Die Beteiligung der Götter am menschlichen Kriege in antikem kriegsmythischem Denken: Homer, Ilias, 20. Gesang, 1 - 75.

Deutsche Übersetzung aus: Homer, Ilias. Verdeutscht von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden, um 1960, S.468 - 471.


So nun rüsteten sich zur Seite der bauchigen Schiffe
Die Achaier um dich, du kampfdurchglühter Pelide,
Und auch drüben die Troer auf einer Höhe im Felde.
Zeus entsandte vom Scheitel des schluchtenreichen Olympos
Themis, die Götter zum Rat zu rufen, und jene enteilte
Überall hin und hieß, sich sammeln beim Hause Kronions.
Außer Okeanos blieb nicht einer der Ströme beiseite,
Keine der Nymphen blieb fern, die liebliche Haine bewohnen
Oder die Quellen der Flüsse und gräserwogende Auen.
Wie sie nun kamen zum Haus des wolkenumballten Kronion,
Saßen sie nieder im Innern der schimmernden Hallen, die kunstvoll
Zeus, dem Vater, Hephaistos mit kluger Erfindung errichtet.
Also waren sie dort bei Zeus versammelt; der Göttin
Folgte Poseidon sogar aus den Tiefen des Meeres gehorsam,
Setzte sich nieder im Kreis, den Willen des Zeus zu erforschen:
»Warum heißt du die Götter, hellblitzender Herrscher, sich sammeln?
Quälen dich nagende Zweifel ums Los der Achaier und Troer?
Sind sie doch wieder in Kampf und brennende Fehde verwickelt.«
Ihm erwiderte drauf der Lenker der Wolken, Kronion:
»Ja, Umstürmer, du hast den Wunsch meiner Seele erraten,
Warum ich euch rief: mich sorgt ihr drohendes Elend.
Aber ich selber will hier in den Klüften des hohen Olympos
Sitzen bleiben und mich des Anblicks freuen. Ihr andern
Geht und eilet hinab in der Troer und Danaer Mitte,
Einem von beiden zu helfen, wies einem jeden gelüstet.
Denn wenn Achilleus allein will kämpfen wider die Troer,
Werden sie sich unmöglich des schnellen Helden erwehren,
Bebten sie doch schon früher vor Furcht, sobald sie ihn sahen.
Wo er nun gar im Zorn auch noch den Gefährten betrauert,
Fürchte ich, daß er die Feste gar wider das Schicksal zertrümmert.«
So sprach Zeus und weckte ein endlos rasendes Ringen.
Fort enteilten zum Kampf zwiefältigen Herzens die Götter:
Here ging in das Lager der Schiffe mit Pallas Athene,
Auch der Länderumstijrmer Poseidon, und mit ihm des Segens
Freundlicher Spender Hermeias, der unübertreffliche Schlaukopf.
Seiner Stärke bewußt, schritt auch mit ihnen Hephaistos
Hinkend davon und humpelte fort auf schmächtigen Beinchen.
Zu den Troern schritt Ares im funkelnden Helme und mit ihm
Phoibos im wallenden Haar und Artemis, schwingend die Pfeile,
Leto, Xanthos und auch Aphrodite mit lieblichem Lächeln.
Während die Götter noch fern vom Stamm der sterblichen Menschen,
Waren gar siegesgewiß die Danaer, weil ja Achilleus
Wieder erschien, nachdem er so lang sich des Kampfes enthalten.
Aber jeden der Troer befiel ein lähmendes Zittern,
Da sie erschraken, sobald sie den schnellen Peliden erblickten,
Strahlend in Waffen, als wär er der menschenvertilgende Ares.
Als die Olympier dann in der Männer Gedränge getreten,
Hob sich die schlimme, verhetzende Eris, und gellend schrie Pallas
Bald schon außer der Mauer am Rand des gerichteten Grabens,
Bald auch schrie sie laut an des Meeres umdonnerter Küste.
Ares brüllte von drüben und glich einem finsteren Sturmwind,
Hell erschallte sein Ruf von der Zinne der Feste den Troern,
Bald auch im Lauf bei Kallikolone am Rand des Simoeis.
Also stachelnd trieben die seligen Götter die beiden
Völker zusammen, sie hart zu heftiger Fehde zu reizen.
Brüllender Donner entfuhr dem Vater der Götter und Menschen
Hoch aus der Höhe, und unten erschütterte bebend Poseidon
Weit das unendliche Land und die ragenden Scheitel der Berge.
Alle Gründe wankten im quellendurchrieselten Ida,
Alle Gipfel, auch Priamos' Stadt und die Schiffe Achaias.
Furcht in der Tiefe erfaßte der Schatten Fürst, Aidoneus,
Bangend sprang er vom Thron und schrie, damit ihm nicht droben
Der Umstürmer der Lande, Poseidon, die Erde zerberste,
Und den Unsterblichen nicht und den Menschen die ganze Behausung
Dumpf voll Moder erschiene, vor der die Götter selbst schaudern:
Solch ein Getöse erhob sich beim Angriff der streitenden Götter.
Denn schon stellte sich gegen Poseidon, den Herrscher des Meeres,
Phoibos Apollon und schwang in der Hand die gefiederten Pfeile;
Wider Ares erhob sich Athene mit leuchtenden Augen,
Here trat entgegen mit goldenen Pfeilen die wilde,
Jauchzende Artemis, die Schwester des sicheren Schützen;
Letos Gegner war der starke, spendende Hermes;
Wider Hephaistos erhob sich der wilde, strudelnde Stromgott,
Den die Götter Xanthos, die Menschen Skamandros benennen.
Götter stritten so Göttern entgegen.

LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .