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Zu Ursachen, Ablauf und Folgen der Schlacht bei Chaironeia i. J. 338 v. Chr. Diodorus Siculus, Bibliotheke, Buch 16, 84 - 88.

Deutsche Übersetzung unter Berücksichtigung der Bibliotheke-Übersetzung von J. F. Wurm 1827 - 1840 und unter sprachlicher Hervorhebung bzw. [in eckigen Klammern erfolgender] Ergänzung kriegsgeschichtlich wesentlicher Aspekte des Berichts: Christian Gizewski.


84. Das Jahr, für welches in Athen Charondas namensgebender Archon war, entsprach demjenigen, dem in Rom Lucius Aemilius und Gaius Plautius als gewählte Konsuln ihren Namen gaben [scil. das Jahr 338 v. Chr.]. In diesem Jahr wollte der König [von Makedonien] Philipp, nachdem er sich freundlicher Beziehungen mit den meisten Griechenstaaten versichert hatte, die [ihm gegenüber ablehnend gebliebenen] Athener zur respektvollen Anerkennung der von ihm angestrebten, uneingeschränkt führenden Rolle in Griechenland nötigen. Daher besetzte er plötzlich die [Grenzfestungs-] Stadt Elatea [in der Landschaft Phokis, unmittelbar jenseits der Grenze des makedonischen Herrschaftsbereichs] und zog seine Truppen dort zusammen in der Absicht, gegen die Athener Krieg zu führen. Die Athener waren darauf nicht vorbereitet; denn er hatte zuvor einen Frieden mit ihnen geschlossen. Und so hoffte er, sie ohne größere Schwierigkeiten zu besiegen, was dann auch eintrat.

Erst nach der Besetzung von Elatea, und zwar in der darauffolgenden Nacht, erhielten die Athener durch einen Boten Nachricht davon, die Stadt sei besetzt und Philipp werde mit seinem Heer bald in Attika erscheinen. Der Rat der Befehlshaber der athenischen Streitmacht [die sog. 'Strategen'] leitete, besorgt wegen der plötzlichen Gefahr, noch in der Nacht durch andauernde Trompetensignale die sofortige Alarmierung des Heeres ein. Die Nachricht verbreitete sich schnell und führte das ganze in bange Erwartung versetzte Volk am nächsten Morgen zu einer Versammlung im Theater zusammen, noch bevor es, wie sonst üblich, von den Vorstehern der Volksversammlung dazu zusammengerufen worden war. Als die Befehlshaber des Heeres dort eintrafen und den mitgebrachten Boten berichten ließen, herrschte in der Versammlung ein bedrücktes Schweigen, und von den üblicherweise dort auftretenden Rednern wagte niemand einen Vorschlag zu machen. Mehr als einmal forderte der Leiter der Versammlung diese dazu auf, einen Aktionsplan für die Verteidigung zu formulieren, aber es fand sich unter ihnen niemand, der das getan hätte. In dieser lähmenden und bedrückenden Entscheidungslage richteten sich dann aber die Blicke aller auf Demosthenes [der schon seit Jahren in aller Schärfe eine antimakedonische Position in der Athener Öffentlichkeit vertreten hatte]. Dieser trat auch auf und bemühte sich, das Volk zu ermutigen. Er erklärte, man müsse sofort Abgeordnete nach Theben schicken, um die [benachbarten] Böotier aufzufordern, sich einem gemeinsamen Kampfe um die Freiheit anzuschließen. Zu den anderen [im sog. 'Hellenischen Bunde' mit den Athenern zusammengeschlossenen] Bundesgenossen Gesandte zu schicken, um Truppenunterstützung anzufordern, erlaubte die Zeit nicht mehr. Denn der König Philipp, das war zu erwarten, werde in spätestens zwei Tagen in Attika erscheinen. Nur von den Böotiern, durch deren Gebiet Philipps [unangekündigter und offenbar nicht verhandelbarer] Weg führte, war sofortige Hilfe zu erwarten, auch wenn man daran zu denken hatte, daß die Böotier eigentlich [formell-vertraglich] Freunde und Bundesgenossen Philipps waren und er sie zu nötigen suchen werde, mit ihm gegen die Athener zu marschieren.

85. Dieser Vorschlag fand die Zustimmung des Volkes, und ein Beschluß entsprechend dem Antrag des Demostehens, eine Gesandtschaft zu den Böotiern zu schicken, wurde gefaßt. Dann wurde ein zur Verhandlung geeigneter Gesandtschaftsführer gesucht, und Demosthenes, der wie immer bereit war, einem Ruf zu folgen, wenn man seiner bedurfte, nahm das ihm angetragene Amt an.

Schnell führte er seinen Auftrag aus. Er gewann die Böotier für ein gemeinsames Handeln und kehrte umgehend nach Athen zurück. Das Volk schöpfte erneut Hoffnung, als es sah, daß die gegen Philipp aufzubietende Kriegsmacht auf das Doppelte angewachsen war. Als Feldherren wurden sofort Chares und Lysikles mit dem Oberbefehl betraut. Die gesamte Bürgerschaft griff freiwillig zu den Waffen und begleitete das [mobilisierte] Heer auf seinem Wege nach Böotien. Dessen junge Mannschaft zog in voller Einsatzbereitschaft zum Kampf. In aller Eile legten sie den Weg bis Chaironeia in Böotien zurück.

Die Böotier wunderten sich, daß die Athener so schnell eintrafen. Aber auch sie ließen es an Einsatz nicht fehlen. Sie rückten bewaffnet aus und bezogen mit den Athenern ein gemeinschaftliches Lager, wo sie den Angriff des Feindes erwarteten.

Philipp hatte zuerst an die Versammlung des ganzen böotischen Bundes eine Gesandtschaft geschickt. Unter den Gesandten hatte Python als Verhandler das größte Ansehen. Er mußte sich allerdings, als die Sache wegen des Bündnisses in der Versammlung erörtert wurde, mit [dem ebenfalls anwesenden] Demosthenes messen. Dabei zeigte sich, daß Python, obschon sonst überragend, diesem nicht gewachsen war. Demosthenes hebt selbst die weitaus größere Wirkung, die sein Vortrag gegenüber jenem des Python erzielte, in einer schriftlich hinterlassenen Rede vervor, wenn er sagt: "Dem Strom der Prahlereien, welcher sich aus Pythons Munde gegen euch ergoß, blieb ich unbeweglich fest."

Philipp gab jedoch, auch nachdem ihm eine Verbindung mit den Böotiern nicht gelungen war, seine Pläne keineswegs auf und beschloß nun, gegen beide Feinde zu kämpfen. Er wartete nur noch so lange, bis die noch fehlenden seiner Bundesgenossen eintrafen, und rückte dann mit dreißigtausend Mann Fußvolk und zweitausend Mann Reiterei in Böotien ein.

Beide Seiten waren nun gefechtsbereit. An Einsatzbereitschaft, Kampfmoral und Tapferkeit waren sie einander gleich. Aber der König war im Vorteil, was seine Truppenzahl und seine Fähigkeit zur Heeresführung betraf. Denn er hatte schon in vielen und unterschiedlichen Schlachten geführt und in den meisten Fällen siegreich bestanden; er besaß viel Erfahrung im Kriegswesen. Bei den Athenern waren aber die fähigsten Heersbefehlshaber dieser Epoche, Iphikrates, Chabrias und Timotheos, zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr unter den Lebenden, und unter den noch übriggebliebenen Befehlshabern mit einer gewissen Erfahrung war Chares der 'beste'. Dieser jedoch unterschied sich in nichts von einem gewöhnlichen Soldaten, das heißt er hatte weder die Durchsetzungsfähigkeit noch die Besonnenheit und den Einfallsreichtum eines wirklichen Feldherren.

86. Mit Tagesanbruch nahmen die Heere ihre taktische Ordnung ein und rückten gegeneinander vor. Der König Philipp stellte seinen Sohn Alexander, der zwar fast noch ein Knabe war, aber doch schon männliche Kühnheit und einen rasch auffassenden, zu wirksamen Entscheidungen fähigen Geist besaß, als Befehlshaber auf den einen [linken] Flügel und gab ihm einige besonders tüchtige Kommandeure bei. Er selbst nahm seine auserlesene Gardetruppe zu sich und befehligte auf dem rechten Flügel. Die einzelnen Abteilungen ordnete er so, wie es die taktische Lage im vorliegenden Falle am sinnvollsten machte.

Die Athener dagegen gliederten [über einen Oberkommandierenden und in Absprache mit den Böotiern] die taktische Ordnung nach Völkerschaften. Die Böotier bildeten und befehligten den einen Flügel, den anderen die Athener.

Es war eine lange, hitzige Schlacht, die auf beiden Seiten eine große Zahl Opfer forderte. Eine Zeitlang schwankten der Kampf und die Hoffnung auf Sieg unentschieden hin und her. Dann jedoch ergriff Alexander, der seinem Vater einen Beweis seiner militärischen Fähigkeit geben wollte, mit aller Macht und überragendem Einsatz in das Geschehen ein, und ihm zur Seite viele tapfere Männer. In vorderster Linie sprengte er in die geschlossene Front der Feinde und brachte sie in Bedrängnis, indem er viele der ihm Entgegenstehenden niedermachte. Da die anderen neben ihm ebenso handelten, wurde die Front schließlich durchbrochen, und der Feind erlitt viele Verluste. So brachten die Leute auf Alexanders Flügel durch ihren Sturm als erste den Feind überhaupt ins Wanken.

Nun entschloß sich auch der König zum Sturm; denn den Ruhm des Sieges wollte er nicht einmal an seinen Sohn Alexander abtreten. Mit Gewalt drängte er zuerst die Front der Feinde zurück und nötigte sie dann immer mehr zur Flucht. Damit entschied er den Sieg.

Von den Athenern fielen in der Schlacht mehr als tausend Mann, und gefangen wurden nicht weniger als zweitausend. Ebenso kamen von den Böotiern viele um, und ebenfalls viele gerieten in Gefangenschaft.

Nach der Schlacht errichtete Philipp ein Siegeszeichen, lieferte die Toten zur Bestattung aus, brachte den Göttern Siegesopfer und belohnte die Tapfersten unter seinen Soldaten nach ihrem Verdienst.

87. Es gibt Berichte, nach denen Philipp bei dem Mahle, das er zu Feier des Sieges mit seinen Freunden hielt, nach gemeinschaftlichem Genuß einer Menge unvermischten Weines durch die Reihen der Gefangenen gegangen sein und mit kränkenden Worten die Unglücklichen verspottet haben soll. Der unter den Gefangenen befindliche Redner Demades habe ihm aber freimütig etwas gesagt, das geeignet gewesen sei, den Übermut des Königs zu zügeln. "König", so soll Demades bemerkt haben, "das Schicksal hat dir Agamemnons Rolle zugewiesen, und du schämst dich nicht, wie ein Thersites zu handeln?" Philipp habe das Treffende dieser Bemerkung gespürt und sofort sein ganzes Verhalten so geändert, daß er die Siegeskränze habe abreißen und alle Zeichen des Hohns, die mit derartigen Feiern verbunden sind, habe entfernen lassen. Den freimütigen Mann aber habe er so bewundert, daß er ihn aus der Gefangenschaft entlassen und, um ihn zu ehren, in seine Nähe gezogen habe. Durch die Attische Freiheit, welche Demades verkörperte, gewonnen, habe er schließlich alle Gefangenen ohne Lösegeld freigegeben, jede Überheblichkeit des Auftretens abgelegt und Gesandte an das Volk der Athener geschickt, um mit ihnen Freundschaft und ein Bündnis zu schließen. In die Stadt Theben habe er [allerdings] eine Besatzung gelegt, aber danach auch den Böotiern den Frieden gewährt.

88. Die Athener verurteilten nach der Niederlage den Feldherrn Lysikles zum Tode. Die Anklage erhob der Redner Lykurgos, ein unter den damaligen Rednern hochangesehener Mann, der zwölf Jahre lang die Einkünfte der Stadt ohne Tadel verwaltet hatte und wegen seiner Tugendhaftigkeit allgemeines Ansehen hatte, welches auch seine Anklage überzeugend und für Lysikles gefährlich machte. Würde und Ernst seiner Anklagerede gehen aus jener Stelle hervor, wo er sagt:"Feldherr warst du, Lysikles, und nachdem [durch deine Schuld] tausend Bürger gefallen, zweitausend in Gefangenschaft geraten, Siegeszeichen gegen die Stadt errichtet und alle griechischen Staaten in Knechtschaft geraten sind, wagst du es noch zu leben und das Tageslicht zu sehen und dich auf dem Markte sehen zu lassen, du, das sprechende Denkmal der Schmach und Schande unseres Vaterlands?" ...


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .