Die persische Expedition d. J. 490 v. Chr.: Herodot, Historien 6. 94 - 120.

Deutsche Übersetzung nach: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von W. F. Haussig. Mit einer Einleitung von W. F. Otto, S. 415 - 425.


94. Während so Athen mit Aigina im Kriege lag, schritt der Perserkönig zur Tat. Erinnerte ihn doch der Diener beständig daran, die Athener nicht zu vergessen, und auch die Peisistratiden drängten ihn und verleumdeten die Athener. Außerdem war der Zug gegen Athen ein guter Vorwand, um auch die anderen hellenischen Städte, die ihm Erde und Wasser verweigert hatten, zu unterwerfen. Mardonios, dessen Zug so übel ausgelaufen war, wurde abberufen, und neue Heerführer wurden ernannt und gegen Eretria und Athen ausgeschickt, nämlich Datis, ein Meder, und Artaphernes, Sohn des Artaphernes und Neffe des Dareios. Der Befehl des Dareios lautete, die Bewohner von Athen und Eretria zu Sklaven zu machen und ihm vorzuführen.

95. Die beiden Feldherren verließen Susa und gelangten mit ihrem großen, wohlgerüsteten Landheere in die aleische Ebene in Kilikien. Als sie dort lagerten, kam auch die ganze Flotte herbei; jedes Küstenvolk hatte Schiffe stellen müssen. Auch die Lastschiffe für die Pferde erschienen, deren Bau Dareios im vorigen Jahre den tributpflichtigen Völkern auferlegt hatte. Die Pferde wurden eingeladen, das Fußvolk bestieg die Schiffe, und so stachen sechshundert Dreiruderer in See gen Ionien. Von dort aus ging aber die Fahrt nicht wieder an der Küste des Hellespontos und Thrakiens entlang, sondern von Samos aus fuhren sie an Ikaros vorüber mitten durch die Inseln. Sie fürchteten, glaube ich, vornehmlich die Umfahrt um den Athos, bei der sie im vergangenen Jahre so große Verluste erlitten hatten. Auch Naxos bewog sie dazu, das bis dahin noch nicht erobert worden war.

96. Als sie sich von den ikaristhen Gewässern her Naxos näherten, gegen das sie sich zuerst wenden wollten, in Erinnerung an jene frühere Belagerung, verließen die Naxier, ohne den Angriff zu erwarten, ihre Stadt und flohen auf die Berge. Die Perser machten alle, deren se habhaft wurden, zu Sklaven und zündeten die Heiligtümer und die Stadt an. Dann ging es weiter gegen die anderen Inseln.

97. Währenddessen verließen auch die Delier Delos und flüchteten nach Tenos. Als die Flotte vor Delos erschien, ließ Datis, der vorausgefahren war, die Schiffe nicht nahe der Insel vor Anker gehen, sondern weit entfernt bei Rhenaia. Als er dann erfahren hatte, wo die Delier seien, schickte er einen Herold zu ihnen und ließ ihnen folgendes sagen:

»Ihr heiligen Männer, warum flieht ihr und meint, ich führte Böses gegen euch im Schilde! Das heilige Land, in dem die beiden Götter [scil. Apollon und Artemis] geboren sind, bleibt unversehrt; keiner soll es verwüsten oder seine Bewohner anrühren, das ist nicht nur mein eigner Wille, sondern der Befehl des Königs. Kehret also in eure Heimat zurück, und bewohnet in Frieden eure Insel!«

Das ließ Datis den Deliern verkünden. Und auf dem Altar häufte er für dreihundert Talente Weihrauch auf und brachte den Göttern ein Rauchopfer ''.

98. Weiter fuhren Datis und die Flotte, auf der sich auch loner und Aaioler befanden, zunächst gegen Eretria. Nach seiner Abfahrt trat ein Erdbeben auf Delos ein, und das war, wie die Delier sagen, das erste und letzte Erdbeben auf ihrer Insel bis zu meiner Zeit. Der Gott wollte durch dies Zeichen wohl auf das Unheil hinweisen, das über die Menschen kommen sollte. Denn über Hellas kam zur Zeit des Dareios, Sohnes des Hystaspes, und des Xerxes, Sohnes des Dareios, und des Artaxerxes, Sohnes des Xerxes, also innerhalb dreier Menschenalter, mehr Unglück als in den zwanzig Mensdienaltern vor der Zeit des Dareios. Teils brachten die Perser dies Unglück über Hellas, teils die hellenischen Großen selber, die miteinander um die Macht kämpften. So erklärt es sich ganz wohl, daß Delos bebte, das bis dahin nie gebebt hatte. Das war auch in einem Orakel über die Insel gesagt worden:

"Beben lasse ich Delos, so unbeweglich es dasteht."

Die Namen der persischen Könige bedeuten in hellenischer Sprache folgendes. Dareios heißt 'der Tatkräftige', Xerxes der 'Krieger', Artaxerxes der 'große Krieger'. Das mag die richtige Erklärung der Namen dieser Könige sein, wenn man sie ins Hellenische übersetzt'.

99. Die Barbaren verließen Delos und landeten an den kleinen Inseln, verlangten Truppen und nahmen Söhne der Inselbewohner als Geiseln mit. Als sie auf dieser Rundfahrt auch nach Karystos kamen, weigerten sich die Karystier, Geiseln zu geben und gegen ihre Nachbarstädte damit meinten sie Eretria und Athen - zu Felde zu ziehen. Da wurde Karystos belagert und das Land verwüstet, bis auch die Karystier sich den Persern unterwarfen.

100. Als die Eretrier erfuhren, daß die persische Flotte gegen sie heranzog, baten sie die Athener, ihnen zu Hilfe zu kommen. Die Athener versagten ihre Hilfe nicht und schickten jene Viertausend, die die Acker der Reichen in Chalkis für sich in Besitz genommen hatten. Aber es war kein verständiger Entschluß von den Eretriern, die Athener herbeizurufen, während es in Eretria zwei verschiedene Parteien gab. Die eine wollte die Stadt preisgeben und in die euboiischen Berge flüchten, die andere erhoffte von den Persern Vorteile für sich und dachte an Verrat. Ein vornehmer Eretrier, Aischines, Sohn des Nothon, der über beide Pläne unterrichtet war, legte den ankommenden Athenern die ganze Sachlage dar und bat sie heimzukehren, damit sie nicht mit ins Unglück hineingezogen würden. Diesen Rat des Aischines befolgten die Athener.

101. So fuhren sie nach Oropos hinüber und retteten sich. Aber die Perser landeten bei Temenos, Choireai und Aigilia im Gebiet von Eretria, besetzten diese Ortschaften und schuften sofort die Pferde aus, um sie zum Kampfe bereit zu machen. Die Eretrier aber beschlossen, nicht aus der Stadt zu ziehen und keine Schlacht zu liefern, bemühten sich jedoch die Stadt zu halten, da sie sich entschieden hatten, nicht zu flüchten. Die Stadt wurde sechs Tage lang bestürmt, und auf beiden Seiten fielen viele Leute am siebenten verrieten zwei angesehene Eretrier, Euphorbos, Sohn des Alkimachos, und Phulagros, Sohn des Kyneos, die Stadt an die Perser. Sie drangen in die Stadt ein, wobei sie die Heiligtümer plünderten und in Brand steckten - als Strafe für die Verbrennung der Heiligtümer in Sardes - und die Einwohner zu Sklaven machten, wie Dareios befohlen hatte.

102. Als Eretria unterworfen war, segelten sie nach wenigen Tagen weiter nach Attika. Sie waren voller Ungeduld und meinten, die Athener würden nicht anders handeln als die Eretrier. Nun war Marathon für einen Reiterkampf das günstigste Gelände in Attika, lag auch Eretria am nächsten. Dahin führte also Hippias, der Sohn des Peisistratos, die Perser.

103. Als die Athener Kunde davon erhielten, zogen auch sie hinaus nach Marathon. Zehn Feldherrn führten das Heer; der zehnte war Miltiades, dessen Vater Kimon, Sohn des Stesagoras, vor Peisistratos, dem Sohn des Hippokrates, aus Athen hatte fliehen müssen. Als Verbannter errang Kimon in Delphi einen Sieg mit dem Viergespann, ein Sieg, den sein Halbbruder Miltiades ebenfalls davongetragen hatte. Als er bei dem folgenden olympischen Feste mit denselben Pferden noch einmal siegte, ließ er Peisistratos als Sieger ausrufen, der sich zum Dank dafür mit ihm versöhnte und ihm die Rückkehr gestattete. Noch einen dritten olympischen Sieg errang er mit denselben Pferden; aber dann ereilte ihn der Tod . Die Söhne des Peisistratos - Peisistratos war nicht mehr am Leben - ließen ihn eines Nachts in der Nähe des Prytaneions durch gedungene Mörder umbringen. Kimon liegt vor dem Tore begraben, an der Straße, die den Namen 'Hohler Weg' führt. Ihm gegenüber sind die Rosse begraben, die dreimal in Olympia gesiegt haben''. Nur die Rosse des Lakoners Euagoras hatten früher einmal die gleiche Leistung vollbracht, aber keine Rosse sonst.

Der ältere Sohn Kimons Stesagoras war damals bei seinem Oheim Miltiades in der Chersonesos, der ihn erzog. Der jüngere lebte bei Kimon in Athen; er hatte nach dem Besiedler der Chersonesos den Namen Miltiades erhalten.

104. Jener Miltiades war also damals nach seiner Rückkehr aus der Chersonesos Feldherr der Athener. Zweimal war er dem Tode entronnen. Einmal hätten ihn die Phoiniker gern abgefangen und zum Könige gebracht; bis Imbros verfolgten sie ihn. Dann, als er ihnen entkommen und zu Hause angelangt sich in Sicherheit wähnte, hatte er mit seinen Feinden zu kämpfen, die ihn vor Gericht zogen und als Tyrannen der Chersonesos verklagten. Aber er entkam auch ihnen und wurde Feldherr der Athener, wozu ihn das Volk erwählt hatte.

105. Noch vor Verlassen der Stadt hatten die Feldherrn den Athener Philippides als Herold nach Sparta geschickt, der ein Schnellätifer von Beruf war. Wie dieser Phulippides selber erzählt und den Athenern berichtet hat, ist ihm am Parthenion, in den Bergen oberhalb von Tegea, Pan erschienen. Pan hat Philippides bei Namen gerufen und den Athenern durch ihn sagen lassen, warum sie ihm gar keinen Kult widmeten, da er doch den Athenern so gewogen sei und ihnen oft geholfen habe, es auch in Zukunft weiter tun werde. Als die Athener wieder Frieden im Lande hatten, haben sie denn auch - denn sie glaubten, was Philippides berichtete - unter der Akropolis einen Pantempel gebaut und feiern ihm zu Ehren jährliche Opferfeste mit Fackellauf.

106. Damals wurde also Philippides von den Feldherrn nach Sparta geschickt, hatte unterwegs, wie er behauptet, jene Er-

scheinung des Pan und war am zweiten Tage in Sparta [scil. nach Zurücklegung einer Distanz von ca. 200 km] angelangt. Dort sprach er vor den Archonten folgendermaßen:

»Lakedaimonier! Die Athener bitten euch, ihnen zu Hilfe zu kommen und nicht die älteste Stadt in Hellas in Barbarenhände fallen zu lassen. Schon ist Eretria im Sklavenjoch und Hellas um eine berühmte Stadt ärmer.«

So entledigte er sich seines Auftrages, und die Spartiaten beschlossen, Athen zu helfen, nur war es ihnen unmöglich, sofort aufzubrechen, wenn sie nicht gegen ihre Gesetze verstoßen wollten. Es war nämlich der neunte Tag im Monat, und sie sagten, sie dürften nicht ausrücken, da die Mondesscheibe noch nicht voll sei.

107. So warteten die Spartiaten den Vollmond ab, während Hippias, Sohn des Peisistratos, die Barbaren nach Marathon führte. In der Nacht vor der Landung hatte Hippias einen Traum gehabt. Ihm war es, als schliefe er mit seiner eignen Mutter. Diesen Traum deutete er so, daß er nach Athen zurückkehren, die Herrschaft wiedergewinnen und als Greis auf heimischer Erde sterben würde. So deutete er seinen Traum

Damals ließ er die Sklaven aus Eretria nach der Insel der Styreer, die Aigileia heißt, hinüberschaffen, die Schiffe aber ließ er bei Marathon vor Anker gehen und stellte die Barbaren, nachdem sie sich ausgeschifft hatten, zur Schlacht auf. Währenddessen mußte er niesen und husten, heftiger als sonst wohl, und da ihm als einem alten Mann die Zähne schon lose saßen, fiel ihm durch den starken Husten ein Zahn heraus und in den Sand. Er gab sich viele Mühe, den Zahn wiederzufinden, aber der Zahn kam nicht wieder zum Vorschein, und Hippias sagte mit einem Seufzer zu den Umstehenden:

»Das ist nicht unser Land; wir werden seiner nicht Herr werden. Soviel mir davon zugedacht war, das gehört nun dem Zahn.«

108. Hippias glaubte also, sein Traum sei damit bereits in Erfüllung gegangen. Als die Athener bei dem Heiligtum des Herakles sich aufgestellt hatten, kam der ganze Heerbann der Plataier an, sie zu unterstützen. Die Plataier hatten sich nämlich unter der Schutz Athens gestellt, und die Athener hatten schon manchen Kampf für die Stadt durchgefochten. Mit dieser freiwilligen Unterwerfung der Plataier war es folgendermaßen gegangen. Von Theben bedrängt boten die Plataier zuerst dem Kleomenes, Sohn des Anaxandrides, der mit den Lakedaimoniern in der Nähe war, ihre Unterwerfung an. Aber die Lakedaimonier lehnten sie ab und sagten:

»Wir wohnen zu weit entfernt und könnten euch nur laue Freunde sein. Längst könntet ihr in die Sklaverei verkauft sein, ehe zu uns eine Kunde davon kommt. Ihr solltet euch lieber in den Schutz Athens begeben; denn die Athener sind eure Nachbarn und wohl imstande, euch zu schützen.«

Diesen Rat gaben ihnen die Lakedairnonier nicht so sehr aus Wohlwollen gegen die Platier als in dem Wunsche, Athen in beschwerliche Händel mit den Boiotern zu verwickeln. Die Plataier folgten dem Rate der Lakedaimonier, und als in Athen das Opfer für die zwölf Götter dargebracht wurde, setzten sie sich als Schutzflehende an den Altar und übergaben ihre Stadt den Athenern. Als die Thebaner davon hörten, zogen sie gegen die Plataier zu Felde, aber die Athener rückten zur Hilfe heran. Die Korinthier duldeten nicht, daß es zur Schlacht kam. Sie befanden sich in der Nähe und brachten mit beiderseitiger Einwilligung einen Vertrag zustande. Eine Landgrenze wurde festgesetzt und die Bestimmung getroffen, daß die Thebaner die boiotischen Städte, die sich dem boiotischen Bunde nicht anschließen wollten, gewähren lassen sollten. Dann zogen die Korinthier ab, aber die Boioter überfielen die heimkehrenden Athener, wurden jedoch in dem Kampfe, der sich entspann, geschlagen. Nun überschritten die Athener die Grenze des von den Korinthiern festgesetzten plataiischen Gebiets und erklärten den Asopos als Grenze zwischen Theben einerseits und Plataiai und Hysiai andererseits.

Auf diese Weise waren die Plataier in ein Schutzverhältnis zu den Athenern gekommen, und jetzt kamen sie ihnen nach Marathon zu Hilfe.

109. Bei den Feldherren der Athener waren die Meinungen geteilt. Die einen waren gegen einen Kampf mit dem medischen Heere, weil sie zu schwach seien; die anderen, darunter Miltiades, rieten zur Schlacht. Die schlechtere Meinung schien den Sieg davonzutragen, aber da gab es noch einen elften, der im Kriegsrat seine Stimme abzugeben hatte, nämlich den durch das Bohnenlos erwählten Polemarchos - von alters her war dieser Polemarchos bei den Athenern ebenso stimmberechtigt wie die Feldherren -, und der damalige Polemarchos war Kaillimachos von Aphidnai. Zu diesem Polemarchos begab sich Miltiades und sprach:

»Du, Kallimachos, hast dich jetzt zu entscheiden, ob du die Athener zu Sklaven machen oder befreien und dir ewigen Nachruhm gewinnen willst, wie ihn selbst Harmodios und Aristogeiton nicht haben. Solange Athen steht, war es nie in so furchtbarer Gefahr wie jetzt. Unterliegt es den Medern, so kennen wir das Schicksal, das seiner in den Händen des Hippias wartet, ganz genau. Siegt aber die Stadt, so kann sie die mächtigste Stadt in Hellas werden. Wie das möglich ist und inwiefern es gerade von dir abhängt, das will ich dir nun erklären. Wir zehn Feldherrn sind geteilter Meinung; die einen raten zur Schlacht, die anderen raten ab. Wagen wir aber jetzt die Schlacht nicht, so fürchte ich, wird Zwietracht und arge Verwirrung über die Gemüter der Athener kommen, und sie werden sich den Medern ergeben. Wagen wir aber die Schlacht, noch ehe sich Parteien unter den Athenern bilden, so können wir mit Hilfe der Götter siegen. Alles das steht jetzt bei dir und hängt von dir ab. Wenn du dich für meine Meinung entscheidest, so ist deine Vaterstadt frei und wird die mächtigste Stadt in Hellas. Trittst du aber denen bei, die gegen die Schlacht stimmen, so wirst du von all dem Guten, das ich dir genannt, das Gegenteil erleben.«

110. Durch diese Worte gewann Miltiades den Kallimachos für seine Meinung, und als der Polemarchos seine Stimme abgab, war der Entschluß zur Schlacht gefaßt. Die Feldherren, die für die Schlacht gestimmt hatten, überließen nun alle, wenn der Tag des Oberbefehls an sie kam, den Befehl dem Miltiades.Der nahm ihn an, lieferte aber die Schlacht nicht eher, als bis die Reihe des Oberbefehls an ihn selber kam. 111. Jetzt erst ordnete er das Heer zur Schlacht und stellte es folgendermaßen auf. Den rechten Flügel befehligte der Polemarchos Kallimachos; damals war es nämlich bei den Athenern noch Sitte, daß der Polemarchos auf dem rechten Flügel stand. Dann folgten die Phylen, nach ihrer festgesetzten Reihenfolge geordnet, und endlich schlossen auf dem linken Flügel die Plataier die Schlachtreihe ab. Seit dieser Schlacht betet der athenische Herold bei dem großen Opfer, das an den fünfjährigen Festen dargebracht wird, nicht nur für das Heil der Athener, sondern auch für das der Plataier. Die so geordnete Schlachtreihe der Athener bei Marathon war ebenso lang wie die medische, doch war sie in der Mitte nur wenige Reihen tief, die Mitte war also am schwächsten; auf den beiden Flügeln standen die Truppen dichter.

112. Als die Aufstellung vollendet war und das Opfer günstig ausfiel, stürmten die Athener auf das Zeichen zur Schlacht hin gegen die Barbaren vor. Die Entfernung zwischen den Heeren betrug nicht weniger als acht Stadien. Die Perser sahen die Athener im Laufschritt nahen und rüsteten sich, sie zu empfangen. Sie hielten es für ein ganz tolles selbstmörderisches Beginnen, als sie die kleine Schar heranstürmen sahen, die weder durch Reiterei noch durch Bogenschützen gedeckt wurde. Aber während die Barbaren solche Gedanken hegten, kamen schon die Haufen der Athener heran; der Kampf begann, und sie hielten sich wacker. Die Athener waren die ersten unter allen hellenischen Stämmen, soweit wir wissen, die den Feind im Lauf schritt angriffen, sie waren auch die ersten, die dem Anblick medischer Kleidung und medisch gekleideter Krieger standhielten. Bis dahin fürchteten sich die Hellenen, wenn sie nur den Namen der Meder hörten.

113. Der Kampf bei Marathon währte lange. In der Mitte des Heeres siegten die Barbaren; dort stand der persische Stamm selber und der Stamm der Saken. Dort blieben also die Barbaren Sieger, durchbrachen die Reihen der Feinde und verfolgten sie landeinwärts. Auf beiden Flügeln siegten jedoch die Athener und Plataier. Sie ließen ihre geschlagenen Gegner fliehen und wandten sich gemeinsam gegen die, welche die Mitte durchbrochen hatten. Auch hier siegten die Athener. Dann folgten sie den flüchtigen Persern und trieben sie unter Gemetzel an den Meeresstrand. Dort riefen sie nach Feuerbränden und griffen die Schiffe an.

114. Bei diesen Kämpfen starb der Polemarchos Kallimachos den Heldentod, und von den Feldherren fiel Stesilaos, der Sohn des Thrasylos. Dem Kynegeiros, Sohn des Euphorion, der ein Schiff am Heck festhielt, wurde die Hand mit einem Beil abgeschlagen, und so fielen noch viele andere angesehene Athener.

115. Sieben Schiffe wurden von den Athenern erobert. Mit den übrigen stachen die Barbaren in See, nahmen die auf der Insel zurückgelassenen Sklaven aus Eretria an Bord und segelten um Sunion herum, um vor dem athenischen Heere die Stadt Athen zu erreichen. In Athen schrieb man es einer Hinterlist der Alkmeoniden zu, daß die Perser auf diesen Gedanken gerieten. Man sagte, sie hätten mit den Persern ein Zeichen verabredet und, als diese schon auf den Schiffen waren, einen Schild emporgehoben.

116. Also die Perser umschifften Sunion. Die Athener aber eilten, so schnell die Füße sie tragen wollten, zu ihrer Stadt und langten wirklich eher an als die Barbaren. Sie lagerten sich wieder in einem Heraklesheiligtum; damals war es das bei Marathon, jetzt das in Kynosarges. Als die Barbaren auf der Höhe von Phaleron ankamen - das war damals der Hafen Athens -, gingen sie auf hoher See vor Anker; dann kehrten sie um und fuhren heim nach Asien.

117. In dieser Schlacht bei Marathon fielen rund sechstausendvierhundert Barbaren und einhundertzweiundneunzig Athener. Das waren die Verluste auf beiden Seiten. Und etwas Wunderbares ereignete sich in der Schlacht. Ein Athener, namens Epizelos, Sohn des Kuphagoras, wurde, während er im Handgemenge gar tapfer focht, des Augenlichts beraubt, ohne daß er irgendeinen Schlag oder Stoß erhalten hatte. Von dem Augenblick an war er blind und blieb es, solange er lebte. Er soll über den Vorfall folgendes erzählt haben. Ein Riese in der Hoplitenrüstung, dessen Bart den ganzen Schild beschattet habe, sei ihm entgegengekommen; doch sei die Erscheinung an ihm vorübergegangen und habe seinen Nebenmann erschlagen. So, sagte man mir, hat Epizelos erzählt.

118. Als Datis mit dem Heere auf der Rückfahrt nach Asien bis Mykonos gekommen war, hatte er dort einen Traum. Von dem Inhalt des Traumes wird nichts berichtet; aber sobald der Tag anbrach, durchsuchte er alle Schiffe, und als er in einem phoinikischen Schiff ein vergoldetes Standbild des Apollon fand, fragte er, wo sie das Bild geraubt hätten. Sie sagten ihm, aus welchem Heiligtume es stamme, und er segelte in seinem Schiff nach Delos. Die Delier waren bereits nach ihrer Insel zurückgekehrt; er stellte das Apollonbild im Tempel auf und erteilte den Auftrag, man solle das Standbild nach dem thebanischen Delion zurückschaffen. Dieser Ort liegt an der Küste gegenüber von Chalkis. Danach fuhr Datis wieder ab, die Bewohner von Delos aber brachten das Götterbild keineswegs in seinen Platz zurück; erst zwanzig Jahre später, auf Geheiß des Gottes, holten es die Thebaner selber nach Delion heim.

119. Die gefangenen Eretrier wurden von Datis und Artaphernes, nachdem sie die Küste Asiens erreicht hatten, landeinwärts nach Susa geschleppt. König Dareios hatte gegen die Eretrier, bevor sie in die Gefangenschaft geführt wurden, einen gewaltigen Zorn gehabt; denn Eretria hatte ja den Streit mit Persien angefangen. Aber als sie jetzt vor ihn geführt wurden und ganz in seine Hände gegeben waren, tat er ihnen kein Leid an und siedelte sie im Lande Kissien auf seinem Landgut namens Arderikka an. Arderikka ist zweihundertzehn Stadien von Susa entfernt und vierzig Stadien von jenem berühmten Brunnen, der drei verschiedene Dinge enthält. Man gewinnt nämlich Erdharz, Salz und Öl aus diesem Brunnen. Wie aus einem Ziehbrunnen wird die Flüssigkeit mit Hilfe eines Schwengels emporgezogen, doch ist an dem Schwengel statt eines Eimers ein halber Schlauch befestigt. Der Schlauch wird hinuntergelassen, wieder heraufgezogen und sein Inhalt in ein Gefäß gegossen. Darauf wird die Flüssigkeit in ein anderes Gefäß gegossen, und nun zerlegt sie sich in ihre drei Bestandteile. Das Erdharz und das Salz setzt sich alsbald ab; das zurückbleibende Öl führt bei den Persern den Namen Rhadinake, es ist schwarz und hat einen strengen Geruch.

Dort siedelte also König Dareios die Eretrier an. Sie wohnten dort noch zu meiner Zeit und hatten auch ihre alte Sprache bewahrt. Das war das Schicksal dieser Eretrier.

120. Nach dem Vollmond kamen nun auch zweitausend Lakedaimonier in Athen an. Sie waren in solcher Eile marschiert, daß sie am dritten Tage nach dem Abmarsch aus Sparta auf attischem Boden standen. Trotzdem kamen sie zu spät zur Schlacht und wollten nun wenigstens die gefallenen Perser sehen. Sie gingen nach Marathon und besichtigten das Schlachtfeld. Unter Lobsprüchen auf die Athener und ihre Tat kehrten sie nach Hause zurück.


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .