgabe, Stuttgart 200, S. 166 - 169.


Lehrveranstaltungsskript 2009/2010.

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@mailbox.tu-berlin.de