Zur Vorgeschichte der zweiten Perserzuges nach Griechenland. Herodot, Historien 7. 4 - 12 und 7. 131 - 139.

Deutsche Übersetzung nach: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von W. F. Haussig. Mit einer Einleitung von W. F. Otto, S. 436 - 443 und 481 - 485.


4. ... Nach dem Tode des Dareios ging das Reich auf seinen Sohn Xerxes über. 5. Xerxes war anfangs gar nicht willens, überhaupt gegen Hellas zu ziehen; er sammelte nur ein Heer gegen Ägypten. Aber es befand sich an seinem Hofe der Sohn des Gobryas, Mardonios, ein Vetter des Xerxes und Schwestersohn des Dareios, der unter den Persern am meisten über Xerxes vermochte. Dieser Mardonios sprach folgende Worte zu ihm:

»Herr! Es ist nicht recht, daß die Athener, die den Persern so viel Böses getan haben, ihre Taten nicht büßen sollen. Doch magst du jetzt erst ausführen, was du vorhast. Ist das freche Ägypten aber gebändigt, dann auf ins Feld gegen Athen, damit du Ruhm erntest bei den Völkern und ein jeder sich künftig hütet, in dein Reich einzubrechen!«

Das wirkte. Ferner ließ er auch in seine Rede einfließen, daß Europa ein herrliches Land sei, daß es Fruchtbäume aller Art trüge, reiches Ackerland habe und daß allein der König würdig sei, es zu besitzen. 6. Er sagte das alles, weil er ein unruhiger Kopf war und gern Satrap von Hellas geworden wäre. Mit der Zeit erreichte er seinen Zweck, und Xerxes tat ihm seinen Willen".

Noch andere Dinge trugen dazu bei. Aus Thessalien kamen Boten, von der Familie der Aleuaden entsandt, die den König nach Hellas riefen und ihm ihre tiefste Ergebenheit bezeugten. Diese Aleuaden waren Könige von Thessalien. Ebenso riefen ihn die Peisistratiden, die sich nach Susa auf den Weg gemacht hatten, und wiederholten, was die Aleuaden gesagt hatten. Si- brachten überdies noch den Onomakritos mit, einen Orakeldeuter aus Athen, der die Sprüche des Musaios gesammelt und veröffentlicht hatte. Sie hatten sich vorher mit Onomakritos versöhnt, der einst durch Hipparchos, den Sohn des Peisistratos, aus Athen verbannt worden war, als Lasos von Hermione ihn bei einer Fälschung eines Orakelspruches des Musaios ertappte. Dieser Spruch verkündete, daß die bei Lemnos liegenden Inseln ins Meer sinken würden. Darum hatte ihn Hipparchos verbannt, der vordem mit Onomakritos eng befreundet gewesen war. Jetzt also zog er mit nach Susa, und so oft er vor den König gerufen wurde, ließ er seine Orakeisprüche vernehmen. Die Peisistratiden priesen seine Weisheit hoch. Alles, was für die Barbaren unheilverkündend war, ließ Onomakritos aus den Sprüchen fort, nur das Verheißungsvollste sagte er. Er verkündete, daß ein Perser eine Brücke über den Hellespontos schlagen würde, und weissagte den Feldzug des Xerxes. So drängte ihn Onomakritos mit seinen Sprüchen und die Peisistratiden und Aleuaden mit ihren Vorstellungen.

7. Als Xerxes zum Zuge gegen Hellas entschlossen war, unternahm er zunächst, im zweiten Jahre nach dem Tode des Dareios, den Zug gegen die abtrünnigen Ägypter. Er unterwarf sie, legte dem Lande ein weit drückenderes Joch auf als Dareios und setzte zum Statthalter seinen Bruder Achaimenes, Sohn des Dareios, ein. Später ermordete diesen Statthalter von Ägypten ein Libyer Inaros, Sohn des Psammetichos. 8. Nach der Unterwerfung Ägyptens wollte nun Xerxes den Zug gegen Athen ins Werk setzen. Er berief die persischen Großen zum Kriegsrat'', um ihre Meinungen zu hören und seinen eignen Willen kundzutun. Als alle versammelt waren, sprach Xerxes folgendermaßen:

»Perser! Keine neuen Bräuche will ich einführen, sondern mich nach den überkommenen richten. Wie uns die Alten erzählen, haben wir Perser nie Friede gehalten, seitdem die Oberhoheit von den Medern auf uns übergegangen ist und Kyros dem Astyages die Herrschaft entrissen hat. Die Gottheit will es so, und alles, was wir unternehmen, gerät uns. Doch wozu soll ich euch von den Taten und Eroberungen des Kyros, des Kambyses und meines Vaters Dareios erzählen: ihr kennt sie ja selber. Als ich nun den Thron bestiegen hatte, sann ich nach, wie ich es meinen Vorgängern gleichtun und dem persischen Reiche ebensoviel Land hinzuerobern könnte wie sie. Und indem ich nachsann, fand ich den Weg, wie wir Ruhm und ein großes Land gewinnen können, nicht kleiner und nicht schlechter, sondern noch fruchtreicher als unser jetziges Reich, und wie wir damit zugleich Rache für eine Beschimpfung nehmen können. So habe ich euch denn berufen, um euch darzulegen, was ich zu tun gedenke. Ich will eine Brücke über den Hellespontos schlagen und ein Heer durch Europa nach Hellas führen, um die Athener zu bestrafen für alles, was sie den Persern und meinem Vater angetan haben. Ihr habt gesehen, wie schon mein Vater Dareios zum Zuge gegen dies Volk gerüstet hat. Aber er ist gestorben und konnte den Rachezug nicht mehr ins Werk setzen. Darum will ich nicht ruhen, bis ich für ihn und ganz Persien Rache geübt und Athen erobert und niedergebrannt habe, das den Streit mit mir und meinem Vater angefangen hat. Denn zuerst sind die Athener, gemeinsam mit unserem Untertan Aristagoras von Milet, nach Sardes gezogen und haben die heiligen Haine und Tempel in Brand gesteckt. Dann, als die Perser unter Führung des Datis und Artaphernes in Attika ans Land stiegen, so wißt ihr alle, wie übel sie ihnen mitgespielt haben's. Und darum habe ich mir jetzt vorgenommen, gegen die Athener ins Feld zu ziehen, und glaube, daß dieser Zug uns noch einen weiteren Vorteil bringen wird: wenn wir die Athener und deren Nachbarvölker, die das Land des Phrygers Pelops bewohnen-, unterworfen haben, so dehnen wir das persische Reich so weit aus, daß es mit dem Himmel zusammenstößt. Kein Nachbarland Persiens soll dann mehr die Sonne bescheinen, sondern alle Länder machen wir zu einem einzigen Reich und ziehen durch ganz Europa. Denn man sagt mir, daß keine Stadt und kein Volk auf Erden mehr den Kampf mit uns wagen kann, wenn einmal die, von denen ich sprach, aus dem Wege geräumt sind. So sollen alle, sei es ver-dient oder unverdient, unser Sklavenjoch tragen. Und nun werde ich euch Dank wissen, wenn ihr alle zu der Zeit, die ich euch angeben werde, willig zur Stelle seid. Wer das bestgerüstete Heer mitbringt, dem werde ich zum Geschenk geben, was in unserem Lande als das Ehrenvollste gilt. So soll es geschehen! Damit ihr mich aber nicht für eigenmächtig haltet, lege ich eudi die Sache zur Beratung vor, und jeder kann seine Meinung darüber sagen.«

Damit endigte er seine Rede. 9. Nach ihm sprach Mardonios:

»O Herr! Der edelste und tapferste Perser bist du, der da nicht nur lebt, sondern auch, der je leben wird. Alles, was du gesagt hast, ist sehr schön und wahr. Du willst nicht dulden, daß die anmaßenden loner in Europa uns verlachen. Es wäre auch unerträglich, wenn wir die Hellenen für die Unbill, die sie uns zugefügt, nicht büßen ließen, während wir die Saken, die Inder, die Aithioper, die Assyrier und viele andere große Völker besiegt und unterworfen haben, ohne daß sie uns etwas zu Leide getan, nur um das Reich zu vergrößern. Was sollten wir auch fürchten? Wo ist eine versammelte Heeresmacht? Wo sind mächtige Geldmittel? Haben wir sie doch kämpfen sehen und wissen, wie gering ihre Macht ist. Und ihre Abkömmlinge haben wir schon unterworfen, die Hellenen unseres Erdteils, die sich Ioner, Aioler und Dorier nennen. Ich bin einst selber auf Befehl deines Vaters gegen dies Volk ausgezogen, und keiner hat sich mir zur Schlacht entgegengestellt, obschon ich bis Makedonien vorgedrungen und gar nicht mehr weit von Athen entfernt war. Dabei pflegen doch die Hellenen viel Kriege zu führen, wie man mir sagt, aber unüberlegt und unverständig gehen sie dabei zu Werke. Haben sie einander den Krieg erklärt, so suchen sie ein schönes, ganz ebenes Schlachtfeld aus, und dort schlagen sie sich, wobei dann sogar der Sieger mit großen Verlusten davonzieht. Von dem Unterliegenden will ich gar nicht reden; er wird völlig vernichtet. Sie sollten, da sie alle eine Sprache sprechen, die Streitigkeiten lieber durch Herolde und Gesandtschaften schlichten und erst im letzten Notfalle durch Schlachten. Und wäre der Krieg einmal nicht zu vermeiden, so sollten beide Gegner sich fragen, wo sie am schwersten angreifbar sind und danach den Krieg führen. Trotz ihrer so verkehrten Art, einander zu bekriegen, sind sie aber, als ich bis nach Makedonien vordrang, nicht erschienen, um eine Schlacht zu liefern. Und wer, mein König, sollte mit dir den Kampf aufnehmen können, wenn du die ganze Heeresmacht Asiens und die ganze Flotte mit dir führst? Ich glaube, die Hellenen werden sich in ihrer Kriegsführung zu solcher Kühnheit gar nicht aufschwingen. Sollte ich mich irren und sollten sie wirklich unbesonnen genug sein, den Kampf mit uns zu wagen, so wollen wir ihnen zeigen, daß kein Volk sich mit uns im Kriege messen kann. Doch wollen wir nichts unversucht lassen. Von selber geschieht ja nichts in der Welt, nur durch Handeln erreichen die Menschen alle ihre Ziele.«

10. So redete Mardonios dem Xerxes nach dem Munde. Die anderen Perser schwiegen, keiner wagte eine andere Meinung zu äußern; nur Artabanos, Sohn des Hystaspes, verließ sich darauf, daß er des Xerxes Oheim war, und sprach:

»Mein König! Wenn nicht verschiedene Meinungen laut werden, kann man nicht die beste auswählen, man muß nach der einzigen ausgesprochenen handeln. Gibt es mehrere Meinungen, so kann man wählen, gleichwie man lauteres Gold nur daran erkennt, daß man es neben geringerem Gold an dem Prüfstein reibt. Ich habe deinem Vater, meinem Bruder, abgeraten, gegen die Skythen zu ziehen, weil es nirgends in ihrem Lande Städte gibt. Doch er hörte nicht auf mich, weil er trotzdem das Nomadenvolk der Skythen zu unterwerfen hoffte; aber er kehrte zurück und hatte viele tapfere Männer seines Heeres verloren. Und du, mein König, willst jetzt gegen ein Volk ziehen, das noch viel tapferer ist als die Skythen und zu Wasser, wie man sagt, nicht weniger vermag als zu Lande. Es ist billig, daß ich dir sage, was ich von dem Kriege befürchte. Den Hellespontos willst du überbrücken und das Heer durch Europa nach Hellas führen. Nun denke, du würdest wirklich besiegt, sei es zu Wasser oder zu Lande oder auch in beiden Fällen - denn es soll ein kriegerisches Volk sein, was wir ja schon daraus annehmen können, daß das große Heer des Datis und Artaphernes, als es nach Attika kam, von dem einen athenischen Volk völlig geschlagen wurde; doch wird ihnen der Sieg zu Wasser und zu Lande gewiß nicht gelingen -, aber wenn sie auch nur zu Wasser siegreich sind, dann nach dem Hellespontos fahren und die Brücke abbrechen, so bist du, mein König, doch in sehr gefährlicher Lage. Ich denke mir diesen Fall nicht beliebig aus, ich denke dabei an das Unheil, das uns damals drohte, als dein Vater den thrakischen Bosporos und den Istros überbrückt hatte, um in das Land der Skythen zu gelangen. Da suchten die Skythen die Ioner, die die Brücke zu bewachen hatten, auf alle Weise zu überreden, die Brücke ab- zubrechen. Und wäre Histiaios, der Tyrann von Milet, der Meinung der anderen Tyrannen beigetreten und hätte sich nicht widersetzt, so wäre die Macht der Perser verloren gewesen. Schon das ist ein schrecklicher Gedanke, daß damals das Heil des Perserkönigs in der Hand eines einzigen Menschen lag. Begib dich doch nicht mutwillig in eine gleiche Gefahr! Nein, folge meinem Rat, entlaß jetzt die Versammlung und sag' uns später, nachdem du überlegt und deinen Entschluß gefaßt hast, was du als das Beste erkannt hast. Denn den rechten Entschluß zu fassen, ist doch das Wichtigste im Leben. Wenn auch nachher Widerwärtigkeiten eintreten, war doch der Entschluß nicht weniger gut, er ist nur dem Schicksal erlegen. Dagegen dem, der einen schlechten Entschluß faßt, kann wohl, wenn das Schicksal es so fügt, ein Glücksfall begegnen, aber sein Entschluß war darum nicht weniger schlecht. Du siehst, wie der Blitzstrahl der Gottheit die höchsten Geschöpfe trifft, die sich prunkend überheben, während die kleinen den Neid der Gottheit nicht reizen. Du siehst, wie der Gott seine Blitze immer gegen die höchsten Häuser und die höchsten Bäume schlendert. Alles Große pflegt die Gottheit in den Staub zuwerfen! Ebenso erliegt auch ein großes Heer einem kleinen, wenn die neidische Gottheit Schrecken im Heere verbreitet oder Blitze schleudert, so daß es elend zugrunde geht. Denn Gott duldet nicht, daß ein Wesen stolz ist, außer ihm selbst. Ubereilung bewirkt stets, daß wir fehlgehen, woraus dann viel Unheil für uns zu entspringen pflegt. Abwarten bringt Gutes, wenn auch nicht sofort; die Zeit läßt es reifen. - Das ist mein Rat an dich, mein König! Du aber, Mardonios, Sohn des Gobryas, solltest aufhören, geringschätzig von den Hellenen zu reden, die das gewiß nicht verdienen. Durch solche Verleumdungen stachelst du den König zum Kriege, und darauf zielt offenbar dein ganzer Eifer. Du solltest es nicht! Es gibt nichts Ärgeres als Verleumdung; denn sie macht zwei Menschen zu Verbrechern und läßt einen dritten leiden. Der Verleumder vergeht sich, weil er hinter dem Rücken anklagt, und wer ihm glaubt, vergeht sich, weil er urteilt, bevor er genaue Kunde eingezogen. Der Abwesende aber wird durch beide gekränkt, weil ihn der eine verleumdet und der andere Arges von ihm denkt. Soll aber durchaus Krieg mit jenem Volk geführt werden, so sollte der König im Lande der Perser bleiben; du und ich sollten unsere Kinder zum Pfande setzen, und dann magst du ausziehen, magst dir Begleiter aussuchen, welche du willst, und ein Heer anwerben, so groß du magst. Geht der Feldzug aus, wie du sagst, so sollen meine Kinder sterben und ich mit ihnen. Geht er aber aus, wie ich sage, so soll dasselbe deine Kinder treffen und, wenn du davonkommst, auch dich. Willst du darauf nicht eingehen, sondern willst um jeden Preis ein Heer gegen Hellas führen, so prophezeie ich, daß zu manchem, der hier in Persien bleibt, einst die Kunde dringen wird: Mardonios hat Persien ins Unglück gestürzt und wird von Hunden und Vögeln zerfleischt, drüben im Lande der Athener oder der Lakedaimonier, wenn nicht schon auf dem Wege dahin. Nun weiß er, gegen was für ein Volk zu ziehen er den König verleitet hat!«

11. So sprach Artabanos. Zornig erwiderte Xerxes:

»Artabanos! Meines Vaters Bruder bist du; das rettet dich vor der verdienten Strafe für deine törichten Worte. Aber weil du mutlos und ein Feigling bist, sollst du zur Schande nicht mit mir nach Hellas ziehen, sondern mit den Weibern zurückbleiben. Ich kann auch ohne dich alles, was ich gesagt habe, vollenden. Ich will nicht Abkomme meiner Ahnen heißen, also des Dareios, Hystaspes, Arsames, Ariamnes, Teispes, Kyros, Kambyses, Teispes, Achaimenes, wenn ich die Athener nicht züchtige! Ich weiß ja, daß sie nicht Frieden halten, auch wenn wir es tun wollten, daß sie selber in unser Land kommen werden. Was geschehen ist, beweist es ja: sie haben Sardes in Brand gesteckt und sind nach Asien herübergekommen. Keiner kann mehr zurück! Es gilt Handeln oder Dulden; entweder fällt unser ganzer Erdteil in die Hände der Hellenen oder ihr ganzer Erdteil in die Hände der Perser. Versöhnung ist nicht möglich. So ist es denn in der Ordnung, daß wir Rache nehmen für ihren Angriff! Auch möchte ich gern das Furchtbare, das mir jenes Volk antun soll, kennen lernen, jenes Volk, das einst der Phryger Pelops, meiner Ahnen Sklave so gründlich besiegt hat, daß bis zum heutigen Tage Volk und Land nach dem Sieger genannt werden!«

12. So endigte dieser Kriegsrat.

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131. Längere Zeit weilte er [Xerxes] nun in der Landschaft Pieria. Ein Dritteil des Heeres nämlich mußte die Waldungen im makedonischen Gebirge abholzen, damit das ganze Heer ins Land der Perraiber hinüberschreiten konnte. Jetzt kamen auch die nach Hellas entsandten Herolde zurück, einige mit leeren Händen, andere brachten Erde und Wasser mit.

132. Folgende Stämme und Städte hatten die persische Forderung erfüllt: die Thessaler, Doloper, Eniener, Perraiber, Lokrer, Magneter, Malier, die Achaier von Phthia, die Thebaner und die übrigen bojotischen Städte außer Thespiai und Plataiai. Gegen diese Stämme und Städte schlossen die übrigen Hellenen, die den Kampf mit den Barbaren aufnehmen wollten, einen Vertrag. Dieser Vertrag besagte, daß jedes hellenische Gemeinwesen, das sich den Persern ohne Kampf und ohne durch eine Niederlage gezwungen zu sein, ergäbe, als Buße an den Gott in Delphi den Zehnten zu entrichten habe. Das war der Vertrag, zu dem die Hellenen sich verpflichteten.

133. Daß Xerxes nicht auch von Athen und Sparta Erde und Wasser forderte, hatte darin seinen Grund, daß die Athener die ersten Boten des Dareios vom Felsen herabgestürzt und die Spartiaten sie in einen Brunnen geworfen hatten: dort könnten sie sich Erde und Wasser für den König holen. Darum schickte jetzt Xerxes nicht von neuem Boten nach Athen und Sparta. Ob sich die Ermordung jener Herolde an Athen gerächt hat, wüßte ich nicht zu sagen, außer daß ihnen Land und Stadt verwüstet und zerstört wurden. Doch glaube ich nicht, daß das die Strafe für die Ermordung der Herolde gewesen ist.

134. Was die Lakedaimonier betrifft, so kam wegen des Gesandtenfrevels der Zorn des Heros Talthybios, des Herolds Agamemnons, über sie. In Sparta hat nämlich Talthybios ein Heiligtum, und es leben dort auch Abkommen, die Talthybiaden, deren Familie sämtliche öffentlichen Gesandtschaften übertragen werden, die Sparta ausschickt. Nach dem Gesandtenmord wollte kein einziges Opfer, das die Spartiaten veranstalteten, günstig ausfallen. Das währte längere Zeit. Die Lakedaimonier waren darüber tief bekümmert; sie hielten viele Volksversammlungen ab und ließen durch einen Herold ausrufen, ob ein lakedaimonischer Bürger sich für Sparta opfern wollte. Da meldeten sich Sperthias, Sohn des Aneristos, und Bulis, Sohn des Nikolaos, zwei reiche Spartiaten von guter Abkunft; die wollten Xerxes, dem Sohn des Dareios, Buße leisten für den Tod der in Sparta umgekommenen Herolde. So wurden denn die beiden Spartiaten ins medische Land geschickt, um den Tod zu erleiden.

135. Man muß den Mut dieser Männer bewundern und nicht minder die Worte, die sie gesprochen haben. Denn auf ihrem Wege nach Susa kamen sie zu Hydarnes, einem Perser von Geburt, der das persische Heer an der kleinasiatischen Küste befehligte. Der nahm sie auf und stellte beim Mahle die Frage an sie:

»Ihr Lakedaimonier, warum sträubt ihr euch eigentlich, des Königs Freunde zu sein? An mir und meiner Stellung könnt ihr sehen, wie der König tapfere Männer zu ehren weiß. Auch ihr steht im Rufe tapferer Männer bei ihm. Wenn ihr ihm euch ergäbet, so würde der König jeden Spartiaten zum Herren über eine Landschaft in Hellas machen.«

Darauf erwiderten die Spartiaten:

»Hydarnes! Der Rat, den du uns gibst, ist kurzsichtig. Du kennst nur, was du uns rätst, nicht, wovon du uns abrätst. Du kennst die Knechtschaft, aber von der Freiheit weißt du nichts, nicht ob sie süß, noch ob sie bitter ist. Hättest du sie je gekostet, du würdest uns raten, nicht bloß mit Speeren für sie zu kämpfen, sondern auch mit Äxten.«

136. Das war ihre Antwort an Hydarnes. Als sie nun nach Susa weiterzogen und vor das Angesicht des Königs traten, befahlen ihnen die Leibwächter, vor dem König niederzufallen, und wollten sie mit Gewalt dazu zwingen. Aber die Spartiaten weigerten sich: und wenn man sie mit dem Kopf auf den Boden stieße, würden sie es doch nicht tun, denn bei ihnen sei es nicht Brauch, sich vor Menschen niederzuwerfen, auch kämen sie aus einem anderen Grunde. Und als sie jene Zumutung zurückgewiesen hatten, begannen sie ihre Rede und sagten:

»König der Meder! Die Lakedaimonier schicken uns zur Sühne für die Herolde, die in Sparta ums Leben gekommen sind.«

Da erwiderte Xerxes großmütig, er wolle nicht handeln wie die Lakedaimonier, die durch den Mord an den Herolden das Recht, das alle Völker heilig hielten, verletzt hätten. Er wolle nicht denselben Frevel begehen, sondern, ohne sie zu töten, die Lakedaimonier von der Blutschuld lösen.

137. Darauf legte sich alsbald der Groll des Taithybios, obwohl Sperthias und Bulis nach Sparta heimkehrten. ...

138. Der Kriegszug des Königs richtete sich dem Namen nach nur gegen Athen, in Wahrheit aber war es auf ganz Heilas abgesehen. Die Hellenen waren seit langem darüber unterrichtet, aber sie konnten sich nicht zu gemeinsamem Vorgehen einigen. Manche hatten dem Perserkönig Erde und Wasser gegeben und vertrauten darauf, daß sie von den Barbaren nichts Böses erdulden würden. Die anderen, die die Forderung zurückgewiesen hatten, schwebten in großer Furcht; denn ganz Hellas hatte nicht Schiffe genug, um den Angreifern entgegentreten zu können, und im Volke wollte man nichts vom Kriege wissen und stand ganz auf Seiten der Perser.

139. Ich muß daher offen meine Meinung sagen und darf die Wahrheit nicht verschweigen, so unangenehm sie den meisten hellenischen Städten klingen mag; hätte auch Athen den Angreifer gefürchtet, hätten die Athener ihre Stadt verlassen oder hätten sie sich samt ihrer Stadt dem Xerxes ergeben, so hätte kein Hellene gewagt, dem König zur See entgegenzutreten. Und hätte Xerxes zur See keinen Gegner gefunden, so wären die Dinge zu Lande folgendermaßen gegangen. Die Peloponnesier konnten soviel Mauerzinnen, wie sie wollten, auf dem Isthmos errichten, die Lakedaimonier wären trotzdem von allen Bundesgenossen, Stadt um Stadt, im Stich gelassen worden, nicht aus freien Stücken, sondern aus Not, denn die persische Flotte hätte eine Stadt nach der anderen genommen. Und von allen verlassen wären sie dann den Heldentod gestorben. Vielleicht hätten sie sich auch mit Xerxes verständigt, nachdem sie den Abfall aller anderen hellenischen Städte gesehen. In beiden Fällen wäre jedenfalls Hellas unter das persische Joch gekommen; denn ich kann nicht einsehen, welchen Nutzen die Mauer über den Isthmos haben sollte, wenn der König das Meer beherrschte. Daher ist es nur die reine Wahrheit, wenn man die Athener die Retter von Hellas nennt. Der Lauf der Dinge hing allein davon ab, wie die Athener entschieden. Dadurch, daß ihre Wahl auf die Erhaltung der hellenischen Freiheit fiel, weckten sie ganz Hellas zum Widerstand, soweit es nicht medisch gesinnt war, und ihnen ist nächst den Göttern die Zurückweisung des persischen Angriffs zu verdanken. Nicht einmal durch die ängstlichen, furchterregenden Orakeisprüche aus Delphi ließen sie sich bewegen, Hellas im Stich zu lassen. Sie harrten aus und erwarteten mutig den Angreifer.


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .