Praktische Beispiele für die Kunst der Kriegführung. Frontinus, Strategemata. Aus Buch 1, 2, 3 und 4.

Deutscher Text nach: Frontin, Kriegslisten. Lateinisch und deutsch. Von Gerhard Bendz, Berlin 1963, S. 16 ff., 64 ff., 128 ff. , 164 ff.

Die Auswahl der praktischen Beispiele aus den einzelnen Büchern kann der Fülle und kriegsgeschichtlichen Informativität des von dem antiken Autor Dargebotenen leider nicht gerecht werden.


[Vorwort zum ersten Buch]

Nachdem ich allein unter denen, die sich mit dem Kriegswesen beschäftigen, den Unterricht in diesem Fache übernommen und, wie ich glaube, nach Maßgabe meiner eifrigen Bemühungen dieser Aufgabe genügt habe, dürfte zur Vollendung des in Angriff genommenen Werkes nur noch fehlen, daß ich die Erfindungskunst der Feldherren, die von den Griechen mit dem Wort "Strategemata" zusammengefaßt wird, in einer handgerechten Beispielsammlung behandle. So werden nämlich diejenigen, die Strategie studieren, mit Beispielen für besonnenes und vorsorgliches Verhalten von Feldherren ausgestattet sein, aus denen sie sich die Fähigkeit aneignen können, Ähnliches zu ersinnen und zu erfinden. Es ist sicherlich auch von Vorteil, wenn ein Feldherr Zuversicht auf den Erfolg einer Erfindung haben kann, weil er sie mit erprobten Erfahrungen hat vergleichen können.

Keineswegs übersehe oder bestreite ich, daß einerseits die Geschichtsschreiber in ihren Werken ebenfalls diesen Stoff behandeln, anderseits die Verfasser von Werken über denkwürdiges, beispielhaftes menschliches Handeln alles, was in dieser Hinsicht historisch bemerkenswert gewesen ist war, in irgendeiner Weise überliefert haben. Aber ich meine, vielbeschäftigte Leser haben schnelle Hilfe nötig. Es wäre für sie daher zu zeitraubend, den verstreuten Einzelheiten in großen geschichtlichen Darstellungen nachzugehen, und diejenigen, die Denkwürdigkeiten exzerpiert haben, können den eiligen Leser ebenfalls durch die Fülle des Stoffes verwirren. Wir dagegen streben in diesem Werk an, das Gewünschte je nach Bedarf wie auf Anfrage darzubieten. Unter verschiedenen den Leser interessierenden Aspektem habe ich nämlich geeignete Beispiele, die man auch als Ratschläge verstehen kann, gegliedert bearbeitet und zusammengestellt. Um die unterschiedlichen Themenbereiche des Stoffes übersichtlich darzustellen, habe ich ihn auf drei Bücher aufgeteilt . Das erste enthält die Beispiele, die sich auf den noch nicht begonnenen Kampf beziehen, das zweite diejenigen, die zum Kampf und zum erreichten Friedensschluß gehören, das dritte endlich enthält Strategeme für die Durchführung oder die Brechung einer Belagerung. Diese verschiedenen Abteilungen haben sodann ihre Unterabteilungen erhalten. [Scil.: ein viertes Buch über geistige und moralische Prinzipien der Kriegführung ist später von Frontinus hinzugefügt worden; s. u. D. Hg.]

Für diese Arbeit darf ich wohl mit Recht Verständnis insoweit beanspruchen, als man mir nicht etwa Nachlässigkeit vorwerfen möge, wenn man ein von mir übergangenes Beispiel findet. Zum einen: wessen Kräfte reichen schon für die Durchforschung sämtlicher schriftlicher Denkmäler aus, die in beiden Sprachen [scil. Lateinisch und Griechisch] überliefert sind? Andererseits habe ich vieles auch absichtlich weggelassen. Warum, wird man merken, wenn man die Werke derer liest, die ähnliches darstellen wollen; denn es lassen sich leicht vom Leser selbst zu jedem angesprochenen Teilthema Ergänzungen finden. Ich habe dies Werk, wie auch meine übrigen Werke, geschrieben, nicht um mich selbst zu empfehlen sondern um anderen zu nützen, und so sehe ich es als erwünschte Wirkung, nicht als Fehler an, wenn jemand etwas nachtragen kann und will.

Diejenigen, denen dies Büchlein am Herzen liegt, mögen sich den Unterschied der engverwandten Begriffe 'strategica' und 'strategemata' vergegenwärtigen. Denn während alles, was ein Feldherr generell an Vorsorglichem und Nützlichem in vorbildlicher und beharrlicher Weise unternimmt, als 'strategica' zu betrachten ist, stellen die 'strategemata' nur eine Unterabteilung dessen dar: es handelt sich nämlich um konkrete, situationsbezogene Beispiele einfallsreichen und verantwortlichen Tuns. Es geht im wesentlichen um List, Erfindungsgabe und sonst nützliches Verhalten, ob man sich nun vor dem Feinde in acht nehmen muß oder ihn angreifen will. Da hierbei auch 'reine Worte' eine beachtliche Wirkung enrfalten können, gebe ich auch dafür Beispiele und nicht nur das militärische Handeln im engeren Sinne.

Inhalt dieses Buchs ist das, was vom Feldherrn vor dem Kampf zu tun ist. Es läßt sich wie folgt gliedern:

1. Über Tarnung der eigenen Pläne.

2. Über Erkundung der feindlichen Pläne.

3. Wie man die Art der Kriegführung wählt.

4. Wie man mit dem Heer durch Gelände, das vom Feind gefährdet ist, hindurchkommt.

5. Wie man aus schwierigem Gelände entkommt.

6. Über Hinterhalte auf dem Marsch.

7. Wie man über die eigenen Mängel hinwegkommt oder ihnen abhilft.

8. Über die Zersplitterung der feindlichen Kräfte.

9. Wie man eine Meuterei unterdrückt.

11. Wie einem unzeitigen Verlangen nach Kampf Einhalt geboten wird.

12. Wie das Heer zum Kampf motiviert werden kann.

13. Wie man die Furcht vertreibt, wenn sie die Soldaten wegen schlimmer Vorzeichen erfaßt hat.

[Beispiele aus dem ersten Buch]

ÜBER TARNUNG DER EIGENEN PLÄNE.

Marcus Porcius Cato glaubte, daß die von ihm unterworfenen Städte Spaniens im Vertrauen auf ihre Mauern bei der ersten besten Gelegenheit den Krieg erneuern würden. Er schrieb daher an jede einzelne, sie solle ihre Befestigungen zerstören, und drohte mit Krieg, wenn sie nicht sofort gehorche. Die Briefe ließ er an ein und demselben Tag allen Städten überbringen. Jede einzelne meinte, nur an sie sei der Befehl ergangen; wenn es bekannt gewesen wäre, daß dieselbe Zumutung an alle gerichtet worden war, hätte eine Verschwörung sie aufsässig machen können. [195 v. Chr,]

Als Themistokles seine Landsleute eindringlich aufforderte, die Mauern, die sie auf Befehl der Spartaner abgetragen hatten, eilig wiederaufzubauen, und aus Sparta Gesandte gekommen waren, um sich danach zu erkundigen, antwortete er, er werde sich einstellen, um diese Behauptung zu widerlegen. Und er fand sich wirklich in Sparta ein. Dort stellte er sich aber krank und zog so die Sache eine Zeitlang hin, bis er merkte, daß er wegen seiner Winkelzüge in Verdacht kam. Dann erklärte er, ihnen sei ein falsches Gerücht zu Ohren gedrungen, und forderte sie auf, einige der Vornehmsten zu entsenden, denen sie hinsichtlich der Befestigung Athens Glauben schenken könnten, An die Seinen schrieb er aber insgeheim, sie sollten die Ankommenden zurückhalten, bis die Mauern wiederaufgebaut wären und er den Spartanern versichern könnte, Athen sei befestigt und die vornehmen Gesandten könnten nur zurückkehren, wenn er selbst zurückgeschickt werde. Die Spartaner willigten leicht ein, um nicht den Tod eines einzelnen mit dem Untergang mehrerer bezahlen zu müssen. [478 v. Chr.]

Als Lucius Furius mit seinem Heer in ein gefährliches Gelände geraten war und dabei den Entschluß gefaßt hatte, seine Besorgnisse zu verbergen, damit sich die übrigen nicht fürchteten, machte er nach und nach eine Biegung, als wenn er den Feind mit einer großen Umfassung angreifen wolle. So gelang es ihm, kehrtzumachen und das Heer unversehrt zurückzuführen, ohne daß es merkte, um was es ging.

ÜBER ERKUNDUNG DER FEINDLICHEN PLÄNE.

Als Scipio Africanus Gelegenheit bekommen hatte, eine Gesandtschaft an Syphax zu schicken, ließ er mit Laelius ausgewählte Tribunen und Centurionen als Sklaven verkleidet mitgehen, mit dem Auftrage, die Starke des Königs zu erkunden. Um die Einzelheiten des Lagers in größerer Freiheit erforschen zu können, ließen sie ein Pferd absichtlich los und liefen während der Scheinverfolgung um den größten Teil der Befestigungen herum. Nachdem sie darüber Bericht erstattet hatten, wurde der Krieg durch Brandlegen beendigt. [203 v. Chr.]

Quintus Fabius Maximus befahl während des Krieges mit den Etruskern, zu einer Zeit als die scharfsinnigeren Aufklärungsmethoden den römischen Feldherren noch unbekannt waren, seinem Bruder Fabius Caeso, der die etruskische Sprache beherrschte, sich in etruskischer Tracht durch den Ciminischen Wald zu schlagen, den bisher kein römischer Soldat betreten hatte. Dies führte der Bruder so geschickt und tatkräftig aus, daß er auf der anderen Seite des Waldes die camertischen Umbrer, die er den Römern freundschaftlich gesonnen fand, zu einem Bündnis bewog. [310 v. Chr.]

Als die Karthager erkannten, daß die Macht Alexanders so groß war, auch Afrika zu bedrohen, befahlen sie einem der Bürger, einem kühnen Manne namens Hamilkar Rhodinos, unter dem Vorwand, er sei landflüchtig, zum König zu gehen und sich mit allem Eifer um seine Freundschaft zu bemühen. Einmal sein Freund geworden, machte er seine Pläne den Mitbürgern kund. [332/1 v. Chr.]

Dieselben Karthager sandten Leute, die unter dem Schein einer Gesandtschaft lange in Rom verweilen und die Pläne der Römer aushorchen sollten. [3. Jh. v. Chr.]

Da Marcus Cato in Spanien die feindlichen Pläne auf anderem Wege nicht ermitteln konnte, befahl er dreihundert Soldaten, eine feindliche Wache zu überfallen, um einen der Posten zu entführen und unversehrt ins Lager zu bringen. Nach Folterung verriet dieser alle Geheimnisse der Seinigen. [195 v. Chr.]

Der Konsul Gaius Marius schickte während des Krieges gegen die Kimbern und Teutonen an die Gallier und die Ligurer, um ihre Treue auf die Probe zu stellen, Briefe, deren erster Teil vorschrieb, den inneren, der vorher versiegelt worden war, nicht vor einem bestimmten Zeitpunkt zu öffnen. Dann forderte er die Briefe vor diesem festgesetzten Tag zurück, und da er sie geöffnet fand, ersah er, daß feindselige Maßnahmen vorbereitet wurden. [104 v. Chr.]

Als der Konsul Aemilius Paulus im Etruskerkrieg bei der Stadt Vetulonia das Heer in eine Ebene hinunterzuführen beabsichtigte, erregte es seine Aufmerksamkeit, daß in der Ferne eine Vogelschar aus einem Walde eilends aufflog. Da dieVögel beunruhigt waren und mehrere auf einmal aufflogen, schloß er, daß dort irgendein Hinterhalt stecke. Nachdem er also durch einen Spähtrupp erfahren hatte, daß dort zehntausend Bojer im Hinterhalt lauerten, um das Römerheer auf seinem Marsche gefangenzunehmen, ließ er die Legionen aus einer unvermuteten Richtung vorrücken und umzingelte die Bojer. [282 v. Chr.]

Obgleich Livius und Nero dadurch, daß sie das Lager nicht vergrößerten, die Vereinigung ihrer Streitkräfte zu verheimlichen suchten, entging dies Hasdrubal, dem Bruder Hannibals, nicht, da die Magerheit der Pferde und die Bräune der Männer, die auf einen langen Marsch deuteten, seine Aufmerksamkeit erregten. [207 v. Chr.]

WIE MAN DIE ART DER KRIEGFÜHRUNG WÄHLT.

Der Makedonenkönig Alexander wählte, da er ein schlagkräftiges Heer hatte, die Art der Kriegführung immer so, daß er in offener Feldschlacht kämpfte [336-323 v. Chr.]

Da Gaius Caesar im Bürgerkrieg ein schon vielerprobtes Kriegsheer hatte und wußte, daß das feindliche Heer dagegen aus Rekruten bestand, suchte er die Entscheidung immer in einer offenen Schlacht. [49-45 v. Chr.]

Fabius Maximus entschloß sich gegen Hannibal, der infolge seiner erfolgreichen Schlachten siegesstolz geworden war, zu der Taktik, jede offene Schlacht wegen des ungewissen Ausgangs zu meiden und sich auf die Behauptung Italiens zu beschränken. Er erwarb sich dadurch den Namen "der Zauderer" und zugleich den Ruf eines großen Feldherrn. [217 v. Chr.]

Die Byzantier mieden gegen Philippos jeden Entscheidungskampf und zogen sich, ohne auch nur für den Schutz ihres Gebietes zu sorgen, hinter ihre Stadtmauern zurück. Sie erreichten dadurch, daß Philippos der langwierigen Belagerung müde wurde und abzog. [340/339 v. Chr.]

Hasdrubal, der Sohn Gisgos, ließ im Zweiten Punischen Kriege in Spanien sein von Publius Scipio besiegtes und verfolgtes Heer auf viele Städte verteilen. So geschah es, daß Scipio, um nicht durch Stürmung mehrerer Städte seine Streitkräfte zu zersplittern, seine Truppen ins Winterlager zurückführte. [207 v. Chr.]

Bei der Annäherung des Xerxes erteilte Themistokles, überzeugt, daß die Athener weder für eine Schlacht zu Lande noch für den Schutz ihres Gebietes noch für den Widerstand gegen eine Belagerung stark genug seien, seinen Landsleuten den Rat, ihre Kinder und Frauen nach Troizen und in andere Städte zu schicken, dann selbst die Stadt zu verlassen und statt des Krieges zu Lande eine Seeschlacht zu suchen. [480 v. Chr.]

Dasselbe tat in demselben Staat Perikles gegen die Lakedaimonier. [431 v. Chr.]

Während Hannibal in Italien weilte, setzte Scipio mit seinem Heer nach Afrika über und zwang dadurch die Karthager, Hannibal zurückzurufen. Er trug somit den Krieg aus dem eigenen Land ins feindliche hinein. [204 v. Chr.]

Als die Lakedaimonier das athenische Kastell Dekeleia besetzt hatten und von da aus die Athener wiederholt beunruhigten, schickten die Athener eine Flotte, die den Peloponnes verheerte, und bewirkten dadurch, daß das spartanische Heer von Dekeleia abberufen wurde. [nach 413 v. Chr.]

Als die Germanen nach ihrer Gewohnheit aus Waldschluchten und dunklen Verstecken heraus die Römer immer wieder überfielen und dabei einen sicheren Rückzug in die Tiefen des Waldes hatten, ließ der, Kaiser Caesar Domitianus Augustus mehrere breite Schneisen 120 Meilen in den Wald vortreiben. Er bewirkte dadurch nicht nur eine Veränderung in der Art der Kriegführung, sondern auch, daß die Feinde, deren Schlupfwinkel er bloßgelegt hatte, sich ihm unterwarfen. [83 n. Chr.]

WIE MAN MIT DEM HEER DURCH GELÄNDE, DAS VOM FEIND GEFÄHRDET IST, HINDURCHKOMMT

Als der Konsul Aemilius Paulus im Lukanergebiet sein Heer auf einem schmalen Wege an der Küste entlang führte und die Tarentiner, die ihm mit der Flotte auflauerten, sein Heer auf dem Marsch mit Geschützen überfielen, deckte er die Flanke der Kolonne mit Gefangenen. Um diese Zu schonen, stellten die Feinde die Beschießung ein. [um 280 v. Chr.]

[Vorwort zum zweiten Buch]

Nachdem ich im ersten Buch Beispiele zusammengestellt habe, deren Auswahl den Feldherrn sinnvoll darüber belehren kann, was vor Beginn des Gefechts zu tun ist, will ich jetzt zuerst Beispiele für die Maßnahmen im Gefecht selbst geben und sodann Beispiele für die Maßnahmen nach dem Gefecht.

Die Beispiele, die sich auf das Gefecht beziehen, lassen sich wie folgt gliedern:

1. Wie man den Zeitpunkt des Kampfes wählt.

2. Wie man den Ort des Kampfes wählt.

3. Wie man die Truppen aufstellen soll.

4. Wie man die feindlichen Linien in Verwirrung bringt.

5. Über Hinterhalt.

6. Von der Freigabe des eingeschlossenen Feindes, damit er nicht aus Verzweiflung den Kampf wieder erneuert.

7. Wie man Mißerfolge verheimlicht.

8. Wie man die Schlachtlinie durch feste Haltung wiederherstellt.

Die Maßnahmen , die nach dem Gefecht am Platz sind, lassen sich wie folgt gliedern:

9. Wie man nach einem Erfolg den Krieg zu einem glücklichen Ende führt.

10. Wie man nach einem Mißerfolg die Scharte auswetzt.

11. Wie man die Treue der Schwankenden behält.

12. Was zum Schutze des Lagers getan werden soll, wenn man sich auf die verfügbaren Truppen nicht ganz verlassen kann.

13. Vom Rückzug.

[Beispiele aus dem zweiten Buch]

WIE MAN DEN ZEITPUNKT DES KAMPFES WÄHLT.

Als Publius Scipio in Spanien erfahren hatte, daß Hasdrubal, der Feldherr der Punier, sein Heer früh am Morgen, ohne daß es etwas gegessen hatte, zur Schlacht aufgestellt hatte, hielt er seine Truppen bis [zur Mittagszeit] zurück und ordnete an, sie sollten ausruhen und essen. Als dann die Feinde, von Hunger, Durst und vom Warten in voller Rüstung ermüdet, anfingen, ins Lager zurückzukehren, führte Scipio plötzlich seine Truppen heraus, eröffnete den Kampf und trug den Sieg davon. [206 v. Chr.]

Als Tiberius Nero gegen die Pannonier Krieg führte und die ungestümen Barbaren sich sogleich bei Tagesanbruch zum Treffen aufgestellt hatten, hielt er seine eigenen Männer zurück und ließ die Feinde von den Nebelschwaden und den Regenschauern gepeitscht werden, die gerade an jenem Tage häufig waren. Als er dann merkte, daß sie nicht nur vom Stehen und Regen, sondern auch vor Müdigkeit ganz erschöpft waren, gab er das Zeichen zum Angriff und besiegte sie. [12 -10 v. Chr. oder 6 - 9 n. Chr.]

Da Gaius Caesar im Gallischen Krieg erfahren hatte, daß es für Ariovistus, den König der Germanen, Sitte und beinahe Gesetz war, bei abnehmendem Mond nicht zu kämpfen, lieferte er vorzugsweise gerade dann eine Schlacht und konnte so die von ihrem Aberglauben gehemmten Feinde besiegen. [58 v. Chr.]

Der vergöttlichte Augustus Vespasianus griff die Juden am Tage des Saturnus an, wo es bei ihnen Sünde ist, sich mit ernstlichen Dingen zu beschäftigen, und trug den Sieg davon. [70 n. Chr.]

Lysandros von Sparta führte im Kampf gegen die Athener bei Aigospotamoi das Verfahren ein, die athenischen Schiffe zu einer bestimmten Zeit anzugreifen, dann aber seine Flotte zurückzuziehen. Als dies zur Gewohnheit geworden war und die Athener sich nach seiner Abfahrt zerstreuten, um Vorräte zu sammeln, ließ er die Flotte wie gewohnt aufsegeln und dann zurückkehren. Sobald dann der größte Teil der Feinde wie gewöhnlich nach verschiedenen Seiten davongefahren war, griff er die Zurückgebliebenen an, machte sie nieder und eroberte sämtliche Schiffe. [405 v. Chr.]

WIE MAN DEN ORT DES KAMPFES WÄHLT.

Weil Manius Curius merkte, daß die Phalanx des Königs Pyrrhos, wenn sie in der gehörigen Breite entfaltet werden konnte, unwiderstehlich war, gab er sich Mühe, in eng begrenztem Gelände zu kämpfen, wo sie zusammengedrängt sich selbst behinderte. [275 v. Chr.]

Gnaeus Pompeius wählte sich in Kappadokien für das Lager einen hochgelegenen Platz aus. Von dort konnte er leicht, indem der Abhang den Ansturm der Soldaten verstärkte, den Mithridates durch die bloße Kraft des Herabstürmens überwältigen. [66 v. Chr.]

Als Gaius Caesar im Begriff stand, gegen Pharnakes, den Sohn des Mithridates, zu kämpfen, stellte er seine Schlachtlinie auf einem Hügel auf. Dies erleichterte ihm den Sieg, denn da die Speere von oben gegen die emporsteigenden Barbaren geschleudert werden konnten, wurden diese sogleich zum Weichen gebracht. [47 v. Chr.]

Als Lucullus im Begriff war, bei Tigranokerta in Großarmenien gegen Mithridates und Tigranes zu kämpfen, errang er durch einen schnellen Vorstoß mit einem Teil seiner Truppen die ebene Höhe eines nahegelegenen Hügels, von wo er auf die unten stehenden Feinde herabstürmte und ihrer Reiterei in die Flanke fiel. Als die Reiterei in die Flucht geschlagen wurde und durch ihre Flucht zugleich die eigene Infanterie in Unordnung brachte, setzte Lucullus nach und trug einen glänzenden Sieg davon. [69 v. Chr.]

VOM RÜCKZUG.

Als die Gallier vorhatten, gegen Attalos zu kämpfen, übergaben sie alles Gold und Silber zuverlässigen Wächtern, denen die Weisung erteilt wurde, es zu zerstreuen, falls die Gallier in der Schlacht zum Weichen gebracht würden, damit der Feind mit dem Auflesen der Beute aufgehalten würde und sie ihm dadurch leichter entfliehen könnten. [um 240 v. Chr.]

Als Quintus Sertorius von Quintus Metellus Pius in einer Schlacht geschlagen worden war und nicht einmal die Flucht für sicher hielt, ließ er seine Soldaten zerstreut entweichen, nachdem er ihnen einen Sammelpunkt angewiesen hatte. [75 v. Chr.]

Unter dem Druck der Armee Porsennas befahl Horatius Cocles seinen Männern, über die Brücke in die Stadt zurückzukehren und die Brücke abzubrechen, damit der Feind ihnen nicht nachsetzen könne. Während dies ausgeführt wurde, hielt er selbst die Nachsetzenden am Brückenkopf als Vorkämpfer auf. Sobald er dann das Krachen der einstürzenden Brücke hörte, warf er sich in den Fluß und durchschwamm ihn, obgleich er durch Waffen und auch durch Wunden behindert war. [1. H. d. 5. Jhs.]

Als Antonius vor den nachsetzenden Parthern seine Armee zurückzog und jedesmal, wenn er bei Tagesanbruch das Lager abbrach, die abziehende Kolonne von den herandrängenden Barbaren mit Pfeilen belästigt wurde, hielt er seine Männer [bis 11 Uhr] zurück und erweckte beim Feind den Glauben, er habe ein Standlager aufgeschlagen. Nachdem die Parther in dieser Überzeugung sich entfernt hatten, führte er während des restlichen Tages ohne Zwischenfälle seinen regelmäßigen Marsch durch. [36 v. Chr.]

Als Philippos in Epeiros besiegt war, erwirkte er, um von den Römern nicht auf der Flucht bedrängt zu werden, einen Waffenstillstand zur Bestattung der Gefallenen. Während deswegen die Wachen vernachlässigt wurden, entkam er. [198 v. Chr.]

Als Publius Claudius in einer Seeschlacht von den Puniern besiegt worden war und vor der Notwendigkeit stand, sich durch die feindlichen Linien durchzuschlagen, ließ er seine übriggebliebenen zwanzig Schiffe wie nach einem Siege schmücken. Dadurch glaubten die Punier, die Römer hätten in der Schlacht gesiegt, und ließen ihn wegen seines schreckenerregenden Aufzuges entkommen.

[Vorwort zum dritten Buch]

in derselben Weise wie die vorhergehenden Bücher mit ihren Inhaltsangaben und aufmerksamkeitserleichternden Gliederungen für den Leser will ich jetzt diejenigen Strategeme mitteilen, die die Erstürmung und Verteidigung von Städten betreffen. Dabei werde ich, ohne den Leser mit einer einführenden Erklärungen aufzuhalten, zuerst darlegen, was bei derr Erstürmung einer Stadt von Nutzen ist, und sodann, was die Belagerten sinnvollerweise tun können.

Indem ich von Schanzarbeiten und Maschinen absehe, für die es kaum noch neue Erfindungen geben dürfte und die insoweit, soviel ich sehen kann, kein Material für dieses Buch über Strategeme bieten, habe ich das Thema 'Erstürmung' wie folgt gegliedert:

1, Vom überraschenden Angriff.

2. Wie man die Belagerten täuscht.

3. Wie man zum Verrat verlockt.

4. Wie man die Feinde in Not versetzt.

5. Wie man die Überzeugung bewirkt, daß die Belagerung anhalten werde.

6. Wie man die feindlichen Besatzungen zersplittert.

7. Wie man Flüsse ableitet und Wasser verdirbt.

8. Wie man den Belagerten Angst einjagt.

9. Über den Ansturm auf einer anderen Seite, als er erwartet wird.

10. Wie man die Belagerten durch einen Hinterhalt herauslockt.

12. Vom vorgetäuschten Rückzug.

Andererseits jetzt zum Schutz der Belagerten:

12. Wie man die eigene Mannschaft zu größerer Sorgfalt anspornt.

13. Wie man Boten entsendet und empfängt.

14. Wie man Hilfstruppen hereinbringt und Vorräte herbeischafft.

15. Wie man den Eindruck erweckt, daß in Fülle da sei, was tatächlich knapp ist.

16. Wie man Verrätern und Überläufern entgegenzutreten hat.

17. Über Ausfälle.

18. Über die Ausdauer der Belagerten.

[Beispiele aus dem drritten Buch]

VOM ÜBERRASCHENDEN ANGRIFF.

Nachdem der Konsul Titus Quintius die Äquer und Volsker im Felde geschlagen hatte, beschloß er, die Stadt Antium zu erstürmen. Er ließ daher die Heeresversammlung berufen und erklärte, wie notwendig dies sei und wie leicht, wenn es nur nicht hinausgeschoben würde. Den anspornenden Eindruck seiner Ansprache ausnützend, stürmte er dann die Stadt. [468 v. Chr.]

Marcus Cato wurde in Spanien gewahr, daß er eine Stadt einnehmen könne, wenn er die Verteidiger unerwartet überfalle. Er legte daher einen Marsch von vier Tagen in zwei Tagen durch felsiges und ödes Gelände zurück und fiel über die Feinde her, die auf nichts Derartiges gefaßt waren. Als seine Männer nach dem Siege fragten, wie ein so leicht errungener Erfolg möglich gewesen sei, erwiderte er, sie hätten den Sieg damals gewonnen, als sie den Marsch von vier Tagen in zwei Tagen bewältigten. [195 v. Chr.]

WIE MAN DIE BELAGERTEN TÄUSCHT.

Als Domitius Calvinus die ligurische Stadt Lueria belagerte, die nicht nur durch ihre Lage und Befestigungen, sondern auch durch vortreffliche Verteidiger geschützt war, führte er das Verfahren ein, alle seine Truppen wiederholt um die Mauern herummarschieren zu lassen und sie dann wieder ins Lager zurückzuführen. Durch diese Gewohnheit ließen sich die Einwohner zum Glauben verführen, dies tue der Römer, um zu exerzieren. Während jene deswegen gegen dieses Unternehmen keine Vorsichtsmaßregeln trafen, ließ dieser das gewöhnliche Herummarschieren plötzlich in einen Angriff übergehen, besetzte die Mauern und zwang die Städter, sich zu ergeben.

Der Konsul Gaius Duellius erreichte durch regelmäßige Übungen seiner Soldaten und Ruderer, daß die Karthager sich durch eine Gewohnheit, die bis dahin harmlos war, nicht gefährdet fühlten, so daß er durch einen plötzlichen Vorstoß seiner Flotte die Mauer besetzen konnte. [260 v. Chr.]

Hannibal nahm in Italien viele Städte dadurch ein, daß er einige seiner Männer, die durch lange Übung während des Krieges auch lateinisch sprachen, in römischer Tracht voranschickte. [216-203 v. Chr.]

Als die Arkader ein messenisches Kastell belagerten, ließen sie einige Waffen anfertigen, die den feindlichen ähnlich waren. Zu dem Zeitpunkt, wo, wie sie ausgekundschaftet hatten, den Messeniern andere Besatzungstruppen zu Hilfe kommen sollten, statteten sie eine Abteilung mit den gleichen Rüstungen wie die Erwarteten aus. Jene wurden durch diese Täuschung als Bundesgenossen hereingelassen und konnten nach Vernichtung der Feinde von dem Ort Besitz ergreifen.

Als der athenische Feldherr Kim on eine Stadt Kariens überrumpeln wollte, ließ er einen von den Einwohnern fromm verehrten Tempel und Hain der Artemis, der außerhalb der Mauern lag, in der Nacht unvermutet anzünden. Nachdem dann die Städter hinausgeeilt waren, um beim Löschen des Feuers zu helfen, nahm Kimon die von den Verteidigern entblößte Stadt ein [um 470 v. Chr.]

[Vorwort zum vierten Buch]

Wenn es mir gelungen ist, die versprochenen drei Bücher auszuführen, indem ich in ausgedehnter Lektüre Einfälle für die Kriegführung gesammelt und sie mit großer Sorgfalt geordnet habe, so möchte ich in diesem Buch das vorlegen, was sich in die Disposition der vorhergehenden Bücher und der dortigen Stoffkategorie nicht ohne Zwang einreihen ließ, weil es eher Beispiele für Feldherrentugenden überhaupt als für den Einfalls- und Listenreichtum von Feldherren sind. Da dieser Stoff also, obgleich ebenso wichtig, so doch anderartigen Inhalts ist, habe ich ihn komplett abgetrennt und werde ihn hier für sich behandeln. [Was hierher gehört, wird man also in den anderen Büchern nicht finden] Es blieben gewissermaßen 'Rückstände' übrig, die besonders behandelt werden mußten. Ich gliedere dieses Stoffgebiet wie folgt:

1. Über Disziplin.

2. Über die Auswirkung der Disziplin.

3. Über Mäßigung.

4. Über Gerechtigkeit.

5. Über Festigkeit.

6. Über Gefühl und Milde.

7. Über verschiedene nützliche Maximen.

[Beispiele aus dem vierten Buch]

ÜBER DISZIPLIN.

Publius Scipio brachte bei Numantia die Armee, die durch die Fahrlässigkeit der vorhergehenden Befehlshaber demoralisiert war, dadurch wieder zur Ordnung, daß er die vielen Marketender fortschickte und die Soldaten durch tägliche Übung an ihre Pflicht zurückführte. Er bürdete ihnen wiederholt Märsche auf, ließ sie sie Proviant für mehrere Tage tragen und gewönte sie daran, Kälte und Regen zu erdulden und Flüsse zu Fuß zu durchwaten. Immer wieder warf der Feldherr ihnen Furchtsamkeit und Trägheit vor und zerbrach alle Gegenstände, die nur dem Luxus dienten oder für den Feldzug nicht unbedingt notwendig waren. Besonders streng war Scipio zu einem Tribunen, dem Gaius Memmius. Ihm soll er gesagt haben: "Mir wirst du nur kurze Zeit, dir selbst und dem Vaterland immer ein Taugenichts sein." [134 v. Chr.]

ÜBER FESTIGKEIT.

Als den Segoviensern von Viriathus die Wiedergabe ihrer Kinder und Frauen in Aussicht gestellt wurde, zogen jene vor, die Hinrichtung ihrer Lieben mitanzusehen, als von den Römern abzufallen. [147-139 v. Chr.]

Die Numantiner wollten lieber hinter verschlossenen Türen in ihren Häusern Hungers sterben als sich ergeben. [133 v. Chr.]

ÜBER GEFÜHL UND MILDE.

Als Quintus Fabius von seinem Sohn aufgefordert wurde, unter Aufopferung einiger weniger Männereinen einen strategisch wichtigen Ort zu nehmen, fragte jener: "Willst du selbst unter diesen wenigen sein?" [nach 217 v. Chr.]

Als Xenophon zu Pferde war und der Infanterie den Befehl gab, einen Bergrücken zu besetzen, hörte er einen unter ihnen murren, es sei für einen Sitzenden leicht, solch eine Anstrengung zu befehlen. Er sprang darauf ab und ließ den gemeinen Soldaten aufs Pferd setzen, während er selbst im Laufschritt zu dem bezeichneten Bergrücken hineilte. Da der Soldat die Scham hierüber nicht ertragen konnte, stieg er unter dem Spott der Waffengefährten aus freien Stücken vom Pferde. Xenophon ließ sich auch danach - obwohl ihn alle baten - kaum dazu bewegen, wieder zu Pferde zu steigen und seine Kräfte für die Anforderungen zu sparen, die an den Feldherrn gestellt werden.[401 v. Chr.]

Als Alexander im Winter mit seinem Heer auf dem Marsch war, nahm er eine Musterung der vorübermarschierenden Truppen vor, während er selbst an einem Feuer saß. Als er dabei einen Mann erblickte, der vor Kälte halbtot war, forderte er ihn auf, sich auf seinen Platz zu setzen, und sagte zu ihm: "Wenn du unter den Persern geboren wärest, wäre es ein Todesverbrechen für dich, dich auf den Stuhl des Königs zu setzen. Da du aber in Makedonien geboren bist, ist es dir erlaubt." [um 328 v. Chr.]

Als der vergöttlichte Augustus Vespasianus in Erfahrung gebracht hatte, daß ein junger Mann von vornehmer Herkunft, der für den Kriegsdienst untauglich war, sich wegen seiner schlechten wirtschaftlichen Lage zu einer Centurionenstelle von längerer Dauer hatte verleiten lassen, brachte er dessen finanzielle Stellung in Ordnung und erteilte ihm einen ehrenvollen Abschied. [69-79 n. Chr.]

ÜBER VERSCHIEDENE NÜTZLICHE MAXIMEN.

Gaius Caesar sagte, er wende gegen den Feind dasselbe Verfahren an wie manche Ärzte gegen die Krankheiten des Körpers, nämlich lieber mit Hunger als mit Eisen zu siegen. [um 49 v. Chr.]

Domitius Corbulo sagte, der Feind müsse mit der Spitzhacke [d. h. durch Schanzarbeit] besiegt werden. [um 55 n. Chr.]

Lucius Paulus sagte, der Feldherr müsse seinem Charakter nach ein alter Mann sein, und gab damit zu verstehen, daß er recht besonnen vorgehen müsse. [um 168 v. Chr.]


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .