Motive, Form und Legitimation der Einsetzung eines Unter-Kaisers in der Spätantike am Beispiel Julians. Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte, Buch 15, Kap. 8.

Deutsche Übersetzung nach: Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch und deutsch und mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, 4. Teile, Teil,1 (Buch 14 - 17), Berlin 1968, S. 137 - 143.


8. Derart waren die Vorgänge in Rom, wie der vorhergehende Text gezeigt hat. Constantius seinerseits war außerordentlich beunruhigt infolge andauernder Meldungen über den beklagenswerten Zustand Galliens, das die Barbaren bis zur Vernichtung vollständig verwüsteten, ohne auf Widerstand zu stoßen. Lange schwankte er hin und her, mit welchen Mitteln er dieser Schwierigkeiten Herr werden und dabei selbst in Italien bleiben könne, 'wie es sein Wunsch war, denn er hielt es für zu gefährlich, sich in eine so weit entfernte Gegend zu begeben. Endlich faßte er den richtigen Entschluß und gedachte, seinen Vetter Julian, der erst kürzlich aus Achaia zurückberufen worden war und noch das Pallium trug, zu seinem Mitkaiser zu machen. Sobald er diesen Plan unter dem Druck der drohenden Gefahren seiner nächsten Umgebung mitgeteilt hatte, wobei er offen darauf hinwies, daß er so vielen und andauernden Rückschlägen nicht gewachsen sei, was er sonst nie getan hatte, da verwirrten ihm die Leute, die nur zu sehr in der Kunst des Schmeicheins geübt waren, vollends den Kopf. Ohne Unterlaß wiederholten sie, nichts sei so schwierig, daß es nicht seine hervorragende Tüchtigkeit und sein den Sternen so nahes Glück wie gewöhnlich überwinden könne. Auch fügten manche, von ihrem schlechten Gewissen getrieben, hinzu, der Titel des Cäsars sollte in Zukunft vermieden werden, und erinnerten daran, was unter Gallus geschehen sei. Ihren hartnäckigen Bemühungen trat allein die Kaiserin entgegen, vielleicht aus Furcht vor einer Reise in so weite Ferne, vielleicht aber auch, weil sie aus angeborener Klugheit das allgemeine Wohl im Auge behielt. Sie erinnerte daran, daß man den Verwandten allen anderen vorziehen müsse. Nach vielen Beratungen hin und her blieb die Meinung des Kaisers unverändert. Alle Einwände wurden als unwesentlich abgetan, und es kam zu dem Beschluß, Julian als Mitherrscher anzunehmen. Als dieser herbeibeordert worden und angekommen war, ließ der Kaiser an dem vorherbestimmten Tag alle Truppen, die zugegen waren, zusammenrufen und eine hohe Rednertribüne errichten. Adler und Feldzeichen umgaben sie, dann bestieg sie der Kaiser, faßte Julian bei der rechten Hand und redete ihn, wie folgt, mit freundlichen Worten an:

"Wir stehen vor euch, tapfere Verteidiger des Staates, in einer Sache, die alle einmütig als die ihre betrachten müssen. Wenn ich jetzt diese Aufgabe in Angriff nehmen will, werde ich sie euch kurz darlegen, und ihr werdet gerechte Richter sein. Nach der Vernichtung der rebellischen Tyrannen, die Wut und Wahnsinn zu ihren Unternehmungen trieben, haben die Barbaren, als wollten sie ihren ruchlosen Manen mit Römerblut Genugtuung verschaffen, den Frieden an den Grenzengebrochen und schwärmen in ganz Gallien umher. Sie vertrauen darauf, daß uns schwierige Geschäfte in entferntesten Ländern festhalten. Dieser mißlichen Lage, die sich schon über die Grenzgebiete auszubreiten droht, wird, sofern es die Zeit erlaubt, das Urteil unseres und eures Beschlusses ein Ende bereiten. Die übermütigen Völker werden ihren Nacken beugen, und die Grenzen des Reichs werden unberührt sein. Nur bleibt es noch übrig, daß ihr die Hoffnung auf die Zukunft, die ich hege, durch eure geneigte Zustimmung bestärkt. Hier, meinem Vetter Julian, wie ihr wißt, der mir durch seine Bescheidenheit ebenso lieb ist wie wegen unserer Verwandtschaft, der mit Recht Ansehen genießt und bereits als ein junger Mann von hervorragenden Fähigkeiten ist, ihm wünsche ich den Rang eines Cäsars zu verleihen. Wenn es euch von Nutzen zu sein scheint, unterstützt mein Beginnen durch eure Zustimmung."

Als der Kaiser noch weiter sprechen wollte, unterbrach ihn die Versammlung zuerst durch leise Zwischenrufe und rief dann laut, gleichsam als sehe sie die Zukunft voraus, dies sei ein Entschluß der höchsten Gottheit und nicht die eines menschlichen Geistes. Der Kaiser blieb unbeweglich stehen, bis wieder Schweigen eintrat, und sprach dann mit größerem Selbstvertrauen weiter:

"Weil der frohe Beifall anzeigt, daß auch ihr mir zustimmt, möge dieser junge Mann, dem ruhige Kraft eigen ist und dessen bescheidenes Wesen lieber nachgeahmt als gepriesen werden sollte, zu der Ehre aufsteigen, die er bereits erwartet hat. Seine ausgezeichneten Anlagen sind durch die Beschäftigung mit den Wissenschaften ausgebildet; dies habe ich, wie ich meine, bereits dadurch klargemacht, daß ich ihn ausgewählt habe. Also werde ich ihn auf den Wink der himmlischen Gottheit hin mit dem kaiserlichen Mantel bekleiden."

So sprach der Kaiser und legte sogleich dem Julian den Purpur an und ernannte ihn zur großen Freude des Heers zum Cäsar. Dann sprach er den Cäsar an, der in sich gekehrt und mit ernster Miene dastand:

"Mein geliebter Bruder, du hast in jugendlichem Alter die glänzende Auszeichnung erhalten, die dir nach deiner Geburt zusteht. Mein Ruhm wird hierdurch noch vermehrt, das bekenne ich offen, und ich glaube, daß ich durch die Übertragung fast gleicher Macht an einen mir verwandten Prinzen mit größerem Recht einen erhabenen Platz einnehme als durch meine Machtstellung allein. Hilf mir also und teile mit mir Mühen und Gefahren! Übernimm den Schutz und die Verwaltung Galliens, befreie die zerstörten Gegenden und erweise ihnen jegliche Erleichterung. Wenn es notwendig wird, mit den Feinden zu kämpfen, stehe festen Fußes inmitten der Fahnenträger, ermuntere umsichtig und zur rechten Zeit zu kühnem Wagnis, begeistere die Kämpfenden und gehe ihnen besonnen voran. Wenn sie wanken, unterstütze sie durch Hilfstruppen, spare nicht mit mäßigem Tadel für Entmutigte und sei ein unbestechlicher Zeuge den Tapferen und den Feigen. Da uns große Not bedrängt, gehe hin als tapferer Mann und führe Männer, die ebenso mutig sind. Wir werden zueinander stehen in fester Beständigkeit der Zuneigung, wir werden zusammen kämpfen und, so Gott unsere Bitte erhört, zusammen den befriedeten Erdkreis mit gleicher Mäßigung und Verantwortung regieren. Überall wirst du neben mir gegenwärtig sein, und ich werde dir bei all deinen Taten nicht fehlen. Kurz, gehe hin, eile mit den vereinten Wünschen aller und halte deinen Posten mit wacher Sorge, als wenn er dir vom Staate selbst anvertraut wäre."

Niemand konnte bei diesem Ende der Rede still bleiben. Alle Soldaten stießen mit furchtbarem Getöse mit ihren Knien an die Schilde, was ein deutliches Zeichen der Zustimmung ist, während es ein Ausdruck des Zorns und des Unbehagens ist, wenn sie die Schilde mit den Speeren schlagenl. Es ist kaum zu schildern, mit wie großer Freude alle mit wenigen Ausnahmen der Entscheidung des Kaisers zustimmten und den Cäsar mit gebührendem Respekt aufnahmen, der im Glanz des kaiserlichen Purpurs strahlend dastand. Lange und eingehend betrachteten sie seine Augen, die zugleich strahlend und furchtbar waren, und sein Antlitz, das in der Erregung hübsch aussah, und suchten so zu ergründen, wie er in der Zukunft sein werde, als hätten sie die alten Schriften durchstudiert, deren Lektüre die innerste Seele durch körperliche Kennzeichen erkennen lehrt. Um dem Höhergestellten gegenüber jedoch den schuldigen Respekt zu wahren, war der Beifall für den Cäsar nicht zu laut, aber auch nicht geringer, als es sich gehörte. Daher wertete man die Worte als die von Zensoren und nicht von Soldaten. Endlich nahm der Kaiser ihn in seinen Wagen und fuhr mit ihm in den Palast. Dabei murmelte der Cäsar den Homer-Vers:

"Und es erfaßt ihn der purpurne Tod und das mächtige Schicksal."

Dies ging am 6. November des Jahres vor sich, in dem Arbitio und Lollianus Konsuln waren. Wenige Tage später wurde die Schwester des Constantius Helena mit dem Cäsar vermählt. Als alle Vorbereitungen getroffen waren, die für den eiligen Aufbruch notwendig wurden, reiste er mit kleinem Gefolge am 1. Dezember ab. Der Kaiser selbst begleitete ihn bis zu der Stelle, die, durch zwei Säulen gekennzeichnet, zwischen Laumellum und Ticinum liegt. Auf geraden Straßen gelangte der Cäsar nach Taurini. Hier wurde er von einer schwerwiegenden Meldung getroffen, die schon kürzlich am kaiserlichen Hof eingegangen, jedoch absichtlich geheimgehalten worden war, damit die Vorbereitungen nicht hinfällig wurden.Diese Nachricht besagte, daß die weitbekannte Stadt Köln in Untergermanien nach einer hartnäckigen Belagerung von den Barbaren mit einem großen Heer erobert und zerstört worden war. In seiner Bestürzung hierüber, zumal er die Nachricht als erstes Vorzeichen kommender Rückschläge betrachtete, hörte man ihn oft mit leiser Stimme klagen, er habe nichts weiter erreicht, als daß er durch die Belastung mit seinem neuen Amt den Tod fände. Als er in Vienne ankam, liefen die Menschen jeden Alters und Standes zusammen, um ihn bei seinem Einzug als erwünschten und zugänglichen Regenten ehrenvoll zu empfangen. Als er in der Ferne zu sehen war, nannten ihn die gesamte Bevölkerung und die Bewohner der Umgegend einen gnädigen und glückbringenden Herrscher und feierten ihn, vor ihm herziehend, mit einstimmigen Lobesrufen. Mit Freude blickten sie auf den fürstlichen Zug und den rechtmäßigen Herrscher. In seiner Ankunft erblickte man die Rettung von den gemeinsamen Leiden; man glaubte, ein heilbringender Genius sei in der verzweifelten Lage aufgeleuchtet. Als damals eine blinde alte Frau auf ihre Frage, wer eingezogen sei, die Antwort erhielt, es sei der Caesar Julian, rief sie aus, diese werde die Tempel der Götter wiederherstellen.


LV Gizewski WS 2005/2006

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .