Kap. 2: Zu den Quellen antiker Kriegsgeschichte.

INHALT:

1. Zum praktischen Kriegswissen, zur antiken Kriegsgeschichtsschreibung und zur Philosophie, Mythologie, Rhetorik und Ideologie des Krieges in der Antike.

2. Zu den historischen Quellen über die Kriegführung in der Antike: Übersicht über die wichtigeren Arten der Quellen antiker Kriegsgeschichte mit Beispielen.

3. Literatur, Medien, Quellen.

1. Zum praktischen Kriegswissen, zur antiken Kriegsgeschichtsschreibung und zur Philosophie, Mythologie, Rhetorik und Ideologie des Krieges in der Antike.

Die historischen Quellen, die uns etwas über die Kriegführung in der Antike mitteilen, lassen sich unter drei sachlichen Aspekten gliedern, die ihre Aussageintentionen und -möglichkeiten bzw. -grenzen betreffen:

A. Quellen über die Praxis der politischen und militärischen Kriegführung in der Antike. ihre Organisationsformen, Techniken, Waffensysteme und Wirkungsweisen, einschließlich sächlicher Zeugnisse ('Reste') darüber,

B. Quellen über die Geschichte der antiken Kriegführung, wobei die antike historische Literatur im gattungsgeschichtlich engeren (antik-wissenschaftlichen) Sinne von den (vor allem) politisch-rhetorischen und urkundlichen Quellen, welche bewußte, dauerhafte Aussagen im Zusammenhang der Führung bestimmter Kriege machen wollen, zu unterscheiden ist,

C. Quellen über antikes kollektives Bewußtsein, welches sich auf unterschiedliche Weise, allgemein oder konkret, mit sprachlichen oder bildlichen und anderen nicht-sprachlichen Ausdrucksmitteln, politisch-ideologisch oder philosophisch, religiös oder mythologisch mit dem Kriege oder mit einem Kriege befaßt.

Es lassen sich ferner nach den Arten der Objekte, welche antik-kriegsgeschichtliche Quellenaussagen übermitteln, Quellengruppen bilden, wie dies etwa in Abschnitt 2 geschieht.

a) Inschriften und Urkunden.

b) Münzen.

c) Denkmäler.

d) Grabungsbefunde.

e) Geschichtsschreibungs-Literatur.

f) Literarische Biographik und Memorabilien.

g) Literarische Kriegswissenschaft.

h) Politisch-rhetorische Texte.

i) Philosophische Texte.

k) Kriegsmythen.

Übung 2.

Aufgaben:

Lesen Sie die im folgenden wiedergegebenen Auszüge aus Fontins 'Strategemata' durch und beantworten Sie dann folgende Fragen:

a) Aus welchen Epochen und Regionen der Alten Geschichte stammen die Beispiele?

b) Worauf konzentriert sich der Autor vor allem anderen und welche anderen Quellen der Information über Kriegsgeschichte und Kriegskunst erwähnt er sonst noch?

c) Welche von den hier wiedergegebenen Beispielen erscheinen Ihnen besonders wirklichkeitsnah oder aus anderen Gründen beeindruckend?

d) Entdecken Sie unter den angegebenen Beispielen solche, die nach heutigen Begriffen völkerrechtswidrig sein könnten.


Deutscher Text nach: Frontin, Kriegslisten. Lateinisch und deutsch. Von Gerhard Bendz, Berlin 1963, S. 16 ff., 64 ff., 128 ff., 164 ff. Die Auswahl der praktischen Beispiele aus den einzelnen Büchern kann der Fülle und kriegsgeschichtlichen Informativität des von dem antiken Autor Dargebotenen leider nicht gerecht werden.

2. Zu den historischen Quellen über die Kriegführung in der Antike: Übersicht über einige Arten der Quellen antiker Kriegsgeschichte mit Beispielen.

a) Inschriften und Urkunden.

Die politischen Auswirkungen der Niederlage in einem Kriege: Die beschworenen Vertragsbedingungen des 'Korinthischen Bundes' d. J. 338 v. Chr. als krieggeschichtliche Quelle.

Wissenschaftliche Edition der fragmentarisch überlieferten Inschrift: IG II 2 236. Kommentierender Text: Justin, Epitoma 9. 5. 1 - 6. - Deutsche Übersetzung beider Texte nach: E. Badian, Robert K. Sherk (Ed.), Translated Documents of Greece and Rome, Vol. 2: From the end of the Peloponnesian War to the battle of Ipsus, Cambridge u. a. O., 1985, S.123 f.

Mitteilungen über den Tod eines Soldaten als Information über einen Krieg. Grabinschrift eines gefallenen römischen Centurio als kriegsgeschichtliche Quelle.

Grabstein aus Xanten. Um 9 n. Chr. Rheinisches Landesmuseum Museum, Bonn. Photo entnommen aus: Hartmut Polenz, Römer und Germanen in Westfalen, Münster 1985, S. 56 f.

b) Münzen.

Im Auftrag eines römischen Provinzial-Quastors geprägte griechische Tetradrachme, um 90 v. Chr. - Abb. entnommen aus: Max Miller, Münzen des Altertums, Braunschweig 1963 3, Tafel XI ;

Von der Partei der Brutus-Anhänger und der Partei der Caesarianer geprägterömische Denare (jeweils Vorder- und Rückseite). - Abb. entnommen aus: Max Miller, Münzen des Altertums, Braunschweig 1963 3, Tafel XXIII;

Römischer Dupondius d. J. 17. n. Chr. Römisch-Germanisches Museum, Köln. Photo entnommen aus: Hartmut Polenz, Römer und Germanen in Westfalen, Münster 1985, S. 56 f.

c) Denkmäler.

Ein Denkmal als kriegsgeschichtliche Quelle für offiziöse Bemühungen, die politische Vorstellungswelt der Besiegten eines Krieges.erinnerungskulturell auf neue Herrschaftsverhältnisse umzustellen.

aa) Das Löwendenmal zur Erinnerung an die Schlacht von Chaironeia d. J. 338 v. Chr.

Photo entnommen aus: R. V. Schoder, Das antike Griechenland aus der Luft (Ancient Greece from the Air, 1974), deutsche Übersetzung von J. Rehork,, Bergisch-Gladbach 1975, S. 96.

bb) Text auf der Säule des 'Löwendenkmals':

O Zeit, Göttin, die du alle Dinge überlebst, die für die Sterblichen wichtig sind,

sei allen Menschen Zeugin unserer Leiden,

als wir, darum kämpfend, das heilige griechische Land heil zu bewahren,

starben auf den unheilvollen Ebenen Böotiens.

.Wissenschaftliche Edition des griechischen Inschrifttextes: IG II 2 5226. Übersetzung nach: E. Badian, Robert K. Sherk (Ed.), Translated Documents of Greece and Rome, Vol. 2: From the end of the Poloponnesian War to the battle of Ipsus, Cambridge u. a. O., 1985, S. 123.

Inschrift in einem nach siegreicher Beendigung eines Kriegs gestifteten Tempel als kriegsgeschichtliche Quelle: Votiv-Inschrift des L. Mummius.

Votiv-Inschrift aus einem nach Beendigung des Korinthischen Krieges (146 v. Chr.) von dem römischen Feldherrn L. Mummius privat gestifteten, wahrscheinlich auf dem mons Caelius in Rom errichteten Hercules-Heiligtum.Wissenschaftliche Edition: CIL 12 626 = ILLRP2 122 = Degrassi: Imagines, Nr. 61 (Rom). Übersetzung und Kommentierung entnommen aus: L. Schumacher, Römische Inschriften. Lateinisch - deutsch, Stuttgart 1988, S. 114.

Der Tatenbericht eines Imperators (Augustus) als krieggeschichtliche Quelle für Innen- und Außenkriege des römischen Imperiums und den militärischen Charakter der römischen Kaiserherrschaft: die 'Res gestae Divi Augusti' ('Monumentum Ancyranum').

In mehreren vormaligen Provinzen des Römischen Reiches (Asia, Galatia) aufgefundene, teils griechisch, teils lateinisch, teils in beiden Sprachen publizierte Inschrift auf ursprünglich offentlich ausgestellten Tafeln zu Ehren des Augustus. Text im wesentlichen entstanden um 13 n. Chr., einige Monate vor dem Tode des Augustus. - Lat. Text und dt. Übersetzung aus: Res gestae. Tatenbericht (Monumentum Ancyranum). Lateinisch, griechisch und deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Marion Giebel, Stutgart 1980. - Der griechische Text, der für das genaue Textverständnis an mehreren Stellen durchaus von Bedeutung sein kann, wurde an dieser Stelle aus internet-technischen Gründen fortgelassen. C. G.

Demonstativ herabsetzende bildsysmbolische Darstellung des besiegten Kriegsgegners als kriegsgeschichtliche Quelle für die Behandlung Kriegsgefangener, für Kriegspropaganda und psychologische Kriegführung.

Säulensockel aus Mainz. Enstehung in der Regierungszeit Vespasians (69 - 79 n. Chr., vermutlich im Zusammenhang mit der Niederschlagung des Bataveraufstandes d. J. 69/70. Heutiger Standort: Mittelrheinisches Landesmuseium Mainz. Photo entnommen aus: Hartmut Polenz, Römer und Germanen in Westfalen, Münster 1985, S. 50.

d) Grabungsbefunde.

Archäologische Grabungsbefunde aus einem antiken Schlachtfeld als kriegsgeschichtliche Quelle.

Orohydrographische Karte eines gegenwärtigen archäologischen Grabungsprojekts bei Kalkriese (nahe Osnabrück, Niedersachsen) zur Lokalisierung des Varus-Schlacht d. J. 9 n. Chr. - Abb. entnommen aus: Frank Berger u. a., Kalkriese - Römer im Osnabrücker Land. Archäologische Forschungen zur Varusschlacht, Bramsche 1993, S. 25.

e) Geschichtsschreibungs-Literatur.

Zur historischen Klärung der Vorgeschichte eines Krieges. Aus: Thukydides, Der Peloponnesische Krieg 1, 1 - 23.

Deutsche Übersetzung nach: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Hg. und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 1, S. 23 - 37 (auszugsweise).

Zu Ursachen, Ablauf und Folgen einer historisch wichtigen Schlacht: Diodorus Siculus, Bibliotheke, Buch 16, 84 - 88.

Wie Kap. 1, zu Übung 1.

Deutsche Übersetzung unter Berücksichtigung der Bibliotheke-Übersetzung von J. F. Wurm 1827 - 1840 und unter sprachlicher Hervorhebung bzw. [in eckigen Klammern erfolgender] Ergänzung kriegsgeschichtlich wesentlicher Aspekte des Berichts: Christian Gizewski.

f) Literarische Biographik und Memorabilien.

Kriegsgeschichtlich wichtige Mitteilungen über die Persönlichkeit eines in jeder Hinsicht vorbildlichen Feldherrn. Aus: Plutarch, Alexander (Auszug).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Alexander - Caesar. Lebensbeschreibungen. Aus dem Griechischen übersetzt von Friedrich Salomon Kaltwasser. Überarbeitet von Wolgang Ritschel, Berlin, Weimar 1982, S. 42 - 47, 56 - 59.

g) Literarische Kriegswissenschaft.

Ein antikes Lehrbuch über militärische Strategie und Taktik als systematisch angelegte Quelle zur Kriegführung in der griechischen und römischen Geschichte. Aus: Frontinus, Strategemata. .Aus Buch 1, 2, 3 und 4.

Wie oben, zu Übung 2.

h) Politisch-rhetorische Texte.

i) Philosophische Texte.

Der Krieg als Paradigma einer Philosophie der Widersprüche in der Einheit des Kosmos. Einige Heraklit-Fragmente.

Griech. und deutsche Texte der Fragmente entnommen aus: Die Vorsokratiker, Auswahl der Fragmente, Übersetzung und Erläuterungen von Jaap Mansfeld, 2 Bde., Griechisch -deutsch, Bd. 1 (Milesier,Pythagoreer, Xenophanes, Heraklit, Parmenides), S. 258 f.

k) Kriegsmythen.

Ein Modell antiken kriegsmythischen Denkens - der heroische Zweikampf: Homer, Ilias, 3. Gesang, 275 - 380.

Deutsche Übersetzung aus: Homer, Ilias. Verdeutscht von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden, um 1960, S. 67 - 71

Ein weiteres Modell antiken kriegsmythischen Denkens - die Beteiligung der Götter am menschlichen Kriege: Homer, Ilias, 20. Gesang, 1 - 75.

Deutsche Übersetzung aus: Homer, Ilias. Verdeutscht von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden, um 1960, S.468 - 471.

3. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

Johannes Kromeyer und Georg Veith, Heerwesen und Kriegführung der Griechen und Römer, 2 Teile, München 1928.

Bernard Law Viscount Montgomery of Alamein, Weltgeschichte der Schlachten und Kriegszüge, dt. Übersetzung, München 1975.

Klaus Meister, Die Interpretation historischer Quellen. Schwerpunkt Antike, Bd. 1: Griechenland , Bd. 2: Rom, Paderborn u. a. O. 1997 und 1999 (mit beispielhaften Einzelinterpretationen auch kriegsgeschichtlich wichtiger Quellen).

Medien:

Hartmut Polenz, Römer und Germanen in Westfalen, Münster 1985, S. 48 f.(Photo des Grabsteins des Centurio M. Caelius), 50 (Photo einer auf einem Säulensockel angebrachten Reliefdarstellung gefangener Germanen) und 56 f. (Photo einer röm. Münze d. J. 17. n. Chr.).

Max Miller, Münzen des Altertums, Braunschweig 1963 3, Tafeln XI und XXIII (Münzabbildungen).

R. V. Schoder, Das antike Griechenland aus der Luft (Ancient Greece from the Air, 1974), deutsche Übersetzung von J. Rehork,, Bergisch-Gladbach 1975, S. 96 (Aufnahme des Löwen-Denkmals von Chaironeia).

Frank Berger u. a., Kalkriese - Römer im Osnabrücker Land. Archäologische Forschungen zur Varusschlacht, Bramsche 1993, S. 25 (Orohydrgraphische Karte von Kalkriese und Umgebung).

Quellen:

Frontinus, Strategemata. .Aus Buch 1, 2, 3 und 4.Deutscher Text nach: Frontin, Kriegslisten. Lateinisch und deutsch. Von Gerhard Bendz, Berlin 1963, S. 16 ff., 64 ff., 128 ff., 164 ff.

Inschrift: IG II 2 236. Kommentierender Text: Justin, Epitoma 9. 5. 1 - 6. - Deutsche Übersetzung beider Texte nach: E. Badian, Robert K. Sherk (Ed.), Translated Documents of Greece and Rome, Vol. 2: From the end of the Peloponnesian War to the battle of Ipsus, Cambridge u. a. O., 1985, S.123 f.

Inschriftt IG II 2 5226. Übersetzung nach: E. Badian, Robert K. Sherk (Ed.), Translated Documents of Greece and Rome, Vol. 2: From the end of the Poloponnesian War to the battle of Ipsus, Cambridge u. a. O., 1985, S. 123.

Inschrift CIL 12 626 = ILLRP 2 122 = Degrassi: Imagines, Nr. 61 (Rom). Übersetzung und Kommentierung entnommen aus: L. Schumacher, Römische Inschriften. Lateinisch - deutsch, Stuttgart 1988, S. 114.

Res gestae [divi Augusti]. Tatenbericht (auch: 'Monumentum Ancyranum'). Lateinisch, griechisch und deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Marion Giebel, Stutgart 1980.

Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Hg. und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., Mpnchen 1973, Bd. 1, S. 23 - 37 (auszugsweise).

Plutarch, Alexander - Caesar. Lebensbeschreibungen. Aus dem Griechischen übersetzt von Friedrich Salomon Kaltwasser. Überarbeitet von Wolgang Ritschel, Berlin, Weimar 1982, S. 42 - 47, 56 - 59.

Cicero, De imperio Cn. Pompei 45 - 57. Deutsche Übersetzung aus: Cicero, Staatsreden, 3 Teile, Lateinisch und deutsch von Helmut Kasten, Darmstadt 1987 6 , Teil, 1, S. 59 - 63.

Heraklit-Fragmente. Griech. und deutsche Texte der Fragmente entnommen aus: Die Vorsokratiker, Auswahl der Fragmente, Übersetzung und Erläuterungen von Jaap Mansfeld, 2 Bde., Griechisch -deutsch, Bd. 1 (Milesier,Pythagoreer, Xenophanes, Heraklit, Parmenides), S. 258 f.

Homer, Ilias, 3. Gesang 275 - 380 und 20. Gesang. 1 - 75.

Deutsche Übersetzung aus: Homer, Ilias. Verdeutscht von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden, um 1960, S. 67 - 71 und 468 . 471.


LV Gizewski im SS 2005 und WS 2005/2006.

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .