Zur Anfangszeit ostgotischer Herrschaft in Italien. Prokop, Gotenkriege, Buch 1, aus Kap. 1 und 2.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Prokop, Gotenkriege. Griechisch - Deutsch. Hg. von Otto Veh. München 1966, S. 7 - 19.

1....Jetzt komme ich zum Gotenkrieg, werde aber zuvor noch die Schicksale der Goten und Italiker vor diesem Kriege berichten. Während Kaiser Zenon in Byzanz regierte, gebot über den Westen Augustus, der bei den Römern auch den Spottnamen Augustulus hatte; denn bereits in früher Jugend war er zum Thron gelangt. Für ihn führte sein Vater Orestes, ein sehr kluger Mann, die Regierungsgeschäfte. Die Römer hatten einige Zeit zuvor Skiren, Alanen und andere gotische Völkerschaften als Bundesgenossen aufgenommen, weshalb sie denn auch, wie meine früheren Bücher berichten, durch Alarich und Attila schwere Heimsuchungen erlitten. Denn in gleichem Maße, wie die Barbaren bei den Römern zu Macht und Ansehen gelangten, hatten deren Truppen an Ruhm eingebüßt, und unter der wohlklingenden Bezeichnung "Bundesgenossen" herrschten die Fremdlinge schrankenlos über die Einheimischen. Schamlos erpreßten sie vieles von ihnen und forderten schließlich, das gesamte italische Ackerland solle unter sie aufgeteilt werden. Zunächst verlangten sie von Orestes die Abtretung eines Drittels, und da er sich entschieden weigerte, wurde er sogleich beseitigt. Nun war bei den Barbaren auch ein kaiserlicher Doryphor mit Namen Odoakar. Dieser erklärte sich bereit, ihre Wünsche zu erfüllen, wenn sie ihn zum Herrscher machten. Obwohl er so auf ungesetzliche Weise zur Macht gelangt war, tat er dem Kaiser sonst kein Leid, ließ ihn vielmehr als Privatmann weiter leben. Den Barbaren übergab er das verlangte Drittel Ackerland und gewann sie auf diese Weise als verlässige Helfer, so daß er sich etwa zehn Jahre als Usurpator behaupten konnte.

Zur gleichen Zeit erhoben auch die Goten, die der Kaiser in Thrakien angesiedelt hatte, die Waffen gegen die Römer. Theodorich, der in Byzanz Patrizierrang erhalten hatte und sogar zur Würde eines Konsuls aufgestiegen war, führte sie. Doch Kaiser Zenon, ein geschickter Politiker, veranlaßte ihn, nach Italien zu ziehen; er sollte dort Odoakar bekämpfen und das Westreich für sich und seine Goten gewinnen. Denn ihm als Mitglied des Senates stehe es doch mehr an, einen Gewaltherrscher zu stürzen und dann über sämtliche Römer und Italiker zu regieren als sieh in einen so gefahrvollen Kampf mit dem Kaiser einzulassen. Theodorich fand an dem Vorschlag Gefallen und zog nach Italien, mit ihm das Volk der Goten. Weiber und Kinder setzten sie auf Wagen und luden Hausrat soweit als möglich dazu. Als sie an das Jonische Meer kamen, fehlte es ihnen an Schiffen zur Überfahrt. So mußten die Goten das Meer umgehen und durch das Land der Taulantier und ihrer Nachbarn ziehen. Odoakar trat ihnen mit Heeresmacht entgegen, wurde aber in zahlreichen Schlachten besiegt und mußte sich auf Ravenna und die anderen stärksten Festungen zurückziehen. Daraufhin begannen die Goten mit der Belagerung und nahmen schließlich auf verschiedene Art sämtliche Plätze ein; nur das Kastell Caesena, dreihundert Stadien von Ravenna entfernt, und diese Stadt selbst, in der sich auch Odoakar befand, waren weder durch gütliche Verhandlungen noch durch Gewalt zu gewinnen. Denn Ravenna liegt in völliger Ebene am äußersten Ende des Jonischen Meeres, nur zwei Stadien von der See entfernt. Es ist seiner Lage wegen schwierig, mit einer Flotte oder einem Landheer heranzukommen. Bis auf dreißig Stadien hinaus ist das Wasser ganz seicht. Schiffe können daher nicht landen, und so bleibt der Strand, obwohl er den Seefahrern dicht vor Augen liegt, wegen der ausgedehnten Untiefen unerreichbar. Ebensowenig kann sich ein Landheer irgendwo der Stadt nähern; denn der Po, auch Eridanus genannt, der aus den keltischen Grenzgebieten dorthin seinen Weg nimmt, sowie andere schiffbare Flüsse umschließen mit einigen Lagunen Ravenna und machen es zu einer Seefestung. ...

Die Belagerung Ravennas durch die Goten und Theodorich zog sich drei Jahre lang hin, so daß sie des untätigen Sitzens überdrüssig wurden. Da auch Odoakar und seine Leute an allem Lebensnotwendigen litten, kam durch Vermittlung des Bischofs von Ravenna ein Vertrag zustande, wonach Theodorich und Odoakar gleichberechtigt und gemeinsam in Ravenna die Regierung führen sollten. Einige Zeit hielten sich beide an die Abmachungen, dann soll Theodorich einem Anschlag Odoakars gegen sein Leben auf die Spur gekommen sein. Mit erheuchelter Freundlichkeit lud er ihn zu einem Gastmahl und ließ ihn dort niedermachen. Hierauf gewann Theodorich die überlebenden feindlichen Barbaren für sich, so daß er jetzt unangefochten über Goten und Italiker herrschte. Die Insignien und die Bezeichnung eines römischen Kaisers anzunehmen, lehnte er ab. Zeitlebens ließ er sich nur "Rex" nennen - so heißen die Barbaren ihre Führer -, regierte aber über seine Untertanen mit kaiserlicher Machtfülle. Nachdrücklich sorgte er für Gerechtigkeit und wahrte die Gesetze, er schützte das Land vor den umwohnenden Barbaren und bewies höchste Klugheit und Tapferkeit. Seinen Untertanen tat er fast nie ein Unrecht an und ließ es auch von keinem anderen zu. Lediglich den Teil an Ländereien, den Odoakar seinen Leuten überlassen hatte, durften die Goten unter sich aufteilen. So war Theodorich dem Namen nach ein Gewaltherrscher, in Wirklichkeit jedoch ein echter Kaiser und stand keinem seiner berühmten Vorgänger irgendwie nach. Die Goten und Italiker liebten ihn daher sehr, was sonst menschlicher Art nicht entspricht. Denn in den Kreisen der Bürger verfolgt die eine Partei diese, die andere jene Ziele. So kommt es, daß die Regierung jeweils denen zusagt, die mit ihren Maßnahmen einverstanden sind, bei den Andersgesinnten aber auf Ablehnung stößt. Theoderich starb nach 37jähriger Regierung, ein Schrecken aller seiner Feinde, doch tief betrauert von seinen Untertanen.

Sein Tod kam so: Symmachus und dessen Schwiegersohn Boethius, beide altpatrizischer Herkunft, waren Konsulare und bekleideten die erste Stellung im römischen Senat. Eifrigst trieben sie philosophische Studien und strebten nach dem Ruhm der Gerechtigkeit. Sie halfen auch vielen Stadtbewohnern und Fremden mit Geldunterstützungen aus der Not, zogen sich aber durch ihr wachsendes Ansehen die Mißgunst schlechter Menschen zu. Theodorich schenkte deren verleumderischen Behauptungen Glauben, ließ beide Männer als Hochverräter hinrichten und zog ihr Vermögen ein. Wenige Tage später setzten ihm die Diener den Kopf eines großen Fisches zum Mahle vor. Da war es ihm, als sei dies das Haupt des eben erst getöteten Symmachus: Mit seinen in die Unterlippe eingebissenen Zähnen und starr und wild auf ihn gerichteten Augen erschien er Theodorich furchtbar drohend. Das gräßliche Gesicht erfüllte ihn mit Schrecken; er bekam Schüttelfrost und mußte sich eilends in sein Schlafgemach zurückziehen, wo er, in viele Decken gehüllt, Ruhe suchte. Hierauf berichtete er seinem Leibarzt Elpidius den ganzen Vorfall und beklagte das Unrecht, das er Symmachus und Boethius zugefügt hatte. Nachdem er seinen Fehler bitter beklagt und bereut hatte, verschied er kurz darauf. Dies war die erste und letzte Untat gegen seine Untertanen; denn nicht wie sonst hatte er eine sorgfältige Untersuchung durchgeführt und erst dann sein Urteil gegen die Männer gefällt.

Nach Theodorichs Tod wurde sein Tochtersohn Atalarich König, ein Knabe von acht Jahren, über den seine Mutter Amalasuntha die Vormundschaft führte; sein Vater war ja schon gestorben. Bald danach kam Justinian in Byzanz zur Regierung. Amalasuntlia herrschte als Vormündin ihres Sohnes, eine sehr kluge und gerechte Frau, dabei von durchaus männlicher Denkweise. Während ihrer Regierung strafte sie keinen Römer an Leib oder Besitz. Auch verwehrte sie den Goten, obschon sie dazu neigten, jede Gewalttat gegen die Römer; sie gab sogar den Kindern des Symmachus und Boethius ihr Vermögen zurück. Ihrem Sohne wollte Amalasuntha eine Ausbildung zuteil werden lassen, die ihn den römischenVornehmen gleichstellte, und schickte ihn daher in eine Schule. Sie wählte auch drei alte, ihr als besonders verständig und maßvoll bekannte gotische Männer aus, die Atalarichs beständige Umgebung bilden sollten. Damit waren die Goten aber gar nicht einverstanden. Denn um sich an ihren Untertanen vergreifen zu können, wollten sie von ihm mehr nach Barbarenart regiert werden. Einmal hatte die Mutter ihren Sohn wegen einer Ungezogenheit im Frauengemach gezüchtigt, worauf dieser weinend in den Männersaal weglief. Die Goten, die ihn so antrafen, waren erbittert; sie schalten Amalasuntha und behaupteten, sie wolle das Kind möglichst rasch beseitigen, um dann einen anderen Mann zu heiraten und selber mit ihm über Goten und Italiker zu herrschen. So taten sich alle Adeligen zusammen, traten vor Amalasuntha und machten ihr Vorhalte, daß ihr junger König ihnen nicht richtig und entsprechend erzogen werde. Denn Schreibwerk habe nichts mit Mannhaftigkeit zu tun, und Unterweisungen alter Männer führten meistens zu Feigheit und Schwäche.Wer sich durch kühne und ruhmvolle Taten auszeichnen wolle, dürfe sich vor keinem Schulmeister fürchten, sondern müsse sich im Waffengebrauch üben. Auch Theodorich habe Gotenkinder niemals in die Schule gehen lassen. Sonst hätten sie, wie er allen sagte, aus Furcht vor der Lederpeitsche nichts mehr für Schwert und Lanze übrig. Die Goten gaben Amalasuntha ferner zu bedenken, daß ihr Vater sich zum Herrn und König eines so großen Landes aufgeschwungen habe und im Besitz einer unerhörten Macht gestorben sei, ohne nur jemals von Grammatik gehört zu haben. "Entlasse also, Herrin", erklärten die Adeligen, "diese Erzieher und gib dem Atalarich gleichaltrige Genossen zu Gespielen! Diese sollen mit ihm zusammen heranwachsen und ihn nach unserer Sitte zur Mannhaftigkeit anspornen!"

Amalasuntha hörte sich ihre Worte an, teilte jedoch keineswegs ihre Ansicht. Aus Furcht vor der Feindschaft der Männer tat sie aber so, als sei sie einverstanden, und bewilligte sämtliche Forderungen. Man entfernte nun die alten Männer, dafür bekam Atalarich zum täglichen Verkehr einige junge Leute, die noch nicht erwachsen und nicht viel älter waren als er selbst. Diese verführten ihn, sobald er mannbar geworden war, zu Trunk und zum Umgang mit schlechten Weibern. So wurde er völlig verdorben und törichterweise dem Einfluß seiner Mutter entzogen. Ja, er verlor jedes Ineresse an ihr, obschon die Barbaren sich schon ganz offen gegen sie zusammentaten und unmißverständlich ihren Rücktritt von der Regierung forderten. Doch Amnalasuntha hatte weder vor der drohenden Haltung der Goten Angst, noch ließ sie sich als Frau einschüchtern, sie setzte vielmehr ihre ganze königliche Macht ein, griff die Haupträdelsführer der Bewegung, drei vornehme Goten, heraus und sandte sie in die Grenzgebiete Italiens, nicht gemeinsam, sondern möglichst weit voneinander getrennt; dabei diente nach offizieller Angabe die Abordnung dem Schutz des Landes vor einem feindlichen Angriff....


LV Gizewski WS 2005/2006.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .