Aristoteles über die ethischen und dianoetischen Kardinaltugenden und ihren Handlungsbezug: Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch 2, 1 f. und 6, 1 f.

Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Nikomachische Ethik. Übersetzung und Nachwort von Franz Dirlmeier. Anmerkungen von Ernst A. Schmidt, Stuttgart 1969, S. 34 - 37 und 153 - 156.


BUCH II, 1. Die Tüchtigkeit ist ... zweifach: es gibt Vorzüge des Verstandes [griech: dianoetische] und Vorzüge des Charakters [griech,: ethische]. Die ersteren nun gewinnen Ursprung und Wachstum vorwiegend durch Lehre, weshalb sie Erfahrung und Zeit brauchen, die letzteren sind das Ergebnis von Gewöhnung. Daher auch der Name [scil. 'ethisch', von 'ethos'], der sich mit einer leichten Variante von dem Begriff für Gewöhnung [scil.: ebenfalls 'ethos'; allerdings griechisch mit Epsilon, nicht mit Eta geschrieben] herleitet. Somit ist auch klar, daß keiner der Charaktervorzüge uns von Natur eingeboren ist. Denn kein Naturding läßt sich in seiner Art umgewöhnen. Es ist in der Natur des Steines zu fallen. Keine Gewöhnung wird ihn zum Steigen bringen, selbst wenn man ihn daran gewöhnen wollte, indem man ihn unzählige Male in die Höhe wirft. Und das Feuer läßt sich nicht nach unten zwingen und keinem Ding, das von Natur in bestimmter Richtung festgelegt ist, kann man ein anderes Verhalten angewöhnen. Also entstehen die sittlichen Vorzüge in uns weder mit Naturzwang noch gegen die Natur, sondern es ist unsere Natur, fähig zu sein sie aufzunehmen, und dem vollkommenen Zustande nähern wir uns dann durch Gewöhnung.

Ferner: was von Natur in uns anwesend ist, davon bringen wir zunächst nur die Anlage mit und lassen dies dann erst später aktiv in Erscheinung treten. Ein klares Beispiel bietet die Fähigkeit der Sinneswahrnehmung. Wir haben ja nicht durch wiederholte Akte des Sehens oder Hörens die Fähigkeit der Wahrnehmung bekommen, sondern umgekehrt: die Fähigkeit war da und dann haben wir sie benützt - nicht etwa infolge der Benützung erst erhalten. Die sittlichen Werte dagegen gewinnen wir erst, indem wir uns tätig bemühen. Bei Kunst und Handwerk ist es genauso. Denn was man erst lernen muß, bevor man es ausführen kann, das lernt man, indem man es ausführt: Baumeister wird man, indem man baut, und Kitharakünstler, indem man das Instrument spielt. So werden wir auch gerecht [i. S. der ethischen Tugend der 'dikaiosyne'], indem wir gerecht handeln, besonnen [i. S. der ethischen Tugend der 'sophrosyne'], indem wir besonnen, und tapfer [i. S. der ethischen Tugend der 'andreia'], indem wir tapfer handeln.

Dies wird auch bestätigt durch eine Tatsache des staatlichen Lebens: die Gesetzgeber suchen die Bürger durch Gewöhnung zu veredeln, und dies ist die Tendenz eines jeden Gesetzgebers. Wenn er dabei nicht richtig verfährt, so verfehlt er sein Ziel, und so kommt es zu dem Unterschied zwischen guter Verfassung und verfehlter Verfassung.

Ferner: aus denselben Ursachen und durch dieselben Mittel entsteht jeweils die sittliche Tüchtigkeit und vergeht sie auch wieder. Desgleichen Geschicklichkeit in Kunst und Handwerk. Durch das Spielen der Kithara entstehen die guten und die schlechten Musiker. Entsprechend ist es bei den Baumeistern und allen übrigen Berufen. Werkgerechtes Bauen wird gute, das Gegenteil schlechte Baumeister hervorbringen. Wäre dem nicht so, so wäre der Lehrer überflüssig und es gäbe nur geborene Könner und geborene Stümper. So ist es denn auch bei den sittlichen Werten. Denn durch das Verhalten in den Alltagsbeziehungen zu den Mitmenschen werden die einen gerecht, die andern ungerecht. Und durch unser Verhalten in gefährlicher Lage, Gewöhnung an Angst oder Zuversicht, werden wir entweder tapfer oder feige. Dasselbe trifft zu bei den Regungen der Begierde und des Zorns: die einen werden besonnen und gelassen, die anderen hemmungslos und jähzornig, je nachdem sie sich so oder so in der entsprechenden Lage benehmen. Mit einem Wort: aus gleichen Einzelhandlungen erwächst schließlich die gefestigte Haltung. Darum müssen wir unseren Handlungen einen bestimmten Wertcharakter erteilen, denn je nachdem sie sich gestalten, ergibt sich die entsprechende feste Grundhaltung. Ob wir uns also gleich von Jugend auf in dieser oder jener Richtung formen - darauf kommt nicht wenig an, sondern sehr viel, ja alles.

2. Der Teil der Philosophie, mit dem wir es hier zu tun haben, ist nicht - wie die anderen - rein theoretisch: wir philosophieren hier nämlich nicht, um zu erfahren, was ethische Werthaftigkeit sei, sondern um wertvolle Menschen zu werden. Sonst wäre dieses Philosophieren ja nutzlos. Daher müssen wir unser Augenmerk auf das Gebiet des Handelns richten, auf die Frage, wie wir die einzelnen Handlungen gestalten solle;, denn diese beeinflussen, wie wir gesagt haben, in entscheidender Weise das Wie der sich herausbildenden ethischen Grundhaltungen.

Nun ist der Satz: »Handle nach richtigerPlanung « allgemein anerkannt und sei [scil: daher vorläufig] vorausgesetzt. Später soll dann darüber gesprochen werden, was : »richtige Planung« bedeutet und in welcher Beziehung sie zu den [scil. ethischen] Wesensvorzügen steht. Ferner möge hier noch soviel als Übereinstimmung vorausgesetzt sein, daß von einer Untersuchung über ethische Fragen nur umrißhafte Gedankenführung, nicht aber wissenschaftliche Strenge gefordert werden darf. Wir haben ja schon eingangs ausgesprochen, daß die Form der Untersuchung, die wir verlangen dürfen, dem Erkenntnisgegenstand entsprechen muß. Im Bereiche des Handelns aber und der Nützlichkeiten gibt es keine eigentliche Stabilität - übrigens auch nicht in Fragen der Gesundheit. Wenn dies aber schon bei generelle Aussagen [scil. in der Ethik] zutrifft, so kann Exaktheit noch viel weniger bei der Darstellung von Einzelfällen des Handelns vorhanden sein: diese fallen weder unter eine bestimmte »Technik« noch Fachtradition. Der Handelnde ist im Gegenteil jeweils auf sich selbst gestellt und muß sich nach den Erfordernissen des Augenblicks richten, man denke nur an die Kunst des Arztes und des Steuermanns.

Indes, auch wenn die gegenwärtige Untersuchung Schwierigkeiten dieser Art bietet, so muß man doch versuchen, ihr auf irgendeine geeignete Weise zu Hilfe zu kommen. Als erste Erkenntnis nun ist festzuhalten, daß alles was irgendwie einen Wert darstellt, seiner Natur nach durch ein Zuviel oder ein Zuwenig zerstört werden kann. Wir sehen es - um weniger Augenfälliges durch greifbare Tatsachen zu klären - an der Kraft und der Gesundheit: die Körperstärke wird durch ein Zuviel an Sport genauso geschädigt wie durch ein Zuwenig. Übermaß in Speise und Trank richtet die Gesundheit ebenso zugrunde wie Unterernährung, während ein richtiges Maß sie erzeugt, steigert und erhält. Dasselbe ist nun der Fall bei der Besonnenheit [griech. 'sophrosyne'], der Tapferkeit [griech. 'andreia'] und den übrigen Wesensvorzügen. Wer vor allem davonläuft und sich fürchtet und nirgends ausharrt, wird ein Feigling. Wer überhaupt vor nichts Angst hat und auf alles losgeht, der wird ein sinnloser Draufgänger. Wer sich in jeden Genuß stürzt und sich nichts versagt, wird haltlos, wer jeden meidet wie die Spießer, wird stumpfsinnig. So wird denn besonnenes und mannhaftes Wesen durch das Zuviel und das Zuwenig zerstört, dagegen bewahrt, wenn man der rechten Mitte folgt.

Es kommt aber nicht nur ihr Entstehen und ihr Wachsen sowie anderseits ihr Vergehen aus denselben Ursachen und von denselben Wirkungen, sondern es wird sich auch ihre Verwirklichung im Einzelfall im selben Umkreis bewegen; denn so ist es auch bei den mehr sinnenfälligen Dingen, z. B. bei der körperlichen Kraft. Sie entsteht, indem man reichlich Nahrung aufnimmt und ein hartes Training durchhält - und es ist dann gerade der gestählte Sportsmann, der so etwas am besten bewältigt. So ist es nun auch bei den sittlichen Werten: indem wir uns sinnliche Genüsse versagen, werden wir beherrscht, und sind wir's einmal geworden, so haben wir am ehesten die Kraft uns ihrer zu enthalten. Bei der Tapferkeit ist es nicht anders: indem wir uns daran gewöhnen, Gefahren zu verachten und sie zu meistern, werden wir tapfer, und sobald wir es sind, können wir ihrer am sichersten Herr werden.

BUCH VI, 1. Wir haben schon früher ausgesprochen, man müsse sich für das Mittlere entscheiden, nicht für das Zuviel oder das Zuwenig, und das 'Mittlere' sei das, was die 'richtige Planung' sage. Nun müssen wir dieses 'Mittlere' zergliedern. In all den Grundhaltungen des Charakters nämlich, von denen wir gesprochen haben, gibt es - wie auch auf den übrigen Gebieten - einen bestimmten Zielpunkt, auf den der Mensch als Träger des Normbewußtseins den Blick richtet, um dann je nachdem seine Energie anzuspannen oder zu lockern. Und es gibt eine bestimmte 'Grenzmarke' für die verschiedenen Bereiche des Mittleren, die, wie wir feststellten, in der Mitte zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig liegen, da sie mit der "richtigen Planung" im Einklang sind.

Indes: eine solche Lehre ist zwar zutreffend, aber keineswegs deutlich. Denn auch auf allen anderen Gebieten menschlicher Bemühung, die Objekt einer Wissenschaft sein können, gilt die Aussage, daß man an Anstrengung und Entspannung weder ein Zuviel noch ein Zuwenig, sondern das Mittlere leisten solle, d. h. so wie die 'richtige Planung' es sagt. Wenn aber jemand nur dieses Wissen hätte, so wäre er darum noch keineswegs gescheiter: er wüßte z. B. nicht, welche Art von Heilmitteln dem Körper gegeben werden müßte, wenn jemand sagen sollte: »Nun, eben das, was die ärztliche Kunst vorschreibt, und was mit dem Verfahren des Fachmanns übereinstimmt.« Es ist daher der Anspruch zu erheben, daß auch in bezug auf die Grundhaltungen der Seele diese zutreffende Ansicht nicht nur ausgesprochen, sondern daß auch genau bestimmt werde, was der richtige Plan und welches die 'Grenzmarke' ist, die ihm die Richtigkeit gewährleistet.

2. Als wir die besonderen Fähigkeiten der Seele analysierten, haben wir diejenigen des Charakters ['ethische'] und diejenigen des Verstandes [dianoitische] unterschieden. Über die Vorzüge des Charakters haben wir bereits genauere Begriffsbestimmungen gegeben. Über die anderen [scil. des Verstandes] wollen wir im folgenden sprechen, indem wir zunächst das Thema 'Seele' behandeln. Früher sagten wir, es gebe in der Seele zwei Elemente: ein rationales und ein irrationales. Jetzt wollen wir bei dem rationalen Element ebenfalls eine Unterteilung vornehmen und so gelte als Grundlage, daß beim rationalen Element zwei Teile vorhanden sind: ein Teil, mit dem wir jene Formen des Seienden betrachten, deren Seinsgrund Veränderung nicht zuläßt, und ein Teil, mit dem wir veränderliches Sein betrachten. Denn was die Bezogenheit auf gattungsmäßig verschiedene Seinsformen betrifft, so sind die Seelenteile, die wesenhaft auf die eine oder auf die andere Seinsform hingeordnet sind, gattungsmäßig verschieden, wenn wir von der Geltung der Annahme ausgehen, daß der Erkenntnisvorgang in diesen Seelenteilen sich auf Grund einer gewissen Ähnlichkeit und Verwandtschaft mit dem Erkenntnisgegenstand vollzieht. Wir wollen deshalb den einen dieser Teile als den "feststellend schauenden" bezeichnen und den anderen als den " beratend abwägenden". Dabei gehören »mit sich zu Rate gehen« und »abwägendes Nachdenken« zusammen, und ferner geht niemand mit sich zu Rate über das, was keine Veränderung zuläßt; insoweit ist beratende Abwägung als Teilfunktion der Rationalität zu erörtern. Wir müssen im folgendenalso erfassen, welches die beste Gesamtform eines jeden dieser beiden Seelenteile ist: denn das wäre gleichbedeutend mit deren besonderer Trefflichkeit [scil. 'Tugend', griech. 'arete']. Die Trefflichkeit eines Wesens aber ist abzulesen an der ihm eigentümlichen Leistung.

Drei Fähigkeiten hat die Seele, die das Handeln und die Erkenntnis des Richtigen steuern: die Sinneswahrnehmung, der Verstand und das Streben. Von diesen dreien kann die Sinneswahrnehmung nicht Ursprung eines Handelns werden; das ergibt sich daraus, daß die Tiere zwar mit den Sinnen wahrnehmen, aber keinen Anteil am Handeln haben können. Was nun beim Denken Bejahung und Verneinung ist, das ist beim Streben das entschlossene Verfolgen und das Meiden. Da aber die Trefflichkeit des Charakters eine feste, auf Entscheidung hingeordnete Haltung ist und die Entscheidung ein von Uberlegung gesteuertes Streben darstellt, so folgt, daß die beratende Abwägung zutreffend und das Streben richtig sein muß, falls die Entscheidung gut ausfallen soll, und daß das Objekt des Strebens identisch sein muß mit dem, was die beratende Abwägung bejaht. Wir sehen: dieses Denken [des Zutreffenden] und dieses Erfassen des Richtigen zielen letztlich auf ein Handeln. Bei der schauend-feststellenden Denkbewegung, die nicht auf ein Handeln und nicht auf ein Hervorbringen zielt, ist es anders: da bedeutet »gut« und »schlecht« einfach »wahr« und »falsch« - denn dies ist ja die Leistung alles rein betrachtenden Verhaltens. Bei einem gedanklichen Verhalten dagegen, welches auf Handeln zielt, liegt die 'Wahrheit' in der Ubereinstimmung mit dem richtigen Streben.

Der Ursprung des Handelns - die bewegende, nicht die Zweckursache - ist die Entscheidung [scil, zwischen mehreren Möglichkeiten]. Der Ursprung der Entscheidung ist das Streben und eine abwägende Beratung, die den Zweck aufzeigt. Daher gibt es keine Entscheidung ohne Verstand und Denken auf der einen Seite, ohne feste charakterliche Grundhaltung auf der anderen Seite. Denn wertvolles Handeln und dessen Gegenteil ist undenkbar innerhalb eines menschlichen Tuns, das sich ohne Denken und charakterliche Festigkeit vollzöge.

Das Denken allerdings setzt allein noch nichts in Bewegung, sondern erst dann, wenn es sich auf einen Zweck und auf ein Handeln einstellt. Als solches dirigiert es ja auch das hervorbringende Denken, denn jeder, der etwas hervorbringt, tut dies zu einem bestimmten Zweck, und das Hervorbringen als Vorgang ist kein Selbstzweck, sondern bezogen auf etwas und Gestaltung von etwas. Dagegen ist das Handeln als Vorgang schon Selbstzweck. Denn wertvolles Handeln ist ein Ziel und das Streben geht in dieser Richtung. Daher ist das Fällen einer Entscheidung entweder ein vom Streben gesteuerter Verstandesakt oder ein vom Denken gesteuertes Streben und in solchem Sinne Ursprung des Handelns ist der Mensch.

Übrigens kann niemals ein Vergangenes der Gegenstand einer Entscheidung bilden; niemand nimmt sich vor, Troja nicht zerstört zu haben. Man überlegt sich ja nicht das, was vergangen ist, sondern was geschehen wird und eine Veränderung zuläßt. Das Vergangene aber kann unmöglich nicht geschehen sein. So sagt Agathon mit Recht:

"Denn dies allei ist auch der Gottheit nicht vergönnt: vollbrachte Taten ungeschehn zu machen."

So ist denn die Leistung beider Teile des Denkvermögens die Erkenntnis des Richtigen. Und so ist ferner jene feste Grundhaltung , die das Erfassen des Richtigen, so gut es eben geht, gewährleistet, [griech.: 'phronesis'] eine Tugend beider Teile des Denkvermögens.


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .