Der Übergang vom Prinzipat zum Militärkaisertum und zur tetrarchischen Dominatsherrschaft im 3. Jh. n. Chr. Sextus Aurelius Victor, Liber de Caesaribus, 35 - 39

Deutsche Übersetzung nach: S, Aurelius Victor, Die römischen Kaiser. Lateinisch - deutsch. herausgegeben, übersetzt und erläutert von Kirsten Groß-Albenhausen und Manfred Fuhrmann, Rürich, Dosseldorf 1997, S. 102 - 125. Starke Modifikationen d. Bearbeiters und Hg. C. G.


35 Aurelian rückte [nach militärischen Aktionen anderwärts], eilends, als wären nur noch Reste der zu bewältigenden Kriegsaufgaben übrig, gegen die Perser aus. Nach deren Vernichtung suchte er wieder Italien auf, dessen Städte unter den Beutezügen der Alamannen litten. Um dieselbe Zeit wurden ... die Germanen aus Gallien vertrieben ...

Nachdem er [Aurelian] viele derart bedeutende Unternehmungen mit Erfolg zu Ende gebracht hatte, errichtete er in Rom einen herrlichen Tempel des Sol, den er überreich mit Geschenken bedachte, und damit nicht wieder vorkäme, was sich durch die Schuld des Gallienus abgespielt hatte, umgab er die Stadt in einem großzügig bemessenen Umkreis mit sehr starken Mauern. Und zugleich traf er klug und großzügig Vorsorge, daß dem einfachen römischen Volk ein hinlänglicher Vorrat von Schweinefleisch zu Gebote stehe. Auch wurden die tückischen Anklagen der Steuerbeamten und 'Viertelsgewinnler', welche die Stadt elend mitgenommen hatten, abgeschafft, indem Aurelian die Schuldbücher und sonstigen Beweise von Angelegenheiten dieser Art in Flammen aufgehen ließ und nach griechischer Sitte eine Nichtigerklärung festsetzte, und bei alledem stellte er der Habgier, dem Unterschleif sowie den Ausbeutern der Provinzen gegen die Gewohnheit der Militärs, zu denen er zählte, bis zum Äußersten nach. ... [Er fiel aus diesem Grunde einem Attentat zum Opfer]

Nunmehr sandten die Truppen, des Führers beraubt, unverzüglich Bevollmächtigte nach Rom: die Väter möchten nach ihrem Ermessen jemanden zum Kaiser bestimmen. Die aber antworteten, diese Aufgabe komme am ehesten ihnen selbst zu; die Legionen jedoch verwiesen die Sache abermals an sie zurück. So wetteiferte man beiderseits in Zurückhaltung und Bescheidenheit, einer unter Menschen seltenen Tugend, zumal bei Dingen dieser Art, und den Soldaten nahezu unbekannt. So viel bewirkte der Mann [Aurelian] durch seine Strenge und Unbestechlichkeit, daß die Nachricht von seiner Ermordung bei den Urhebern den Tod, bei den Schlechten Furcht, bei den Schwankenden Verstellung, bei allen Guten Sehnsucht und bei niemandem Überheblichkeit und Prahlerei hervorrief, und bei ihm allein stellte sich wieder, als wäre er Romulus, eine Art Interregnum ein, doch zu viel größerem Ruhme für ihn. Dieses Ereignis zeigte besonders deutlich, daß alles wie in einer Kreisbewegung abläuft und sich nichts ereignet, was die Kraft der Natur im Laufe der Zeit nicht abermals zu bringen vermöchte, und zudem, daß sich durch tüchtige Eigenschaften der Kaiser selbst zerrüttete Zustände leicht wiederherstellen lassen, während sie, wenn sie noch so gut gefestigt sind, durch deren Unzulänglichkeiten ins Verderben gestürzt werden.

36 So wählt denn endlich der Senat etwa im sechsten Monat nach der Ermordung Aurelians aus der Reihe der ehemaligen Konsuln Tacitus, einen überaus gutmütigen Mann, zum Kaiser, wobei fast jeder erfreut war, daß das Recht, den Kaiser zu benennen, von den rohen Soldaten zu den erlauchten Herren zurückgekehrt war. Die Freude währte indes nur kurze Zeit und nahm ein unerträgliches Ende. Denn Tacitus war alsbald, nach dem zweihundertsten Tage seiner Herrschaft, zu Tyana verstorben, nachdem er immerhin die Urheber der Ermordung Aurelians, und zumal deren Anführer Mucapor, von dessen Hieb jener tödlich getroffen worden war, hatte kreuzigen lassen. Dann aber riß Florianus, der Bruder des Tacitus, ohne Beschluß des Senats oder der Truppen die Herrschaft an sich.

37 Er wurde allerdings, nachdem er mit Mühe einen Monat oder zwei die Herrschaft ausgeübt hatte, bei Tarsus von seinen Leuten getötet, als sie hörten, in Illyrien sei Probus erwählt worden.

Dies war ein Mann, der durch seine ungeheure Kriegserfahrung, durch seine Fähigkeit, die Soldaten auf verschiedenerlei Weise zu drillen und die junge Mannschaft abzuhärten, beinahe dem Hannibal glich. Denn wie jener große Teile Afrikas von den Truppenteilen, deren Müßiggang ihm für den Staat und die Truppenführer gefährlich schien, mit Olivenbäumen hatte bepflanzen lassen, genauso füllte er [Probus] Gallien, die pannonischen Gebiete und die Hügel Moesiens mit Rebanlagen, und zwar nachdem er die Barbarenvölker aufgerieben hatte, die nach der - von den eigenen frevelnden Leuten begangenen - Ermordung unserer Kaiser dort eingefallen waren. Zur gleichen Zeit wurde [den Usurpatoren] Saturninus durch die Orient-Truppen und Bonosus durch die Kölner Truppen ein gewaltsames Ende bereitet; beide hatten, gestützt auf die Einheiten, die sie jeweils befehligten, nach der Herrschaft getrachtet. Daher soll er [Probus] , als alles zurückgewonnen und befriedet war, gesagt haben, daß man in Kürze keine Soldaten mehr nötig haben werde. Hierdurch allerdings wurden diese zunehmend aufgebracht über ihn, und so machten sie ihn kurz vor Ablauf des sechsten Jahres bei Sirmium nieder, als sie diese Stadt, seine Heimat - die an sumpfigen Böden und winterlichen Überschwemmungen leidet - , durch Teiche und einen Graben trockenlegen mußten.

Von nun an erstarkte die Macht der Truppen, und dem Senat blieb die Regierung sowie das Recht der Kaiserwahl bis auf unsere Zeit entzogen, wobei ungewiß ist, ob er es selbst aus Schlaffheit so wünschte oder aus Furcht oder Abscheu vor Streitigkeiten. Zwar hätte er das Recht zum Kriegsdienst, das ihm ein Erlaß des Gallienus entzogen hatte, wieder wahrnehmen können; die Legionen hatten dies Zugständnis [an den Senatsadel] unter der maßvollen Herrschaft des Tacitus gemacht. Auch hätte sich nicht ein Florianus einfach erhoben oder wäre irgendjemand sonst, und wäre er noch so tüchtig gewesen, von einer Versammlung einfacher Soldaten einfach mit dem Herrscheramt betraut worden, wäre irgendein Vertreter des senatorischen Standes anwesend gewesen und hätte zur Wahl gestanden. Aber die Senatoren zogen es vor, sich der Muße zu erfreuen, während sie zugleich um ihren Reichtum bangten - einen Reichtum , dessen Genuß und Überfluß sie für wichtiger hielten als alle Ewigkeitswerte. Und so bereiteten sie selbst den Soldaten, die fast noch Barbaren waren, den Weg, über sie und ihre Nachfahren zu herrschen.

38 So wurd denn Carus, einflußreich durch seine Prätorianerpräfektur, mit dem kaiserlichen Ornat bekleidet, wobei seine Söhne Carinus und Numerianus den Rang von Caesares erhielten. Und da nach Bekanntwerden des Todes von Probus zahlreiche Barbaren die Gelegenheit zu Einfällen benutzt hatten, entsandte er den älteren Sohn [Carinus] zur Sicherung Galliens und brach selbst unverzüglich, von [seinem zweiten Sohn] Numerianus begleitet, nach Mesopotamien auf, das fast regelmäßig dem Angriff der Perser ausgesetzt ist. Dort traf ihn nach Vertreibung der Feinde, während er, unbedacht allzu sehr auf Ruhm erpicht, über Ktesiphon, eine ansehnliche Stadt Parthiens, hinaus vordrangt, ein Blitz und verbrannt ihn. Das, berichten einige, sei ihm mit Recht zugestoßen; denn nachdem Prophezeiungen ihn belehrt hatten, ihm sei [vom Schicksal] nur erlaubt, bis zu der erwähnten Stadt siegreich vorzurücken, mußte er dafürbüßen, daß er sich weiter fortreißen ließ. Es ist demnach schwierig, vom Schicksal Verhängtes zu vermeiden, und daher ist die Kenntnis der Zukunft unnütz.

Doch Numerianus, der den Krieg zugleich mit dem Verlust des Vaters für beendet hielt, wurde, als er sein Heer zurückführte, von dem Prätorianerpräfekten Aper, seinem Schwiegervater, heimtückisch beseitigt. Hierzu bot ein Augenleiden des jungen Mannes die Gelegenheit. Man hielt übrigens die Untat lange verborgen, indem der Leichnam in einer verschlossenen Sänfte, als sei der Mann krank - damit der Wind nicht seiner Sehkraft Abtrag tue -, befördert wurde.

39 Doch machte schließlich der Gestank der verwesenden Gliedmaßen das Verbrechen offenkundig. Darauf wurde durch Beschluß der Truppenführer und Tribunen Valerius Diokletianus, der Befehlshaber der Leibwache, wegen seiner Klugheit [als Kaiser] auserkoren, ein bedeutender Mann, jedoch von folgender Wesensart: Er trug als erster ein Gewand aus Gold und verlangte für seine Füße die Kostbarkeit von Seide, Purpur und Edelsteinen. Das ist zwar indezent, maßlos und Zeichen einer aufgeblähten und eitlen Gesinnung, aber eigentlich nichts im Vergleich zu anderem [was er einführte]; denn er ließ sich als allererster nach Caligula und Domitian offiziell «Herr» nennen und anbeten und anrufen wie einen Gott.

Was derartiges betrifft, so glaube ich, daß gerade die Niedrigsten, wenn sie es zu einer hohen Stellung gebracht haben, in ihrem Selbstgefühl und Ehrgeiz hemmungslos sind. Marius zur Zeit unserer Vorfahren ebenso wie dieser Mann unserer Zeit sind über das gewöhnliche Verhalten hinausgegangen, mit einer Seele, die der Beherrschung nicht fähig, ja wie bei einem aus Hungersnot wieder zur Nahrung Gelangenden unersättlich war. Insoweit erscheint es mir seltsam unrichtig , wenn die meisten den Hochmut dem Adel zuschreiben, der doch, eingedenk seines patrizischen Ursprungs, zum Ausgleich für die Beschwerlichkeiten, denen er ausgesetzt ist, eigentlich doch nur ein geringes Vorrecht für sich beansprucht.

Bei Valerius [Diokletianus] wurde dies allerdings durch die übrigen, nämlich die guten Eigenschaften verdeckt, und während er sich «Herr» nennen ließ, verhielt er sich eigentlich wie ein Vater. Der kluge Mann wollte, das steht fest, damit klarmachen, daß schreckliche Namen [die er sich zulegte] weitaus weniger schlimm sind als schreckliche Taten [die er nicht beging].

Unterdessen zog Carinus, unterrichtet über das, was vorgefallen war, und in der Erwartung, daß sich Aufstände im Anfangsstadium leichter beseitigen lassen als später, eilends, wenn auch mit einem Umweg über Italien nach Illyrien. Dort erschlug er Julian, nachdem er dessen Heer verjagt hatte. Denn dieser hatte als Statthalter von Venetien auf die Kunde vom Tode des Carus hin die Herrschaft an sich zu reißen versucht; er war daher dem herannahenden Feinde entgegengerückt.

Nach seinem Einmarsch in Moesien ließ sich Carinus sodann am Margus auf eine Schlacht mit Diokletian ein. Während er [nach einem erfolgreich geführten Gefecht] besiegten Gegnern hastig nachsetzte, erlag er einem Attentat seiner Leute.Weil er, unbeherrscht-wollüstig, den Frauen seiner Soldaten nachstellte, hatte er deren Männer gegen sich aufgebracht. Obschon diese ihren Zorn und Schmerz eigentlich bis zum Ausgang des Krieges hatten unterdrücken wollen, fürchteten diese doch, als die Operationen einen glücklichen Verlauf nahmen, ein solcher Charakter [wie Carinus] werde durch den Sieg mehr und mehr in Maßlosigkeit verfallen, und rächten sich somit sofort. Dies war das Ende des Carus und seiner Söhne; sie stammten aus Narbo; ihre Herrschaft dauerte zwei Jahre.

Bei der ersten Heeresversammlung stellte sich Valerius [Diokletianus] mit gezücktem Schwert auf, blickte zur Sonne und schwor, er habe von dem Mord an Numerianus nichts gewußt und auch nicht nach der Herrschaft gestrebt. Sodann durchbohrte er [den Mörder] Aper, der ganz in seiner Nähe stand, mit einem Stoß; durch dessen Tücke war, wie wir oben darlegten, der vortreffliche und beredte junge Mann , sein Schwiegersohn, umgebracht worden.

Die übrigen [aus dem gegnerischen Heer des Carinus] wurden begnadigt, und fast alle Feinde blieben auf ihren Posten, vor allem ein hervorragender Mann, der Prätorianerpräfekt namens Aristobulus. Das war nun seit Menschengedenken etwas ganz Neues und Unerwartetes: daß nach einem Bürgerkrieg niemand seines Vermögens, seiner Ehre und seines Amtes beraubt wurde, während wir uns sonst schon freuen, wenn Schonung und Milde waltet oder wenn bei Verbannung und Ächtung, bei Hinrichtungen und Morden jedenfalls ein gewisses Maß eingehalten wird. Da überrascht es auch nicht, daß er viele, auch Auswärtige, als Helfer herbeirief, die römischen Gesetze zu schützen und auszubreiten.

Als etwa Valerius [Diokletianus] erfuhr, daß Hellanus und Amandus nach dem Untergang des Carinus mit einem in Gallien aufgewiegelten Haufen von Landleuten und Räubern, welche die Bewohner Bagauden nennen, weithin das Ackerland verwüsteten und zahlreiche Städte angriffen, ernannte er unverzüglich Maximian, ihm in Freundschaft treu ergeben und, wenn auch halbbäuerisch, so doch durch Kriegserfahrung und Charakter tüchtig, zum Befehlshaber. Dieser erhielt später den Beinamen Herculius, wegen seiner Verehrung des Gottes [Herkules], ebenso wie Valerius [Diokletianus] den Beinamen Jovius erhielt [wegen seiner besonderen Verehrung des Jupiter]; danach wurden auch die Hilfstruppen, die sich im Heere besonders hervortaten, benannt. Herculius aber zog nach Gallien. Nach Vertreibung oder Begnadigung der Feinde stellte er in kurzer Zeit überall die Ruhe wieder her.

Auf diesem Feldzug zeichnete sich Carausius, ein Bürger Menapiens, durch überaus beherzte Taten aus; deswegen und zugleich, weil er als des Steuerns kundiger Schiffsführer galt - mit dieser Tätigkeit hatte er in jüngeren Jahren seinen Lebensunterhalt bestritten - , betrauten ihn die Kaiser damit, eine Flotte zu rüsten und die Germanen, die die Meere unsicher machten, zu vertreiben. Allerdings überhob er sich [wegen seiner Stellung]: er rottete unnötig viele Barbaren aus, führte keineswegs die ganze Kriegsbeute an die Staatskasse ab und besetzte schließlich

aus Furcht vor Herculius, der ihn, wie er erfahren hatte, töten sollte, Britannien, wobei er sich die Kaisergewalt anmaßte.

Um dieselbe Zeit verursachten im Orient die Perser, in Afrika Julian und die Quinquagintanischen Stämme schwere Unruhen. Überdies hatte sich im ägyptischen Alexandrien jemand namens Achilleus mit den Zeichen der Herrschaft bekleidet. Aus diesen Gründen ernannten die Kaiser Julius Constantius und Galerius Maximianus, der den Beinamen Armentarius trug, zu Caesaren und knüpften mit ihnen verwandtschaftliche Bande. Der Erstgenannte erhielt die Stieftochter des Herculius, der andere die Tochter des Diokletian zur Frau, nachdem diese ihre früheren Ehen aufgelöst hatten, wie es einst Augustus bei Tiberius Nero und seiner Tochter Julia gehalten hatte. Sie waren allesamt in Illyrien beheimatet. sie eigneten sich, Mit Bildung zwar wenig vertraut, dafür aber um so mehr mit den Drangsalen der Landwirtschaft und des Kriegsdienstes, eigneten sie sich vorzüglich für die Staatsverwaltung. Es zeigt sich ja öfters, daß Leidensdruck die Menschen leichter redlich und fürsorglich macht und daß im Gegensatz dazu die von Kümmernissen Verschonten, weil sie jedermann nur nach gewissen, ihnen eigenen Glücksgütern messen, weniger hilfreich [für andere und das Gemeinwohl] sind. Am meisten aber bewies der Zusammenhalt dieser Männer, daß zur Tüchtigkeit Begabung und Erfahrung in gediegenem Militärdienst, wie sie sie in der Schule des Aurelian und des Probus erworben hatten, nahezu genügen. Schließlich blickten sie zu Valerius [Diokletianus] wie zu ihrem Vater oder als wäre er eine große Gottheit, auf. Wie förderlich und wichtig das ist, haben von der Gründung der Stadt an bis in unsere Zeit die schlimmen Taten unter Verwandten offenbart.

Und da die Last der Kriege, von der wir oben berichtet haben, immer härter drückte, wurde in der viergeteilten Herrschaft alles, was jenseits der Alpen zu Gallien gehört, dem Constantius, Afrika und Italien dem Herculius, die illyrische Küste und das Gebiet bis zum Ufer des Schwarzen Meeres dem Galerius anvertraut; den Rest behielt Valerius. Von nun an wurde schließlich einem Teil Italiens die ungeheure Last der Abgaben auferlegt. Denn während bisher das ganze Land in gleicher, mäßiger Höhe aufbrachte, womit sich Heer und Kaiser, die stets oder die meiste Zeit anwesend waren, ernähren konnten, trat jetzt für die Steuern ein neues Gesetz in Kraft. Allerdings ist aus der Bescheidenheit jener Zeiten, aus der damaligen Erträglichkeit [der Besteuerung] mittlerweile ein schweres Übel geworden.

Während nun Jovius nach Alexandrien aufbrach, wurde dem Caesar Maxirnian die Aufgabe übertragen, er solle die Grenze überschreiten und in Mesopotamien einrücken, um die Angriffe der Feinde abzuwehren. Nachdem ihm diese zunächst schwer zugesetzt hatten, zog er eilends aus Altgedienten und Rekruten ein Heer zusammen, und so rückte er durch Armenien gegen die Feinde vor: dies ist so ziemlich der einzige oder jedenfalls der leichtere Weg, der zum Sieg führt. Schließlich nahm er dort König Narseus gefangen und zugleich dessen Kinder und Frauen sowie den königlichen Hof. Er war derart erfolgreich, daß, hätte nicht Valerius [Diokletianus], nach dessen Willen alles geschah, man weiß nicht warum, abgewinkt, die römischen Rutenbündel in eine neue Provinz vorgedrungen wären. Doch gleichwohl wurde der nützlichere Teil des Gebietes von uns erworben; als man ihn um so erbitterter zurückforderte, brach aufs neue ein Krieg aus, der überaus schwer und verderblich war.

In Ägypten hingegen erhielt Achilleus, mit leichter Mühe geschlagen, seine Strafe. In Afrika nahmen die Dinge denselben Verlauf, und lediglich dem Carausius wurde die Herrschaft über die Insel belassen, nachdem er sich als recht geeignet erwiesen hatte, Befehle entgegenzunehmen und die Bewohner gegen kriegerische Völker zu schützen. Ihn hat allerdings sechs Jahre später ein Mann namens Allectus heimtückisch zu Fall gebracht. Dieser hatte ihm nämlich, als er mit seiner Erlaubnis einen sehr hohen Posten innehatte, aus Furcht wegen seiner Schandtaten und darum vor dem Tode, durch ein Verbrechen die Herrschaft entwunden. Er genoß sie nur kurze Zeit: Constantius vernichtete ihn, nachdem er Asclepiodotus, den Befehlshaber der Prätorianer, mit einem Teil der Flotte und den Legionen vorausgeschickt hatte. Und unterdessen wurden die Markomannen geschlagen und das ganze Karpervolk, von dem bereits Aurelian einen Teil verjagt hatte, auf unser Territorium umgesiedelt.

Mit nicht geringerem Eifer regelte man die inneren Angelegenheiten durch möglichst gerechte Vorschriften, und man beseitigte das verderbliche Gezücht der Getreidetaxierer, denen jetzt die Geheimagenten am ähnlichsten sind. Man hatte sie offenbar eingesetzt, auszukundschaften und anzuzeigen, ob etwa irgendwo in den Provinzen Unruhen aufkämen. Indem sie jedoch auf niederträchtige Weise Anschuldigungen erfanden und überall, zumal bei denen, die weit abseits lebten, Furcht verbreiteten, unterwarfen sie alle Welt schändlichen Erpressungen. Zugleich wurden der städtische Getreidepreis und das Wohl der Unterstützungsempfänger skrupulös und mit Sorgfalt überwacht, und die Förderung der Anständigen sowie andererseits die Bestrafung der Schandbuben steigerte das Streben nach guten Sitten. Den ältesten

Kulten ließ man in größter Reinheit Pflege angedeihen, und auf bewundernswerte Weise wurden mit ganz und gar neuen und schön verzierten Mauern die römischen Hügel sowie weitere Städte geschmückt, vor allem Karthago, Mailand und Nikomedien.

Und doch waren die Kaiser, während sie dies taten, nicht frei von Fehlern. Denn Herculius wurde derart von sexueller Gier umgetrieben, daß seine verderbte Seele nicht einmal vor der Berührung von Geiseln Halt machte; Valerius wahrte auf wenig ehrenvolle Weise seinen Freunden gegenüber die Treue, gewiß aus Furcht vor Zwistigkeiten, indem er glaubte, daß offene Aussprachen die Ruhe der Teilhaberschaft stören könnten. Deswegen wurden von ihm auch die Kräfte der Stadt gleichsam verstümmelt, und zwar durch eine verminderte Zahl von Prätorianerkohorten und sonstigem Volk in Waffen, und diese Furcht war auch nach Ansicht mehrerer der Grund für seine [Diokletians] Abdankung. Denn als Erforscher des Bevorstehenden entledigte er sich, sobald er erfuhr, daß schicksalsverhängte innere Niederlagen und gleichsam ein Krachen des römischen Reiches drohten, nach der Feier des zwanzigsten Jahres seiner Herrschaft bei recht guter Gesundheit der Sorge für den Staat, nachdem er mit größter Mühe Herculius zu demselben Entschluß gebracht hatte, ihn, der ein Jahr weniger an der Macht gewesen war. Und obwohl bei der Verschiedenheit der Urteile das Ansehen der Wahrheit beschädigt ist, scheint es mir von einem herausragenden Charakter zu zeugen, wenn jemand seinen Ehrgeiz hintanstellt und wieder ins gewöhnliche Dasein hinabsteigt.


LV Gizewski WS 2005/2006.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .