Heidnische Toleranz-Politik gegenüber den Christen. Eusebios von Caesarea, Kirchengeschichte, Buch 9, 9 f.

Text der deutschen Übersetzung nach: Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte. Herausgegeben und eingeleitet von Heinrich Kraft, übersetzt von Philipp Haeser (1932) und durchgesehen von Hans Armin Gärtner, Darmstadt 1967, S. 401 f.


(9) .... An Maximinus, der noch über die Völker des Ostens regierte und ihnen gegenüber Freundschaft heuchelte, sandten sie [die Kaiser des Westens Konstantin und Licinius] einen Bericht über die Wunder, die Gott an ihnen gewirkt, und über den Sieg, den sie über den Tyrannen [Maxentius] erfochten, sowie das erwähnte [staatliche Toleranz gegenüber der christlichen Religionsausübung verkündende] Gesetz. [Toleranz-Edikt von Mailand d. J. 312 n. Chr.] Er, der Tyrann, war ob dieser Nachrichten [wegen seiner heidnische Gesinnung] sehr bestürzt. Und da er einerseits den Schein vermeiden wollte, als füge er sich andern, anderseits aber auch aus Furcht vor den Auftraggebern den Befehl nicht zu unterschlagen wagte, so erließ er an die ihm untergebenen Statthalter notgedrungen, aber scheinbar aus eigenem Antrieb zugunsten der Christen zunächst folgendes Schreiben, worin er sich indes in lügenhafter Weise Dinge zuschreibt, die er niemals getan.

(9 a) Abschrift der Cbersetzung des Briefes des Tyrannen: "Jovius Maximinus Augustus an Sabinus. Deiner Stärke und allen Menschen ist, wie ich glaube, bekannt, daß unsere Herrn und Väter, Diokletian und Maximianus, als sie sahen, daß fast alle Menschen den Dienst der [traditionellen römischen] Götter aufgaben und sich dem Volk der Christen anschlossen , den gerechten Befehl erteilten, alle jene, die den Dienst der unsterblichen Götter verließen, durch öffentliche Zurechtweisung und Strafe zum Dienst der Götter zurückzurufen. Doch als ich durch glückliche Fügung das erstemal nach dem Osten kam und erkannte, daß sehr viele Leute, die dem Staate nützlich sein könnten, von den Richtern aus dem erwähnten Grunde in gewisse Gegenden verbannt wurden, gab ich allen Richtern die Weisung, gegen die Bewohner der Provinzen in Zukunft nicht mehr mit Gewalt vorzugehen, sondern sie vielmehr durch Freundlichkeit und Belehrung zum Dienste der Götter zurückzurufen. Und da sich die Richter an meine Weisung hielten, wurde in den östlichen Gebieten niemand mehr verbannt oder mißhandelt, und die Leute ließen sich eben dadurch, daß man nicht mehr mit Gewalt einschritt, zum Dienste der Götter zurückrufen. Als ich sodann im verflossenen Jahre durch glückliche Fügung nach Nikomedien kam und dort Aufenthalt nahm, erschienen Bürger dieser Stadt mit den Bildern der Götter vor mir und baten inständig, es möchte doch diesem Geschlechte [der Christen] in keiner Weise gestattet sein, in ihrer Stadt zu wohnen.

Da ich aber wußre, daß sehr viele Anhänger dieser Religion in jenem Gebiet wohnten, gab ich ihnen zur Antwort, daß ich für ihre Bitte freudig Dank wisse, jedoch sähe, daß sie nicht von der Gesamtheit ausgehe. Wenn nun Leute bei diesem [christlichen] Aberglauben beharrten, so solle insoweit jeder einzelne seine freie Wahl und Entscheidung haben. Wer es aber wünsche, möge den Dienst der Götter anerkennen. Gleichwohl sah ich mich verpflichtet, sowohl den Bewohnern des erwähnten Nikomedien als auch den übrigen Städten, die ihrerseits die gleiche Bitte mit allem Nachdruck mir vorgetragen, daß nämlich kein Christ in ihren Städten wohnen solle, eine gnädige Antwort zu geben. Denn auch die früheren Herrscher haben alle das gleiche Verfahren beobachtet. Auch den Göttern selbst, durch die das Menschengeschlecht und die Ordnung des Staates Bestand haben, gefiel es, daß ich eine so wichtige Bitte, die sie für den Dienst ihrer Gottheit vortrugen, bekräftigte.

Obwohl deiner Ergebenheit schon früher geschrieben und durch Erlaß befohlen wurde, daß man gegen die Provinzbewohner, die an jener Gewohnheit festzuhalten gesonnen sind, nicht hart, sondern mit Langmut und Milde vorgehen solle, so hielt ich es dennoch, damit sie [die Christen] nicht durch die Benefiziarier [besonders traditionsbewußte, loyale, mit Privilegien versehene unbd mit Verwaltungsaufgaben betraute Militärangehörige] oder irgendwelche sonstigen Verantwortlichen Schmähungen und Mißhandlungen erleiden, für angemessen, durch vorliegendes Schreiben deine Stärke zu mahnen, die Bewohner unserer Provinzen mehr durch Freundlichkeit und Belehrung zur Anerkennung der den Göttern schuldigen Ehrung zu bringen. Wenn sich daher jemand freiwillig für die Anerkennung des Götterdienstes entschließt, so geziemt es sich, ihn [in den öffentlichen Dienst oder das Heer] aufzunehmen. Wer aber der eigenen Religion folgen will, dem lasse seine Freiheit! Diese Weisung hat deine Ergebenheit zu beachten, und niemand soll es gestattet sein, die Bewohner unserer Provinzen durch Schmähungen und Mißhandlungen zu quälen. Denn es geziemt sich, wie oben geschrieben, die Bewohner unserer Provinzen eher durch Belehrung und Freundlichkeit zum Dienste der Götter zurückzurufen. Damit aber diese unsere Weisung allen Bewohnern unserer Provinzen zur Kenntnis komme, hast du das Befohlene durch eine von dir erlassene Verordnung bekanntzugeben."


LV Gizewski WS 2005/2006.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .