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Der griechische Sieg über die Perser als tiefere Ursache der Freisetzung der Kräfte Athens und des schweren und langen spartanisch-athenischen Konflikts. Thukydides, Peloponnesischer Krieg, Buch 1, Kap. 14 - 23.

Deutsche Übersetzung nach: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 1, S. 31 - 36.


[14; Die Flottengröße und -stärke einiger griechischer Poleis - für ihr politisches Gewicht eigentlich von sehr großer Bedeutung - entwickelte sich geschichtlich nur ganz langsam]... Erst kurz vor den Perserkriegen und dem Tod des Dareios, der nach Kambyses König von Persien war, hatten die sizilischen Tyrannen und Kerkyra Triëren in beträchtlicher Anzahl. Das waren die nennenswertesten Flotten, die es vor dem Heerzug des Xerxes in Hellas gab. Denn in Aigina und Athen und sonstwo gab es wenig, und fast nur Fünfzigruderer; erst zuletzt bewog Themistokles die Athener, im Krieg gegen Aigina und zugleich in Erwartung der Barbaren [Perser], die Schiffe zu bauen, mit denen sie dann die Seeschlacht schlugen - und selbst diese hatten noch kein durchgehendes Verdeck.

[15] So stand es mit den hellenischen Flotten der Vorzeit und der späteren; und doch gelangten die Städte, die sich eine hielten, zu erheblicher Macht, durch Eingang von Geld und Herrschaft über andere: sie fuhren nämlich die Inseln an und unterwarfen sie, namentlich wenn ihr eigenes Gebiet nicht genügte. Einen Landkrieg, durch den ein Staat zu Macht gelangt wäre, gab es nicht; alle Kriege, wenn welche ausbrachen, waren Grenzhändel der einzelnen. Auswärtige Heerzüge weit von der Heimat zur Unterwerfung anderer unternahmen die Hellenen nicht. Denn sie fügten sich nicht in Gruppen unter das Gebot der mächtigsten Städte, noch zogen sie selbständig und gleichberechtigt zu gemeinsamen Fahrten aus, sondern gegenseitig bekämpften sich die einzelnen Nachbarstädte. Höchstens in dem zwischen Chalkis und Eretria früher einmal geführten Krieg teilte sich auch das übrige Hellas in Verbündete der einen und der andern Partei.

[16] Dazu kamen bei jeder Stadt wieder besondere Gründe, die ein Wachstum hinderten: als Ionien ins Große zu gedeihen begann, zog Kyros heran, der mit der persischen Macht Kroisos und alles Land zwischen Halys und Meer niedergeworfen hatte. Er unterjochte die festländischen Städte, und Dareios später, siegreich mit der phönizischen Flotte, auch die Inseln.

[17] Und alle Tyrannen, die es in den hellenischen Städten gab, in ihrer engen Sorge bloß für die eigene Person und die Mehrung ihres Hauses, lenkten ihre Städte so vorsichtig sie irgend konnten, und keine nennenswerte Tat ward von ihnen vollbracht als höchstens gegen ihre nächsten Nachbarn. So kam alles zusammen, Hellas lange Zeit niederzuhalten, daß es gemeinsam nichts Herrliches leistete und die einzelnen Städte sich wenig zutrauten.

[18] Als dann die Tyrannen in Athen und im übrigen Hellas, wo sie fast überall schon früher aufkamen, wieder gestürzt waren - die meisten und letzten außer den sizilischen durch Sparta

- denn Sparta, das nach seiner Besiedlung durch die jetzt dort ansässigen Dorier von allen Städten, die wir kennen, die längsten Bürgerkriege hatte, kam doch am frühesten auch zu Gesetz und Ordnung und war immer tyrannenfrei; es mögen gut vierhundert Jahre sein bis zum Ende dieses Krieges, daß Sparta dieselbe Verfassung hat; das gab ihm die Stärke, auch in den andern Staaten einzugreifen -

also nach der Vertreibung der Tyrannen aus Hellas begab sich nicht viele Jahre später auch die Schlacht der Perser gegen die Athener bei Marathon; und im zehnten Jahre danach kam der Barbar wieder mit dem großen Heerzug, um Hellas zu knechten. In der großen Gefahr, die über ihnen hing, wurden die Spartaner dank ihrer überlegenen Macht Führer der mitstreitenden Hellenen, und die Athener, vorm Angriff der Perser entschlossen ihre Stadt preiszugeben, gingen mit Hab und Gut zu Schiff und wurden Seefahrer. Nach gemeinsamer Abwehr des Barbaren schieden sich nicht viel später die vom Großkönig abgefallenen Hellenen und die Streitgenossen und unterstellten sich teils Athen, teils Sparta; denn diese beiden Städte hoben sich ab als die mächtigsten; es herrschte die eine zu Lande, die andere mit ihren Schiffen. Eine kurze Zeit dauerte die Waffenbrüderschaft noch, aber dann entzweiten sich Sparta und Athen und führten mit ihren Verbündeten Krieg gegeneinander, und wo sonst in Hellas eine Fehde ausbrach, schlossen sich die Städte jetzt an diese an. So daß sie die ganze Zeit von den Perserkriegen bis zu diesem jetzigen, im Wechsel von Waffenstillstand und Krieg, sei es gegeneinander, sei es gegen ihre abgefallenen Verbündeten, ihr Kriegswesen wohl ausbildeten und um so erfahrener wurden, als sie ihre Übungen unter Gefahren abhielten.

[19] Dabei hielt Sparta seine Verbündeten nicht abgabenpflichtig und sah nur darauf, daß überall ein herrschender Adel in Spartas Sinn die Dinge lenkte, während Athen mit der Zeit seinen Städten außer Chios und Lesbos die Schiffe wegnahm und allen eine Abgabe in Geld zumaß. So war jeder der beiden Gegner für diesen Krieg besser gerüstet, als sie je zur Zeit des lautersten Bündnisses in gemeinsamer Kraft geblüht hatten.

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[23; Es kam mehr oder weniger zwangsläufig zum Peloponnesischen Kriege, und dieser war von nie dagewesener Wucht und Dauer]. Von allen früheren Kriegen war der bedeutendste der Perserkrieg, und doch kam dieser in zwei Seeschlachten und zweien zu Lande rasch zur Entscheidung, während dieser [scil. der Peloponnesische] Krieg schon der Dauer nach sich lang ausdehnte und in ihm so vielerlei Leiden über Hellas hereinbrachen wie sonst nie in gleicher Zeit. Nie wurden so viele Städte erobert und entvölkert, teils durch Barbaren, teils in gegenseitigen Kämpfen, manche bekamen sogar nach der Einnahme eine ganz neue Bevölkerung. Nie gab es soviel Flüchtlinge, so viele Tote, durch den Krieg selbst und in den [scil. mit ihm verbundenen] Parteikämpfen. Was man von früher immer sagen hörte, aber die Wirklichkeit so selten bestätigte, wurde glaubhaft: Erdbeben, die weiteste Länderstrecken zugleich mit ungewohnter Wucht heimsuchten, Sonnenfinsternisse, die dichter eintrafen, als je aus früherer Zeit überliefert, dazu manchenorts unerhörte Hitze und darauf folgend Hungersnot, und schließlich, nicht die geringste Plage, ja zum Teil Vernichterin, die Seuche: all dies fiel zugleich mit diesem Krieg über die Hellenen her.

Es fing damit an, daß Athener und Peloponnesier den dreißigjährigen Vertrag aufhoben, den sie nach der Einnahme Euboias geschlossen hatten. Die Ursachen, warum sie ihn aufhoben, und die Streitpunkte schreibe ich vorweg, damit nicht später einer fragt, woher denn ein solcher Krieg in Hellas ausbrach. Den wahrsten Grund freilich, zugleich den meistbeschwiegenen, sehe ich im Wachstum Athens, das die erschreckten Spartaner zum Kriege zwang; aber die beiderseits öffentlich vorgebrachten Beschuldigungen, derentwegen sie den Vertrag aufhoben und den Krieg anfingen, waren [andere].


LV Gizewski WS 2005/2006.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .