Kap. 1: Begriffsklärungen und Übersichten zur antiken Kriegsgeschichte.

INHALT:

1. Eingrenzung des Themas. Begriffsklärungen.

2. Typische Kriegsparteien, Kriegsführungsmotive und Kriegsaktivitäten in der Antike.

3. Historische Daten- und Kartenübersichten zu einigen unter bestimmten Aspkten exemplarisch gut analysierbaren antiken Kriegen.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Eingrenzung des Gegenstandes. Begriffsklärungen.

Im folgenden geht es um die 'exemplarische' Erörterung 'antiker Kriegsgeschichte'. 'Exemplarisch' bedeutet dabei, daß nicht eine systematisch-umfassende, der Zeitachse folgende Erörterung 'aller' allgemeingeschichtlich bedeutsamen Kriege des vorderorientalisch-mediterranen Altertums angestrebt ist und nicht einmal eine solche der im engeren Sinne 'antiken', nämlich der 'griechischen' und der 'römischen' Geschichte. Vielmehr sollen an ausgewählten, für die Analyse öfters hervortretender Ursachenkonstellationen und Verlaufsformen antiker Kriegführung geeigneten 'Beispielen' 'Typisches', d. h. trotz seiner individuellen historischen Besonderheit in bestimmten Aspekten mit anderen geschichtlichen Phänomenen der Alten Geschichte Vergleichbares, erörtert werden. Auf der Grundlage solcher typisierender und vergleichender Betrachtung läßt sich die grundsätzliche Bedeutung des Krieges für den historischen Einfluß und die dynamische Entwicklung antiker Staaten, Bündnissysteme und Reiche in ihrem Verhältnis zueinander sowie ihrer inneren Verfassungen oder Herrschaftsformen erkennen. Dies ist ein Hauptziel der Erörterung. Die Auswahl der exemplarischen Themen läßt sich im Hinblick auf dieses Ziel auf solche Kriege der griechischen und der römischen Geschichte begrenzen, die quellenmäßig relativ gut belegt sind, in der Antike viel erörtert wurden und bis heute für historisches Bewußtsein meinungsbildend gewirkt haben. Es kommt dabei auch auf das an, was wir heute aus der antiken Kriegsgeschichte sinnvoll lernen können.

Aufgabe 1 A.

Aufgaben:

Betrachten Sie die vier unten folgenden Kartenbilder genau. Das erste hat den 'Aufstieg Makedoniens' zum Thema, das zweite eine heutige Luftaufnahme des antiken Orts Chaironeia, das dritte eine geographische Karte des antiken Griechenland, auf der Chaironeia auszumachen ist, das vierte den Ablauf der Schlacht bei Chaironeia im Jahre 388 v. Chr. Beantworten Sie folgende Fragen, wobei Sie erst einmal über die besonderen historischen Verhältnisse nichts Genaueres zu wissen brauchen, sondern mehr Ihrem Einfühlungsvermögen und Ihrer Fähigkeit zur Kombination folgen sollen:

a) In welchem Zeitraum und in welche Richtungen vollzieht sich der im Kartenbild 1 dargestellte 'Aufstieg Makedoniens'? Was sind Ihres Erachtens seine Motive und die Mittel seiner Durchsetzung? Welche antiken Gemeinwesen sind in der nach dem Kartenbild gezeigten Lage - im wesenentlichen des Jahres 338 v. Chr. - von diesem Aufstiege schon 'betroffen', und welche weiteren könnten sich durch ihn in ihren Interessen bedroht sehen? Welche politischen Möglichkeiten gibt es Ihres Erachtens, die sich abzeichnenden Konflikte auszutragen oder zu vermeiden?

b) Wenn es in der im Kartenbild 1 dargestellten Lage zu einem Kriege zwischen Makedonien und anderen Staaten käme, mit welchen Zielen und in welcher Vorgehensweise würde dieser von den mutmaßlich daran beteiligten Staaten geführt werden?

c) Wenn Sie die Lage des antiken Chaironeia in dem Kartenbild und der Luftaufnahme der Abb. 2 und 3 betrachten, wieso kommt der Ort aus strategischen und taktischen Gründen in der Konfliktsituation des Jahres 338 v. Chr. für eine offene Landschlacht in Betracht? An welche ähnlichen historischen Situationen der antiken Kriegsgeschichte erinnert Sie, soweit Sie es wissen, diese Lage?

d) Wenn Sie das im Kartenbild 4 abgebildete taktische Geschehen der Schlacht bei Chaironeia d. J. 388 v. Chr. betrachten, aus welchen militärischen Kontingenten und Waffengattungen bestehen die sich gegenüberstehenden feindlichen Heere? Wie groß schätzen Sie sie ein? Wie würden Sie vorgehen, wenn Sie auf dieser oder jener Seite zu befehligen hätten?

e) Überlegen Sie - ausgehend von dem Zeitpunkt der im Kartenbild 2 dargestellten Entsscheidungsschlacht -, welche militärischen und politischen Folgen es hätte, wenn die eine oder die andere Seite siegen würde.


Kartenbild 1: Der Aufstieg Makdoniens.

Abb. entnommen aus: Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. und bearbeitete von Hans-Erich Stier u. v. a., Westermann-Schulbuchverlag, Orbis-Sonderausgabe, Braunschweig 1990, S. 20.

Kartenbilder 2 und 3: Zur strategisch und taktisch wichtigen geographischen Lage des antiken Ortes Chaironeia.

Abb. entnommen aus: (2) R. V. Schoder, Das antike Griechenland aus der Luft (Ancient Greece from the Air, 1974), deutsche Übersetzung von J. Rehork,, Bergisch-Gladbach 1975, S. 94 ff. (95) und (3) Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. und bearbeitet von H. E. Stier u. v. a., Westermann-Schulbuchverlag Braunschweig, Sonderausgabe München1990, S. 18 (Ausschnitt).

Kartenbild 4: Taktischer Ablauf der Schlacht bei Chaironeia d. J. 388 v. Chr.

Abb. entnommen aus: Peter Green, Alexander der Große. Mensch oder Mythos? Dt. Übersetzung von Ernst von Podlesnigg, Würzbug 1974, S. 50.

Aufgabe 1 B.

Aufgaben:

Vergleichen Sie den unten wiedergegebenen Bericht Diodors über Ursachen, Ablauf und Folgen der Schlacht bei Chaironeia d. J. 338 mit Ihren im Rahmen der Aufgabe 1 A entwickelten Einschätzungen. Was ist so, wie Sie es sich gedacht haben, was ist anders?


Zu Ursachen, Ablauf und Folgen der Schlacht bei Chaironeia i. J. 338 v. Chr.: Diodorus Siculus, Bibliotheke, Buch 16, 84 - 88.

Deutsche Übersetzung unter Berücksichtigung der Bibliotheke-Übersetzung von J. F. Wurm 1827 - 1840 und unter sprachlicher Hervorhebung bzw. [in eckigen Klammern erfolgender] Ergänzung kriegsgeschichtlich wesentlicher Aspekte des Berichts: Christian Gizewski.

Definitionen.

Vorbemerkung: Krieg - in der Antike und in anderen Epochen - ist nicht nur eine konzentrierte, massenhafte Anwendung von Waffengewalt gegen Widerstrebende - und Unbeteiligte -, sondern wesentlich vor allem die auf eine nachhaltige politische Wirkung zielende Negierung der Rechts- und der politischen Funktionsordnung eines politisch als feindlich behandelten Gemeinwesens oder Herrschaftssystems durch einen organisiert vorgehenden Anwender kriegerischer bzw. militärischer Gewalt.

Als historische Phänomene sind 'Kriege' oft zu deuten als Folge fühlbar eingeengter politischer Handlungsmöglichkeiten der sie führenden politischen Systeme und Gruppierungen. Sie können auch die Folge ungleicher Machtverhältnisse zwischen ihnen und einem ihnen gegenüberstehenden politischen System sein. Teils dadurch bedingt, teils auch aus manchmal eigendynamischen kollektiven 'Kriegsstimmungen' entstehen vor allem die für allgemeinhistorische Veränderungen so folgenreichen politisch-militärischen Entscheidungsprozesse und Kriegsführungsmaßnahmen ganzer Gemeinwesen oder Herrschaftssysteme. Das in jeder Kriegführung angelegte 'Verfahren' kriegerischer (militärischer) 'Entscheidung' führt dabei typischerweise einerseits zu einem ständigen, im einzelnen kaum vorhersehbaren Wechsel 'strategischer' und 'taktischer' Situationen, zum anderen zu ebenso kaum vorhersehbaren, tiefgreifend umgestaltenden Resultaten eines Krieges für die Machtverhältnisse und inneren Ordnungen der an ihm beteiligten Kriegsparteien.

Bei der Klarstellung der folgenden, vor allem mit antiker Kriegführung in einem weiteren Sinne zusammenhängenden Begriffe kommt es darauf an, sie passend für die Beschreibung und Erklärung der genannten wichtigen Erscheinungen der antiken Allgemeingeschichte zu konzipieren. D. h.: es kommt nicht primär auf heutige oder frühere völker-, staats- und strafrechtliche Auffassungen von Kriegen, Revolutionen und Gewaltaktionen an. Das bedeutet zum einen , daß ein im neuzeitlichen Völkerrecht entwickelter Staatsbegriff, welcher unserem heutigen Kriegsbegriff zugrundeliegt (Krieg nur als gewaltsame Auseinandersetzung zwischen souveränen, eine eigene Bevölkerung und ein eigenes Territorium organisierenden Staaten) für historische Zwecke zu eng ist. Ferner geht eine heutige, rein strafrechtliche Qualifikation bewaffneter, nicht-staatlicher Interventionen von außen in ein Staatsgebiet als 'kriminell' u. U. an deren Kriegscharakter im historischen Sinne, wo er vorliegt, vorbei. Ein drittes Beispiel sind 'Putsche' und 'Revolutionen' . Sie können - historisch gesehen - Kriegscharakter haben und sind dann nicht rein staatsrechtlich als 'Funktionsstörungen' innerhalb eines identisch bleibenden politischen Systems zu erklären.

Die Akteure antiker Kriege sind insoweit vielgestaltig. Aber sie lassen sich dennoch typisieren, d. h. auch: im Hinblick auf die in ihnen wirksam werdenden Kräfte und Interessen in ihrer typischen Bereitschaft und Fähigkeit zu einer Kriegführung nach Arten bzw. häufig vorkommenden Typen unterscheiden. So macht es für die Kriegführung einen Unterschied,

ob daran (eher) 'staatlich' oder (eher) 'völkerrechtlich' organisierte politische Verbände beteiligt sind,

ob es sich bei (eher) 'staatlich' organisierten Verbänden (antiken Staaten) um in ihrer politisch-militärischen Willensbildung verfaßte Gemeinwesen oder um unverfaßt, unkontrolliert und primär in politisch-militärischen Befehlsverfahren agierende, eher kleinräumige Herrschaftssysteme oder um weitexpandierte Reiche (Imperien) mit weitgehendem Besatzungs- oder Provinzialherrschaftscharakter handelt,

ob es sich bei (eher) 'völkerrechtlich' organisierten Verbänden (antiken Bündnissen) um prinzipielle Gleichordnung der Bundesgenossen oder um eher hegemoniale Leitungsstrukturen handelt

oder ob bei einem 'inneren' Kriege oder einer 'kriegsähnlichen Gewaltaktion Kräfte agieren, die - als Teile einer staatlichen Friedensordnung - dazu nicht legitimiert oder sonst zuvor darauf gar nicht angelegt und vorbereitet sind.

Staat: Unter Staat in einem den Erscheinungsformen der antiken Kriegsgeschichte angemessenen Sinne soll ein dauerhafter Verband eigenständiger politisch-militärischer Willensbildung Friedenssicherung und Interessenwahrnehmung für den Bereich einer mindestens dadurch abgegrenzten Gesamtbevölkerung (Volk, Gesellschaft) verstanden werden.

Die Fähigkeit zu militärischer Organisation und zur Kriegführung ist damit ein wesentliches Element antiker Staatlichkeit und oft auch ein wesentliches Instrument staatlicher Politik.

Bündnis: Als Bündnis lassen sich definieren alle auf vertraglichen Absprachen oder friedensvertraglichem Diktat zwischen prinzipiell eigenständig willensbildenden Staaten i. o. S. beruhenden Formen längerfristiger zwischenstaatlicher Kooperation für politisch-militärische Zwecke.

Im Mittelpunkt von Bündnisbildungen der Antike pflegt ein Kriegführungszweck und der Aufbau von Bedrohungspotentialen für mögliche Kriegsgegner zu stehen.

Reich: Als Reich (Imperium) läßt sich ein staatlich organisierter Verband politisch-militärischer Willensbildung verstehen, der in einem größeren Teil des ihm zugehörigen Raumes eine Besatzungs- oder Provinzialherrschaft ausübt.

Der Besatzungs- oder Provinzialcharakter einer Herrschaftsausübung ergibt sich in der Antike typischerweise aus dem kriegerischen Erwerb von Herrschaftsmöglichkeiten über Bevölkerungen und Territorien durch eine erfolgreich kriegführende Partei. Diese kann ein Gemeinwesen oder ein in anderer Weise staatlich organisierter Verband politisch-militärischer Willensbildung sein. In Besatzungs- und Provinzialregimen antiker Art pflegt den ihnen unterworfenen Bevölkerungsteilen ein wesentlicher Teil politischer Selbst- und Mitbestimmungsrechte zu fehlen, wie sie in antiken Republiken oder Demokratien üblich sind.

Krieg: Unter Krieg soll verstanden werden die Gewaltanwendung im Verhältnis einer staatlichen oder staatsähnlichen, mit Waffengewalt ausgestatteten Organisation zu einer anderen mit dem Ziel, die jeweils andere Seite auf Dauer und in größerem Umfang dem eigenen Willen zu unterwerfen.

Die Gewaltanwendung braucht dabei nicht von einem 'Staat' auszugehen oder ihn zu betreffen, sondern es kann sich bei kriegführenden Parteien auch um Stämme, Stammenverbände, 'illoyale' Heereseinheiten, Religionsgemeinschaften, aufständische Bevölkerunsgruppen, strafrechtlich nicht disziplinierbare Banden u. a. Gemeinschaften oder Verbände handeln, soweit diese 'staatsähnlich' agieren, d. h. eine Art Rechtsordnung und öffentliche Entscheidungsverfahren zumindest für die Kriegführung besitzen (politische Systeme).

Außenkrieg: Solche Kriege, die von außerhalb der Grenzen und Funktionsordnung eines Staates befindlichen Staaten, Gemeinschaften oder Verbänden gegen diesen organisiert werden, lassen sich als 'Außenkriege' bezeichnen.

Dieser Begriff setzt die Kriegsbeteiligung zumindest eines Staates voraus und ist aus seiner Perspektive gebildet. - In diesem Sinne sind Außenkriege etwa die militärischen Expeditionen des Perserreichs gegen die festlandsgriechischen Stadtstaaten in den Jahren 490 und 480/479 v. Chr. oder der Krieg Philipps von Makedonien gegen Athen und Böotien i. J. 338 oder der Krieg Caesars gegen die ihm feindlichen Kampf- und Siedlungsverbände der Sueben oder Stammesstaaten der Gallier in den Jahren 59 - 51 v. Chr. oder die Einfälle alamannischer oder fränkischer Heerscharen in römisches Reichsgebiet im 3. Jh. n. Chr.

Innenkrieg: Solche kriegerisch organisierten Gewaltanwendungen, die innerhalb der Grenzen eines Staates oder einer Staatenverbindung aus Konflikten zwischen bestimmten ihrer Institutionen, Teilbereiche, Populationsgruppen, Gemeinschaften oder Verbänden hervorgehen, lassen sich als 'Innenkriege' bezeichen.

Dieser Begriff setzt die Betroffenheit eines Staates oder irgendeiner engeren Staatenverbindung voraus. - In diesem Sinne lassen sich als Innenkriege begreifen etwa der Krieg d. J. 91 - 89 der italischen Bundesgenossen Roms gegen den römischen Stadtstaat i. e. S. , die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Sulla als Vertreter der Optimaten-Partei und den Anhängern des Marius i. d. J. 88 und 82, die Bekämpfung der römisch-staatlichen Autorität durch den Sklavenaufstand unter Spartacus i. d. J. 73 - 71, der Krieg des Pompeius gegen die 'Seeräuber' i. J. 67 v. Chr., der Bürgerkrieg zwischen Caesarianern und den Anhängern des Pompeius in den Jahren 49 - 45 v. Chr. oder der 'Jüdische Krieg' d. J. 68 - 71 n. Chr.

Kriegsähnliche Gewaltaktionen: Soweit organisierte Gewaltanwendung ein politisches System nicht auf Dauer und umfassend fremdem Willen gefügig zu machen in der Lage ist, aber dennoch vorübergehend oder in geringem Umfang Einfluß auf seine Funktionsordnung auszuüben vermag, kann man von 'kriegsähnlichen Gewaltaktionen' sprechen.

In diesem Sinne kriegähnliche Gewaltaktionen sind etwa die Catilinarier-Unruhen der Jahre 63 und 62 v. Chr., die Meuterei der Legionen in Pannonien und Germanien i. J. 14 n. Chr. oder die Auslösung der Beseitigung der Kaiserherrschaft Neros durch Insurrektion der römischen Militärbefehlshaber und Zivilverwalter in Gallien, Spanien und Lusitanien i. J. 68 n. Chr.

Kriegspolitik: Unter 'Kriegspolitik' sei verstanden die Gesamtheit der politischen Motive, Entscheidungsprozesse und Maßnahmen in einem politischen System, welche die Führung eines Krieges gegen einen äußeren oder inneren Feind zum Inhalt haben und somit Rahmenbedingungen für die jeweils zu ergreifenden strategischen und taktischen Entscheidungen und Maßnahmen darstellen.

Der Begriff ist wertneutral, d. h. nicht prinzipiell negativ bewertend - etwa i. S. von 'unnötigem Betreiben eire Kriegsvorbereitung oder rücksichtslosen Kriegsdurchführung' - zu verstehen.

Strategie: Unter 'Strategie' ist die Gesamtheit lang- und mittelfristiger, spezifisch militärischer Entscheidungen und Maßnahmen zu verstehen, die eine kriegführenden Partei über ihre militärischen Oberbefehlshaber ('Feldherren', griech. 'Strategen') fällen bzw. ergreifen läßt, um in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit einem Feinde ihre Kriegsziele zu erreichen.

Wichtig an der 'Strategie' ist, daß sie das organisatorische und gedankliche Bindeglied zwischen 'Kriegspolitik' und 'taktischem Kampfgeschehen' darstellt.

Taktik: Unter 'Taktik' (von griech. 'taxis' = Ordnung) sind alle von einer bewaffneten Einheit einer Kriegspartei bei einer unmittelbaren Kampfkonfrontation mit einer feindlichen Einheit grundsätzlich oder situationsabhängig getroffenen Entscheidungen und ergriffenen Maßnahmen zu verstehen, die dem Ziel dienen, die eigenen Waffenträger und -systeme gegen den Feind möglichst effektiv einzusetzen und dabei möglichst in intakter Ordnung zu halten.

Die 'Taktik' ist das organisatorische und gedankliche Mittel, den in Gefechtssituationen für kämpfende Einheiten unvermeidlich, aber im einzelnen vielfach unvorhersehbar eintretenden Wechselfällen (Verluste, Zerstörungen, Störungen der Befehlsgebung, zeitliche oder geographische Zwangslagen) durch ein gewisses Maß an äußerst beweglicher 'Restplanung' systematisch entgegenzuwirken.

2. Übersichten: Typische Kriegsparteien, Kriegsführungsmotive und Kriegsaktivitäten in der Antike.

TYPISCHE AKTEURE ANTIKER KRIEGE.

Herrschaftssysteme:

Zivilmonarchien.

Militärmonarchien.

Tyranneis.

Aristokratien.

Oligokratien.

Besatzungs- und Provinzialherrschaftssysteme.

Gemeinwesen:

Republiken.

Demokratien.

Bündnisse:

Bündnisse selbständiger, prinzipiell gleichberechtiger Staaten.

Bündnisse mehr oder weniger abhängiger Staaten unter Hegemonie eines Leitstaates.

Reiche:

Zusammenfassung unterschiedlicher Völker in einer übergreifenden staatlichen Organisation.

Institutionelle, regionale, ethnische oder soziale Teilbereiche kriegführender Parteien:

Beispiele: Das Volk als Verfassungsorgan mit eigenen Interessen gegenüber anderen Trägern staatlicher Willensbildung oder bei der politischen Willensbildung in wesentlichen Fragen gegeneinanderstehende Parteien oder das Militär als staatliche Organisation mit eigenen Interessen gegenüber zivilen Trägern staatlicher Entscheidungen.

Beispiel: Landschaften oder Städte mit starken eigenen Interessen gegenüber den Belangen staatlich oder bündnisartig organisierter politischer Verbände.

Beispiel: Völker oder Bevölkerungsteile mit eigenen ethnischen, sprachlich-kulturellen oder religiösen Traditionen innerhalb von Reichen oder hegemonialen Bündnissen.

Beispiel: Teile der armen oder von Dienstleistungen und Abgaben bedrückten Bevölkerung (nicht nur im Sklavenstatus) gegenüber den ihnen gegenüber weisungs-, bereicherungs- und generell sozial bevorrechtigten Amtsträger und Aufsichtsführenden, Einrichtungen und sozialen Gruppen.

ANTIKE KRIEGSTYPEN

(jeweils aus der maßgeblichen Motivlage einer kriegführenden Partei betrachtet).

Typen äußerer Kriege:

Kriege für die politisch-militärische Selbstbestimmung oder Selbstbehauptung eines Staates oder Bündnissystems (Freiheitskriege).

Kriege zur Begründung, Erweiterung oder Sicherung der politisch-militärischen Hegemonie eines Staates oder eines Bündnissystems (Hegemonialkriege).

Reichsbegründungskriege.

Imperiale Präventions- und Expansionskriege.

Imperiale Grenz- und Bestandssicherungskriege gegen Angriffe und Bedrohungen von außen.

Disziplinierungskriege von Staaten, Bündnissystemen oder Reichen gegen politisch-militärisch folgeverpflichtete oder völkerrechtswidrig handelnde Nachbarn.

Kriege von Staaten, Bündnissystemen oder Reichen gegen äußere Gegner wegen konkurrierender ethnisch-territorialer oder wirtschaftlicher Ansprüche und Interessen.

Religiös oder sonst überwiegend ideell motivierte Kriege von Staaten, Bündnissystemen oder Reichen gegen äußere Gegner.

Typen innerer Kriege:

Kriege konkurrierender organisierter politischer Parteiungen um die innere Herrschaft ('Bürgerkriege').

Separationen (Sezessionen) und Rebellionen staatsähnlich verfaßter Kräfte gegenüber einer etablierten staatlichen Herrschaftsordnung und dagegen gerichtete Disziplinierungsaktionen.

Typische krigsähnliche Gewaltaktionen.:

Ihrem Ziel nach ungerichtete, politisch unorganisierte, aber dennoch eine staatliche Ordnung in größerem Umfang störende Überfälle, Aufstände und Unruhen.

Meutereien und Putsche staatlicher Beschluß- oder Exekutivorgane gegen etablierte Institutionen einer Regierungsgewalt.

Disziplinierungs- oder Unterwerfungsaktionen einer etablierten Regierung gegen nicht-staatlich organisierte Kräfte innerhalb oder außerhalb ihres Herrschaftsbereichs.

TYPISCHE PROBLEME ANTIKER KRIEGSPOLITIK.

Gewinnung und Erhaltung von Bundesgenossen für einen zu führenden bestimmten Krieg oder für eine denkbare Bedrohungssituation. Störung feindlicher Bündnisbeziehungen.

Schaffung von Bedrohungspotentialen für einen konkreten oder potentiellen Feind.

Politische Propaganda für Kriegsziele im In- und Ausland.

Politische Zwischenverhandlungen mit dem Feinde, soweit nötig oder akzeptabel zur Erreichung von Kriegszielen.

Verwaltung militärisch besetzten Landes.

TYPISCHE PROBLEME ANTIKEN STRATEGISCHEN HANDELNS.

Präventive Sicherung der Grenzen und des inneren Teritoriums gegen feindliche Überfälle und Bedrohungen. Andere Präventionsaktionen, auch im Territorium des Feindes.

Reservebildung und Verlustersatz bewaffneter Kräfte für einen zu führenden bestimmten Krieg oder für eine denkbare Bedrohungssituation.

Einrichtung und lageangemessene Umbildung der Heeres- und Flottenorganisation, der Waffensysteme und -gattungen für einen zu führenden bestimmten Krieg.

Truppen- und Flottendislokation.

Planung und lageangemessen kontinuierliche Planänderung für Feldzüge und andere militärische Kommandounternehmen zur mittel- und langfristigen Durchsetzung politischer Kriegsziele.

Nachrichtendienstliche Ausforschung der Absichten und Maßnahmen aktueller oder potentieller Kriegsgegner. Verdeckung strategischer Absichten.

TYPISCHE PROBLEME ANTIKEN TAKTISCHEN HANDELNS.

Angriffs- und Abwehrgefechte des Kleinen Krieges.

Taktische Aufklärung.

Marschbewegungen und Transportunternehmen. Ihre Störung und Abwehr.

Offene Landschlachten und Landgefechte.

Seeschlachten und Seegefechte.

Indirekte Kampfaktionen.

Belagerungen und ihre Abwehr.

Landungen an verteidigten Meeresufern, Übergänge über verteidigte Flüsse, Engpässe und Gebirge. Ihre Abwehr.

Einkreisung und Überflügelung des Feindes. Gegenaktionen.

Organisation des Nachschubs und Requisitionen aus dem eigenen oder dem besetzten Lande.

Taktische Diversion und Täuschung.

Behandlung Kriegsgefangener und kriegsbetroffener Bevölkerung aus dem Herrschaftsbereich des Feindes.

3. Exemplarische Kartenübersichten zu einigen antiken Kriegen.

(Datenübersichten finden sich in den nachfolgenden Kapiteln 3 - 11.)

Die Perserkriege als Folge imperialer Expansionskriege einerseits und bundesgenössisch geführter Freiheitskriege andererseits.

entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 56.


Der Peloponnesische Krieg als beiderseits bundesgenössisch geführter Hegemonialkrieg.

entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 60.


Die Kriege Philipps und Alexanders als Reichsbegründungs-, Hegemonial- und imperiale Expansionskriege.

Karten 1 und 2

entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 62 und 64.


Roms Kriege mit Karthago als Aufeinanderfolge eines Hegemonial- und Reichsbegründungskriegs, eines imperialen Bestandssicherungs- und Expansionskrieges und eines imperialen Präventionskrieges auf römischer Seite.

Karten 1 und 2

entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 80 und 82


Marius' Krieg gegen wandernde Germanenstämme und Caesars Krieg in Gallien als auf römischer Seite imperiale Grenzsicherungs-, Präventions- und Expansionskriege.

Karten 1 und 2

entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 88 und 90.


Römische Kriege gegen Sklaven und Seeräuber im 2./1. Jh. v. Chr. als innere und äußere Disziplinierungskriege.

Karten 1 und 2

entnommen aus: (1) Atlas zur Geschichte. hg. vom Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, bearb. von L. Berthold u. v. a., Gotha, Leipzig 1976, Bd. 1 (Von den Anfängen der menschlichen Gesellschaft bis zum Vorabend der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution 1917), S. 14, und (2) Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. und bearbeitet von H. E. Stier u. v. a., Westermann-Schulbuchverlag Braunschweig, Sonderausgabe München1990, S. 29.


Die Kriege auf römischem Reichsgebiet der Jahre 49 - 31 v. Chr. als Kriege konkurrierender organisierter politischer Parteiungen um die innere Herrschaft (Bürgerkriege).

entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 90 und 92.


Der Krieg mit den aufständischen Juden in den Jahren 66 - 70/73 n. Chr. als Freiheitskrieg einerseits und innerer Disziplinierungskrieg andererseits.

über die erste Phase des Jüdischen Krieges entnommen aus: Yohanan Aharoni, Michael Avi-Yonah, Der Bibel-Atlas. Die Geschichte des Heiligen Landes von 3000 v. Chr. bis 200 n. Chr. 264 Karten mit kommentierendem Text, dt. Übersetzung von Walter Hertenstein, bearb. von J. Rehork, Hamburg 1990, S. 158 - 163 (159).


Der Bundesgenossenkrieg der Italiker gegen Rom d. J. 91 - 88 v. Chr. als innerer Krieg in einem antiken Bündnissystem.

1) betr. die Verteilung der Gebiete Roms, der Latiner und der Bundesgenossen in Italien vor Beginn des 2. punischen Krieges - welche prinzipiell auch im 2. Jh. v. Chr. fortbesteht -; entnommen aus: Großer Historischer Weltatlas. hg. vom Bayerischen Schulbuchverlag, 1. Teil: Vorgeschichte und Altertum, bearbeitete von Hermann Bengtson u. v. a., München 1972, S. 38;

2) betr. die Verteilung der Gebiete Roms und seiner Bundesgenossen z. Zt. des Bundesgnossenkriegs; Abb. entnommen aus: Michael Crawford, Die römische Republik; deutsche Übersetzung von B. und S. Evers, München 1987 3, S. 163.

4. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

Johannes Kromeyer und Georg Veith, Heerwesen und Kriegführung der Griechen und Römer, 2 Teile, München 1928.

Bernard Law Viscount Montgomery of Alamein, Weltgeschichte der Schlachten und Kriegszüge, dt. Übersetzung, München 1975.

Carl von Clausewitz, Vom Kriege (1832). Als Handbuch bearbeitet und mit einem Essai 'Zum Verständnis des Werkes' herausgegeben von Wolfgang Pickert und Wilhelm Ritter von Schramm, München 1978.

Medien:

R. V. Schoder, Das antike Griechenland aus der Luft (Ancient Greece from the Air, 1974), deutsche Übersetzung von J. Rehork,, Bergisch-Gladbach 1975, S. 94 ff. (95).

Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. und bearbeitet von H. E. Stier u. v. a., Westermann-Schulbuchverlag Braunschweig, Sonderausgabe München1990, S. 18, 20 und 29.

Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 56, 60, 62, 64, 80, 82, 88, 90 und 92.

Großer Historischer Weltatlas. hg. vom Bayerischen Schulbuchverlag, 1. Teil: Vorgeschichte und Altertum, bearbeitete von Hermann Bengtson u. v. a., München 1972, S. 38.

Atlas zur Geschichte. hg. vom Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, bearb. von L. Berthold u. v. a., Gotha, Leipzig 1976, Bd. 1 (Von den Anfängen der menschlichen Gesellschaft bis zum Vorabend der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution 1917), S. 14.

Yohanan Aharoni, Michael Avi-Yonah, Der Bibel-Atlas. Die Geschichte des Heiligen Landes von 3000 v. Chr. bis 200 n. Chr. 264 Karten mit kommentierendem Text, dt. Übersetzung von Walter Hertenstein, bearb. von J. Rehork, Hamburg 1990, S. 158 - 163 (159).

Michael Crawford, Die römische Republik; deutsche Übersetzung von B. und S. Evers, München 1987 3, S. 163.

Quellen:

Diodorus Siculus, Bibliotheke, Buch 16, 84 - 88. Deutsche Übersetzung unter Berücksichtigung der Bibliotheke-Übersetzung von J. F. Wurm 1827 - 1840 und unter sprachlicher Hervorhebung bzw. [in eckigen Klammern erfolgender] Ergänzung kriegsgeschichtlich wesentlicher Aspekte des Berichts: Christian Gizewski.


LV Gizewski im SS 2005 und WS 2005/2006.

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .