Die diokletianische Christenverfolgung aus christlicher Sicht. Eusebios von Caesarea, Kirchengeschichte, Buch 8, 1 - 3.

Text der deutschen Übersetzung nach: Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte. Herausgegeben und eingeleitet von Heinrich Kraft, übersetzt von Philipp Haeser (1932) und durchgesehen von Hans Armin Gärtner, Darmstadt 1967, S. 398 - 401 und S. 440 f.


(1) ... Weil wir uns ... im Wortstreit beinahe wie mit Schwert und Speer bekämpften, Vorsteher mit Vorstehern zusammenstießen und Laien gegen Laien sich erhoben und unaussprechliche Heuchelei und Verstellung den höchsten Grad ihrer Bosheit erreichten, da begann das göttliche Strafgericht [über die Christen im Römischen Reich] ... Blind wie wir waren, mühten wir uns nicht, wie wir die Gottheit freundlich und gnädig stimmen könnten, glaubten vielmehr gleich manchen Heiden, Gott sorge und kümmere sich gar nicht um unsere Angelegenheiten, und häuften Sünde auf Sünde. Und die unsere Hirten schienen, schoben das Gesetz der Gottesfurcht beiseite und entbrannten in Eifersüchteleien gegeneinander. Streit und Drohung und Neid und gegenseitigen Groll und Haß zu mehren, war all ihr Tun. Leidenschaftlich verteidigten sie gleich Tyrannen ihre Machtgier. Da "umwölkte" - wie Jeremias [Klagelieder 2, 1 f.] sagt - "der Herr in seinem Zorne die Tochter Sion und warf vom Himmel herab die Herrlichkeit Israels und gedachte am Tage seines Zornes nicht mehr des Schemels seiner Füße. Auch versenkte der Herr alle Anmut Israels und zerstörte alle seine Zäune". "Er vernichtete" - nach dem, was vorausverkündet ist in den Psalmen [Ps. 88, 40 - 46] - "den Bund seines Knechtes und entweihte - durch die Zerstörung der Kirchen - zur Erde sein Heiligtum und zerstörte alle seine Zäune und nahm seinen Festungswerken die Kraft. Die Haufen des Volkes, alle, die des Weges kamen, plünderten es, und überdies wurde es den Nachbarn zum Spott. Er erhob die Rechte seiner Feinde und wendete ab die Hilfe seines Schwertes und nahm sich im Kriege nicht mehr seiner an. Er nahm ihm seine Reinigung und stürzte seinen Thron zur Erde und verkürzte die Tage seiner Zeit und goß zu all dem Schmach über ihn aus."

(2) Das alles ist zu unserer Zeit in Erfüllung gegangen. Denn mit eigenen Augen haben wir gesehen, wie die Bethäuser vom First bis zum Estrich niedergerissen und von Grund aus zerstört und die göttlichen und heiligen Schriften mitten auf den öffentlichen Plätzen verbrannt wurden, wie die Hirten der Kirchen teils in schimpflicher Weise sich da und dort verbargen, teils schmählich gefangengenommen und von den Feinden verhöhnt wurden. Nach einem andern Prophetenwort [Ps. 106, 40] "ward Verachtung über die Herrscher ausgegossen und ließ er sie irregehen in unwegsamer Öde ohne Pfad:"

Doch halten wir es nicht für unsere Aufgabe, die traurigen Schicksale aufzuzeichnen, von welchen sie letztlich betroffen wurden, wie es uns auch nicht zusteht, ihre gegenseitigen Streitigkeiten vor der Verfolgung und ihr widersinniges Gebaren der Nachwelt zu überliefern. Wir haben uns daher entschlossen, über sie nicht mehr zu berichten, als was zur Rechtfertigung des göttlichen Strafgerichtes dienen möchte. Und so wollen wir auch derer nicht Erwähnung tun, die durch die [Christen-] Verfolgung [Diokletians] in Versuchung gerieten oder an ihrem Heile völlig Schiffbruch litten und sich freiwillig in die Tiefen der [verderblichen] Fluten [des heidnischen Bekenntniszwangs] stürzten. Nur das werden wir in unsere allgemeine Geschichte einfügen, was zunächst für uns selbst, dann auch für die Nachwelt von Nutzen sein dürfte.

Gehen wir nun dazu über, die heiligen Kämpfe, welche die Zeugen des göttlichen Wortes bestanden haben, im Auszug aufzuzeichnen. Es war das neunzehnte Jahr der Regierung des Diokletian, der Monat Dystros [März] , bei den Römern Martius genannt, als beim Herannahen des Festes des erlösenden Leidens allenthalben ein kaiserlicher Erlaß veröffentlicht wurde, welcher befahl, die Kirchen bis auf den Grund niederzureißen und die Schriften zu verbrennen, und verfügte, daß Inhaber von Ehrenstellen ihre Würden, und Bedienstete, sofern sie im Bekenntnis des Christentums verharrten, die Freiheit verlieren sollten So lautete das erste Edikt gegen uns. Bald darauf erschienen weitere Edikte, wonach alle Vorsteher allerorts zuerst in Fesseln gelegt und dann auf jede Weise zum Opfern gezwungen werden sollten.

(3) Damals nun litten sehr viele Vorsteher der Kirchen standhaft schreckliche Qualen und boten so das Schauspiel herrlicher Kämpfe. Ungezählte andere aber erstarrten seelisch in Furcht und erlagen daher sogleich beim ersten Ansturm. Von den übrigen [die an sich Widerstand leisten wollten] hatte der eine diese, der andere jene Peinen zu bestehen. Der eine wurde mit Geißelhieben gemartert, der andere mit Foltern und Schabmessern in unerträglicher Weise geschunden, so daß manche schon hierbei einen gräßlichen Tod fanden. Wieder andere kamen auf diese und jene Art um den Kampf herum. Da wurde einer von anderen gewaltsam mitgezerrt und zu den abscheulichen und unheiligen Opfern geführt und dann entlassen, wie wenn er geopfert hätte, auch wenn er tatsächlich nicht geopfert hatte. Der konnte frei abziehen, obwohl er gar nicht an den Altar getreten war und nichts Unreines berührt hatte, weil andere vorgaben, er hätte geopfert, und er die falsche Angabe stillschweigend hinnahm. Ein anderer wurde halbtot aufgehoben und als Toter weggeworfen. Wieder ein anderer, auf dem Boden liegend, wurde an den Füßen eine Strecke weit gezerrt und zu denen gezählt, welche geopfert hatten. Wenn aber einer mit lauter Stimme rief und beteuerte, daß er sich geweigert habe zu opfern, oder ein anderer schrie "Ich bin ein Christ!", stolz auf das Bekenntnis des heilbringenden Namens, und ein dritter beharrlich wiederholte, er habe nicht geopfert und werde nie opfern, so wurden solche gleichwohl durch die zahlreiche hierzu beorderte Mannschaft, die sie durch Schläge auf den Mund zum Schweigen brachte, unter Hieben auf Gesicht und Wangen mit Gewalt weggedrängt. So suchten erreichten es die Feinde der [christlich bekennenden] Gottesfurcht mit allen ihren Mitteln scheinbar, ihr Ziel zu erreichen.

Aber [letztlich] vermochten sie auch damit nichts gegen die heiligen Märtyrer.


LV Gizewski WS 2005/2006.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .