Zur historischen Klärung der Vorgeschichte eines Krieges. Aus: Thukydides, Der Peloponnesische Krieg 1, 1 - 23.

Deutsche Übersetzung nach: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Kries. Hg. und übersetzt von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 1, S. 23 - 37 (auszugsweise).


[I 1] Thukydides von Athen hat den Krieg der Peloponnesier und Athener, den sie gegeneinander führten, aufgezeichnet. Er begann damit gleich beim Ausbruch, in der Erwartung, der Krieg werde bedeutend werden und denkwürdiger als alle früheren; das erschloß er daraus, daß beide auf der vollen Höhe ihrer Entfaltung in den Kampf eintraten und daß er das ganze übrige Hellenentum Partei ergreifen sah, teils sofort, teils nach einigem Zögern. Es war bei weitem die gewaltigste Erschütterung für die Hellenen und einen Teil der Barbaren, ja sozusagen unter den Menschen überhaupt. Denn was davor war und noch früher, das war zwar wegen der Länge der Zeit unmöglich genau zu erforschen; aber aus Zeichen, die sich mir bei der Prüfung im großen ganzen als verläßlich erwiesen, glaube ich, daß es nicht erheblich war, weder in Kriegen noch sonst.

[2] Es ergibt sich nämlich, daß, was heute Hellas heißt, nicht von alters her fest besiedelt gewesen ist, sondern daß es Völkerwanderungen gab früher und die einzelnen Stämme leicht ihre Sitze verließen unter dem Druck der jeweiligen Übermacht. Denn da noch kein Handel war und kein gefahrloser Verkehr weder übers Meer noch auf dem Land, da alle ihr Gebiet nur nutzten, um grade davon zu leben, und keinen Überschuß hatten, auch keine Bäume pflanzten bei der Ungewißheit, wann vielleicht ein Feind, zumal auch nichts befestigt war, kommen und ihnen alles wegnehmen würde, und da sie die nötige Nahrung für den Tag überall gewinnen zu können meinten, so fiel es ihnen nicht schwer, auszuwandern, und darum waren sie weder durch große Städte stark noch durch sonstige Kriegsmacht. Je besser aber das Land, desto häufiger wechselte es die Besiedler, so das heutige Thessalien, Boiotien, die meisten Teile der Peloponnes außer Arkadien, und wo sonst ein Landstrich vorzüglich war. Denn die Güte des Landes gab manchen größere Macht und führte damit zu inneren Fehden, in denen sie umkamen, und lockte zugleich fremde Stämme eher zum Angriff.

Wenigstens ist Attika, weil es mit seinem kargen Boden die längste Zeit von Parteihader frei war, immer von denselben Menschen besiedelt gewesen. Und das ist nicht der schwächste Beweis fir den Satz, daß die anderen Gegenden wegen der vielen Wanderungen nicht ebenso erstarken konnten. Denn aus ganz Hellas wandten sich die Verdrängten oder Verbannten, immer die Mächtigsten, nach Athen als an einen sichern Ort, wurden dort Bürger und machten so schon seit ältester Zeit die Stadt noch größer und volkreicher, weshalb sie von hier aus auch später in Ionien, da Attika nicht ausreichte, neue Städte gründeten'.

[3] Es erhellt mir aber die Ohnmacht der Vorzeit nicht zuletzt auch daraus: vor dem Troischen Krieg nämlich hat Heilas offenbar nichts gemeinsam unternommen, ja mich dünkt, es trug noch nicht einmal diesen Namen schon als ein Ganzes, sondern in der Zeit vor Hellen Deukalions Sohn gab es diese Bezeichnung überhaupt noch nicht. ... Zu dem Zuge [nach Troja] vereinigten sie sich erst, als sie mit dem Meer schon besser vertraut waren.

[4] Minos nämlich war der erste, von dem wir Kunde haben, daß er eine Flotte besaß, das heute hellenische Meer weithin beherrschte und die Kykladen eroberte und meistenteils zuerst besiedelte ....

[Es folgen Ausführungen über die von Thukydides vermuteten Grundzüge einer historischen Entwicklung des Städtewesens, des Handels, der Seeschiffahrt und der innergreichischen Streitigleiten bis zu den Perserkriegen des frühen 5. Jhs. Erst diese hätten die Griechenstaaten in der gemeinsamen Abwehr einer äußeren Gefahr zusammengeführt, wobei Sparta eine Führungsrolle gehabt habe.]

[18] ... Nach gemeinsamer Abwehr des [persischen] Barbaren schieden sich [aber] nicht viel später die vom Großkönig abgefallenen Hellenen und ihre Streitgenossen [in Insel- und Festlandsgriechenland] und unterstellten sich teils Athen, teils Sparta. Denn diese beiden Stadte hoben sich ab als die mächtigsten. Es herrschte die eine zu Lande, die andere mit ihren Schiffen. Eine kurze Zeit dauerte die Waffenbrüderschaft noch, aber dann entzweiten sich Sparta und Athen und führten mit ihren Verbündeten Krieg miteinander.

[20] [Die Vorgeschichte des peloponnesischen Krieges] war für mich nur mit großer Mühe zu untersuchen, da nicht jedem ersten besten Zeugnis zu trauen war. Denn die Menschen nehmen alle Nachrichten von Früherem, auch soweit es im eignen Lande geschah, gleich ungeprüft voneinander an. ...

[22] Was etwa in Reden hüben und drüben vorgebracht wurde, während sich der Kriegskonflikt allmählich vorbereitete, ja als er schon ausgebrochen war, dies in wörtlicher Genauigkeit wiederzugeben war schwierig sowohl für mich, selbst wo ich selber zuhörte, als auch für meine Gewährsleute von anderwärts. Ich konnte die Reden nur so darstellen, wie meiner Meinung nach ein jeder in seiner Lage etwa sprechen mußte, in möglichst engem Anschluß an den Gesamtsinn des in Wirklichkeit Gesagten. Was aber tatsächlich geschah in dem Kriege, erlaubte ich mir nicht nach Auskünften des ersten besten aufzuschreiben, auch nicht «nach meinem Dafürhalten»', sondern ich bin Selbsterlebtem und Nachrichten von andern mit aller erreichbaren Genauigkeit bis ins einzelne nachgegangen. Mühsam war diese Forschung, weil die Zeugen der einzelnen Ereignisse nicht dasselbe über dasselbe aussagten, sondern je nach Gunst oder Gedächtnis. Zum Zuhören wird vielleicht diese undichterische Darstellung minder ergötzlich scheinen; wer aber da Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal, nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird, der mag es so für nützlich halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz, nicht als Prunkstück fürs einmalige Hören ist es aufgeschrieben.

[23] Von allem früheren Geschehen [vor dem Peoponnesischen Kriege ]war nun zwar gewiß das bedeutendste der Perserkrieg, und doch kam dieser in zwei Seeschlachten und zweien zu Lande rasch zur Entscheidung. Der Peloponnesische Krieg dauerte demgegenüber unvergleichlich viel länger, und es brachen in ihm so vielerlei Leiden über Hellas herein wie bis dahin nie. Nie wurden so viele Städte erobert und entvölkert, teils durch Barbaren, teils in gegenseitigen Kämpfen; manche bekamen sogar nach der Einnahme eine ganz neue Bevölkerung. Nie gab es soviel Flüchtlinge, so viele Tote, durch den Krieg selbst und in den Parteikämpfen. Was man von früher immer sagen hörte, aber die Wirklichkeit ´kaum je bestätigt fand, wurde hier glaubhaft: Erdbeben, die weiteste Länderstrecken zugleich mit ungewohnter Wucht heimsuchten, Sonnenfinsternisse, die dichter eintrafen, als je aus früherer Zeit überliefert, dazu manchenorts unerhörte Hitze und darauf folgend Hungersnot, und schließlich, nicht die geringste Plage, ja zum Teil Vernichterin, die Seuche: all dies fiel zugleich mit diesem Krieg über die Hellenen her.

Es fing damit an, daß Athener und Peloponnesier den dreißigjährigen Vertrag aufhoben, den sie nach der Einnahme Euboias geschlossen hatten. Die Ursachen, warum sie ihn aufhoben, und die Streitpunkte schreibe ich vorweg, damit nicht später einer fragt, woher denn ein solcher Krieg in Hellas ausbrach. Den wahrsten Grund freilich, zugleich den meistbeschwiegenen, sehe ich im Wachstum Athens, das die erschreckten Spartaner zum Kriege zwang. ...


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .