Kap. 8: Der Bundesgenossenkrieg der Italiker gegen Rom i. J. 91 - 88 v. Chr. als innerer Krieg innerhalb eines Bündnissystems. Die systematische römische Bürgerrechts-Ausweitung als Folge des Bundesgenossenkrieges.

INHALT:

1. Übersicht.

2. Zu Ursachen und Ablauf des Bundesgenossenkrieges.

3. Die systematische römische Bürgerrechts-Ausweitung als Folge des Bundesgenossenkrieges.

4. Literatur, Medien, Quellen.

1. Übersicht.

Der durch gelegentliche Revolten bei Bundesgenossen Roms (wie Fregellae i. J. 125 v. Chr.) ausgelöste, spätestens in den von C. Sempronius Gracchus i. J. 123 v. Chr. verfolgten Reformintentionen enthaltene, auch wirtschaftlich-sozial bedeutsame Programmpunkt, die italischen Bundesgenossen Roms und die Latiner zu römischen Staatsbürgern zu machen, stößt mit den anderen Elementen popularer innerer Reformgesetzgebung immer wieder auf Ablehnung in der senatorischen und der Ritterklasse Roms. - Mehrere Gesetzgebungsinitiativen in den neunziger Jahren des 1. Jhs. v. Chr. (zuletzt die 'lex Municia' d. J. 95 v. Chr.) betreffen die Angleichung der Rechte der italischen Bundesgenossen, scheitern jedoch. Verhandlungen mit den Bundesgenossen werden ebenfalls nicht substanziell geführt und scheitern deswegen ebenfalls.

In der bundesgenössischen Stadt Asculum kommt es i. J. 91 v. Chr. infolge gewachsener antirömischer Ressentiments zu einem Pogrom gegen die dort anwesenden römischen Staatsbürger; auch ein anwesender römischer Prätor wird erschlagen. In der Folge organisieren sich diejenigen Bundesgenossen Roms, die sich wie die Asculaner von Rom zurückgesetzt fühlen - besonders aktiv diejenigen im marsischen Gebiet ('Marsischer Krieg') - in einem verfaßten Sonderbunde mit Zentrum in der Stadt Corfinum. Sie verfolgen damit die Absicht, nicht nur Rom die Gefolgeschaft zu versagen, bis Gleichstellung erfolgt ist, sondern eine Gleichstellung sogar militärisch zu erzwingen. Es kommt zu mehreren auf beiden Seiten verlustreichen Gefechten.

Um dem Konflikt ein Ende zu machen, wird von Rom denjenigen Bundesgenossen, die an der militärischen Auseinandersetzung nicht teilgenommen haben oder zu friedlichen Verhandlungen zurückkehren, eine Minimallösung für ihre Interessen angeboten: das römische Bürgerrecht für die Italiker und das Latinerrecht für die Bundesgenossen nördlich des Po. Dies führt zu einer Beendigung der kriegerischen Aktionen. Allerdings ist das politische Stimmgewicht der Neubürger in den römischen Tributcomitien gering, weil sie nur in einer kleinen Zahl (8) Tribus eingeschrieben werden.

Deswegen kommt es (i. J. 88 v. Chr.) zu weiteren Gesetzesinitiativen , und zwar vonseiten der römischen Volkstribunen. Das Problem wird zu einem zentralen Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen Marianern und Sullanern in den folgenden Jahren und geht nach Errichtung der sullanischen Diktatur i. J. 82 v. Chr., welche ein selbständiges Gesetzgebungsrecht der Volkstribunen ausschließt, unter, bis unter dem Konsulat des Pompeius und des Caesar i. J. 70 v. Chr. die Rechte der Volkstribunen wiederhergestellt werden und sich generell der innenpolitische Widerstand gegen eine stärkere Ausweitung des römischen Bürgerrechts auflöst.

Für die Zunahme des Erwerbs des römischen Bürgerechts durch Bürger anderer Gemeinwesen im Herrschaftsbereich Roms außerhalb Italiens ('peregrini') werden schon seit Caesars und Augustus' Alleinregierung vor allem zwei Verfahrensweisen ursächlich: einmal der Erwerb durch peregrine Soldaten, die eine langjährige Dienstzeit in der römischen Armee anstandslos hinter sich gebracht haben ('missio honesta'), zum anderen die kollektive Verleihung durch den Kaiser an die Bürgerschaft ganzer, besonders zu ehrender Städte in den Provinzen des römischen Reiches. Obwohl die provinziale Bevölkerung zunächst im allgemeinen nur den Rechtsstatus von 'subiecti' hat, führen beide Verfahrensweisen im Laufe der ersten beiden Jahrhunderte n. Chr. zu einer zunehmenden Verbreitung des römischen Bürgerrechts sowohl im Westen als auch im - stärker von rechtlichen Eigentraditionen geprägten - Osten des Reichsgebiets. Im Jahre 212 n. Chr. schließlich wird in der 'Constitutio Antoniniana' des römischen Kaisers Caracalla den meisten bisher peregrinen Bewohnern des Römischen Reiches das römische Bürgerrecht verliehen.

2. Zu Ursachen und Ablauf des Bundesgenossenkrieges.

Verteilung der Gebiete Roms, der Latiner und der Bundesgenossen in Italien vor Beginn des 2. punischen Krieges.

Karte ntnommen aus: Großer Historischer Weltatlas. hg. vom Bayerischen Schulbuchverlag, 1. Teil: Vorgeschichte und Altertum, bearbeitete von Hermann Bengtson u. v. a., München 1972, S. 38.

Verteilung der Gebiete Roms und seiner Bundesgenossen z. Zt. des Bundesgnossenkriegs.

Abb. entnommen aus: Michael Crawford, Die römische Republik; deutsche Übersetzung von B. und S. Evers, München 1987 3, S. 163.

Übung 8 A.

Aufgaben:

a) Aus welchen Konflikten entwickelt sich nach Diodors Darstellung der 'Bundesgenossenkrieg'? Welche Kriegsziele lassen sich auf beiden Seiten erkennen oder vermuten?

b) In welcher Weise erinnert die 'Verfassung von Corfinum' an diejenige Roms?

c) Warum nutzt Ihres Erachtens Rom nicht seine von Diodor erwähnten militärischen Erfolge gegenüber den abtrünnigen Bundesgenossen, um diese in größere Abhängigkeit und rechtliche Benachteiligung zu bringen als zuvor?


Der Bundesgenossenkrieg d. J. 91 - 88 v. Chr. gegen Rom. Aus dem Geschichtswerk des Poseidonios, zitiert in den Photios-Exzerpten aus Diodorus Siculus (Bibliotheke 37, 2).

Deutsche Übersetzung: Klaus Meister in: ders.,, Einführung in die Interpretation historischer Quellen. Schwerpunkt Antike, Bd. 2: Rom, Paderborn u. a. O. 1999, S. 166 - 168.

3. Die systematische römische Bürgerrechts-Ausweitung als Folge des Bundesgenossenkrieges.

Wesentliche Folgen des Bundesgenossenkriegs:

1. Zunächst Ausweitung des römischen Bürgerrechts zwar nur auf die Bundesgenossen- und Latiner-Gemeinden im italischen Kerngebiet (südlich der Grenze zur 'Gallia cisalpina'). Aber damit zugleich Anerkennung der allgemeinen Möglichkeit eines Bürgerrechtserwerbs für Kollektive (Gemeinden und Bevölkerungsgruppen).

2. Begründung der Verfahren a) einer umfänglichen Bürgerrechtsverleihung an peregrine Veteranen nach Entlassung aus dem Militärdienst und b) einer ehrenden Verleihung des Bürgerrechts an die Einwohnerschaft ganzer Städte und Volksgruppen durch Caesar und Augustus.

3. Zunehmende Bedeutung der Bürgerrechtsverleihung für die Romanisierung und Loyalitätsbindung der Reichsprovinzen an Rom im Laufe der römischen Kaiserzeit

Übung 8 B.

Aufgaben:

Übersetzen Sie mit Ihren z. Zt. gegebenen sprachlichen Kenntnissen, d. h. so gut es eben geht, die unten wiedergebenen lateinischsprachigen Quellentexte und beantworten Sie die folgenden Fragen:

a) Worum geht es in Quellentext 1 und in Quellentext 2 ungefähr?

b) Was können Sie aus beiden Texten über die Entwicklung des römischen Bürgerrechts erschließen?

Text 1: Militärdiplom aus dem Jahre 71 n. Chr.

Lat. Text entnommen aus: Fontes Iuris Romani Anteiustiniani, Pars prima: Leges. Ed. Salvator Riccobobo, Florentiae 1968, S. 227 - 232 [227 - 229].


Text 2: Aus der 'Constitutio Antoniniana de civitate' des Kaisers Caracalla ( 212 n. Chr.).

Lat. Text entnommen aus: Fontes Iuris Romani Anteiustiniani, Pars prima: Leges. Ed. Salvator Riccobobo, Florentiae 1968, S. 445 - 449 [448]

4. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

Michael Crawford, Die römische Republik; deutsche Übersetzung von B. und S. Evers, München 1987 3, S. 142 - 165).

Theodora Hantos, Das römische Bundesgenossensystem in Italien, München 1983.

Medien:

Großer Historischer Weltatlas. hg. vom Bayerischen Schulbuchverlag, 1. Teil: Vorgeschichte und Altertum, bearbeitete von Hermann Bengtson u. v. a., München 1972, S. 38.

Michael Crawford, Die römische Republik; deutsche Übersetzung von B. und S. Evers, München 1987 3, S. 163 (Karte).

Quellen:

Aus dem Geschichtswerk des Poseidonios, zitiert in den Photios-Exzerpten aus Diodorus Siculus (Bibliotheke 37, 2). Deutsche Übersetzung: Klaus Meister in: ders.,, Einführung in die Interpretation historischer Quellen. Schwerpunkt Antike, Bd. 2: Rom, Paderborn u. a. O. 1999, S. 166 - 168.

Fontes Iuris Romani Anteiustiniani, Pars prima: Leges. Ed. Salvator Riccobobo, Florentiae 1968, S. 227 - 232 [227 - 229] und S. 445 - 449 [448].


LV Gizewski im SS 2005 und WS 2005/2006.

Autor: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .