Politisch-rhetorische Begründung einer verfassungsrechtlich prekären Übertragung außerordentlicher politischer und militärischer Vollmachten in einer schwierigen Kriegslage. Aus Cicero, De imperio Cn. Pompei 45 - 57.

Deutsche Übersetzung aus: Cicero, Staatsreden, 3 Teile, Lateinisch und deutsch von Helmut Kasten, Darmstadt 1987 6 , Teil, 1, S. 59 - 63.


.... Als [im 3. Mithradatischen Kriege (74 - 64 v. Chr.)] unsere Provinz ohne ausreichenden Schutz dalag, da hättet ihr Asien verloren, Quiriten, wenn nicht gerade im entscheidenden Augenblick [ i. J. 67 v. Chr.] durch göttliche Fügung das Glück des Römischen Volkes den Cn. Pompeius in diese Gegenden geführt hätte. Sein Erscheinen wies den von ungewohntem Siegerstolz geschwellten Mithridates in die Schranken und hemmte den Tigranes, der Asien mit gewaltiger Heeresmacht bedrohte.

Und da will noch jemand zweifeln, was der Mann mit seiner Tatkraft wird ausrichten können, der schon durch sein Ansehen so viel erreicht hat, wie leicht er an der Spitze eines Heeres unsere Bündner und Untertanen retten wird, die er schon durch seinen Namen und durch das Gerücht von seiner Anwesenheit geschützt hat?

Welch ein durchschlagender Beweis für das gewaltige Ansehen des Mannes bei den Feinden des Römischen Volkes liegt nun gar darin, daß aus so fernen Gegenden, aus Ost und West alle Welt in so kurzer Zeit sich einzig ihm ergeben hat, daß vom Staatenbund der Kreter, obwohl sich auf ihrer Insel ein Feldherr und ein Heer von uns befand, nahezu bis ans Ende der Welt Gesandte zu Cn. Pompeius kamen und alle kretischen Gemeinden erklärten, sich ihm ergeben zu wollen! Ja, hat nicht ebenderselbe Mithridates zu ebendemselben Cn. Pompeius einen Gesandten bis nach Spanien geschickt? Einen Mann, den Pompeius immer als Gesandten betrachtet hat, während die, denen es überaus unangenehm war, daß er ausgerechnet zu ihm geschickt wurde, ihn lieber als Spion denn als Gesandten betrachtet wissen wollten.

Ihr könnt euch also nunmehr ein Bild davon machen, Quiriten, was alles solch ein Ansehen, das sich hernach durch zahlreiche erfolgreiche Unternehmungen und ehrenvolle Beschlüsse von euren Seite noch gesteigert hat, bei den beiden Fürsten, was alles bei auswärtigen Völkern wohl wird erreichen können.

Es bleibt mir noch, ein paar Worte über das Glück zu sagen, das für seine eigene Person niemand verbürgen kann, dessen wir aber doch bei andern gedenken dürfen, voll Demut, wie es sich gehört, wenn Menschen vom Walten der Götter reden. Ich bin nämlich überzeugt, daß Männern wie Maximus, Marcellus, Scipio, Marius und all den andern bedeutenden Feldherrn nicht nur wegen ihrer Fähigkeiten, sondern auch wegen ihres Glücks immer wieder Imperien übertragen und Heere anvertraut worden sind. In der Tat, manchen angesehenen Männern hat zum Erwerb von Ruhm und Ansehen, zum Vollbringen hervorragender Tuten durch göttliche Fügung eine Art von Glück zur Seite gestanden. Was aber das Glück des Mannes angeht, von dem wir hier reden, so will ich so maßvoll sprechen, daß ich nicht behaupte, er könne das Glück zwingen, sondern daß man sieht, daß wir der Vergangenheit gedenken und von der Zukunft Gleiches erhoffen, damit meine Worte den unsterblichen Göttern nicht anstößig oder undankbar erscheinen. So will ich denn nicht in den Vordergrund rücken, was für Heldentaten er in Krieg und Frieden zu Wasser und zu Lande vollbracht hat und mit welchem Glück, so daß nicht nur seine Mitbürger seinen Wünschen stets zugestimmt, unsre Bündner sich gefügt und unsre Feinde willfahrt haben, sondern auch Wind und Wetter günstig gewesen sind; nur das will ich kurz berühren, daß nie jemand so unverschämt gewesen ist, daß er von den unsterblichen göttern im stillen so viele Großtaten zu wünschen gewagt hätte, wie sie dem Cn. Ponipeius übertragen haben. Daß dieses Glück für ihn zum festen, dauernden Besitz wird, Quiriten, muß um des gemeinsamen Heils und um des Reiches wie auch um des Mannes selbst willen wie bisher euer innigster Wunsch sein und bleiben.

Da also der Krieg so notwendig ist, daß er nicht vernachlässigt werden kann, so schwer, daß er gewissenhaft geleitet werden muß, und ihr seine Leitung einem Feldherrn übertragen könnt, der so außergewöhnliche Kriegserfahrung, so einzigartige Befähigung, so strahlendes Ansehen und so außerordentliches Glück besitzt, da zweifelt ihr, Quiriten, diesen gewaltigen Vorteil, der euch von den unsterblichen Göttern in den Schoß geworfen ist, zur Erhaltung und Förderung des Staates zu verwenden? Selbst wenn Cn. Pompeius zur Zeit hier in Rom als amtloser Mann lebte, müßtet ihr ihn trotzdem für den furchtbaren Krieg auswählen und aussenden; nun kommt zu all den andern unschätzbaren Vorteilen noch der glückliche Umstand, daß er sich gerade in jenen Gegenden befindet, selbst eine Armee hat und von denen, die dort eine haben, diese sofort übernehmen kann. Worauf warten wir also noch? Warum sollten wir nicht unter der Führung der unsterblichen Götter demselben Manne, dem alles übrige zum höchsten Heile des Staates anvertraut worden ist, auch diesen Krieg gegen den König anvertrauen?

Diese Ansicht wird ja nun freilich von einem hochangesehenen Manne und trefflichen Staatsbürger, den ihr zu den höchsten Ehrenstellen befördert habt, von Q. Catulus, nicht geteilt, und ebenso ist Q. Hortensius, dem Rang und Vermögen, staatsmännische Tüchtigkeit und Rednertalent die höchsten Auszeichnungen verschafft haben, nicht einverstanden. Daß ihre Stimme bei den verschiedensten Gelegenheiten bei euch sehr viel gegolten hat und gelten muß, gebe ich gern zu. Aber obwohl ihr den entgegengesetzten Standpunkt dieser beiden tatkräftigen, einflußreichen Männer kennt, können wir in unserem Falle doch ohne Rücksicht auf Autoritäten allein auf Grund der Sachlage zu einem objektiven Urteil gelangen, und das um so mehr, als sie selbst zugeben, daß alle meine bisherigen Ausführungen zutreffen, daß nämlich der Krieg notwendig ist, daß er schwer ist, und daß allein Cn. Pompeius alle erforderlichen Eigenschaften im höchsten Grade besitzt.

Also was sagt Hortensius? Wenn alles einem einzigen Manne übertragen werden müsse, dann sei allerdings Pompeius der würdigste; aber es sei eben nicht richtig, daß alles einem Manne übertragen werde. Dieser Einwurf ist längst widerlegt, durch Tatsachen mehr noch als durch Worte, und hat nichts mehr zu bedeuten. Denn du, Q. Hortensius, hast mit der dir eigenen Fülle des Ausdrucks, mit deiner unübertrefflichen Redegabe auch gegen A. Gabinius im Senat manch schönes, eindringlichesWort gesprochen, als er [i. J. 67 v. Chr.] sein Gesetz promulgiert hatte, einen einzigen Mann [nämlich Pompeius] mit dem Imperium gegen die Seeräuber zu betrauen, und auch von dieser Stelle aus mancherlei gegen das Gesetz vorgebracht. Nun, wenn das Römische Volk sich damals mehr von deiner Autorität als von seinem eigenen Wohlergehn, seinen wahren Interessen hätte leiten lassen, dann hätten wir heute weiß Gott nicht diese ruhmvolle Herrschaft über die ganze Welt. Oder erschien dir der damalige Zustand als Herrschaft, als Gesandte des Römischen Volkes, Quästoren und Prätoren, gefangengenommen wurden, als wir am öffentlichen und privaten Verkehr mit all unsern Provinzen gehindert waren, als alle Meere uns so verschlossen waren, daß wir weder persönliche noch staatliche Überseegeschäfte besorgen konnten?

Wo hat es früher je ein Gemeinwesen gegeben - ich denke jetzt nicht an die Athener, die das Meer einst ziemlich weit beherrscht haben sollen, nicht an die Karthager, die eine starke Flotte besaßen und vorzügliche Seeleute waren, auch nicht an die Rhodier, deren ruhmreiche seemännische Tüchtigkeit bis auf den heutigen Tag Bestand gehabt hat - wo hat es früher je ein Gemeinwesen gegeben, das so unbedeutend, so winzig gewesen wäre, daß es nicht seine Häfen, seine Äcker oder doch jedenfalls einen Teil seines Landgebietes und seine Küste aus eigener Kraft verteidigt hätte? Aber das Römische Volk, dessen Name doch bis in unsere Zeit in Seeschlachten unbesiegt geblieben ist, hat vor der Lex Gabinia eine Reihe von Jahren nacheinander zum großen, ja größten Teil nicht nur auf nutzbringende Unternehmungen, sondern auch auf Ehre und Herrschaft verzichten müssen. Wir, deren Vorfahren einen König Antiochus, einen Perseus zur See geschlagen und die Karthager, im Seewesen erfahrene und aufs beste gerüstete Leute, in allen Seeschlachten besiegt haben, wir konnten den Seeräubern nirgends die Stirn bieten. Wir, die wir früher nicht nur Italien zu schützen imstande waren, sondern an den entferntesten Gestaden vermöge des Ansehens unseres Reiches für die Sicherheit all unserer Bündner einstehen konnten, damals, als die Insel Delus, so weit von uns im Ägäischen Meere gelegen, wo Schiffe aus aller Welt mit ihren Frachten und Waren verkehrten, obwohl vollgestopft mit Reichtümern, klein und unbefestigt, nichts zu fürchten hatte, wir hatten keinen Nutzen von unsern Provinzen und mußten die Küsten Italiens und unsre Häfen, ja sogar die Via Appia meiden. Und scheuten sich in diesen Zeiten nicht die Beamten des Römischen Volkes, ausgerechnet diesen Platz hier zu betreten, den doch unsre Vorfahren uns geschmückt mit erbeuteten Schiffsschnäbeln hinterlassen haben, die sie feindlichen Flotten abgenommen hatten?

Gewiß war das Römische Volk damals überzeugt, daß du, Q. Hortensius, und all ihr andern, die ihr seinen Standpunkt teiltet, in bester Absicht eure Meinung sagtet; aber es wollte sich, wo es sich um das Gemeinwohl handelte, doch lieber von seiner Empörung leiten lassen als sich eurer Autorität beugen. Und so hat uns denn ein Gesetz, ein Mann, ein Jahr aus jener schmachvollen Misere nicht nur befreit, sondern auch dazu geführt, daß ihr endlich einmal als wirkliche Gebieter aller Völker und Stämme zu Wasser und zu Lande erscheint. ...


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .