Kap. 11: Die römischen Kriege gegen aufständische Juden im 1. und 2. Jh. n. Chr. Ihre Bedeutung für die staatliche Existenz und religiöse Kultur der Juden.

INHALT:

1. Übersichten.

2. Zu Ursachen und Ablauf der römischen Kriege gegen Aufstände in Judäa.

3. Vergleichende Überlegungen zu strukturell ähnlichen Niederwerfungs- und Vernichtungsaktionen im Altertum.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Übersichten.

Das seit dem Eroberungskrieg Alexanders, seit 332 v. Chr., bis zur 'Neuordnung des Ostens' durch Pompeius i. J. 64 v. Chr. mitsamt den anderen Gebieten der Levante-Region unter hellenistisch-dynastischer, seit 320 v. Chr. unter ptolemäischer, seit 200 v. Chr. unter seleukidischer Herrschaft, stehende Gebiet Judaea, das nur einen südlichen Teil des alttestamentarischen Reiches Israel umfaßt, hat in dieser Zeit zunächst - wie schon seit seiner politisch-religiösen Neukonstitution nach der 'Babylonischen Gefangenschaft' (seit 539 v. Chr.) unter persischer Ägide - eine weitgehende politisch-religiöse Selbstverwaltungs-Freiheit. Diese wird jedoch seit d. J. 167 v. Chr. von der seleukidischen Vormacht unter der Regierung Antiochos' IV. in Frage gestellt. Infolgedessen kommt es zu den 'Makkabäer-Kriegen' freiheits- und religiös-traditionsbewußter Juden gegen das seleukidische Reich (167 - 142 v. Chr.) , am deren Ende es zu einer vom Seleukiden-Reich anerkannten, auch politisch-militärischen Selbstständigkeit Judäas unter Führung der Hasmonäer-Dynastie kommt. Ein Faktor der damals auch an anderen Stellen stattfindenden Partialisierung der hellenistischen Staatenwelt ist die wachsende Präsenz Roms im Vorderen Orient seit Beginn des 2. Jhs.v. Chr. Sie fördert die Eigenständigkeit auch des Hasmonäer-Gebietes gegen die bisherigen Herrschaftsansprüche der hellenistischen Großreiche (Seleukidenreich, Prolemäerreich) in dieser Region. Im Rahmen der römisch bestimmten Neuordnung der Herrschaftsverhältnisse des Nahen Ostens durch Pompeius i. J. 64 v. Chr. wird der Herrschaftsbereich der Hasmonäer und die politisch-religiösen Ordnung Judäas allerdings unter römische Vorherrschaft gestellt. In der Folge wird die Hasmonäer-Dynastie durch Herodes ('den Großen') beseitigt. Die Politik des neuen Herrschers besteht einerseits in einer verläßlich-eindeutigen Unterordnung seiner formell autonom bleibenden Königsherrschaft unter römische Wünsche, andererseits in einer politischen Distanzierung von den nach Eigenständigkeit strebenden politisch-religiösen Traditionen des Landes. Diese kommen um so mehr in einer Radikalisierung messianischer Hoffnungen und tempelbezogener Frömmigkeit, etwa bei den 'Zeloten' ('religiösen Eifererern'), zum Ausdruck. Auch die Messias-Erwartungen des beginnenden Christentums sind in diesem Zusammenhang zu sehen: Auch wenn die spätere Evangelien-Überlieferung für Jesus Christus jegliche Art der Rom- und Obrigkeitsfeindlichkeit bestreitet (vgl. Matth. 22, 15 - 22) und eine Differenz seiner Botschaft zur jüdischen Thora-Frömmigkeit hervorhebt, so zeigen sich doch in christlich- apokalyptischen Vorstellungen deutliche Motive eines intensiven Rom-Hasses (vgl. Johannes-Apoklypse Kap. 18).

Nach Herodes' Tod differiert die römische Politik in den verschiedenen Gebieten Palästinas zwischen Einführung einer direkten römische Provinzialverwaltung und Gewährung formeller Autonomie an romfreundliche Herrscher. Im Jahre 44 n.Chr. wird der größte Teil des Gebiets endgültig zu einer römischen Provinz unter der Verwaltung eines Prokurators..

Aus einer stark religiös motivierten Ablehung der von römischen Prokuratoren hart durchgesetzten Besteuerung in Judäa entsteht i. J. 66 n. Chr. eine unter religiöser Führung - sowohl der Pharisäer als auch der 'Zeloten' - militärisch organiserte Aufstandsbewegung gegen die römische Besatzungsmacht, die zunächst mit regionalen römischen Militärkräften nicht bezwungen werden kann. Der speziell zur Unterdrückung des Aufstandes mit dem Oberbefehl über drei Legionen ausgestattete spätere Kaiser Vespasian wirft i. J. 67 n. Chr. zunächst den jüdischen Widerstand in Galiläa nieder und stellt auch in Samaria die römische Herrschaft wieder her. Sodann, 68/69 n. Chr., nimmt Vespasian in einer Jerusalem, das Zentrum des Aufstandes, umkreisenden Bewegung in Judäa eine aufständische Festung nach der anderen ein. Im Jahre 70 n. Chr. setzt Vespasian nach Erlangung der Kaiserherrschaft in Rom seinen Sohn Titus als Oberbefehlshaber eines neuen römischen Expeditionsheeres in Judäa ein, das den Aufstandsbereich dort weiter verkleinert, schließlich Jerusalem einschließt und noch i. J. 70 erobert. Stadt und Tempel werden zur Abschreckung weitgehend zerstört, die als feindlich erkennbare Bevölkerung nach Kriegsrecht versklavt. I. J. 73 n. Chr. erlischt der letzte antirömische Widerstand in der Festung Massada.

In der Folgezeit kehrt jüdische Bevölkerung nach Jerusalem zurück. Die religiöse Selbstverwaltung der Juden im 'Synhedrion' reorganisert sich - allerdings nicht mehr in Jerusalem, sondern in dem Ort Jamnia (westl. Jerusalems nahe der Mittelmeerküste). Die römische Verwaltung läßt auch die Fortexistenz des - nunmehr allerdings vollständig provinzialisierten - jüdischen Volkes in Judäa zu.

Trotz aller offiziell-politischen Gewöhnung an diesen Zustand, wie sie etwa bei jüdischen Autoren wie Flavius Iosephus ausgedrückt ist, bleiben in den nächsten Jahrzehnten apokalyptische und strikt thora-gebundene Frömmigkeitsvorstellungen in Teilen der jüdischen Bevölkerung sowohl in Palästina als auch in der 'Diaspora' lebendig. Im 2. Jh. n. Chr. treten sie in religiösen Unruhen der Juden der östlichen Provinzen d. J. 115 - 117 n. Chr.) und später in dem unter Führung des als Messias geltenden Simon Bar Kochba stehenden Aufstand (131 - 135 n. Chr.) hervor. Ziel des Aufstandes ist die Beseitigung der römischen Herrschaft in Judäa und die Errichtung eines theokratischen Staates mit dem Jerusalemer Tempel als Zentrum. Nach anfänglichen Erfolgen der jüdischen Auständischen gegen die in Palästina stationierten römischen Heereseinheiten wird der Aufstand von einer zusammengezogenen überlegenen römischen Heeresmacht systematisch niedergeworfen.Alle befestigten Orte der Aufständischen und schließlich wieder Jerusalem werden erobert. An der Stelle des zerstörten jüdischen Tempels wird ein Jupiter-Tempel errichtet, die Stadt selbst zu einer römischen Kolonie mit dem neuen Namen 'Aelia Capitonina' gemacht und der jüdischen Bevölkerung das Betreten Jerusalems auf Dauer verboten.

Obwohl diese Maßnahmen unter der Regierung des Kaisers Antoninus Pius telweise wieder aufgehoben werden, markieren sie doch eine grundsätzliche Wende in der Existenz des antiken jüdischen Volkes. Dieses lebt seither nicht mehr in angestammten Gebieten nach angestammter politisch-ethnischer Ordnung, sondern in Palästina stets unter fremder Herrschaft, und in der 'Diaspora' - zumeist in größeren Städten Mesopotamiens, Ägyptens, Asiens, des Balkan, des westlichen Nordafrikas, Italiens, Galliens und Spaniens - mit Nicht-Juden zusammen unter nicht-angestammten politischen Ordnungen. In den fortlebenden religiösen Traditionen und Überzeugungen stellen Jerusalem und Judäa seither jedoch ein religiös-ideelles Zentrum eines gottverordneten Schicksals und Heilsgeschehens für ein religiös geeint gedachtes jüdische Volk dar.

2. Zu Ursachen und Ablauf der römischen Kriege gegen Aufstände in Judäa.

a) Der 'Jüdische Krieg' d. J. 66 - 70/73 n. Chr.

Palästina im 1. Jh. n. Chr.

Karte entnommen aus: Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. und bearbeitet von H. E. Stier u. v. a., Westermann-Schulbuchverlag Braunschweig, Sonderausgabe München1990, S. 35.

Die erste Phase des 'Jüdischen Krieges', die Eroberung Jerusalems i. J. 70 n. Chr. und der Festung Massada i. J. 73 n. Chr.

Karten entnommen aus: Yohanan Aharoni, Michael Avi-Yonah, Der Bibel-Atlas. Die Geschichte des Heiligen Landes von 3000 v. bis 200 n. Chr. 264 Karten mit kommentierendem Text. Deutsche Übersetzung von Walter Hertenstein und Bearbeitung von Joachim Rehork, Hamburg, Augsburg 1990, S. 160 - 162.

Übung 11 A.

Aufgaben:

Beantworten Sie nach der Lektüre der unten wiedergegebenen Textpassagen aus Flavius Josephus' 'Jüdischem Krieg' folgende Fragen:

a) An wen wendet sich Ihres Erachtens der Autor mit seiner Darstellung des 'Jüdischen Krieges', und wie stellt er seine Rolle als Befehlshaber der Aufständischen in Galiläa dar?

b) Worin im einzelnen sieht Flavius Josephus die militärische Überlegenheit der römischen Reichsgewalt gegenüber den aufständischen Juden, und wie stellt er sich in seinen geschichtstheologischen Überzeugungen darauf ein?


Die Überlegenheit der römischen Reichsgewalt gegenüber der jüdischen Rebellion: Flavius Josephus, Jüdischer Krieg, Buch 3, aus Kap. 5 - 8.

Deutsche Übersetzung nach: Flavius Josephus, Der Jüdische Krieg - De bello Iudaico. Übertragen und eingeleitet von Hermann Endrös, 2 Bde., München 1965, Bd. 1, S. 266 - 300 (Auszüge).

b) Der 'Bar-Kochba-Aufstand d. J. 131 - 134/135 n. Chr.

Übung 11 B.

Aufgaben:

Vergleichen Sie die beiden unten wiedergegebenen Textpassagen nicht-jüdischer antiker Autoren und beantworten Sie folgende Fragen:

a) Wie bewerten die beiden Autoren den Bar-Kochba-Aufstand und die an ihm beteiligten Juden? In welchen geistigen Traditionen stehen sie dabei?

b) Worauf führen sie die Niederlage der Aufständischen zurück, und welche Konsequenzen für ein politisch-religiös eigenständiges Judentum in Palästina sehen sie danach?

Der Bar-Kochba-Aufstand aus Sicht eines offiziös berichtenden römischen Historikers: Cassius Dio, Epitome des Buches 69: Xiphilinos 248, 17 - 249, 27 = Exc. Val. 296.

Text der deutschen Übersetzung nach: Cassius Dio, Römische Geschichte, Bd. V, Epitome der Bücher 61 - 80. Übersetzt von Otto Veh, Zürich und München 1987, S. 233 - 235.

Der Bar-Kochba-Aufstand aus Sicht eines christlichen Kirchenhistorikers. Eusebios von Caesarea, Kirchengeschichte, 4. Buch, 5 f.

Text der deutschen Übersetzung nach: Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte. Herausgegeben und eingeleitet von Heinrich Kraft. Übersetzung von Philipp Haeuser, neu durchgesehen vin Hans Armin Gärtner, Darmstadt 1967, S. 196 - 198.

Der Beginn und die Unterdrückung des Bar-Kochba-Aufstandes.

Karten entnommen aus: Yohanan Aharoni, Michael Avi-Yonah, Der Bibel-Atlas. Die Geschichte des Heiligen Landes von 3000 v. bis 200 n. Chr. 264 Karten mit kommentierendem Text. Deutsche Übersetzung von Walter Hertenstein und Bearbeitung von Joachim Rehork, Hamburg1990, S. 164 f.

3. Vergleichende Überlegungen zu strukturell ähnlichen Niederwerfungs- und Vernichtungsaktionen im Altertum.

a) Die erneute Zerschlagung des antimakedonischen griechischen Widerstands und die exemplarische Zerstörung Thebens durch Alexander d. Gr. i. J. 335 v. Chr.

b) Die Beseitigung der politischen Eigenexistenz und Zerstörung Karthagos durch Rom im Dritten Punischen Kriege d. J. 146 v. Chr.

c) Die Zerschlagung des nach dem Dritten makedonischen Kriege (171 - 168 v, Chr.) fortbestehenden griechischen Widerstands gegen die römische Dominanz im 'freien' Griechenland (Aufstand des Achäischen Bundes) mit der Provinzialisierung Achaias und der exemplarischen Zerstörung Korinths durch Rom i. J. 146 v. Chr.

d) Die Zerschlagung des unter Vercingetorix organisierten gesamtgallischen Widerstandes gegen die durch Caesar in Gallien herbeigeführte Dominanz Roms mit der operativen Überwindung der gallischen Heeresmacht und ihrer Vernichtung im Wege der Belagerung Alesias durch Caesar i. J. 52 v. Chr.

e) Die Aufhebung der staatlichen Eigenexistenz des seleukidischen Reiches durch Ptolemäus i. J. 64 v. Chr. und des ptolemäischen Reiches durch Octavian i. J. 30 v. Chr.

4. Zu den historischen Nachwirkungen der Niederschlagung der jüdischen Aufstände im 1. und 2. Jh. n. Chr.

Der Nahe Osten und Palästina um 1930.

Karten entnommen aus: Freytags Weltatlas. 260 Karten mit Nameneverzeichnis. Druck und Verlag der kartographischen Ansatlt G. Freytag & Berdt A. G., Wien und Leipzig o. D. (um 1930), S. 108 f.

4. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

Johann Maier, Das Judentum. Von der Biblischen Zeit bis zur Moderne, Bindlach 1988 3 (S. 226 ff. - Die römische Herrschaft).

Johanan Aharoni, Michael Avi-Yonah, Der Bibel-Atlas. Die Geschichte des Heiligen Landes vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis zum 2. Jh. n. Chr., Hamburg 1990 (S. 156 - 165).

Medien:

Yohanan Aharoni, Michael Avi-Yonah, Der Bibel-Atlas. Die Geschichte des Heiligen Landes von 3000 v. Chr. bis 200 n. Chr. 264 Karten mit kommentierendem Text, dt. Übersetzung von Walter Hertenstein, bearb. von J. Rehork, Hamburg 1990, S. 156 - 165.

Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. und bearbeitet von H. E. Stier u. v. a., Westermann-Schulbuchverlag Braunschweig, Sonderausgabe München1990, S. 35.

Freytags Weltatlas. 260 Karten mit Nameneverzeichnis. Druck und Verlag der kartographischen Anstalt G. Freytag & Berdt A. G., Wien und Leipzig o. D. (um 1930), S. 108 f.

Quellen:

Flavius Josephus, Jüdischer Krieg, Buch 3, aus Kap. 5 - 8. Deutsche Übersetzung nach: Flavius Josephus, Der Jüdische Krieg - De bello Iudaico. Übertragen und eingeleitet von Hermann Endrös, 2 Bde., München 1965, Bd. 1, S. 266 - 300 (Auszüge).

Cassius Dio, Epitome des Buches 69: Xiphilinos 248, 17 - 249, 27 = Exc. Val. 296.Text der deutschen Übersetzung nach: Cassius Dio, Römische Geschichte, Bd. V, Epitome der Bücher 61 - 80. Übersetzt von Otto Veh, Zürich und München 1987, S. 233 - 235.

Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte. Herausgegeben und eingeleitet von Heinrich Kraft. Übersetzung von Philipp Haeuser, neu durchgesehen vin Hans Armin Gärtner, Darmstadt 1967, S. 196 - 198.


LV Gizewski im SS 2005 und WS 2005/2006.

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .