Der heroische Zweikampf in antikem kriegsmythischem Denken: Homer, Ilias, 3. Gesang, 275 - 380.

Deutsche Übersetzung aus: Homer, Ilias. Verdeutscht von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden, um 1960, S. 67 - 71


Und der Atride flehte mit hocherhobenen Händen:
"Herrlichster, mächtigster Zeus, du Vater, Herrscher vom Ida!
Helios auch, der du alles erschaust und alles mit anhörst!
Auch ihr Flüsse und Felder, ihr beide auch unter der Erde,
Die die entschlafenen Menschen bestrarfen, die trügend geschworen!
Zeugen sollt ihr mir sein, sollt hüten das heilige Treupfand:
Schlägt Alexandrosim Kampf den Menelaos zu Boden,
Soll er Helena selber und sämtliche Schätze behalten,
Wir aber kehren dann heim in den flutendurchfurchenden Schiffen.
Tötet den Alexandros jedoch Menelaos, der blonde,
Geben die Troer das Weib zurück mit sämtlichen Schätzen,
Zahlen auch an die Argeier die richtig bemessene Buße,
Wie es in künftiger Zeit ein Vorbild allen Geschlechtern.
Weigern sich Priamos aber dan selbst und Priamos' Söhne,
Mir die Buße zu zahlen, auch wenn Alexandros gefallen,
Dann verbleibe ich hier und werde um Rache und Sühne
Kämpfen so lange, bis ich das Ziel des Kampfes erreiche."
Sprachs, und mit grimmigem Erz durchschnitt er die Kehle der Lämmer,
Und noch zuckend legte er auf den Boden sie nieder,
Wo sie die Seele verhauchten, die ihnen das Messer entrissen.
Wein nun schöpften die Fürsten vom Kruge sich rings in die Becher,
Brachten die Spende und beteten dann zu den ewigen Göttern.
So aber sprach wohl mancher im Heer der Achaier und Troer:
»Ruhmvoll erhabenster Zeus und ihr andern unsterblichen Götter!
Wer von den streitenden Teilen die Bande des Eides verletzte,
Fließen möge sein Hirn gleich diesem Weine zu Boden,
Seins und der Kinder zugleich, und es zwinge der Fremde die Weiber.«
Sprachs, doch diesmal gewährte Kronion noch keine Erhörung.
Priamos aber begann zu ihnen, der Dardanosenkel:
"Höret mich wohl, ihr Troer, und schmuckgeschienten Achaier,
Wahrlich, ich eile zurück zu Ilios' ragender Feste
Schnell; wie könnt ich ertragen, mit eigenen Augen zu schauen
Kämpfend den lieben Sohn mit des Ares Freund Menelaos.
Zeus nur weiß es allein und die andern unsterblichen Götter,
Wem von den beiden nun bald das tödliche Ende beschieden.«
Sprachs, und dann legte die Lämmer der göttliche Greis in den Wagen,
Selber stieg er hinauf und zog die Zügel nach hinten,
Neben ihn trat Antenor zum Kranze des prächtigen Sitzes,
Und so fuhren sie beide zurück zu Ilios' Feste.
Hektor, des Priamos Sohn, und der edle, erlauchte Odysseus
Maßen zuerst den Raum und danach nahmen sie Lose,
Und sie schüttelten sie im erzbeschlagenen Helme,
Wer von beiden zuerst die eherne Lanze entsende.
Rings zu den Göttern erhoben die Mannen die flehenden Hände,
So aber sprach wohl mancher im Heer der Achaler und Troer:
»Herrlichster, mächtigster Zeus, du Vater, Herrscher vom Ida!
Den, der zwischen den beiden all diese Dinge verschuldet,
Den laß sinken dahin, verdorben, zum Hause des Hades.
Uns aber möge dann Freundschaft mit heiligen Eiden verbinden.«
Und schon schüttelte Hektor, der Held mit dem funkelnden Helme,
Abgewandten Gesichts. Aus sprang das Zeichen des Paris.
Alle lagerten sich in Reihen, wo grade ein jeder
Neben den hurtigen Rossen die blinkenden Waffen geordnet.
Und es umhüllte rings die Schultern mit schimmernder Rüstung
Alexandros, der edle, der lockigen Helena Gatte,
Schnallte sich auch an die Beine die prächtigen Schienen der Schenkel,
Die an den Knöcheln der Füße mit silbernen Spangen befestigt.
Dann umfügte die Brust er rings mit ehernem Panzer,
Den ihm sein Bruder Lykaon gegeben, und schnallte ihn passend,
Warf dann über die Schultern das Schwert mit den silbernen Buckeln,
Ganz aus Erz, und den Schild, den mächtigen, starken darüber,
Deckte dann noch das stattliche Haupt mit dem prächtigen Helme,
Schweifumflattert, es wehte von oben schrecklich der Helmbusch,
Dann ergriff er die Lanze, die handgerechte und starke.
Ganz so wappnete sich der tapfere Held Menelaos.
Wie sie nun hüben und drüben im Heere sich beide gerüstet,
Schritten mit grimmigen Blicken sie in der Achaler und Troer
Mitte hinein. Ihr Anblick erfüllte alle mit Staunen,
Rossezügelnde Troer und schmuckgeschiente Achaier.
Und schon nahe einander im abgezirkelten Raume
Schwangen sie drohend die Speere in gegenseitigem Ingrimm.
Erst entfuhr Alexandros die langhinschattende Lanze,
Und da traf den Atriden sie wider die Rundung des Schildes;
Doch das Erz durchbohrte ihn nicht, es krümmte die Spitze
Sich in dem mächtigen Schild. Nun hob die eherne Lanze
Atreus' Sohn, Menelaos, und flehte zum himmlischen Vater:
»Herrscher Zeus, nun laß mich Alexandros bestrafen,
Der mich zuerst gekränkt, laß meine Hände ihn knechten,
Daß noch mancher sich scheue auch unter den künftigen Menschen,
Übel dem Freunde zu tun, der pflegend ihn gastlich bewirtet.
Sprachs und entsandte im Schwung die langhinschattende Lanze,
Und er traf des Priamos' Sohn im Kreise des Schildes;
Und den schimmernden Schild durchfuhr die wuchtige Lanze,
Ja, sie durchbohrte sogar den kunstgeschrniedeten Panzer,
Und sie durchschnitt das Gewand gerade neben der Weiche,
Aber zur Seite gebogen, entging er dem dunklen Verhängnis.
Zückend ergriff der Atride das Schwert mit den silbernen Buckeln,
Hob sich empor und schlug auf den Bügel des Helmes, und plötzlich,
Dreimal und viermal zcrspellt, entfiel es zersprungen den Händen,
Stöhnende Klage brach zum Himmel dem Sohne des Atreus:
»Vater Zeus, so grausam wie du ist keiner der Götter.
Wähnte ich doch Alexandros für seinen Frevel zu strafen;
Nun zersplitterte mir das Schwert in der Hand, und die Lanze
Fuhr aus der Faust vergebens und hat ihn nimmer bezwungen.»
Riefs und stürmte heran und riß ihn am buschigen Helme;
Drohend zog er ihn fort zum Heer der geschienten Achaier,
Daß ihn am zarten Hals der zierliche Riemen umschnürte,
Den er unter dem Kinn zum Halten des Helmes befestigt.
Und er hätt ihn geschleift und Ruhm errungen unsagbar
Hätt es nicht spähend bemerkt die Tochter des Zeus, Aphrodite;
Denn sie zersprengte den Riemen vom Leder erschlagener Büffel,
Leer blieb haften der Helm in der nervigen Faust des Atriden.
Wirbelnd unter die Reihen der schmuckgeschienten Achaier
Schleuderte er den Helm, ihn bargen die lieben Gefährten.
Wieder stürmte er vor voll Wut, ihn niederzustechen
Mit dem ehernen Speer. Doch Aphrodite entrückte
Leicht ihn mit göttlicher Hand und barg ihn in dunstiger Wolke.

LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .