Kap. 10: Die kriegsgeschichtlichen Voraussetzungen der 'augusteischen Friedensordnung' des Imperium Romanum.

INHALT:

1. Übersicht

2. Die Transformation des militärischen 'imperium' in eine souveräne Herrschaftsform neuer Art in den imperialen Außenkriegen Roms und in den römischen Bürgerkriegen des 1. Jhs. v. Chr.

3. Die 'augusteische Friedensordnung' und 'Prinzipatsherrschaft'.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Übersicht.

Während des Jughurtinischen Krieges (111 - 105 v. Chr.), der die mit der Zerstörung Karthagos gewonnnenen römischen Positionen in Nordafrika gefährdet, beginnt eine von dem popularen Politiker und Oberbefehlshaber Marius initiierte Veränderung des römischen Heeres zu einem stehenden Heer. Dieses wird seither in wesentlichem Umfang durch Aufnahme freiwillig zu langer Dienstzeit verpflichteter, besoldeter und nach Ende der Dienstzeit mit einer Vetaranenversorgung ausgestatteter Kräfte, vor allem 'proletarischer' Herkunft, gebildet. Zu einer weiteren wichtigen Veränderung im Heereswesen wird die römische Seite durch die Wanderungsbewegung der Kimbern und Teutonen in den Alpenbereich, in die Provence und schließlich nach Italien hin genötigt. Im Interesse einer erfolgreichen Kriegführung wird der Oberbefehl über das römische Heer entgegen der Verfassungsübung ('Annuitäts-Prinzip für die Bekleidung politischer Führungsämter) jahrelang (104 - 101 v. Chr.) bei einem einzigen Feldherren, wiederum Marius, belassen (siehe auch Kap. 7). Beides macht der römischen Öffentlichkeit erstmalig deutlich, daß militärische Sicherheit und politische Selbstbehauptung des römischen Staates wegen seiner gewachsenen Größe öfters nicht mehr nur mittels einer relativ kurzfristigen Anwendung eines Ausnahmerechts ('Diktatur', 'kollegenlose Konsulatsausübung'), sondern ggf. nur durch die folgenreiche Einführung längerfristiger und erheblicher Herrschafts- und Verantwortungskonzentration in die bisherige römisch-republikanischen Verfassungstradition zu erreichen sind. Dazu gehört ggf. die dauernde Ausübung der obersten Befehlsgewalt durch eine bestimmte Person und die dauernde Verfügbarkeit eines organisatorisch ständig handlungsfähigen militärischen Sektors. Damit ist historisch der Weg zu einem politischen Eigengewicht militärischer Führungsmacht im römischen Staat und zur Entfaltung von Politikertypen beschritten, die zugleich wesentlich auch Heerführer und Patrone einer militärischen Klientel sind.

Die Kriege Roms im 1. Jh. v. Chr., soweit sie mit äußeren Gegnern geführt werden, bestätigen die Bedeutung solcher Strukturen. Wo nach Dauer und Umfang besondere politisch-militärische Führungsvollmachten erteilt werden und motivierte, kampfbereite Truppen in ausreichender Stärke zur Verfügung stehen, stellt sich unter fähigen Heerführen auch der militärische Erfolg ein. Dies läßt sich an positiven Beispielen erkennen, und zwar außer in den o. g. Kriegen (unter dem Oberbefehl des Marius) in den Kriegen gegen Mithratdates von Pontus (88 - 84 v. Chr. unter Oberbefehl des Sulla und seit 66 v. Chr. des Pompeius), in dem Krieg gegen die Seeräuber d. J. 67 v. Chr.(unter der außerordentlichen Befehlsgewalt des Pompeius) und in den Kriegen gegen die Helvetier und die Sueben, die Rheingermanen und die Britannier sowie vor allem die Belger und Kelten Galliens d. J. 58 - 51 v. Chr. (unter dem Oberbefehl Caesars).

Soweit die in diesen Kriegen mit besonderen politisch-militärischen Vollmachten ausgestatteten römischen Oberbefehlshaber - wie Marius, Sulla, Pompeius und Caesar - erfolgreich sind, sind ihr militärischer Erfolg und ihre politisch-militärische Führungstätigkeit allerdings auch Grundlage für den Ausbau einer persönlichen politischen Prominenzsstellung von besonderem, dauerhaftem innenpolitischen Gewicht, deren Typus sich schließlich zur 'Prinzipats'-Herrschaft des römischen Kaisers fortentwickelt.

Allerdings entstehen zwischen solchen Politikern und den ihnen verbundenen Klientelen und Parteiungen auch innenpolitische Parteibildungen, Konkurrenz- und Konfliktverhältnisse, welche mehrfach zu Bürgerkriegen führen; so bei dem Konflikt zwischen Marius und Sulla bzw. Marianern und Sullanern seit 88 v. Chr., welcher je nach den Machtverhältnissen zur gegenseitigen Verfolgung beider Seiten und schließlich zu der Dauerdiktatur Sullas (82 - 79 v. Chr. führt.

So ferner bei dem Konflikt zwischen Caesar und Pompeius bzw. Caesarianern und Pompeianern . d. J. 49 - 46/45 v. Chr. Aus einem Konflikt zwischen dem römischen Senat, der Pompeius zum außerordentlich bevollmächtigten Sachwalter der Republik einsetzt, und Caesar, der sich nach Ablauf seines Prokonsulats in Gallien den Anordnungen des Senats nicht unterstellen will, entsteht der Bürgerkrieg zwischen den politischen und militärischen Anhängern des Pompeius und denen Casars. Caesar setzt sich zunächst in Griechenland - in der Schlacht bei Pharsalus (48) - , später in Ägypten (47/46) gegen Pompeius durch und besiegt nach dessen Tode auch die Anhänger des Pompeius in Africa - in der Schlacht bei Thapsus (46) - und in Spanien - in der Schlacht bei Munda (45). - In der Folge wird Caesar in Rom 'dictator perpetuus'. Als solcher fällt er i. J. 44 v. Chr. einem Attentat freiheitsbewußter römischer Republikaner zum Opfer.

So schließlich bei den nach dem Tode Caesars entstehenden neuen Konfliktlagen zwischen innenpolitischen Parteibildungen bzw. deren politisch-militärischen Führern. Das nach Caesars Tod zunächst ungeklärte Verhältnis zwischen Caesar-Anhängern, 'Caesar-Mördern' und um Vermittlung bemühten republikanischen Kräften führt zu einem Arrangement des Senats mit Octavian gegen Antonius und dem Mutinensischen Krieg gegen diesen, später, nach einem Frontenwechsel Octavians, zum sog. 'Zweiten Triumvirat', in dem er zusammen mit Antonius und Lepidus vom Senat auf Zeit zur gemeinsamen Ausübung der obersten Herrschaftsmacht im römischen Staate bevollmächtigt wird (44 - 43 v. Chr.). Die Triumvirn lassen zwar einvernehmlich die 'Caesarmörder' gerichtlich aburteilen und führen Krieg gegen sie und ihre Anhänger. Nachdem das Ziel ihrer Beseitigung in der Schlacht bei Philippi erreicht ist (42 v. Chr.; Tod der Führer der anticaesarianischen Partei, Brutus und Cassius), wachsen jedoch nun die Spannungen zwischen Octavian und Antonius, und es gibt militärische Auseinandersetzungen in ihrem mittelbaren Zusammenhang. Zwar kommt es nochmals zu einem Arrangement über die Verteilung der Herrschaft im Reiche, welches bei 'Freiheit' Italiens Antonius den Osten, Octavian den Westen und Lepidus Africa zuspricht. Aber nach Ausscheiden des Lepidus aus dem Triumvirat (i. J. 36 v. Chr.) und nach dem Ablauf der Triumviratsvollmachten i. J. 33 v. Chr. kommte es erneut zu Spannungen zwischen Octavian und dem auf hellenistische Weise regierenden Antonius, welche in den Ptolemäischen Krieg (32 - 30 v. Chr.) übergehen. Antonius wird in der Schlacht bei Actium (31v. Chr.) besiegt, Alexandria erobert und der Osten einschließlich des bisher ptolemäischen Ägypten nach dem Selbstmord des Antonius und der Kleopatra dem Herrschaftsbereich Octavians hinzugefügt.

Damit ist am Ende des 1. Jhs. v. Chr. die Herrschaftsgrundlage des römischen Prinzipats geschaffen, dessen Entwicklung einhergeht mit einer dauerhaften Umformung der bisherigen republikanisch-römischen Verfassung in eine neuartige monarchische Ordnung. In dieser werden einige römisch-republikanische Verfahrens- und Amtstraditionen mit außerordentlichen und dauernden militärischen Führungs- und umfassenden politischen, administrativen und justiziellen Kontroll- und Letztentscheiungsbefugnissen eines 'princeps' verbunden und damit zumindest strukturell auch nach dem im hellenistischen Osten üblichen Monarchie-Modell ausgerichtet.

2. Die Transformation des militärischen 'imperium' in eine souveräne Herrschaftsform neuer Art während der imperialen Außenkriege Roms und der römischen Bürgerkriege vor allem des 1. Jhs. v. Chr.

Karte entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 90.

Übung 10 A.

Aufgaben:

Beantworten Sie nach Lektüre der unten wiedergegebenen Textpassagen aus Caesars 'Bürgerkrieg' folgende Fragen .

a) An welchen Adressatenkreis wendet sich Caesar mt seinem Bericht? Welche Absichten verfolgt er damit? Welche politischen Leidenschaften und welche persönlichen Urteile über seine Gegner lassen sich in Caesars Bericht finden? Ist Caesars Bericht 'objektiv'? Wie würden Sie den Sprachstil und die Denkweise Caesars im übrigen charakterisieren?

b) Welche Motive für den Konflikt mit seinen Gegnern sieht Caesar auf beiden Seiten wirksam? Worin sieht er seine Legitimation dafür, mit seinen Gegnern einen bewaffneten Konflikt unter Verletzung etablierter Verfassungsregeln anzufangen? Welche Unterstützung finder er dafür im politischen und militärischen Bereich? Welche Form der Problemlösung zeichnet sich bereits in den hier wiedergegebenen ersten Kapiteln des Berichtes ab?

c) Welche wichtigen strategischen und taktischen Entscheidungen trifft Caesar bei seinem Vorgehen in Italien? Worin liegen Caesars persönliche Stärken dabei? Welche operativen Vorteile liegen auf seiner Seite? Welche Chancen hat die Gegenseite?


Deutsche Übersetzung nach: Gaius Iulius Caesar, Der Bürgerkrieg. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Marieluise Deissmann-Merten, Stuttgart 1983, S. 3 - 26).

Der 'Bürgerkrieg' zwischen 'Caesarianern' und 'Pompeianern' als Voraussetzung für die Bildung einer neuartigen imperialen Höchstgewalt in Gestalt der Dauerdiktatur Caesars für den Gesamtbereich des römischen Staates und seiner Provinzen.

Karte entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 90.

Die befristete Übertragung verfassungskonstitutiver Höchstgewalt an das 'Zweite Triumvirat' nach dem Tode Caesars und die Verselbständigung der Sonderherrschaftsbereiche des Antonius und des Octavian bis zur Schlacht bei Actium i. J. 31 v. Chr.

Karte entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 92.

3. Die 'augusteische Friedensordnung' und 'Prinzipatsherrschaft'.

Übung 10 B.

Aufgaben:

Beantworten Sie nach Lektüre des unten wiedergegebenen 'Tatenberichts des Augustus' folgende Fragen:

a) Mit welchen Begriffen beschreibt Augustus den römischen Staat und seine persönliche Herrschaftsstellung darin?

b) Welche politischen und militärischen Leistungen rechnet sich Augustus als Ausweis besonderer Fähigkeiten und besondere Verdienste zu? Wie verteilen sich diese auf das Kernland des römischen Staates (Italien) und die Provinzen, und was läßt sich daraus für die Struktur der 'augusteischen Friedenordnung' entnehmen?

c) Welche politischen Aufträge, Ehrungen und Ämter in seiner Karriere hält Augustus für besonders wichtig, und was läßt sich daraus für die Legitimation der Prinzipatsherrschaft entnehmen?

Die Beschreibung der Kriegspolitik und der Herrschaftsstellung des Augustus in den 'Res gestae divi Augusti'.

Dt. und lat. Text aus: Res gestae. Tatenbericht (Monumentum Ancyranum). Lateinisch, griechisch und deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Marion Giebel, Stutgart 1980. Der griechische Text, der für das genaue Textverständnis an mehreren Stellen durchaus von Bedeutung sein kann, wurde an dieser Stelle aus internet-technischen Gründen fortgelassen. C. G.

Die religiös-ideologische Darstellung der augusteischen Prinzipatsherrschaft auf der 'Gemma Augustea'.

Es handelt sich um ein die 'Friedenherrschaft des Kaisers Augustus' ('pax Augusta', Res gestae divi Augusti 12) verherrlichendes, lostbares Schmuckstück (Onyx-Schnitzerei), entstanden um 10 n. Chr., vermutlich eine höfisch motvierte Schenkung an den Kaiser. Heutiger Standort: Kunsthistorisches Museum Wien. Abb. entnommen aus: Heinz Kähler, Rom und sein Imperium, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen', (1961) Baden-Baden 1979, S. 63.

Die Struktur der Prinzipatsverfassung unter Augustus: ein Kompromiß zwischen republikanischer Tradition und monarchischer Souveränität.

Karte entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 92.

Die 'Pax Augusta' als militärische und administrative Reaktion auf die Bedrohungslage an den Grenzen des Imperium Romanum und auf den Umbau der römischen Verfassung zur Monarchie.

Karte entnommen aus: Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 94.

4. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

Michael Crawford, Die römische Republik; deutsche Übersetzung von B. und S. Evers, München 1987 3, (S. 194 - 216).

Colin Wells, Das Römische Reich, München 1988 3.

Matthias Gelzer, Pompeius. Mit einer Einführung von Manfred Diwald, München 1973.

Werner Dahlheim, Julius Caesar. Die Ehre des Kriegers und der Untergang der römischen Republik, München 1987.

Werner Eck, Augustus und seine Zeit, München 1998.

Werner Dahlheim, Augustus 27 v. bis 14 n. Chr., in: Manfred Clauss (Hg.), Die römischen Kaiser. 55 historische Porträts von Caesar bis Justinian, München 2001 2, S. 26 - 50.

Medien:

Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 90 und 92.

Heinz Kähler, Rom und sein Imperium, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen', (1961) Baden-Baden 1979, S. 63.

Quellen:

Caesar, Der Bürgerkrieg, Buch 1, 1 - 34 (auszugsweise).Deutsche Übersetzung nach: Gaius Iulis Caesar, Der Bürgerkrieg. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Marieluise Deissmann-Merten, Stuttgart 1983, S 3- 26.

Res gestae. Tatenbericht (Monumentum Ancyranum). Lateinisch, griechisch und deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Marion Giebel, Stutgart 1980.


LV Gizewski im SS 2005 und WS 2005/2006.

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .