Zum Mißlingen der Seebundsexpedition nach Sizilien: Thukydides, Peloponnesischer Krieg 7. 8 - 18 (414/413 v. Chr.).

Deutsche Übersetung nach: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, Herausgegeben von Georg Peter Landmann, 2 Bde., München 1973, Bd. 2, S. 524 - 529.


[8] Auch Nikias schickte, wie sonst schon immer bei jedem einzelnen Ereignis, so besonders jetzt, Boten nach Athen, da er den Umschwung spürte, die feindliche Macht wie die eigene Not täglich wachsen sah und meinte, wenn die Athener sie in dieser gefahrvollen Lage nicht schleunigst entweder zurückholten oder mit neuer, nicht geringer Macht verstärkten, so sei gar keine Rettung mehr. In der Befürchtung aber, die ausgesandten Boten möchten, von einer schweren Zunge oder schwachem Gedächtnis behindert, oder auch der Messe zu Gefallen, nicht die volle Wahrheit sagen, schrieb er einen Brief, damit so die Athener seine wirkliche Meinung ohne jede Entstellung durch den Boten erfuhren und über den wahren Sachverhalt reden könnten. So waren nun die, die er schickte, mit dem Brief und weitern mündlichen Aufträgen unterwegs, während er für sein Heerlager eher mit Wachsamkeit sorgte als durch eigne gewagte Unternehmungen.

[9] Zu Ende desselben Sommers zog der attische Feldherr Euetion mit Perdikkas und vielen Thrakern gegen Amphipolis, nahm die Stadt aber nicht; doch ließ er Triëren in den Strymon herüberkommen und belagerte die Stadt vom Fluß her, von Himeraion aus. Damit endete der Sommer.

[10] Im darauffolgenden Winter kamen die Boten des Nikias nach Athen, richteten aus, was ihnen mündlich aufgetragen war, antworteten, wenn einer etwas noch genauer wissen wollte, und gaben den Brief ab. Und der Stadtschreiber trat hin und las ihn den Athenern vor. Er lautete:

[11] "Die frühern Ereignisse, Athener, kennt ihr aus vielen andern Briefen; nun aber ist es an dem, daß ihr erst recht genau erfahren müßt, in welcher Lage wir sind, um darüber eure Beschlüsse zu fassen. Nachdem wir in den meisten Schlachten die Syrakuser, gegen die wir geschickt wurden, besiegt und die Mauern gebaut haben, hinter denen wir jetzt sind, kam der Spartaner Gylippos mit einem Heer aus der Peloponnes und einigen sizilischen Städten. In der ersten Schlacht wurde er von uns geschlagen, in der folgenden zwangen uns die vielen Reiter und Speerwerfer zum Rückzug hinter die Mauern. Und nun haben wir den Bau der Sperrmauer aufgegeben wegen der feindlichen Übermacht und halten uns still - wir könnten nicht einmal das Gesamtheer einsetzen, da die Bewachung der Mauern einen Teil der Gepanzerten bindet; sie aber haben eine einzügige Gegenmauer gegen uns gebaut, so daß man den Ring nicht mehr um sie schließen kann, wenn man nicht diesen Querriegel mit starken Kräften angreift und wegnimmt. Ja man kann sagen, daß wir, scheinbar die Belagerer einer andern Stadt, in Wirklichkeit selbst, wenigstens zu Lande, die Belagerten sind, denn auch in die Umgebung wagen wir uns wegen der Reiter nicht weit hinaus.

[12] Sie haben auch in den Peloponnes geschickt um Verstärkungen, und Gylippos ist jetzt unterwegs, in den sizilischen Städten, und will die, die sich jetzt noch stillhalten, zur Teilnahme am Krieg bereden, aus den andern noch mehr Fußvolk und womöglich auch Streitkräfte zum Seekrieg heranführen. Sie planen nämlich, wie ich erfahre, zugleich mit den Truppen gegen unsre Mauer anzugehn und mit den Schiffen zur See. Es meine keiner von euch, das sei doch unglaublich, dies: auch zur See. Denn unsere Flotte, was die andern ja auch wissen, war anfangs auf ihrer Höhe durch die Trockenheit der Schiffe und die Vollzahligkeit der Mannschaft; aber nun sind die Schiffe nach so langem Seedienst vollgesogen und das Schiffsvolk geschwundden. Die Schiffe können wir nicht hochziehn und lüften, weil wir von den feindlichen, die an Zahl uns ebenbürtig oder gar überlegen sind, jederzeit einen Angriff gewärtigen müssen. Wir beobachten, wie sie sie erproben, aber ob sie angreifen wollen, steht bei ihnen, und ihre eignen Schiffe durchzutrocknen haben sie alle Freiheit, well sie nicht Feinde überwachen.

[13] Wir aber hätten diese Möglichkeit kaum bei einem großen Überschuß an Schiffen, selbst wenn wir nicht wie jetzt alle unbedingt zu unserm Schutz brauchten - denn wenn wir auch nur einen kleinen Teil dem Wachtdienst entziehn, werden uns die Lebensmittel fehlen, die wir auch jetzt an ihrer Stadt vorbei nur mühsam hereinschaffen. Und die Mannschaft ist darum geschwunden und schwindet weiter, weil das Schiffsvolk beim Plündern und Holz- und Wasserholen von weiterher durch die Reiter aufgerieben wird; die Dienerschaft, seit es nur gleich zu gleich steht, läuft über, die Söldner, soweit sie zur Mitfahrt gepreßt waren, verliefen sich gleich in die verschiedenen Städte, und die, die anfangs der hohe Sold lockte und die mehr auf Geschäfte als in den Krieg zu ziehen hofften und jetzt unvermutet auf der Gegenseite gar eine Flotte und noch andren Widerstand finden, die verlaufen sich entweder geradezu als Überläufer, oder sie verschwinden, wie jeder kann - Sizilien ist ja groß -, manche haben auch, um selber Handel zu treiben, den Schiffshauptleuten zum Ruderdienst an ihrer Statt hykkarische Sklaven aufgeschwatzt und so die Schlagkraft der Flotte gebrochen.

[14] Ihr wißt aber, auch ohne daß ich es schreibe, daß eine Mannschaft nur kurze Zeit auf der Höhe ist und immer nur wenige vom Schiffsvolk das Schiff wirklich vorantreiben und für das Ganze den Takt halten. Das allerschlimmste ist, daß ich als Feldherr kein Mittel habe, dies zu hindern - ihr seid ja nicht gerade lenksam von Natur -, und daß wir von nirgendswoher die Bemannungen wieder auffüllen können, während die Feinde allerorten Zuzug bekommen, sondern notwendig Bestand und Abgang von dem gehn muß, was wir anfangs mitgebracht haben - denn die jetzt mit uns verbündeten Städte sind zu schwach, Naxos und Katane. Wenn aber die Feinde noch einen Schritt weiterkommen, und die Orte in Italien, die uns erhalten, würden angesichts unserer Lage und eurer ausbleibenden Hilfe auf die Gegenseite übertreten, dann hätten sie ohne Schwertstreich unser Lager erobert, und der Krieg wäre zu Ende. Andere und frohere Nachrichten als diese könnte ich euch schon senden, aber nicht nützlichere, wenn ihr in voller Kenntnis, wie es hier steht, beschließen sollt. Und da ich zudem eure Art kenne, immer das Angenehmste hören zu wollen und nachher Vorwürfe zu machen, wenn euch der Erfolg nicht dem entspricht, halte ich es für sicherer, euch die Wahrheit kundzutun.

[15] Für unser erstes Angriffsziel nun wären eure Soldaten wie eure Feldherrn schon recht gewesen, daran braucht ihr nicht zu zweifeln, nachdem nun aber ganz Sizilien zusammensteht und aus der Peloponnes ein weiteres Heer zu erwarten ist, so ist es Zeit, zu entscheiden; eure hiesige Macht ist schon den jetzigen Gegenkräften nicht mehr gewachsen; ihr müßt uns entweder zurückholen, oder ein zweites ebenso starkes Heer nachsenden, Fußvolk und Seemacht und nicht wenig Geld, und einen Nachfolger für mich, da ich wegen einer Nierenkrankheit nicht imstand bin, hier auszuharren. Ich hoffe, ihr werdet mir dies verzeihen; habe ich euch doch in gesunden Tagen zu manchem schönen Erfolg geführt. Was ihr aber vorhabt, das tut gleich mit dem Frühling und ohne Aufschub: die Feinde können aus Sizilien die Hilfe sehr rasch heranziehn, aus dem Peloponnes etwas langsamer, aber doch, wenn ihr nicht aufmerkt, euch teils überlisten, wie das erstemal, teils zuvorkommen."

[16] Soviel besagte Nikias' Brief. Als die Athener ihn gehört, lösten sie Nikias zwar nicht ab in seinem Amt, bestimmten aber, bis neue gewählte Amtsgenossen hinkämen, von denen drüben zwei Männer zu seiner Unterstützung, Menandros und Euthydemos, damit er, krank wie er war, sich nicht allein abquäle, und beschlossen, ein neues Heer hinzuschicken, Flotte und Fußvolk, von Athenern nach den Listen und von Verbündeten. Als seine Amtsgenossen wählten sie Demosthenes Alkisthenes' Sohn und Eurymedon Thukles' Sohn. Eurymedon sandten sie gleich um die Wintersonnenwende nach Sizilien, mit zehn Schiffen und hundertzwanzig Talenten Silber, und um denen drüben zu melden, daß Hilfe käme und sie nicht etwa aufgegeben seien.

[17] Demosthenes blieb zurück und rüstete alles zur Ausfahrt für Frühlingsbeginn, indem er Mannschaft bei den Verbündeten aufbot und in Athen selbst für Geld, Schiffe, Gepanzerte sorgte. Auch schickten die Athener zwanzig Schiffe um die Peloponnes, Wacht zu halten, daß niemand von Korinth und der Peloponnes nach Sizilien übersetze. Denn da die Korinther durch die anlangenden Gesandten Bericht von der Besserung in Sizilien bekamen und sich sagen durften, sie hätten auch die ersten Schiffe zur guten Stunde abgeschickt, wurden sie erst recht unternehmend und rüsteten sich selber, in Kähnen Gepanzerte nach Sizilien auszusenden, und ebenso die Spartaner, aus dem übrigen Peloponnes welche hinzubringen. Die Korinther bemannten auch fünfundzwanzig Triëren, um die Wacht in Naupaktos zur Seeschlacht zu reizen und damit die Athener in Naupaktos, mit der Beobachtung dieser Gegenflotte beschäftigt, die Kähne nicht am Auslaufen hinderten.

[18] Die Spartaner rüsteten auch zum Einfall in Attika, wie sie es selbst zuvor beschlossen und wozu Syrakuser und Korinther sie trieben, als sie vom Hilfszug der Athener nach Sizilien vernommen, um ihn durch einen Einfall zu hintertreiben. Auch Alkibiades lag ihnen an, sie müßten Dekeleia befestigen und den ganzen Krieg straffer führen. Am meisten aber wuchs den Spartanern neue Kraft aus dem Gedanken, daß Athen in seinem doppelten Krieg gegen sie und gegen die Sizilier leichter zu bezwingen sei, und daß Athen diesmal den Frieden zuerst gebrochen habe; im ersten Krieg sei die Schuld mehr auf ihrer Seite gewesen, weil die Thebaner im Frieden nach Plataia gegangen seien, und weil trotz der Bestimmung des damaligen Vertrags, nicht mit Waffen anzugreifen, wenn jemand zu Schiedsgericht bereit sei, sie selber damals nicht darauf eingingen, als die Athener ein Schiedsverfahren vorschlugen. Darum meinten sie, ihr Unglück sei verdient gewesen - und bedachten ihre Niederlage in Pylos und wenn sie sonst noch eine erlitten. Seit aber die Athener mit den dreißig Schiffen von Argos aus ein Stück von Epidauros und Prasiai und anderes verheert hatten und zugleich von Pylos aus räuberten und, sooft auch die Meinungen über die Auslegung des Vertrages auseinandergingen, einem Schiedsgericht, wie es Sparta vorschlug, sich nicht stellen wollten, seitdem also dachten die Spartaner, genau die gleiche Schuld, die vorher sie selbst begangen, sei jetzt umgekehrt drüben auf Athens Seite, und führten nun den Krieg mit aller Kraft. In diesem Winter besandten sie ihre Verbündeten um Eisen und sorgten für das übrige Gerät zum Festungsbau; und ein Hilfsheer zugleich für Sizilien, um es in den Kähnen hinüberzuschicken, stellten sie teils selber auf, teils zwangen sie auch die andern Peloponnesier dazu. Damit endete der Winter, und das achtzehnte Jahr dieses Krieges endete, den Thukydides aufgezeichnet hat.


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .