'Unordnung und Verwirrung in Hellas'. Xenophon, Hellenika, Buch 7, aus Kap. 5.

Deutscher Text nach: Walter Müri, Gisela Strasburger, Peter Järisch, H. Färber und E. Faltner (Hg.), Xenophon. Anabasis. Hellenika. Erinnerungen an Sokrates, Wiesbaden o. D. (um 1970), S. 554 - 559.


... Denn es war, wie es scheint, von der Gottheit genau umgrenzt, bis wohin ihnen [scil.: den Thebaneren und ihren Verbündeten unter Führung des Thebaners Epaminondas im Krieg mit den Spartanern und ihren Verbündeten unter Führung des Spartaners Archidamos] der Sieg beschieden sein sollte. Archidamos stellte also [nach einem von ihm unerwartet gewonnen Gefecht] Siegeszeichen da auf, wo er die Überlegenheit gewonnen hatte, und gab [nach Verhandlungen mit Epaminondas] unter vertraglichem Schutz die dort gefallenen Feinde heraus. Epameinondas aber, der damit rechnete, daß [scil.: nun auch noch nach einem Seitenwechsel] die Arkader nach Lakedaimon zur Unterstützung kommen würden, wollte nicht zugleich gegen sie und die mit ihnen vereinte gesamte Macht der Lakedaimonier kämpfen, besonders, wo diese gerade einen glücklichen Erfolg hinter sich hatten, seine thebanische Seite aber einen Mißerfolg. Also marschierte er so schnell er konnte, nach Tegea zurück [woher er anmarschiert war]. Dort gönnte er den Hopliten eine Ruhepause , während er die Reiterei nach Mantineia weiterschickte. Diese bat er, durchzuhalten, und erklärte ihnen, daß aller Wahrscheinlichkeit nach sämtliches Vieh der Mantineer sich draußen befinde, ebenso aber auch alle Einwohner, weil ja gerade die Getreideernte im Gange sei. So rückte die Reiterei ab.

Die Reiterei der [scil.: mit den Spartanern verbündeten] athenischen Reiter aber hatten nach ihrem Aufbruch aus Eleusis auf dem Isthmos ihre Abendmahlzeit gehalten, waren über Kleonai schon bis nach Mantineia gekommen und hatten ihr Quartier innerhalb der Stadtmauer, in den Häusern, bezogen. Sobald nun von dort aus etwas von den anrückendenFeinden [d. h. der von Epaminondas vorausgeschickten thebanischen Reiterei] sichtbar wurde, baten die Mantineier die athenischen Reiter, ihnen, soweit es eben in ihren Kräften stehe, beizustehen. Denn sämtliches Vieh, die Arbeiter, viele Kinder und ältere Leute von der freigeborenen Bevölkerung befänden sich draußen vor der Stadt. Als das die Athener hörten, zogen sie zur Verteidigung hinaus, wiewohl mit nüchternem Magen, da weder sie ihre Frühmahlzeit noch die Pferde ihr Futter bekommen hatten. Und nun, da wiederum ein solcher Fall eingetreten war, wer wollte nicht die Tapferkeit der Athener bewundern? Sie sahen ja einen an Zahl weit überlegenen Gegner vor sich und hatten dazu noch zuvor mit ihrer Reiterei bei Koriuith einen Mißerfolg gehabt. Dennoch ließen sie sich davon nicht abhalten ebensowenig wie davon, daß ihnen ein Kampf gerade gegen Thebaner und die Thessaler bevorstand, die beiden Völkerschaften, von denen allgemein galt, daß sie die besten Leistungen in der Reitkunst aufzuweisen hätten. Vielmehr gingen sie, weil sie sich geschämt hätten, anwesend zu sein und doch ihren Bundesgenossen nicht zu helfen, in dem Augenblick, in dem der Feind näher heranrückte, mit aller Wucht auf ihn los, in dem glühendem Verlangen, den Ruhm ihrer Väter wieder zu erneuern. Und dem Kampf, den sie kämpften, war es zu verdanken, daß alles, was die Mantineer draußen [scil: vor ihrer Stadt] hatten, gerettet werden konnte. Aber dabei wurden aus ihren Reihen tapfere Männer getötet. Sie töteten selbstverständlich auch ihrerseits viele Feinde; denn keine Waffe auf beiden Seiten war so kurz, daß sie einander damit nicht hätten erreichen können. Ihre eigenen Toten ließen sie danach nicht im Stich, ja sie gaben sogar den Feinden einige der ihren unter dem Schutze eines Vertrages heraus.

Epameinondas hinwiederum machte sich klar, daß er [scil.: nach dem thebanischen Gesetz] in wenigen Tagen vor der Notwendigkeit stehen würde, nachhause zurückzukehren, weil dann die Frist für diesen Feldzug abgelaufen sein würde. Wenn er nun diejenigen, zu denen er als Bundesgenosse gekommen war, schutzlos zurückließe, würden sie von den Gegnern belagert werden, während er selbst als ein Mann dastehen würde, dessen Ehre befleckt und dessen Ruhm mit Schande bedeckt wäre, d. h. als ein Mann, geschlagen in Lakedaimon mit seinem großen Hoplitenheer von einem zahlenmäßig weit unterlegenen Feind, , geschlagen auch in Mantineia in einem Reitergefecht, außerdem durch seinen Feldzug in die Peloponnesos schuld daran, daß Lakedaimonier, [scil.: ein Teil der an sich im mehrheitlich thebenfreundlichen Arkadischen Bund zusammengefaßten] Arkader, ferner Achaier, Eleier und Athener zu einem Bunde [scil.: gegen die Thebaner] zusammengetreten waren. Bei dieser Lage hielt er es für unmöglich, an den Feinden vorbeizuziehen, ohne eine Schlacht zu liefern. Für den Fall, daß er Sieger bliebe, rechnete er nämlich darauf, daß all dieses wieder wettgemacht würde. Für den Fall aber, daß er dabei den Tod fände, glaubte er, das müsse ein schönes Ende sein für einen, der sich bemüht hatte, seinem Vaterland die Herrschaft über die Peloponnesos zu hinterlassen. Daß er dergleichen Überlegungen mit sich herumtrug, scheint mir nun durchaus nicht erstaunlich zu sein; denn ehrgeizige Männer pflegen solche Gedanken zu haben.

Daß er jedoch sein Heer so erzogen und ausgebildet hatte, daß es bei keiner Anstrengung erlahmte, weder bei Nacht noch bei Tage, daß es keiner Gefahr auswich, daß seine Soldaten ungeachtet der Knappheit der Lebensgüter dennoch stets willig Gehorsam leisteten, das halte ich für viel erstaunlicher. Und so bewährten sie sich auch, als er zum letzten Male den Befehl an sie ausgehen ließ, sie sollten sich zu einer bevorstehenden Schlacht fertigmachen: Bereitwillig polierten die Reiter ihre Helme, da er es so geheißen hatte, malten die Hopliten der [scil.: mehrheitlich thebenfrendlichen und deshalb teilweise im Heere des Epameinondas befindlichen] Arkader sogar Keulen auf ihre Schilde, als wären sie Thebaner, alle aber schärften ihre Lanzen und Schwerter und putzten ihre Schilde, bis sie glänzten.

Als er nach diesen Vorbereitungen seine Truppen aus Tegea herausgeführt hatte, verfolgte er einen Plan, den sich klarzumachen wiederum der Mühe wert ist: Zuerst nämlich ordnete er, wie zu erwarten, seine Truppen in Kampfstellung an. Dadurch sah es so aus, als wolle er deutlich zeigen, daß er sich zur Schlacht anschicke. Jedoch, nachdem das Heer seinen Wünschen gemäß geordnet war, führte er es nicht, wie zu erwarten, auf dem kürzesten Wege gegen die Feinde, sondern zog in Richtung auf die im Westen gegenüber von Tegea gelegenen Berge, so daß er bei den Feinden die Vorstellung erweckte, als wolle er es an diesem Tage nicht mehr zum Kampfe kommen lassen. Und wirklich ließ er, beim Gebirge angelangt, nachdem sein Heer mit ganzer Ausdehnung am Fuße des Abhanges stand, Halt machen, so daß es aussah, als lege er ein Lager an. Mit dieser Maßnahme aber lockerte er beim größten Teil der Feinde die seelische Bereitschaft zum Kampfe und lockerte auch die kampfbereite Aufstellung innerhalb ihrer einzelnen Glieder. Nachdem er dann aber die in Kolonne marschierenden Abteilungen hatte nebeneinander aufmarschieren und in Frontstellung einschwenken lassen und damit um sich herum eine starke Truppe für den ersten Angriffsschlag gebildet hatte, gab er den Befehl, die Waffen wieder aufzunehmen und führte vorwärts, und seine Leute folgten ihm.

Als die Feinde die Thebaner gegen alle Erwartung zum Angriff heranrücken sahen, konnte keiner von ihnen die Ruhe bewahren: manche rannten zu ihren Stellungen, manche traten in ihren Reihen an, manche zäumten ihre Pferde wieder auf, manche legten wieder ihre Panzer an, alle aber hatten mehr das Aussehen von Menschen, die auf ein Leiden gefaßt, als das von solchen, die zu einer Tat entschlossen sind. Epameinondas aber führte das Heer vorwärts wie eine Triere mit dem Bug voran, in dem Gedanken, wenn er mit dem ersten Angriffsstoß, wo immer er auch träfe, eine Bresche durch die Reihen der Feinde schlagen könne, werde er das gesamte gegnerische Heer vernichten. Dementsprechend hatte er sich darauf eingerichtet, nur mit seinen schlagkräftigsten Truppen zu kämpfen, den schwächeren Teil hielt er weit entfernt, weil er wohl wußte, daß dessen Niederlage nur seinen Leuten den Mut rauben, den Feinden aber das Gefühl der Stärke einflößen würde.

Was indessen die Reiter betrifft, so hatten die Feinde sie in einer Frontlinie mit einer Tiefe wie eine Hoplitenphalanx aneinandergereiht und ohne zusätzliche mit den Reitern zusammengehende Fußsoldaten aufgestellt. Epameinondas hatte im Gegenteil ans seiner Reiterei einen starken Angriffskeil gebildet und diesem mit den Reitern zusammengehende Fußsoldaten beigeordnet, in dem Gedanken, sobald einmal diese Reitertruppe eine Bresche geschlagen hätte, wäre das gesamte ihr gegenüberstehende Reiterkontingent auch schon besiegt. Denn es sei außerordentlich schwer, Soldaten zu finden, die willens wären, weiter standzuhalten, sobald sie einige der Ihren fliehen sehen. Um nun zu verhindern, daß die Athener vom linken Flügel dem an sie anstoßenden zu Hilfe kommen konnten, stellte er auf einigen Hügeln ihnen gegenüber Reiter und Hopliten auf, mit denen er den Athenern Furcht einjagen wollte, sie könnten, wenn sie sieh den andern zur Unterstützung zuwandten, von diesen in ihrem Rücken angegriffen werden. Dies also war der Plan, nach dem er den Zusammenstoß vorbereitet hatte, und er wurde in seiner Erwartung nicht enttäuscht: denn da, wo er angriff, siegte er und schlug die gesamte Streitmacht der Gegner in die Flucht

Nachdem er allerdings gefallen war, waren die Übriggebliebenen aber nicht einmal in der Lage, den Sieg richtig auszunutzen, sondern die Hopliten, die vor sich die gegnerische Phalanx auf der Flucht sahen, töteten niemanden noch rückten sie von der Stelle aus, wo der Zusammenstoß erfolgt war, weiter vor. Ebenso verfolgten und töteten die thebanischen Reiter, die vor sich auch die gegnerischen Reiter fliehen sahen, keinen, weder Reiter noch Hopliten, sondern wie Besiegte schlugen sie sich von Furcht gelähmt durch die fliehenden Feinde hindurch. Dafür langten die den Reitern beigeordneten Fußsoldaten und die Peltasten, die an dem Sieg der Reiterei beteiligt gewesen waren, wie die Gewinner des Kampfes auf dem linken Flügel auf, dort allerdings fanden die meisten von ihnen durch die Athener den Tod.

Mit dem Abschluß dieser Kämpfe war das Gegenteil von dem erfolgt, was alle Welt erwartet hatte. Denn da fast ganz Griechenland zusammengekommen und gegeneinander angetreten war, gab es keinen, der nicht geglaubt hätte, wenn eine Schlacht stattfinde, würden hernach die Sieger zur Herrschaft gelangen und die Besiegten ihnen untertan sein. Aber im Gegenteil fügte es der Gott so , daß beide Parteien wie Sieger ein Siegeszeichen errichteten und keine von beiden die andere am Aufrichten desselben hindert. Die Toten gaben beide Parteien wie Sieger unter dem Schutze eines Vertrages heraus, und beide nahmen die ihrigen wie Besiegte unter dem Schutze des Vertrages in Empfang. Jede von beiden behauptete, gesiegt zu haben. Und doch besaß keine Seite offenkundig an Land oder an Städten oder an Macht auch nur das Geringste mehr als vor der Schlacht.

Unordnung und Verwirrung wurden außerdem nach der Schlacht in Hellas noch größer als sie vorher waren.

Doch was mich betrifft, so sollen meine Aufzeichnungen bis hierher gehen, Was danach konmmt, wird vielleicht einen anderen beschäftigen.


LV Gizewski WS 2005/2006.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .