Der Beginn des Bürgerkriegs i. J. 49 v. Chr.: Caesar, Der Bürgerkrieg, Buch 1, 1 - 34 (auszugsweise).

Deutsche Übersetzung nach: Gaius Iulis Caesar, Der Bürgerkrieg. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Marieluise Deissmann-Merten, Stuttgart 1983, S. 3 - 26.


[Verlorengegangene Textbestandteile am Anfang des Buches] ... 1. Nachdem der Brief' den Consuln übergeben worden war, gelang es nur durch äußerste Anstrengung der Volkstribunen, daß er im Senat verlesen wurde. Es konnte jedoch nicht erreicht werden, daß im Senat über den Inhalt des Briefes verhandelt wurde. Statt dessen berichteten die Consuln über die Lage des Staates. Der Consul L. Lentulus versprach, dem Staat zur Verfügung zu stehen, wenn sie als Senatoren sich entschlössen, mutig und entschieden ihre Meinung zu sagen. Wenn sie dagegen Rücksichten auf Caesar nähmen und wie bei früheren Gelegenheiten seine Gunst zu gewinnen suchten, so werde er seine Entschlüsse im eigenen Interesse fassen und sich dem Willen des Senates nicht beugen. Auch er habe Zugang zu Caesars Gunst und Freundschaft. Die gleiche Meinung äußerte Scipio: Pompeius habe nicht vor, sich dem Staat zu versagen, wenn der Senat sich ihm anschließe. Sollte dieser jedoch zögern und nicht entschieden genug handeln, so werde er später, wenn er wirklich seine Unterstützung suche, vergeblich darum bitten.

2. Da die Senatssitzung in Rom stattfand und Pompeius [scil. deswegen] nicht zugegen war, schien diese Rede Scipios aus dem Munde des Pompeius selbst zu kommen. Mancher hatte eine gemäßigtere Meinung vorgetragen, wie anfangs M. Marcellus, dessen Rede dahin ging, es sei nicht nützlich, diese Angelegenheit vor den Senat zu bringen, ehe nicht in ganz Italien Musterungen und Einberufungen erfolgt seien. Nur unter diesem Schutz, der Sicherheit und Freiheit garantiere, könne der Senat nach seinem Willen entscheiden6. Ebenso beantragte M. Calidius, daß Pompeius in seine Provinzen gehen solle, damit es keinen Anlaß zu bewaffneten Unruhen gebe. Nachdem Caesar zwei Legionen entzogen worden seien, fürchte er, daß Pompeius sie offensichtlich gegen ihn verwenden wolle und sie deshalb in der Nähe Roms zurückhalte. Auch M. Rufus vertrat die Meinung des Calidius mit fast den gleichen Argumenten. Alle drei wurden von dem Consul L. Lentulus mit scharfen Worten zurechtgewiesen und heftig angegriffen. Lentulus lehnte es rundweg ab, über den Antrag des Calidius abstimmen zu lassen. Marcellus wurde durch die Zurechtweisung so in Schrecken versetzt, daß er seinen Antrag zurücknahm. Die Außerungen des Consuls, die Furcht, die die Anwesenheit des Heeres verbreitete, und die Drohungen der Freunde des Pompeius brachten so die meisten dazu, daß sie sich der Meinung Scipios gegen ihren Willen und unter Zwang anschlossen: Caesar solle vor einem bestimmten Terminu sein Heer entlassen; wenn er das nicht tue, müsse man ihn als Hochverräter ansehen [Hervorhebung vom Bearbeiter]. Die Volkstribunen M. Antonius und Q. Cassius legten ihr Veto ein. Sofort wurde über das Veto der Tribunen verhandelt. Die Meinungsäußerungen darüber waren sehr hart. Wer am schärfsten und schonungslosesten sprach, wurde von den Feinden Caesars am meisten gelobt.

3. Als die Senatssitzung gegen Abend beendet worden war, ließ Pompeius alle Senatoren zu sich kommen. Er lobte die, die sich entschlossen gezeigt hatten, und bestärkte sie für die folgende Zeit, die noch Unentschiedenen tadelte er und spornte sie an. Von überall her wurden viele Veteranen des Pompeius aufgeboten, indem man ihnen Belohnungen und Beförderungen in Aussicht stellte. Auch aus den zwei Legionen, die Caesar abgegeben hatte, holte man viele herbei. Rom war voll von Soldaten, das Comitium war erfüllt von Kriegstribunen, Centurionen und Evocaten. Alle Freunde der Consuln, die Anhänger des Pompeius und die alten Feinde Caesars wurden in den Senat gerufen. Ihre Stimmen und ihre Menge erschreckten die Zaghafteren, bestärkten die Zweifelnden, den meisten aber wurde dadurch die Möglichkeit der freien Entscheidung genommen. Der Censor L. Pisol6 erbot sich, ebenso wie der Praetor L. Roscius, selbst zu Caesar zu gehen, um ihn über die Lage der Dinge zu unterrichten. Sie forderten für dieses Unternehmen sechs Tage Zeit. Es wurden auch Meinungen laut, man solle eine offizielle Gesandtschaft zu Caesar schicken, um ihm den Willen des Senates mitzuteilen.

4. Gegen all dies erhob sich jedoch Widerspruch, und der Consul, Scipio und Cato wandten sich in ihren Reden scharf dagegen. Cato reizten die alte Feindschaft gegen Caesar und der Schmerz darüber, daß er bei der Kandidatur zum Consulat durchgefallen war. Die Beweggründe des Lentulus waren die Höhe seiner Schulden, die Hoffnung auf ein Heer und Provinzen und große Schenkungen bei der Verleihung von Königstiteln. Im übrigen rühmte er sich im Kreise seiner Anhänger, ein zweiter Sulla zu sein, der alle Regierungsgewalt erlangen werde. Scipio trieb die gleiche Hoffnung auf eine Provinz und auf Legionen. Wegen seiner Verwandtschaft mit Pompeius glaubte er, das Kommando über die Heere mit ihm teilen zu können. Zugleich bewog ihn die Furcht, vor Gericht gezogen zu werden, außerdem sein Geltungsbedürfnis und die Kriecherei vor den Männern, die in Politik und Rechtsprechung den größten Einfluß hatten. Pompeius selbst wurde von den Feinden Caesars angestachelt, und weil er niemandem in bezug auf öffentliches Ansehen gleichgestellt werden wollte, wandte er sich von Caesars Freundschaft völlig ab und söhnte sich mit den gemeinsamen Feinden wieder aus, die er zum größten Teil während der Zeit seiner verwandtschaftlichen Beziehungen zu Caesar diesem angehängt hatte. Zugleich bewog ihn die üble Nachrede wegen der zwei Legionen, die er vom Marsch nach Asien und Syrien abgehalten und zur Vergrößerung seiner Macht und Herrschaft verwendet hatte, die bewaffnete Auseinandersetzung mit Caesar zu suchen.

5. Dies waren die Ursachen dafür, daß nun alles überstürzt und planlos betrieben wurde. Man ließ den Freunden Caesars nicht genügend Zeit, ihn zu unterrichten, die Volkstribunen hatten keine Möglichkeit, die ihnen drohende Gefahr durch Verhandlungen abzuwenden, geschweige denn Gelegenheit, das letzte ihrer Rechte, das sogar L. Sulla bewahrt hatte, anzuwenden: das Interzessionsrecht. Statt dessen sahen sie sich am siebenten Tage gezwungen, an ihre eigene Sicherheit zu denken. In der Vergangenheit dagegen war es selbst für die aufrührerischsten Volkstribunen erst im achten Monat ihrer Amtsführung notwendig geworden, eine Bedrohung ihres Lebens zu fürchten und an ihre eigene Rettung zu denken. Man kam eilends zu jenem äußersten und letzten Senatsbeschluß, zu dem sich auch die kühnsten Senatoren vorher niemals durchgerungen hatten, es sei denn, daß eine Feuersbrunst die ganze Stadt bedrohte oder das Leben aller auf dem Spiele stand: Die Consuln, Praetoren, Volkstribunen und Proconsuln in der Nähe Roms mögen dafür sorgen, daß der Staat keinen Schaden erleide [Hervorhebung vom Bearbeiter]. Dieser Senatsbeschluß wurde am 7. Januar zu Protokoll gegeben. In den ersten fünf Tagen also, an denen seit Lentulus' Consulatsantritt Senatssitzungen stattfinden konnten - wobei die zwei Comitialtage abzuziehen sind - waren über das Kommando Caesars, über hochstehende Männer und Volkstribunen die schärfsten und verletzendsten Entscheidungen gefallen. Die Volkstribunen flüchteten sofort aus Rom und begaben sich zu Caesar. Dieser befand sich zu jener Zeit in Ravenna und erwartete die Antwort auf seine überaus maßvollen Forderungen, in der Hoffnung, die Angelegenheit könne friedlich beigelegt werden, wenn man nur etwas Gerechtigkeit walten lasse.

6. In den nächsten Tagen fanden die Senatssitzungen außerhalb Roms statt. Dort vertrat Pompeius eben das, was er durch Scipio zu erkennen gegeben hatte. Er lobte die Tapferkeit und Festigkeit des Senates und erstattete Bericht über seine Truppenstärke: Er habe zehn einsatzbereite Legionen. Zudem sei ihm aus zuverlässiger Quelle bekannt, daß bei den Soldaten Caesars eine feindselige Stimmung gegen ihren Führer herrsche. Es sei unmöglich, sie dazu zu bewegen, Caesar zu verteidigen oder auch nur, ihm zu folgen. Ferner wurden dem Senat folgende Anträge vorgelegt: In ganz Italien solle eine Aushebung durchgeführt werden; Faustus Sulla solle als Propraetor nach Mauretanien gehen; aus dem Aerar solle Pompeius Geld zur Verfügung gestellt werden. Weiterhin wurde beantragt, daß der König Juba zum Bundesgenossen und Freund des römischen Volkes ernannt werde. Der Consul Marcellus lehnte es jedoch ab, diesem Antrag zum gegenwärtigen Zeitpunkt zuzustimmen. Gegen die Annahme des Antrages, der die Mission des Faustus betraf, legte der Volkstribun Philippus sein Veto ein. Alles übrige wurde vom Senat beschlossen und zu Protokoll gegeben. Die Provinzen, zwei consularische, im übrigen praetorische, wurden an Privatleute vergeben. Scipio erhielt Syrien, L. Domitius Gallien. Auf Grund einer geheimen Abmachung wurden Philippus und Cotta übergangen und nahmen auch nicht an der Verlosung der Provinzen teil. In die übrigen Provinzen wurden ehemalige Praetoren geschickt. Sie warteten nicht auf die Bestätigung ihrer Statthalterschaft durch die Volksversammlung, wie es in früheren Zeiten geschehen war, sondern reisten in Kriegskleidung ab, nachdem sie ihre Gelübde geleistet hatten. Die Consuln verließen die Stadt. Niemals war dies bisher geschehen, und ebenso verletzte es alles Herkommen, daß man in der Stadt und auf dem Capitol Privatleute in Begleitung von Lictoren sah. In ganz Italien wurden Aushebungen durchgeführt, Waffenlieferungen angeordnet, Gelder aus den Municipien eingezogen, aus den Tempeln weggenommen, alles göttliche und menschliche Recht wurde auf den Kopf gestellt.

7. Als Caesar davon erfuhr, hielt er eine Ansprache an seine Soldaten: Er erinnerte an alles Unrecht, das ihm seine Feinde zugefügt, und beklagte, daß sie Pompeius verdorben und vom rechten Wege abgeführt hätten., indem sie in ihm Neid und Eifersucht auf Caesars Ruhm erweckt hätten. Er selbst, Caesar, habe dagegen stets die Ehre und das öffentliche Ansehen des Pompeius geschützt und gefördert. Ferner beklagte er sich über die unerhörte politische Maßnahme, das tribunizische Veto mit der Drohung, bewaffnet einzuschreiten, als verwerflich zu tadeln und zu unterdrücken, während es in den vorhergegangenen Jahren gewaltlos wieder eingeführt worden sei. Sulla habe zwar die Volkstribunen aller Rechte beraubt, ihr Vetorecht jedoch unangetastet gelassen. Pornpeius, der die verlorengegangenen Befugnisse scheinbar wiederhergestellt habe, habe nun auch die vorher noch bestehenden wieder aufgehoben. Sooft der Beschluß ergangen sei, die Magistrate sollten dafür sorgen, daß der Staat keinen Schaden erleide - mit dieser Formel und diesem Senatsbeschluß habe man das römische Volk zu den Waffen gerufen - sei er bei staatsgefährdenden Gesetzesanträgen, bei Gewaltanwendung durch Volkstribunen und bei Aufruhr des Volkes in Verbindung mit der Besetzung von Tempeln und Anhöhen erfolgt. Als Beweise führte er aus der Vergangenheit die Ereignisse um Saturninus und die Gracchen an, die ihr Vergehen mit dem Tode büßten. Nichts davon sei zum jetzigen Zeitpunkt geschehen, nicht einmal geplant worden. Kein Gesetzesantrag habe vorgelegen, niemand habe angefangen, mit dem Volk zu verhandeln, geschweige denn, daß ein Auszug des Volkes stattgefunden habe. Er schloß mit der eindringlichen Aufforderung an seine Soldaten, den guten Ruf und das öffentliche Ansehen ihres Feldherrn gegen seine Feinde zu verteidigen, ihres Feldherrn, unter dessen Führung sie in neun Jahren dem Wohl des Staates mit dem größten Erfolg gedient, eine Unzahl von Siegen erfochten und ganz Gallien und Germanien befriedet hätten. Die Soldaten der 13. Legion, die allein anwesend war, weil er sie zu Beginn der Feindseligkeiten hatte kommen lassen, während die übrigen sich noch nicht versammelt hatten, riefen laut, sie seien bereit, sich gegen das Unrecht, das an ihrem Feldherrn und den Volkstribunen begangen worden sei, zur Wehr zu setzen.

8. Nachdem Caesar sich von dem guten Willen seiner Soldaten überzeugt hatte, brach er mit der 13. Legion nach Ariminum [scil.: südlich der Provinzgrenze der zu Caesars Verwaltungsbereich gehörigen Gallia cisalpina, jenseits des legendären Flüßchens Rubico] auf und traf dort mit den Volkstribunen zusammen, die zu ihm geflohen waren. Mit dem Befehl, ihm zu folgen, ließ er dann die übrigen Legionen aus den Winterlagern aufbrechen. ....

14. Als diese Ereignisse [scil.: Caesars schnelles Vordringen nach Süden] in Rom bekannt wurden, brach plötzlich eine solche Panik aus, daß der Consul Lentulus, der gekommen war, um das Aerar zu öffnen und das Geld gemäß Senatsbeschluß Pompeius zu überbringen, überstürzt aus der Stadt floh und dabei sogar das innere Aerar offenließ. Denn es verbreitete sich das falsche Gerücht, Caesar werde schon in allernächster Zeit eintreffen und seine Reiter seien schon da. Lentulus folgten sein Kollege Marcellus und die meisten Beamten. Am Vortage hatte Cn. Pompeius Rom verlassen und befand sich auf dem Wege zu den Legionen, die er von Caesar erhalten und nach Apulien in Winterlager verlegt hatte. Die Aushebungen in der Umgebung wurden eingestellt. Allen schien nördlich von Capua nichts mehr sicher zu sein. Erst in Capua sammelten sie sich wieder, faßten neuen Mut und fingen an, Siedler auszuheben, die auf Grund der Lex Julia in Campanien angesiedelt worden waren. Lentulus ließ sogar die Gladiatoren, die Caesar in Capua für Spiele unterhielt, aufs Forum führen, stellte ihnen ihre Freilassung in Aussicht, gab ihnen Pferde und befahl ihnen, ihm zu folgen. Als ihn jedoch seine Freunde warnten, weil diese Maßnahme von allen scharf mißbilligt wurde, verteilte er die Gladiatoren auf die römischen Güter in Campanien, wo sie unter Bewachung stehen sollten.

15. Von Auximum aus drang Caesar weiter vor und durchquerte in Eilmärschen das ganze picenische Land. Alle Praefecturen dieses Gebietes nahmen ihn mit größter Bereitwilligkeit auf und unterstützten sein Heer mit allem Notwendigen. ...

28. Die Einwohner von Brundisium, die die Übergriffe der Soldaten und die verletzende Behandlung durch Pompeius erbittert hatten, standen auf der Seite Caesars. Als sie daher von der bevorstehenden Abfahrt des Pompeius erfuhren, gaben sie Caesar überall von den Dächern her Zeichen, während die Besatzungssoldaten hin und her liefen und mit Vorbereitungen beschäftigt waren. Als Caesar auf diese Weise durch die Einwohner informiert wurde, befahl er seinen Soldaten, Leitern zu beschaffen und sich zu bewaffnen, damit keine Gelegenheit zum Eingreifen versäumt werde. Bei Einbruch der Nacht fuhr Pompeius ab. Die Soldaten, die als Wache auf der Mauer standen, wurden mit dem vereinbarten Zeichen zurückgerufen und liefen auf den bekannten Wegen hinab zu ihren Schiffen. Die Soldaten Caesars legten die Leitern an und erstiegen die Mauern; doch als die Brundisier sie vor den unsichtbaren Gräben mit den darin verborgenen Pfählen warnten, blieben sie zunächst stehen. Als sie schließlich unter Führung der Brundisier auf einem langen Umweg zum Hafen gelangten, konnten sie mit Kähnen und Booten gerade noch zwei Schiffe mit Soldaten anhalten und abfangen, die an Caesars Damm hängengeblieben waren.

29. Obwohl es Caesar im Hinblick auf einen schnellen Abschluß der Angelegenheit für sehr angebracht hielt, Schiffe zu beschaffen und Pompeius übers Meer zu folgen, bevor dieser sich der Hilfstruppen jenseits des Meeres versichern konnte, fürchtete er doch den damit verbundenen Aufenthalt und den Zeitverlust, denn Pompeius hatte alle verfügbaren Schiffe aufgetrieben und Caesar damit jede Möglichkeit genommen, ihm sofort zu folgen. So wäre Caesar nur übriggeblieben, auf Schiffe aus den fernen Gegenden Galliens und des Picenums oder aus der Meerenge zu warten. Wegen der Jahreszeit erschien ihm dies aber zu langwierig und schwierig: Inzwischen konnten das alte Heer und die spanischen Provinzen des Pompeius, von denen sich eine durch seine großen Verdienste um sie schon verpflichtet fühlte, weiter für seine Sache eingenommen werden; es war auch möglich, Hilfstruppen und eine Reiterei aufzustellen; ja es konnte der Versuch gemacht werden, Italien und Gallien zu gewinnen. Caesar wollte unbedingt vermeiden, daß dies in seiner Abwesenheit geschah.

30. Daher ließ er für den Augenblick den Plan fallen, Pornpeius zu folgen, und beschloß, nach Spanien aufzubrechen. Den obersten Beamten der Landstädte gab er jedoch den Befehl, Schiffe zu beschaffen und nach Brundisium zu bringen. Seinen Legaten Valerius sandte er mit einer Legion nach Sardinien, Curio im Range eines Praetors mit drei Legionen nach Sizilien; sobald er Sizilien eingenommen hätte, sollte er sofort mit dem Heer nach Afrika übersetzen. Sardinien stand damals unter der Verwaltung des M. Cotta, Sizilien unter der des M. Cato, und die Statthalterschaft über Afrika sollte nach der Verlosung Tubero antreten. Als die Einwohner von Caralis erfuhren, daß Caesar Valerius zu ihnen schicke, vertrieben sie von sich aus Cotta aus der Stadt, noch ehe Valerius Italien verlassen hatte. Da Cotta erkannte, daß die ganze Provinz einer Meinung war, floh er voller Schrecken aus Sardinien nach Afrika. Cato ließ in Sizilien alte Kriegsschiffe wiederherstellen und befahl den einzelnen Gemeinden, neue zu bauen. Dies betrieb er mit großem Eifer.

Durch seine Legaten ließ er in Lucanien und Bruttien unter den römischen Bürgern Aushebungen vornehmen und verlangte eine bestimmte Anzahl Reiter und Fußsoldaten von den Gemeinden auf Sizilien. Als er diese Maßnahmen beinahe völlig durchgeführt hatte, erfuhr er von der Landung Curios. Da beklagte er in einer Heeresversammlung, Pornpeius habe ihn im Stich gelassen und verraten, denn er habe einen unnötigen Krieg angefangen, obwohl seine Vorbereitungen völlig unzureichend gewesen seien. Als er jedoch von ihm und den übrigen im Senat danach gefragt worden sei, habe er versichert, er sei in jeder Hinsicht gut für den Krieg gerüstet. Nach dieser Klage in der Heeresversammlung floh er aus der Provinz.

31. So fielen Valerius und Curio Provinzen ohne Statthalter zu, Valerius Sardinien, Curio Sizilien; beide kamen mit ihren Heeren dort an. Als Tubero in Afrika eintraf, fand er Attius Varus als obersten Befehlshaber in der Provinz vor. Wie wir früher berichteten, hatte er bei Auximum seine Cohorten verloren und war auf seiner Flucht geradenwegs nach Afrika gekommen. Er hatte eigenmächtig die Regierung der Provinz an sich gerissen und durch eine Aushebüng zwei Legionen zusammengestellt. Die Mittel und Wege zu diesem Unternehmen hatte er gefunden, weil er vor wenigen Jahren gleich nach seiner Praetur Statthalter dieser Provinz gewesen war, daher die Gegend und ihre Bewohner gut kannte und sich auf seine Erfahrungen stützen konnte. Als Tubero mit Schiffen nach Uticakam, sperrte Varus ihn von Stadt und Hafen aus und ließ nicht zu, daß Tubero seinen kranken Sohn an Land brachte, sondern zwang ihn, die Anker zu lichten und abzufahren.

132. Nach Erledigung dieser Dinge ließ Caesar seine Soldaten in die nächstgelegenen Landstädte abziehen, um ihnen eine Ruhepause zu gönnen. Er selbst brach nach Rom auf. Vor dem einberufenen Senat erinnerte er an das Unrecht, das ihm seine Feinde angetan hätten: Er wies nach, daß er sich nicht um ein außergesetzliches Amt bemüht habe; im Gegenteil, als er den gesetzlich vorgeschriebenen Termin für den Consulat abgewartet habe, habe er sich mit dem begnügt, was sich allen Bürgern als Möglichkeit biete. Von den zehn Volkstribunen sei der Antrag gestellt worden, daß seine Bewerbung um den Consulat auch in seiner Abwesenheit berücksichtigt würde. Seine Gegner hätten sich dagegen ausgesprochen, vor allem Cato habe schärfsten Widerstand geleistet und nach seiner altbekannten Gewohnheit durch Dauerreden die Senatssitzungen hingezogen. Doch sei Pompeius selbst in dieser Zeit Consul gewesen; wenn er gegen den Antrag gewesen sei, warum habe er ihn dann einbringen lassen? Wenn er aber dafür gewesen sei, warum habe er verhindert, daß Caesar von diesem zu seinen Gunsten ausgefallenen Volksbeschluß Gebrauch gemacht habe? Seine eigene Nachgiebigkeit stellte er deutlich heraus: Er habe die Forderung auf Entlassung der Heere von sich aus gestellt, obwohl er selbst dadurch einen Verlust an öffentlichem Ansehen und an Ehre auf sich genommen hätte. Er wies auf die starre, gehässige Haltung seiner Gegner hin, die das, was sie von der anderen Seite verlangten, für sich selbst ablehnten und lieber alles drunter und drüber gehen lassen wollten, als auf ihr Kommando und ihre Heere zu verzichten. Mit Nachdruck kennzeichnete er es als ein Unrecht, daß ihm die Legionen entzogen worden seien, und nannte es harte Willkür, die Volkstribunen in der Ausübung ihrer Rechte zu behindern. Er erinnerte daran, daß er Bedingungen gestellt und um Unterredungen mit Pompeius gebeten habe, die ihm jedoch verweigert worden seien. Er richtete die dringende Aufforderung an den Senat, angesichts dieser Lage die Leitung des Staates zu übernehmen und die Regierungsgeschäfte gemeinsam mit ihm zu führen. Wenn die Senatoren sich dem jedoch aus Furcht entziehen wollten, so werde er sie nicht weiter belästigen und den Staat allein regieren. Es sei im übrigen notwendig, Gesandte an Pompeius zu schicken, um über einen Vergleich zu verhandeln. Davor scheue er nicht zurück, auch wenn Pompeius kurz vorher im Senat gesagt, habe, daß Gesandtschaften das Ansehen der Seite, an dei sie gingen, erhöhten, dagegen einen deutlichen Beweis für die Furcht der anderen Partei bildeten. Dies scheine ihm für einen beschränkten und nicht gerade überlegenen Geist zu sprechen. Er selbst aber wolle an Gerechtigkeit und Mäßigung alle überragen, ebenso wie er auch bestrebt gewesen sei, alle durch seine militärischen Taten zu übertreffen.

33. Der Senat billigte zwar seinen Vorschlag, Gesandte abzuschicken, doch fand sich niemand, den man hätte senden können, da alle, wohl hauptsächlich aus Angst, die Teilnahme an der Gesandtschaft ablehnten. Pompeius hatte nämlich bei seiner Abreise aus Rom im Senat geäußert, er werde später die, die sich im Lager Caesars befunden hätten, nicht anders behandeln als die, die in Rom geblieben wären. So gingen drei Tage unter Debatten und Entschuldigungsreden dahin. Zu alledem setzten die Gegner Caesars den Volkstribun Lucius Metellus ein, um diese Angelegenheit zu verzögern und auch um alles andere, was Caesar möglicherweise zur Verhandlung bringen wollte, zu verhindern. Caesar durchschaute diese Absicht, als schon einige Tage ergebnislos verstrichen waren, und um nicht noch weitere Zeit zu verlieren, ließ er das, was er begonnen hatte, liegen, verließ Rom und begab sich ins jenseitige Gallien.


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .