Der Beginn der Völkerwanderung: Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte, Buch 31, aus Kap. 2 - 4.

Deutsche Übersetzung nach: Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch und deutsch und mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, 4. Teile, Teil,4 (Buch 26 - 31), Berlin 1968, S. 243 - 247 und 253 - 255.


2. Die Saat des Verderbens, die eigentliche Ursache der verschiedenen Katastrophen [die nunmehr das Römische Reich treffen sollten] ... war das Volk der Hunnen. Über dessen Geschichte ist wenig bekannt. Es wohnt jenseits des Mäotischen Sees, nahe dem Eismeer, und lebt im Zustand unbeschreiblicher Wildheit. Da gleich nach der Geburt in die Wangen der Kinder mit dem Messer tiefe Furchen gezogen werden, damit der zu bestimmter Zeit auftretende Bartwuchs durch die runzligen Narben gehemmt wird, werden sie unbärtig alt und ähneln, jeglicher Schönheit bar, den Eunuchen. Alle besitzen sie gedrungene und starke Glieder und einen muskulösen Nacken und sind so entsetzlich entstellt und gekrümmt, daß man sie für zweibeinige Bestien oder für Figuren aus Blöcken halten könnte, wie sie für die Seitenbegrenzung von Brücken roh behauen werden. Bei ihrer reizlosen Menschengestalt sind sie durch ihre Lebensweise so abgehärtet, daß sie keines Feuers und keiner gewürzten Speise bedürfen, sondern von den Wurzeln wilder Kräuterund dem halbrohen Fleisch von jedwedem Getier leben, das sie zwischen ihre Schenkel und den Pferderücken legen und etwas erwärmen. Sie kennen niemals den Schutz von Gebäuden, meiden solche vielmehr wie Gräber, die vom allgemeinen Verkehr völlig abgeschieden sind.Auch kann man bei ihnen nicht einmal eine mit Rohr gedeckte Hütte finden. Sondern ruhelos schweifen sie durch Berge und Wälder und sind von klein auf gewöhnt, Kälte, Hunger und Durst zu ertragen. Nur wenn äußerste Notwendigkeit sie zwingt, gehen sie in der Fremde unter ein Dach, denn sie glauben, unter Dächern nicht sicher zu sein ... Sie kleiden sich in linnene Gewänder oder solche, die aus Fellen von Waldmäusen'° zusammengenäht sind, und haben keine besondere Kleidung je für den Hausgebrauch und für den außerhalb des Hauses, sondern wenn sie einmal den Kopf in ein solches Hemd von schmutziger Farbe gesteckt haben, legen sie es erst ab oder wechseln es, wenn es durch langen Verschleiß in Fetzen aufgelöst und zerfallen ist. Den Kopf bedecken sie mit einer runden Kappe und schützen die behaarten Beine mit Ziegenfeilen. Ihre Schuhe werden nicht auf Leisten gepaßt und hindern sie folglich daran, frei auszuschreiten. Deswegen sind sie zu Fußkämpfen ungeeignet, aber auf ihren abgehärteten, doch unschönen Pferden sitzen sie wie angegossen und reiten auf ihnen bisweilen im Frauensitz, wenn sie ihre natürlichen Bedürfnisse erledigen. Von seinem Pferd aus kauft und verkauft jedermann in diesem Volk, und zwar bei Tag und Nacht, nimmt sein Essen und Getränk zu sich und gibt sich, auf den schmalen Hals des Tiers gebeugt, tiefem Schlaf hin und erlebt dabei die verschiedensten Träume. Wenn eine Beratung über wichtige Dinge angesetzt ist, beraten sie alle gemeinsam in dieser Haltung. Sie lassen sich aber durch keine königliches Regiment führen, sondern begnügen sich mit improvisierter Führung durch Häuptlinge, und so überwinden sie jedes Hindernis.

Bei Kämpfen fordern sie den Gegner zuweilen heraus und beginnen das Gefecht mit ihm in geschlossenen Abteilungen, wobei ihre Stimmen furchtbar ertönen. Da sie für schnelle Bewegungen leicht bewaffnet sind und unerwartet auftauchen, können sie sich absichtlich plötzlich auseinanderziehen und ihre Reihen lockern wie in einer ungeordneten Aufstellung. Ein furchtbares Blutbad anrichtend, galoppieren sie hin und her, und wegen ihrer gewaltigen Schnelligkeit sieht man sie kaum, wenn sie in eine Befestigung eindringen oder ein feindliches Lager plündern. Man möchte sie aus dem Grund die furchtbarsten von allen Kriegern nennen, weil sie im Fernkampf mit Pfeilen kämpfen, die mit spitzen Knochen anstelle von Pfeilspitzen mit wunderbarer Kunstfertigkeit zusammengefügt sind, ... im Nahkampf aber mit der Waffe ohne Rücksicht auf sich selbst fechten. Während sie den gefährlichen Schwerthieben ausweichen, fangen sie ihre Feinde mit geflochtenen Lassos, umschnüren die Glieder der Widerstrebenden und machen es ihnen damit unmöglich, zu reiten oder zu gehen. Niemand pflügt bei ihnen oder berührt jemals den Pflug. Denn sie alle kennen keine festen Wohnsitze, sondern schweifen umher, ohne Haus, ohne Gesetz und feste Lebensweise, immer wie auf der Flucht mit ihren Wagen, auf denen sie wohnen. Hier nähen ihre Frauen für sie die schmutzigen Kleidungsstücke, hier paaren sie sich mit ihren Männern, gebären ihre Kinder und ziehen sie bis zur Mannbarkeit auf. Niemand bei ihnen kann auf die Frage, woher er stamme, eine Antwort geben, denn irgendwo wurde er gezeugt, weit fort davon geboren und in noch größerer Entfernung erzogen. Im Falle eines Waffenstillstandes treulos, sind sie bei jedem Hauch einer neu sich zeigenden Hoffnung ständig leicht erregbar und geben sich ganz ihrer triebhaften Raserei hin. Wie Tiere, die keinen Verstand haben, kennen sie keinen Begriff von Ehre und Ehrlosigkeit, führen zweideutige und dunkle Reden und kennen keine Ehrerbietung vor einer Religion oder auch nur einem Aberglauben. Doch brennen sie von unmäßiger Begierde nach Gold. So wankelmütig sind sie, und ihr Zorn ist so leicht erregbar, daß sie sich oft an ein und demselben Tag ohne jegliche Ursache von ihren Bundesgenossen trennen und sich ebenso schnell wieder versöhnen, ohne daß jemand sie besänftigt.

Dieses kampfkräftige und ungezähmte Menschengeschlecht, das von einer schrecklichen Begierde erfüllt ist, fremdes Gut zu rauben, durchquerte [damals nun] raubend und mordend die Nachbarländer und gelangte [zunächst] bis zu den Alanen, den alten Massageten [die sie besiegen und dann zu einem Kriegsbündnis für ihre weiterführenden Züge veranlassen, welche sie als nächstes gegen die östlichen - zwischen Don und Dnjester am Schwarzen Meer siedelnden - Goten führen, die ebenfalls besiegt und teilweise zu einer Fluchtbewegung nach Westen genötigt werden]. ....

3. .... Bei den übrigen [zwischen Dnjester und Donau siedelnden westlichen] Gotenstämmen verbreitete sich aber das Gerücht, daß dieses vorher noch nie gesehene Menschengeschlecht [scil. die Hunnen], das sich wie ein Sturmwind von hohen Bergen aus einem abgelegenen Winkel aufgemacht hatte, jeden Widerstand zerbreche und in Trümmer lege.Darum ließ der größte Teil des Volks [zur Abwehr der Hunnen entschlossenen König] Athanarich im Stich und suchte - vom Mangel an Lebensmitteln immer mehr geschwächt, nach Wohnsitzen, die den Barbaren möglichst unbekannt und unzugänglich waren. Lange beriet man, wohin man sich wenden sollte; dann dachte dann an Thrakien als Zuflucht, das dafür aus doppeltem Grund geeignet war: erstens hatte es sehr fruchtbaren Boden, und zweitens wurde es durch die Weite der dahinströmenden Donau von den Gebieten getrennt, die für die Schrecken des aus der Fremdee kommenden Kriegsgottes offen dalagen. Als ob sie gemeinsam überlegt hätten, faßten aalle denselben Plan.

4. Unter Führung des Alaviv besetzten sie daher die Donau am nördlichen Ufer, schickten Unterhändler zu [dem römischen Kaiser] Valens und ersuchten mit demütiger Bitte um Aufnahme [in das Gebiet des Römischen Reiches] . Sie versprachen, ein friedfertiges Leben zu führen und Hilfstruppen zu stellen, wenn es die Umstände erforderten.

[Im Römischen Reich hatten sich bereits] schreckliche Gerüchte von dem, was in fernen Gegenden vor sich ging, verbreitet; es lief die Nachricht um, die Völker des Nordens verursachten neue und ungewöhnlich große Bewegungen. In dem ganzen Gebiet zwischen den Markomannen und Quaden und dem Schwarzen Meer sei die dort lebende Menschenmenge von unbekannten Barbarenvölkern mit unvorhergesehener Gewalt aus ihren Wohnsitzen verdrängt worden. Sie ziehe nun im Donaugebiet in einzelnen Banden mit ihren Familien umher. Ganz zu Anfang wurden diese Gerüchte auf unserer Seite zwar kaum beachtet, und zwar, weil man es schon gewohnt ist, aus jenen Gebieten nichts anderes als Nachrichten über irgendwelche Kriege zu hören, die von irgendwelchen weit entfernten Völkern geführt oder zwischen ihnen beigelegt worden sind. Allmählich gingen jedoch zuverlässige Nachrichten über diese Vorgänge ein. Sie wurden schließlich durch die Ankunft der [erwähnten] Gesandten der Barbaren bestätigt.

Diese baten unter Flehen und Beschwörungen darum, ihr heimatvertriebens Volk diesseits des Stroms aufzunehmen. Dieses Anliegen gab [nun auf unserer Seite beauerlicherweise] mehr zu Freude Veranlassung als zur Furcht. Dem Kaiser gegenüber hoben erfahrene Schmeichler sein Glück hoch in den Himmel: wider Erwarten bringe es ihm aus entferntesten Ländern eine Masse Rekruten und biete ihm an, aus der Vereinigung seiner eigenen mit fremdstämmigen Streitkräften ein unbesiegbares Heer zu schaffen. Anstelle der Kosten für den Mannschaftsersatz, die man jährlich auf die Provinzen umlegen müsse, dürfe man nun auf das Einkommen einer großen Menge Goldes rechnen. In dieser Erwartung wurden mehrere Beamte ausgesandt, die die wilde Menge [der an der Donaun wartenden] mit ihren Fahrzeugen herüberbringen sollten. Dabei verwandte man große Sorgfalt darauf, daß kein zukünftiger Zerstörer des Römischen Reichs zurückblieb, selbst wenn er von einer tödlichen Krankheit befallen war. So erhielten die Goten mit Genehmigung des Kaisers die Mögliclikeit, die Donau zu überschreiten und Teile von Thrakien zu besiedeln. Tag und Nacht setzten sie scharenweise auf Schiffen, Flößen und ausgehöhlten Baumstämmen über. Da der Fluß außerodentlich zu überqueren ist und damals gerade auch noch infolge zahlreicher Regenfälle Hochwasser führte, kamen bei dem übermäßigen Gedränge manche in den Fluten um, wenn gegen Sturzwellen ankämpften oder zu schwimmen mußten. So wurde mit stürmischem Bemühen das Verderben der römischen Welt herbeigeführt. Es liegt dabei klar auf der Hand, daß die unheilbringenden Beamten, die die Überfahrt der Barbarenmenge leiteten, zwar oft versuchten, deren Anzahl rechnerisch zu erfassen, doch es schließlich als vergeblich aufgaben, wie unser bedeutendster Dichter [Vergil, Georgica 2, 106 f.] sagt:

"Wer ihre Zahl wollt' wissen , der wollt' in der Libyschen Wüste
wissen der Sandkörner Zahl, welch alle der Zephyr emporhebt." ...

LV Gizewski WS 2005/2006.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .