Die Überlegenheit der römischen Reichsgewalt gegenüber der jüdischen Rebellion: Flavius Josephus, Jüdischer Krieg, Buch 3, aus Kap. 5 - 8.

Deutsche Übersetzung nach: Flavius Josephus, Der Jüdische Krieg - De bello Iudaico. Übertragen und eingeleitet von Hermann Endrös, 2 Bde., München 1965, Bd. 1, S. 266 - 300 (Auszüge).


5. Kapitel.

1. Wie klug die Römer ihre Kriege zu planen pflegen, kann man mit Bewunderung aus der Tatsache ersehen, daß sie den Troß nicht ausschließlich für die alltäglichen Knechtsdienste abrichten, sondern auch dafür, daß er im Krieg Verwendung finden kann. Sieht man sich aber an, wie sie außerdem ihr gesamtes Heer aufgebaut haben, dann wird einem klar, daß ihnen ihre gewaltige Vormachtstellung nicht als Geschenk des Schicksals in den Schoß fiel, sondern daß sie diese ihrer Energie zu verdanken haben. Sie fangen nämlich nicht erst im Krieg damit an, die Leute im Waffenhandwerk zu schulen, und sie bewegen ihre Arme nicht erst unter dem Zwang der Not, während sie im Frieden tatenlos bleiben, nein, bei ihrer militärischen Ausbildung gibt es, als wüchsen sie mit den Waffen auf, keinerlei Unterbrechung, und sie warten nicht erst, bis die Zeit sie drängt. Ihr Exerzieren geht mit einer Härte vor sich, die keineswegs durch dieWirklichkeit übertroffen werden könnte; jeder Soldat exerziert vielmehr Tag für Tag mit einem Ernst, als befände er sich im Krieg. Deshalb fällt es ihnen so unglaublich leicht, mit ihren kriegerischen Unternehmungen fertig zu werden; denn ihre gewohnte Aufstellung wird durch keine Konfusion erschüttert, keinerlei Furcht kann ihnen an, Strapazen machen sie nicht mürbe, so daß sie ihre Feinde, die es darin mit ihnen nicht aufnehmen können, stets zu besiegen vermögen. Man könnte mit Recht sagen, ihr Exerzieren bestehe in unblutigen Kämpfen, während ihre Schlachten ein blutiges Exerzieren seien. Ein Feind vermag sie nämlich auch nicht durch einen Uberraschungsangriff leicht zu überwinden; denn überall, wo sie in Feindesland eindringen, lassen sie sich auf keine Schlacht ein, ohne zuvor ein festes Lager anzulegen. Sie schlagen dieses nicht irgendwie und in variabler Form auf, und sie schanzen dabei nicht, wie jeder gerade will, sondern es wird der Boden, wenn er uneben ist, eben gemacht und ein Lagerviereck abgesteckt. Zum Heer gehören auch zahlreiche Handwerker, die über das entsprechende Werkzeug für ihre Bauarbeiten verfügen.

2. Das Innere des Lagers teilen sie auf nach Zeltstraßen, der Außenwall ähnelt einer Mauer und weist in bestimmten Abständen Türme auf. Zwischen diesen Türmen bestücken sie die Wälle mit Scharfschießgeräten, mit Schleudermaschinen und Steinwerfern, d. h. mit allen möglichen, jeweils schußbereiten Schießgeräten. Sie legen vier Lagertore an, auf jeder Umwallungsseite eines, die die Lasttiere leicht passieren können und die genügend weit sind, um etwaige Ausfälle zu ermöglichen. Innen ziehen sich regelmäßig angelegte Straßen durch das Lager, und in der Mitte hat die militärische Führung ihre Zelte, und ganz im Mittelpunkt befindet sich das Zelt des Kommandanten, das aussieht wie ein Heiligtum. Es macht den Eindruck, als wäre so von ungefähr eine Stadt zustande gekommen und ein Marktplatz darin, ebenso Raum für die Handwerker, außerdem Gerichtsstühle für Hauptleute und führende Militärs, daß bei etwaigen Streitereien Gericht gehalten werden kann. So viele Soldaten beteiligen sich am Schanzen, und sie tun es mit solcher Hingabe, daß die Umwallung und alles, was sie einschließt, wider Erwarten rasch zustandekommt. Nötigenfalls wird auch außen ein Graben angelegt, vier Ellen tief und genauso breit.

3. Sobald die Umwallung steht, beziehcn die Sodaten nach ihrer Gruppeneinteilung und in völliger Ordnung ihren Platz im Lager. Auch alles andere vollzieht sich in stretiger Ordnung und Zucht. Nach genauem Plan werden Leute dafür bestimmt, Holz herbeizutragen, für das Essen zu sorgen und Wasser zu holen. Es kann auch nicht jeder nach Belieben sein Mittagessen und sein Frühstück einnehmen; Trompetenstöße zeigen an, wann es Zeit zum Schlafen ist, wann die Nachtwachen wechseln und wann geweckt wird, und alles geschieht auf Kommando. Allmorgendlich finden sich die Soldaten vor ihren Hauptleuten zusammen, leisten den Gruß, und diese machen es genauso vor ihren Obersten, die dann gemeinsam mit allen höheren Dienstgraden beim obersten Feldherrn vorstellig werden. Dieser erteilt ihnen, wie das immer zu geschehen pflegt, die Losung und gibt Befehle an sie, die dann wieder an die anderen Dienstgrade weitergeleitet werden. Auch im Kampf halten sie sich an dasselbe Reglement, schnell werden Wendungen ausgeführt, um dort, wo Not am Mann ist, eingreifen zu können. Ertönt das Zeichen zum Rückzug, so kehren sie rasch in geschlossener Formation zurück.

4. Trompetenschall zeigt auch an, wann man das Lager verlassen soll. Dann ist niemand untätig, sondern gleich, wenn das Zeichen ertönt, werden die Zelte abgebaut, und alles wird ins Werk gesetzt, um den Abzug in Gang zu bringen. Ein weiterer Trompetenstoß verlangt von jedem, sich abmarschbereit zu halten. Die Soldaten bepacken im Nu die Maulesel und die anderen Lasttiere, um sich dann wie vor einem Wettlauf vor den Schranken aufzustellen, bereit loszumarschieren. Das Lager wird gleich verbrannt, denn die Römer können es ja mit Leichtigkeit wieder am gleichen Fleck aufrichten, doch darf es niemals für die Feinde benützbar sein. Gleicherweise kündet dann ein dritter Trompetenstoß den Aufbruch an und ruft alle, die irgendwie noch nicht soweit sind, zur Eile, da jeder in der geordneten Reihe seinen Platz einnehmen muß. Dann ruft der Herold, der rechts vom Feldherrn steht, die Soldaten dreimal in ihrer Muttersprache an, ob sie für den Kampf bereit seien. Diese rufen genauso of't mit gewaltiger Stimme zurück, sie seien bereit; oftmals sogar lassen sie die Frage gar nicht erst laut werden, sondern werfen vor lauter Kampfeswut den rechten Arm mit Geschrei in die Höhe.

5. Jetzt geht es hinaus, und ohne zu sprechen wird marschiert in aller Ordnung, keiner weicht von seinem Platz in der Marschordnung, gerade wie in der Schlacht selbst. Die Fußtruppen tragen zu ihrem Schutz Brustpanzer und Helme, links und rechts hat jeder eine messerartige Waffe, links das bedeutend längere Schwert, rechts den Dolch, kaum eine Spanne lang. Die Elitetruppen zu Fuß unmittelbar um den Feldherrn sind mit der Lanze und dem Rundschild bewaffnet, die übrigen Truppen mit dem Speer und mit dem gewöhnlichen Schild; ferner tragen sie eine Säge bei sich und einen Korb, Spaten und ein Beil, Riemen, Messer und Fesseln, außerdem noch Verpflegung für drei Tage. So ist der Fußsoldat beinahe bepackt wie ein Maultier. Die Reiter tragen zur Rechten ein großes Schwert und in der Hand eine lange Lanze, der Schild hängt an der Seite des Pferdes, und in einem Behälter befinden sich drei oder noch mehr Speere griffbereit - sie haben eine breite Spitze, sind aber nicht kürzer als eine Stoßlanze. Nicht anders als die Fußsoldaten tragen sie auch Helme und Brustpanzer. Die Elite um den Feldherrn ist ferner genauso bewaffnet wie die Reiter in den normalen Einheiten. Voran zieht immer die Legion, die das Los dazu bestimmt.

6. Eine solche Ordnung halten die Römer beim Marschieren und im Lager, und solchermaßen unterscheiden sich die verschiedenen Waffenformationen. Während der Schlacht geht nichts ohne vorherige Planung oder improvisiert vor sich, immer wird zuerst überlegt und dann gehandelt, und was einmal beschlossen wurde, das wird auch durchgeführt. So kommt es selten zu fehlerhaften Maßnahmen; sollte aber einmal etwas mißlingen, dann sind sie leicht in der Lage, einen Fehler zu beheben. Mißlingt ihnen etwas, was sie zuvor genau geplant hatten, dann ist dies für sie von größerer Bedeutung als ein Zufallserfolg, da ein unbedachter Erfolg leichtsinnig mache, wogegen die Planung, selbst wenn sie sich irrig erweist, den Vorteil vorsichtigen Handelns erbringt, damit fernerhin keine ähnlichen Mißgeschicke passieren. Improvisierte Erfolge sind ja nicht dein zu verdanken, dem sie in den Schoß fallen, Pannen dagegen, die trotz der Planung vorkommen, sind immerhin von dem Trost begleitet, daß man sich vorher fachgerecht alles zurechtgelegt hat.

7. So rüsten sie sich nicht nur körperlich durch ihr Reglement, sondern auch seelisch. Und auch die Furcht stellen sie in den Dienst der kriegerischen Erziehung, da nicht nur auf Fahnenflucht von Gesetzes wegen die Todesstrafe steht, sondern sogar schon auf geringfügigen Unachtsamkeiten. Noch mehr als die Gesetze fürchten sie jedoch die Feldherren, die lediglich durch die Auszeichnung erfolgreicher Soldaten den Eindruck der grausamen Behandlung der straffällig Gewordenen zu mildern vermögen. Durch diesen absoluten Gehorsam gegenüber den Feldherren kommt es, daß das gesamte Heer im Friedenszustand eine vorzügliche Ordnung aufweist und während des Kampfes sich wie ein einziger Block bewegt, so eingeschlossen in den Reihen, so haargenau in den Wendungen, so scharf achten sie auf die Kommandos und ihre Feldzeichen und so bereit sind ihre Hände zum Zuschlagen. Deshalb sind sie in allen Maßnahmen sehr rasch und geraten nicht leicht in die Verlegenheit, selbst den kürzeren zu ziehen. Wo sie Fuß gefaßt haben, da kann sie keine Masse von Angreifern, keine List und auch keine Geländeschwierigkeit, ja nicht einmal die Gewalt des Schicksals zur Kapitulation bringen, denn die Sicherheit des Sieges ist bei ihnen noch unerschütterlicher als das Schicksal selbst. Muß man sich da noch wundern, wenn ein Volk bei so überlegter Kriegführung und mit einem Heer, das so einsatzbereit jegliche Planung in die Tat urnsetzt, die Grenze seiner Macht im Osten bis zum Euphrat, im Westen bis zum Ozean, im Süden bis zu den ertragreichsten Gefilden Libyens und im Norden bis zur Donau und zum Rhein ausdehnt? Es ist doch wohl zuzugestehen, daß ein solches Herrschaftsgebiet angesichts der Leistungen derer, die es erobert haben, noch zu gering ist.

8. All das wollte ich nicht berichten zur Verherrlichung der Römer, sondern zum Trost für die Unterlegenen und zur Warnung für die aufrührerischen Elemente. Es könnte auch sein, daß die Freunde aller schönen Dinge, die bislang noch keine Ahnung von den römischen Kriegsbräuchen hatten, aus dieser Kenntnis Nutzen ziehen. Und nun will ich wieder dorthin zurückkehren, wo ich meinen Exkurs begonnen habe.

6. Kapitel.

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2. Vespasian nahm nun selbst mit aller Energie den Einmarsch nach Galiläa in die Hand und befahl den Aufbruch nach Ptolemais, nachdem er zuvor die bei den Römern übliche Marschaufstellung geboten hatte. Voraus sollten die leichten Hilfstruppen und Bogenschützen marschieren. Sie hatten den Auftrag, feindliche Uberraschungsangriffe abzuwehren und Wälder zu durchkämmen, die den Verdacht erregten, für etwaige Fallen geeignet zu sein. Nach ihnen kam eine Gruppe von römischen Schwerbewaffneten, und zwar zu Fuß wie zu Pferd. Es folgten dann von jeder Centurie zehn Mann, die neben ihrem Gepäck auch noch die Meßinstrumente für die Schanzarbeiten trugen; dann kamen die Straßenbauer, die die Aufgabe hatten, die gewundenen Wege gerade und schwer passierbares Gelände leichter gangbar zu machen sowie Sträucher, die dem Zug im Wege waren, abzuholzen, damit das Heer nicht durch die Beschwernisse des Marschwegs unnötig zu leiden hätte. Dann ließ Vespasian sein eigenes Gepäck und das seiner Unterfeldherren transportieren, zum Schutz dessen folgte eine große Reiterabteilung. Jetzt kam er selbst, umringt von einer Elitetruppe zu Fuß und zu Pferd, außerdem noch Speerträger. Hinter ihm folgte die Reiterei der Legion, denn zu jeder Legion gehören ja 120 Reiter. Nun kamen die Lasttiere mit den gewaltigen Belagerungsmaschinen und den anderen Kriegsgeräten, dann die Generale und die Hauptleute der Kohorten mit den restlichen höheren Dienstgraden, alle von Elitetruppen umringt. Hinter ihnen wurden die Feldzeichen einhergetragen, in deren Mitte sich der Adler befindet, der bei den Römern die Spitze jeder Legion bildet; denn der Adler ist ja der König der Vögel und der Inbegriff größter Stärke, weshalb er den Römern auch als Sinnbild ihrer Herrschaft dient; in ihren Augen verheißt er von vornherein den Sieg über jeglichen Feind, gegen den es geht. Nach diesen geheiligten Zeichen folgen die Tubabläser und dann die regelrechte Kampftruppe, eine en-geschlossene Marscheinheit in Sechserreihen. Gewöhnlich begleitet sie ein Hauptmann, der die Einhaltung, der Marschordnung kontrolliert. Was den gesamten Troß einer jeden Legion anlangt, so schloß er sich den Fußtruppen an und enthielt das von Maultieren und anderen Lasttieren getragene Soldatengepäck. Der letzten Legion folgten dann die Söldner, während die Sicherheit nach hinten die Nachhut gewährleistete, nämlich Fußsoldaten, Schwerbewaffnete und eine größere Reiterschar.

3. In solcher Aufstellung gelangte Vespasian zu den Grenzen von Galiläa, wo er ein Lager aufschlug und die vor Kampfesgier eifernden Soldaten noch zurückhielt. Die Feinde sollten nämlich durch den Blick auf das Heer in Schrecken geraten und sollten noch eine Möglichkeit zum Abrücken haben, falls sie zu einer anderen Beurteilung der Lage kämen. Gleichzeitig traf er Anstalten, die fest ausgebauten Plätze zu belagern. Tatsächlich ließen sich viele durch den Anblick des römischen Feldherrn von der Rebellion abwenden, und alle Bewohner gerieten in große Angst. Das Heer um Josephus, das in der Nähe von Sepphoris bei der Stadt Gans gelagert hatte, ging fluchtartig auseinander, sobald die Kunde vorn Heranrücken des Krieges laut wurde, obgleich die Römer den Angriff noch gar nicht eröffnet hatten, wohlgemerkt also nicht etwa kurz vor Beginn des Kampfes, sondern schon bevor sie des Feindes überhaupt ansichtig geworden waren! Josephus war nun mit einer kleinen Kämpferschar auf sich selbst gestellt und sah, daß mit so geringer Truppenmacht kein Widerstand zu wagen war; auch war es ihm klar, daß die Juden so demoralisiert waren, daß sich die meisten zu einem Waffenstillstand herbeilassen würden, falls ihnen die Römer nur das Vertrauen dafür entgegenbrächten. So geriet auch Josephus selbst hinsichtlich der allgemeinen Situation in tiefe Besorgnis und entschloß sich, der Gefahr bestmöglich aus dem Wege zu gehen. Jene, die bei ihm ausharrten, nahm er mit sich und flüchtete sich [scil.: zunächst] nach Tiberias [scil.:und später nach Jotapata]. .....

7. Kapitel.

7. Jotapata ist auf einem Berg gelegen, der fast überall in einen Steilhang übergeht; auf drei Seiten ist, es sogar durch Schluchten von solch unermeßlicher Tiefe eingeschlossen, daß es einem schwindlig wird, wenn man hinunterblickt. Nur auf der Nordseite hat es eine Zugangsmöglichkeit, wo es sich über einen hangartigen Ausläufer des Berges ausdehnt. Als Josephus die Mauer um die Stadt legte, hatte er diesen Teil mit einbezogen, so daß es den Feinden unmöglich war, die Bergkuppe oberhalb der Stadt in Besitz zu nehmen. Die Stadt wurde auch von den umliegenden Bergen so sehr der Sicht entzogen, daß sie nur gesehen werden konnte, wenn man unmittelbar davorstand; so sehr war Jotapata durch die Gunst seiner Lage zur Festung geworden.

8. Vespasian bot nun seinen ganzen Ehrgeiz auf, trotz der natürlichen Lage des Ortes und trotz des unbändigen Kampfesmuts der Juden den Sieg zu erringen, und es war ihm klar, daß er hierzu die Belagerung noch erheblich verstärken mußte. Deshalb stellte er mit den zur Beratung einberufenen Unterfeldherren Überlegungen an, wie der Angriff weitergeführt werden sollte. Man kam zu dem Entschluß, dort, wo man an die Mauer herankam, einen Damm zu errichten, und Vespasian ließ deshalb durch das ganze Heer Holz herbeischleppen; die Soldaten schlugen die gesamten Berge rings um die Stadt kahl und brachten außer dem Holz noch eine gewaltige Menge von Feldsteinen mit herbei. Um sich gegen die von oben auf sie niederprasselnden Geschosse zu schützen, spannten sie auf Pfählen Schutzdächer aus, die geflochten waren, und darunter schafften sie an der Errichtung des Dammes und hatten so durch den Beschuß von der Mauer her keine oder nur wenige Verluste zu beklagen. Anderswo trugen die Soldaten von den näheren Anhöhen Erdreich ab und schafften es ununterbrochen zu denen hin, die den Damm errichteten. So bildeten sie drei Abteilungen, und niemand konnte müßig sein. Die Juden aber warfen von der Mauer auf die Schutzdächer der Römer Felsen und allerhand Wurfgeschosse herab, und auch wenn sie nicht die Schutzdächer durchbrachen, gab es doch einen fürchterlichen Lärm, und die darunter arbeitenden Pioniere wurden auf diese Weise behindert.

9. Nun wurden auf Geheiß des Vespasian die Wurfmaschinen im Umkreis in Stellung gebracht; es waren im ganzen 160 Stück, und er befahl nunmehr, die Leute auf der Mauer zu beschießen. Zugleich begannen die Schleudermaschinen ihre Lanzen zu schleudern, und die Steinwurfgeräte warfen ihre gewaltigen Blöcke von ungeheurem Gewicht, und Feuerbrände und zahllose Pfeile hagelte es auf die Stadt. Jetzt waren die Juden nicht mehr in der Lage, sich auf der Mauer zu halten, und sie mußten sich auch aus dem ganzen Gebiet dahinter zurückziehen, soweit es unter feindlichem Beschuß lag. Denn auch die Masse der arabischen Bogenschützen sowie die Speerwerfer und Schleuderer eröffneten alle zugleich das Bombardement mit ihren Maschinen. Die Eingeschlossenen, die nun nicht mehr in der Lage waren, den Kampf von oben her zu führen, verhielten sich jedoch nicht etwa ruhig, sondern sie machten räuberische Ausfälle in kleineren Einheiten, beraubten die schanzenden Soldaten der Schutzdächer und drangen auf sie ein, wenn sie nun keinen Schutz mehr hatten. Und wo sich die Schanzarbeiter zurückzogen, da zerstreuten sie wieder die aufgeschütteten Erdhaufen und verbrannten die Balken und die Faschinen. Das währte so lange, bis sich Vespasian darüber klarwurde, daß die unangenehme Entwicklung in dem weiten Abstand zwischen den Belagerungswerkzeugen ihre Ursache hatte, wodurch die Juden ihre Ausfälle machen konnten. So schuf er denn eine Verbindung zwischen den Schutzdächern, und weil dadurch die Truppen selbst auch untereinander Kontakt bekamen, erfolgten keine Uberraschungsausfälle der Juden mehr.

10. Jetzt aber wurde der Damm in die Höhe getrieben und hatte schon beinahe das Niveau des oberen Randes der Mauer erreicht. Josephus sah eine erhebliche Gefahr darin, wenn sich nichts tun ließe, um die Stadt durch eine Gegenmaßnahme zu retten. Da ließ er die Pioniere kommen und befahl, die Mauer zu erhöhen. Diese aber standen auf dem Standpunkt, daß das während der starken Beschießung unmöglich sei, und nun kam er auf folgende Idee, um ihnen Schutz zu bieten: Er ließ Balken in den Boden treiben und an ihnen frische Häute von Rindern aufspannen, die durch ihre Elastizität die Schleudersteine von den Wurfmaschinen auffangen sollten, während die anderen Geschosse an ihnen abprallten und die Feuerbrände durch die Nässe gelöscht würden. Das Ganze wurde von den Pionieren erstellt, die auf diese Weise geschützt waren und bei Tag und Nacht ungefährdet arbeiten konnten und die Mauer wirklich auf zwanzig Ellen Höhe brachten; sie erbauten auch zahlreiche Türme darauf und errichteten eine machtvolle Palisade. Diese Maßnahmen raubten den Römern jeglichen Kampfgeist, wo sie doch schon glaubten, im Besitz der Stadt zu sein, und einerseits war es die List des Josephus, andererseits die Standhaftigkeit der Städter, die auf sie stark demoralisierend wirkte.

11. Vespasian war reichlich aufgebracht über diese List und über den Kampfgeist der Bewohner von Jotapata. Denn die Errichtung der Mauer machte ihnen wieder Mut, neuerdings Ausfälle gegen die Römer zu wagen, und Tag für Tag kam es zu kriegerischen Handlungen zwischen jüdischen Einheiten und den Römern, wobei alles aufgeboten wurde, was zu einem Raubkrieg gehörte: Sie holten sich alles, was ihnen erreichbar war, und verbrannten die anderen Belagerungswerkzeuge, bis schließlich Vespasian den Kampf abbrechen ließ und beschloß, die Stadt längere Zeit zu belagern, um sie auf diese Weise in die Hand zu bekommen. Er war eben der Meinung, die Bewohner würden dann durch die Notlage gezwungen, sich ihm auf Gedeih und Verderb auszuliefern, oder wenn sie das Außerste wagten in ihrer Starrköpfigkeit, würden sie verhungern müssen. Auch vertrat er den Standpunkt, die Römer hätten es bei einer späteren Kampfbegegnung leichter, da es dann für sie darum gehe, die durch die Länge der Zeit zermürbten Gegner anzugreifen. So befahl er denn, jeden Ausgang der Stadt streng zu bewachen.

12. An Getreide und anderen Lebensmitteln, ausgenommen Salz, fehlte es in Jotapata in keiner Weise, dagegen an Wasser; denn es gab keine Quelle, und man mußte mit Regenwasser vorliebnehmen. Doch fehlte es auch daran nicht, wenn es hier einen Sommer lang regnete. Das war der Grund, warum die Leute, da die Belagerung eben während dieser Jahreszeit stattfand, so sehr den Mut sinken ließen, da ihnen das Verdursten drohte; und schon griff eine Unruhe um sich, als sei Wasser schon gar nicht mehr vorhanden. Josephus sah nämlich, daß die anderen Lebensmittel alle in ausreichendem Maße da waren und daß die Leute guten Willens waren; da wollte er die Belagerung gegen die Absicht der Römer möglichst hinziehen und ließ deshalb von Anfang an das Trinkwasser für die Bewohner rationieren. Diese aber litten unter der Rationierung noch mehr als unter dem Wassermangel, und daß sie nicht freie Hand im Gebrauch des Wassers hatten, erhöhte noch ihr Verlangen danach, und sie waren schon so matt, als wären sie am Rande des Verdurstens. Dessen wurden die Römer inne, da sie von ihrem erhöhten Standpunkt aus sahen, wie sich jenseits der Mauer die Leute an einem bestimmten Ort versammelten, um ihre Wasserzuteilung zu erhalten; und diesen Punkt nahmen die Römer zum Ziel für ihre schärferen Geschosse und verursachten viele Todesopfer.

13. Nun hoffte Vespasian, in Kürze würden die Zisternen geleert sein und der Stadt bleibe dann nichts als die Kapitulation. Josephus aber wollte ihm diese Hoffnung vollends zunichte machen und gab Befehl, eine Menge von Leuten sollten ihre Kleider ins Wasser tauchen und von der Mauerkrone herabhängen lassen, so daß sich mit einemmal ein Schwall Wasser über die ganze Mauer ergoß. Das überraschte nun die Römer sehr, und sie wurden darob unsicher, da sie mitanschen mußten, wie die Juden das Wasser spaßeshalber so sehr vergeuden konnten, während sie gehoffi hatten, sie seien am Verdursten. Sogar dem Feldherrn kamen Zweifel, ob die Stadt wirklich durch Hunger und Durst zur Kapitulation gezwungen werden könne, und er versuchte es deshalb wieder mit den Waffen. Und genau dies hatten die Juden zu bezwecken gesucht; denn obwohl sie sich mit ihrem hoffnungslosen Schicksal und der Vernichtung der Stadt schon abgefunden hatten, wollten sie doch lieber kämpfend umkommen, statt zu verhungern und zu verdursten.

14. Josephus aber verfügte außer dieser List noch über eine andere, um sich mit einer Fülle von Lebensmitteln einzudecken. Durch eine Schlucht im Westen des Tales, die nur schwer zu passieren war und deshalb von den Wachen ignoriert wurde, schickte er Briefe an die Juden vor der Stadt, mit denen er Verbindung aufnehmen wollte, und erhielt auf diesem Wege auch jeweils Antwort; dazu bekam er so auch noch viele Lebensmittel, an denen es in der Stadt fehlte. Den Boten aber trug er jeweils strengstens auf, an den Wachen vorbei am Boden zu kriechen und dabei ihren Rücken mit Fellen zu bedecken, damit sie, falls sie in der Nacht gesichtet würden, wie Hunde aussähen. Schließlich aber entdeckten die Wachtposten doch diese List und verschlossen den Weg durch die Schlucht.

15. Für Josephus war es um diese Zeit klar, daß die Stadt nicht mehr lange zu halten war. .........

33. Während nun die Leute von Jotapata standhielten und gegen alle Annahme sich durch keine Entsetzlichkeit beugen ließen, war es am 47. Tag soweit, daß die Wälle der Römer allmählich höher wurden als die Mauerkrone. Am gleichen Tag meldete ein Überläufer dem Vespasian, wie wenige und wie geschwächt die Verteidiger nun wären; das unaufhörliche Wachen und der unablässige Kampf habe sie so mitgenommen, daß sie keinem Angriff mehr standhalten würden; doch könne man sie auch durch eine List vollends besiegen, wenn der Versuch gemacht würde. Denn während der letzten Nachtwache, wo sich die Soldaten etwas Ruhe gönnen zu dürfen glaubten, weil die Ermüdeten namentlich am Morgen vom Schlaf übermannt würden, befänden sich die Wachen im Schlaf, und er gab den Rat, diesen Zeitpunkt für den Angriff zu benützen. Vespasian wollte dem Überläufer nicht recht trauen, denn er wußte um die gegenseitige Treue der Juden und um ihre Verachtung von Strafen. Schon früher nämlich hatte ein Gefangener von Jotapata jeglichen Schmerz und jegliche Folter auf sich genommen und nicht einmal, als man seine Zunge durch Feuer lösen wollte, den Feinden irgendwelche verräterische Angaben über die Situation in der Stadt gemacht; ja, als man ihn ans Kreuz schlug, da hatte er für die Grausamkeit des Todes nur ein Lächeln. Aber diesmal erweckte der Verräter Vertrauen durch die Wahrscheinlichkeit seiner Angaben, und da Vespasian die Wahrheit aus ihm herausholen zu können glaubte und einen etwaigen Hinterhalt für sein Heer als unbedeutend ansah, gab er Befehl, das Heer für den Sturmangriff auf die Stadt zu formieren und den Überläufer gefangenzuhalten.

34. Um den angegebenen Zeitpunkt rückten die Römer insgeheim an die Mauer heran. Zuerst stiegen Titus und der Tribun Domitius Sabinus mit einigen Leuten der 5. und 10. Legion auf die Mauer, machten die Wachen nieder und drangen in die Stadt ein. Hinter ihm folgten der Tribun Sextus Calvarius und Placidus samt ihren Einheiten. Schon war der obere Teil der Burg genommen, und die Feinde gingen inmitten der Stadt umher; es war schon heller Tag, als die Überfallenen immer noch nichts von der Einnahme der Stadt merkten. Die Mehrzahl lag nämlich noch darnieder, müde und schläfrig, und wer sich vom Lager erhoben hatte, konnte vor lauter Nebel, der sich zufällig über die Stadt gebreitet hatte, nicht gut sehen. Schon war das gesamte Feindesheer in die Stadt eingedrungen, als sie sich erst vom Schlaf erhoben und Zeugen des Unheils wurden, das über sie gekommen war. Und als nun ein jeder den tödlichen Hieb empfing, da war es ihnen klar, daß die Stadt gefallen war. Nun aber gedachten die Römer aller Leiden und Schrecknisse der Belagerung und jagten das Volk schonungs- und mitleidslos den Berg hinab, um es vollends niederzumachen. Dort verwehrte das unwegsame Gebiet auch denen, die noch kampffähig waren, jeglichen Widerstand. In den schmalen Gassen zusammengepfercht, wurden sie den steilen Hang hinuntergedrängt und durch den von der Burg nach unten wogenden Kampf gewissermaßen verschlungen. Diese hoffnungslose Situation brachte viele auch von der Elite des Josephus zum Selbstmord. Als sie die Römer unangreifbar sahen, wollten sie sich lieber, statt als deren Opfer zu fallen, unten am Ende der Stadt zusammenscharen und sich selbst den Tod geben. ......

36. An diesem Tag geschah es, daß die Römer alle Leute umbrachten, deren sie habhaft werden konnten; anderntags säuberten sie die unter der Erde befindlichen Schlupfwinkel und nahmen die Verfolgung derer auf, die sich in den Hohlräumen und Gängen versteckt hatten. Keinem Alter gewährten sie dabei Schonung, lediglich Kleinkindern und Frauen. 1200 Gefangene wurden gemacht, die Zahl der beim Fall der Stadt und bei den vorhergegangenen Kämpfen Getöteten belief sich auf insgesamt 40000. Vespasian gab dann den Befehl, die Stadt zu vernichten und alle Befestigungsanlagen anztizünden. Das war der Fall von Jotapata im 13. Jahr der Regierung des Nero beim Neumond des Panemus.

8. Kapitel.

1. Nun begann bei den Römern die Suche nach Josephus; denn sie waren voll Zorn gegen ihn, und ihren Feldherren war sehr viel daran gelegen, weil es für den Krieg von entscheidender Bedeutung war, ob man ihn in die Hand bekam. Deshalb wurden die Toten in Augenschein genommen und jene, die man an ihren geheimen Plätzen vorgefunden hatte. Josephus aber hatte es vermocht, sich beim Fall der Stadt irgendwie durch göttliche Hilfe durch die Reihen der Feinde durchzuschlagen, und war dann in eine Zisterne hinabgesprungen, die nach der Seite hin in eine ausreichend große Höhle mündete, die man von oben nicht einsehen konnte. Dort fand er 40 vornehme Leute vor, die sich hier verborgen hatten samt einer Lebensmittelration, die für längere Zeit reichen konnte. Tagsüber hielt er sich zurück, denn die Feinde hatten überall ihre Wachen; nachts aber stieg er hinauf und bemühte sich, einen Fluchtweg zu finden, und behielt dabei die Wachen im Auge. Im ganzen Umkreis aber war seinetwegen alles streng bewacht, und da er also mit seiner Festnahme rechnen mußte, tauchte er wieder in der Höhle unter. Zwei Tage versteckte er sich dort, am dritten Tage aber wurde er durch ein Weib, das mit ihnen zusammen in der Höhle gewesen war und den Wachen in die Hand fiel, verraten. Voll Bedacht entsandteVespasian sogleich zwei Tribunen, Paulinus und Gallicanus, die dem Josephus freies Geleit anbieten und ihn auffordern sollten, sein Versteck zu verlassen.

2. Sie kamen herbei und boten ihre ganze Überredungskunst auf, um dem Josephus klarzumachen, daß ihm nichts passieren werde, aber sie kamen damit nicht ans Ziel. Er traute ihnen deshalb nicht, weil seiner Meinung nach natürlich der mit einer harten Strafe zu rechnen hatte, der den Römern soviel Schwierigkeiten gemacht hatte; und er glaubte, sich nicht nach der Gesinnung der Unterhändler richten zu dürfen, von denen er wußte, daß sie ihm nicht übel wollten. Er war der festen Meinung, sie wollten ihn nur zum Tode abholen. Da schickte Vespasian nochmals einen Tribunen, Nikanor, den Josephus schon lange kannte und zu dem er freundschaftliche Beziehungen hatte. Nikanor nun legte ihm dar, wie die Römer von Natur aus denen gegenüber milde gesinnt seien, die sie eben gefangen hätten, und daß Josephus bei den führenden Römern mehr Bewunderung als Haß ernte ob seiner Tapferkeit. Vespasian wolle ihn nicht bestrafen; denn das könne er auch, wenn Josephus unten bleibe; er habe sich entschlossen, einem solchen Helden das Leben zu schenken. Nikanor fügte noch hinzu, Vespasian hätte zu seiner Überlistung nicht seinen Vertrauten ausgeschickt, um die Freundschaft, das schönste Gut, zur Untreue werden zu lassen, d. h. zur Bemäntelung der übelsten Gemeinheit; er, Nikanor, hätte auch einen solchen Befehl nicht übernommen zu dem Zweck, einen guten Freund zu täuschen.

3. Josephus traute auch dem Nikanor noch nicht recht, und nun eilten Soldaten voll Zorn herbei, die Höhle auszubrennen; der Feldherr aber ließ es nicht zu; denn er wollte unter allen Umständen Josephus lebendig in seine Gewalt bekommen. Wie nun Nikanor ihn unablässig beredete und Josephus schon die drohende Haltung der feindlichen Soldaten wahrnahm, da überkam ihn die Erinnerung an jene nächtlichen Träume, in denen ihn Gott hatte schauen lassen, welche Katastrophen über die Juden kämen und wie das Schicksal der römischen Kaiser verlaufen werde. Josephus war nämlich ein guter Traumdeuter und verstand auch orakelhafte Sprüche Gottes zu interpretieren. Er war ja selbst ein Priester, und durch die Zugehörigkeit zu einem Priestergeschlecht kannte er die Prophezeiungen der heiligen Schriften sehr genau. Und wie er nun um die gleiche Stunde durch diese heiligen Schriften das Mysterium Gottes schaute und die entsetzlichen Bilder der Träume wieder in ihm lebendig wurden, die er erst vor kurzem gehabt hatte, da betete er im stillen zu Gott: »Es ist dein Ratschluß, das Judenvolk, deine eigene Schöpfung, fallen zu lassen, und das ganze Glück ist nun auf seiten der Römer; und du hast nun meine Seele auserwählt, die kommenden Dinge zu verkünden. So will ich mich freiwillig in die Hände der Römer begeben und im Leben verharren; doch du bist mein Zeuge, daß ich nicht als Verräter, sondern als dein Diener so handle.«

4. So betete er, dann war er soweit, sich dem Nikanor zu ergeben. .......


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .