Kap. 13: Die Bedeutung der Bürgerkriege des 4. Jhs. n. Chr. für die Entwicklung der christlichen Kirche.

INHALT:

1. Übersicht

2. Zu den Ursachen politisch-religiöser Loyalitätsanforderungen der römischen Staatsgewalt und ihrer Durchsetzung gegenüber dem Christentum am Anfang des 4. Jhs. n. Chr.

3. Der Übergang zum Christentum als Staatsdoktrin in den Bürgerkriegen des frühen 4. Jhs. n. Chr.

4. Die Transformation des Christentums in eine reichstragende Organisation im 4. Jh. n. Chr.

5. Historische Konsequenzen der organisatorischen und ideellen Verbindung eines 'rechtgläubigen Christentums' mit dem römischen Staat der Spätantike.

6. Literatur, Medien, Quellen.

1. Übersicht.

Das im geistigen Zusammenhang mit der jüdischen Religion und Frömmigkeit entstandene, aber von den damals dominierenden Richtungen des Judentums wegen besonderer, auf Jesus ('Christus'; 6 v. Chr. - 30 n. Chr.) bezogenen volksnahen Messias- und Eschatologie-Vorstellungen und einer Distanz zu jüdischen Thora-Observanzen sektenartig getrennte Christentum wird seit der Kreuzigung seines Gründers von den römischen Behörden der Illoyalität gegenüber der römischen Staatsgewalt und der geistigen Diversion der staatstragenden religiösen Traditionen verdächtigt. In der Tat zeigen überlieferte apokalyptische Vorstellungen des 'Neuen Testaments', daß der römische Staat als im Grunde bösartig - wie andere Reichsbildungen der Geschichte -, bestenfalls als geistig unwichtig für den Sinn eines gottzugewandten menschlichen Lebens aufgefaßt wird.

Der römische Staat der Kaiserzeit erwartet seinerseits sowohl von seinen Bürgern als auch - und besonders - von seinen provinzialen Untertanen mit nicht-römischen religiösen und ethnischen Traditionen zumindest formelle Loyalitätsbekundungen im Rahmen eines römisch-religiösen Staats- und Kaiserkults, vor allem dann, wenn es innenpolitische Spannungs- oder äußere Bedrohungssituationen politisch geraten sein lassen, sich der Loyalität der Bevölkerung auf diese meinungslenkende Weise zu versichern. Wer derartige Loyalitätsgesten im Rahmen des Staats- und Kaiserkults nicht zeigen will, obwohl ihn die Behörden dazu auffordern, setzt sich staatlichen Zwangsmaßnahmen aus oder macht sich gar strafbar.

Dies trifft prinzipiell nicht nur Christen, sondern auch Anhänger anderer Religionen und Traditionen, welche dem römischen Staats- und Kaiserkult kritisch oder ablehnend gegenüberstehen (z. B. Juden oder Manichäer). Soweit speziell innerhalb des Christentums staats- und kaiserkultische Handlungen theologisch als Abfall von Gott und Mißachtung des Gebots offener chrisrlicher Glaubensbekundung gegenüber einer vom Bösen beherrschten und zu bekehrenden nichtchristlichen Welt angesehen werden, sind Konflikte zwischen römischer Staatsgewalt und derart bekennenden Christen vorgezeichnet. Es kommt daher seit dem 1. Jh. n. Chr. bis zu den Jahren 311 - 313 n. Chr., in denen die ersten kaiserlichen 'Toleranz'-Edikte (Galerius, Konstantin, zeitweilig Licinius) den Christen Religionsfreiheit gewähren, immer wieder auch zu Christenverfolgungen verschiedener, teils örtlicher und eher spontaner Art (z. B. unter Herodes Agrippa in Judäa i. J. 42, unter Nero in Rom i. J. 64 n. Chr.) , teils in systematischer und reichsweiter Organisation (z. B. unter Decius i. J. 249 und unter Diokletian i. d. J. 303 - 311 n. Chr.). Aus Erzwingungsverfahren zur Durchsetzung religiöser Loyalität und strafrechtlichen Verfahren wegen Mißachtung der kaiserlichen Autorität geht im Laufe dieser Jahrhunderte die Vielzahl der christlichen 'Märtyrer' hervor. Allerdings gibt es in dieser Zeit immer wieder auch Perioden faktischer Duldung des Christentums (Beispiel: ein Reskript des Kaisers Trajan d. J. 110 n. Chr. über eine moderate Praxis bei der Erzwingung von Loyalitätserklärungen von Christen).

Wie andere nicht römisch-traditionelle Religionen der Kaiserzeit, die aus bestimmten Reichsteilen stammen (wie z. B. der Mithras-Kult, Dolichenus-Kult oder das Judentum) verbreitet sich auch das Christentum im Laufe seiner Entwicklung in anderen Regionen des Reiches kontinuierlich und teilweise stark. Zu Beginn des 4. Jhs. ist es in allen Reichsteilen - vor allem in der Umgebung größerer Städte - verbreitet und in zumeist starken Gemeinden verankert. Von seiner geistlichen Bedeutung abgesehen wird es aus diesem Grunde schließlich auch zu einem politischen Faktor, der dort ins Gewicht fällt, wo etwa Kaiser oder Kaiseramtsprätendenten darum bemüht sind, die Zustimmung einer breiten Bevölkerung zu gewinnen. Das ist in den 'Bürgerkriegen' der verschiedenen Tetrarchien seit 305 n. Chr. der Fall. Es ist anzunehmen, daß die Toleranzedikte d. J. 311 - 313 n. Chr. - entgegen der gelegentlich verklärender christlicher Geschichtsdeutung, etwa des Eusebios von Caesarea - nicht primär auf einer neugewonnen Frömmigkeit bekehrter Kaiser, sondern vor allem auf politischem Kalkül beruhen.

Mit der politischen Entscheidung über die Toleranz gegenüber dem Christentum ist jedoch dessen Weg zu einer exklusiven Staatsreligion vorentschieden, der über mehrere Stationen der Auseinandersetzung mit der vormals tonangebenden nicht-christlichen römischen Staatsreligion i. J. 391 zu der gesetzlichen Allgemeinverbindlicherklärung der rechtgläubigen christlichen Religion für alle Angehörigen des Rörmischen Reiches durch Kaiser Thoedosius und zu den nun einsetzenden Verfolgungs- und Erzwingungsmaßnahmen gegen christliche 'Häretiker' und Anhänger anderer - auch früher maßgeblicher - Religionen einschließlich der Zerstörung ihrer Kultorte und -traditionen führt . So wird z. B. auch das Orakel von Delphi verboten, und die antiken Olympischen Spiele finden wegen ihres heidnisch-religiösen Rahmens ein Ende.

2. Zu den Ursachen politisch-religiöser Loyalitätsanforderungen der römischen Staatsgewalt und ihrer Durchsetzung gegenüber dem Christentum am Anfang des 4. Jhs. n. Chr.

Die äußeren Bedrohungen des Römischen Reiches im 4. Jh. n. Chr.

Karte entnommen aus. Hermann Kinder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33, S. 102.

Die diokletianische Christenverfolgung aus christlicher Sicht. Eusebios von Caesarea, Kirchengeschichte, Buch 8, 1 - 3.

Text der deutschen Übersetzung nach: Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte. Herausgegeben und eingeleitet von Heinrich Kraft, übersetzt von Philipp Haeser (1932) und durchgesehen von Hans Armin Gärtner, Darmstadt 1967, S. 398 - 401 und S. 440 f.

3. Der Übergang zum Christentum als Staatsdoktrin in den Bürgerkriegen des frühen 4. Jhs. n. Chr.

Übung 13 A.

Aufgaben:

Beantworten Sie nach der Lektüre der unten wiedergegebenen Textstellen aus der 'Kirchengeschichte' des Eusebios folgende Fragen:

a) In welcher Weise unterschiedlich charakterisiert Eusebios die christlichen und die nicht-christlichen Herrscherfiguren nach Charakter, politisch-religiöser Legitimation und politisch-militärischem Schicksal?

b) Ist Eusebios Ihres Erachtens als Historiker zuverlässig? Was würden Sie an seiner Darstellungsweise kritisieren? Was läßt sich an den von ihm dargestellten historischen Ereignissen und an der Person Konstantins Ihres Erachtens anders beurteilen? Welche Quellen gibt es dafür?

c) Welche Motive könnten Eusebios zu seiner extrem konstantinfreundlichen Berichterstattung bewegen, und inwiefern sind diese verständlich?

d) Auf welches die Spätantike in starkem Maße prägende ideelle Verhältnis zwischen römischem Staat und christlicher Kirche' weisen die in den Textpassagen zum Ausdruck kommenden historischen und religiösen Überzeugungen des Bischofs Eusebios hin?

Die Siege des christlich gewordenen Kaisers Konstantin gegen seine heidnischen Widersacher und die Gottgewolltheit seiner Herrschaft in der kirchenhistorischen Darstellung seiner Zeit. Eusebios, Kirchengeschichte, Bücher 9, 9 und 10, 9.

Text der deutschen Übersetzung nach: Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte. Herausgegeben und eingeleitet von Heinrich Kraft, übersetzt von Philipp Haeser (1932) und durchgesehen von Hans Armin Gärtner, Darmstadt 1967, S. 398 - 401 und S. 440 f.

4. Die Transformation des Christentums in eine reichstragende Organisation im 4. Jh. n. Chr.

Die Enstehung der römischen Staatskirche im ersten Drittel des 4. Jhs. n. Chr.

Karte entnommen aus: Franklin H. Littell, Atlas zur Geschichte des Christentums. Deutsche Bearbeitung: Erich Geldbach (Texte), Klaus-Dieter Schiffelbein u. a. (Karten), (1989), Brockhaus-Verlag 1980, S. 17.

Übung 13 B.

Aufgaben:

Sie finden im folgenden zunächst einen Textauszug aus der 'Kirchengeschichte' des Eusebius, der zwei kirchenbezogene Anordnungen des Kaisers Konstantin enthält, und sodann einen kleinen Auszug aus den Konzilsakten des ersten christlich-ökumenischen Konzils in Nikaia (lat. Nicaea; 325 n. Chr.). Lesen Sie diese Texte aufmerksam durch bzw. versuchen Sie, sich mit Ihren jetzt gegebenen Sprachkenntnissen ein Bild von dem Inhalt des lateinischen Textes zu machen. Beantworten Sie dann folgende Fragen:

a) Zu Text 1: Um welche Streitigkeiten könnte es sich Ihrer Vermutung nach handeln? Was wissen Sie über die christlichen Glaubenskontroversen der damaligen Zeit?

b) Zu Text 1: In welcher Funktion gibt Kaiser Konstantin den angesprochenen christlichen Bischöfen Befehle? Welche religiösen und politischen Ziele verfolgt er damit? Wie schildert er die Streitigkeiten, und in welche Richtung nimmt er Einfluß auf die Willensbildung in den einberufenen Bischofsversammlungen (Synoden)? Welches kaiserliche Kirchenverständnis geht daraus hervor, und wie müssen sich die Bischofsversammlungen damit arrangieren?

c) Zu Text 2: Welche Textpassage kommt Ihnen evtl. inhaltlich bekannt vor? An welcher anderen Stelle des Textes 2 könnten die in Text 1 gemeinten Streitfragen angesprochenen sein?

d) Zu Text 2: Welchen religiösen und welchen politischen Sinn könnten die in Text 2 wiedergegebenen Konzilsbeschlüsse Ihres Erachtens gehabt haben?

Text 1: Staatliche verordnete allgemeine Einheit und Eintracht der Kirche im Römischen Reich. Eusebios von Caesarea, Kirchengeschichte, Buch 10, 5.

Text der deutschen Übersetzung nach: Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte. Herausgegeben und eingeleitet von Heinrich Kraft, übersetzt von Philipp Haeser (1932) und durchgesehen von Hans Armin Gärtner, Darmstadt 1967, S. 433 - 435.

Text 2: Auszüge aus den Beschlüssen des Konzils von Nikaia.

Lat. und griech. Text entnommen aus: Conciliorum oecumenicorum decreta. Hg.: Dokumentationszentrum des Instituts für Religionswissenschaften Bologna unter Mitwirkung von J. Alberigo, P. P. Joannou, Claudio Leonardi, Paulo Prodi und Hubert Jedin, Basel u. a. O. 1962, aus S. 4 - 9.

Heidnische Toleranz-Politik gegenüber den Christen. Eusebios von Caesarea, Kirchengeschichte, Buch 9, 9 f.

Text der deutschen Übersetzung nach: Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte. Herausgegeben und eingeleitet von Heinrich Kraft, übersetzt von Philipp Haeser (1932) und durchgesehen von Hans Armin Gärtner, Darmstadt 1967, S. 401 f.

5. Historische Konsequenzen der organisatorischen und ideellen Verbindung eines 'rechtgläubigen Christentums' mit dem römischen Staat der Spätantike.

a) Die akzentuiert 'orthodoxe' Ideenstruktur der römisch-staatlich gewordenen christlichen Kirche.

b) Der 'katholisch-ökumenische' Geltungsanspruch der römisch-staatlich gewordenen christlichen Kirche

c) Die Verbindung absoluter weltlicher Herrschaftsausübung mit orthodox-christlicher Legitimation.

d) Die Fortwirkung von Mustern der spätantiken römischen Reichsorganisation in der Organisationsstruktur der römisch-katholischen und der griechisch-orthodoxen Kirche.

6. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

Averil Cameron, Das späte Rom (284 - 430 n. Chr.). Übersetzung von Kai Brodersen, (1993) München 1994.

Peter Kawerau, Geschichte der Alten Kirche, Lehrbuch der Kirchengeschichte, Marburg 1967.

Giuseppe Alberigo u. v. a. (Hg.), Geschichte der Konzilien. Vom Nicaenum bis zum Vaticanum II, Düsseldorf 1993.

Medien:

Franklin H. Littell, Atlas zur Geschichte des Christentums. Deutsche Bearbeitung: Erich Geldbach (Texte), Klaus-Dieter Schiffelbein u. a. (Karten), (1989), Brockhaus-Verlag 1980, S. 17.

Quellen:

Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte (aus den Büchern 9 und 10). Herausgegeben und eingeleitet von Heinrich Kraft, übersetzt von Philipp Haeser (1932) und durchgesehen von Hans Armin Gärtner, Darmstadt 1967, S. 398 - 401 und S. 440 f.

Auszüge aus den Beschlüssen des Konzils von Nikaia. Lat. und griech. Text entnommen aus: Conciliorum oecumenicorum decreta. Hg.: Dokumentationszentrum des Instituts für Religionswissenschaften Bologna unter Mitwirkung von J. Alberigo, P. P. Joannou, Claudio Leonardi, Paulo Prodi und Hubert Jedin, Basel u. a. O. 1962, aus S. 4 - 9.


LV Gizewski im SS 2005 und WS 2005/2006.

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .