Staatstheorie vom Königtum im 4. Jh. v. Chr.: Aristoteles, Politik 3, 13 f.

Deutsche Übersetzung nach: Aristoteles, Politik. Übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes. Mit einer Einleitung von Günter Bien,[1880] ND Hamburg 1990. S. 108 - 112.


13 ....Selbst in einem Staate, in dem es bestens zugeht, besteht die große Schwierigkeit darin, was man tun soll, wenn Einer hervorragt, nicht durch andere Vorzüge, wie Macht, Reichtum und Beliebtheit, sondern durch Tugend. Man wird ja doch nicht behaupten, daß man einen solchen ausstoßen und verbannen muß, und gewiß auch nicht über einen solchen Mann herrschen wollen. Das wäre ja gerade so, wie wenn man über Zeus herrschen wollte, indem man das Regiment umgehen ließ. So bleibt denn als einzig der Natur der Sache entsprechend das übrig, daß alle einem solchen Manne gern gehorchen und dadurch anerkennen, daß er und seinesgleichen lebenslängliche Könige in den Staaten sind.

14. Danach dürfte es nun angemessen sein, nunmehr zur Betrachtung des Königtums überzugehen, das wir ja für eine von den richtigen Staatsformen erklären. Hier ist zu untersuchen, ob es für eine Stadt oder ein Land, in dem man gut soll leben können, nützlich ist, von einem Könige regiert zu werden, oder vielmehr eine andere Staatsform besser für es geeignet ist, oder ob das Königtum für einige Gemeinwesen zweckdienlich ist, für andere nicht. Zuerst aber müssen wir uns darüber klar werden, ob es dabei nur um eine einzige oder um mehrere Arten geht.

Soviel läßt sich nun leicht sehen, daß der Begriff 'Königtum' recht unterschiedliche Arten umfaßt, d. h. daß die Art der Herrschaft nicht in allen Königreichen dieselbe ist. Das Königtum in der lakedämonischen Verfassung ist zwar, wie es scheint, unter allen gesetzlichen Königtümern am ehesten ein wahres Königtum. Es ist aber nicht über alles Herr, sondern der König hat nur, wenn er außer Landes geht, den Oberbefehl im Kriege, und außerdem sind den Königen die Kultushandlungen anvertraut. Dieses Königtum ist also eher einem mit umfassender Macht ausgestatteten und lebenslänglichen Feldherrenamte zu vergleichen. Denn der König hat keine Gewalt über Leben und Tod, außer wenn seine Gewalt vorübergehend bestimmte Aufgaben erfüllt, d. h. wenn er im Felde das Standrecht ausüben darf. Das ist so, wie es Homer von den Königen der Vorzeit sagt. Denn wie wir bei ihm hören, ließ sich Agamemnon, solange man in der Versammlung saß, ruhig von anderen schmähen, war aber das Heer gegen den Feind ausgezogen, so war er von nun an bis zum Ende des Krieges Herr über Leben und Tod; Er sagt:

"Aber wen fern von dem Kampfgewühl sich bergen ich sehe,
Nicht soll helfen ihm das, zu entfliehen den Hunden und Vögeln.
Denn bei mir steht Leben und Tod."

Das ist also die eine Art des Königtums: ein lebenslängliches Feldherrenamt, und diese Könige.haben ihre Würde entweder durch Geburt oder durch Wahl.

Außer ihr bilden eine andere Art des Königtums die Königsherrschaften, wie sie bei einigen barbarischen Völkern vorkommen. Diese alle haben eine Gewalt ähnlich der Tyrannis, sind aber gesetzmäßig und bestehen von Alters her. Well nämlich die Barbaren von Natur sklavischeren Sinnes sind als die Griechen, und von ihnen wieder die Asiaten mehr als die Europäer, so ertragen sie die despotisthe Herrschaft gar nicht widerwillig. Diese Königsherrschaften sind mithin aus solchem Grunde tyrannisch, gleichzeitig aber, weil sie auf Herkommen und Gesetz beruhen, von festem Bestande. Und die Leibwache ist aus demselben Grunde dort so, wie sie ein König und nicht wie sie ein Tyrann um sich hat. Die Bürger nämlich beschützen in Waffen die Könige, während dies bei den Tyrannen Fremde tun. Denn jene [die barbariischen Könige] herrschen nach Gesetz und mit Willen der Untergebenen, diese [die griechischen Tyrannen] aber gegen ihren Willen, und so ist die Folge, daß jene von den Bürgern, diese aber gegen die Bürger bewacht werden.

Das wären also zwei Arten der Monarchie. Eine weitere Art bestand bei den alten Griechen. Es ist diejeinge der sogenannten 'Aisymneten'. Das ist, kurz gesagt, eine auf Wahl beruhende Tyrannis. Sie gleicht dem Königtum bei den Barbaren insoweit, als sie auf Gesetz, unterscheidet sich von ihm aber dadurch, daß sie [als exzeptionelle Machtübertragung] nicht auf Herkommen beruht. Diese Gewalt konnten die einen lebenslänglich, die anderen nur bis zum Ablauf bestimmter Fristen oder bis zur Erledigung bestimmter Geschäfte innehaben. So wählten einst die Bürger von Mytilene den Pittakus zur Verteidigung gegen eine Gruppe von Flüchtlingen, deren Führer Antimenides und der Dichter Alkaios waren. Daß man den Pittakus zum 'Tyrannen' wählte, davon gibt Alkaios in einem seiner Rundgesänge Kunde; dort wirft er seinen Mitbürgern vor, daß sie den

"Vaterlandsverderber Pittakus in der friedlichen, schwer
geprüften Stadt zum Tyrannen gesetzt, einhellig mit
großem Beifallsjubel."

So hatte und hat noch heute diese Gewalt zwar wegen ihrer unkontrollierbaren Vollmachten etwas Despotisches- Aber insofern, als sie auf Wahl beruht und mit dem Willen des Volkes besteht, ist sie dennoch königlich.

Eine vierte Art der königlichen Alleinherrschaft ist das Königtum der heroischen Zeit, das auf dem freien Willen der Beherrchten und gesetzlicher Erbfolge beruhte. Weil nämlich [scil. dem Mythos nach] die Herrscher die ersten Wohltäter der Menge in den Künsten des Friedens oder im Kriege gewesen waren oder die Einwohner zusammengeführt oder ihnen Land verschafft hatten, so wurden sie mit ihrem Willen ihre Könige und vererbten die Würde auf ihre Nachfolger. Sie waren Herr über die Kriegsführung und die Opfer, soweit sie nicht den Priestern zustanden, und entschieden überdies die Rechtshändel. Und letzteres taten sie, teils ohne zu schwören, teils indem sie jedesmal vorher schwuren; der Schwur aber geschah durch Aufhebung des Szepters. Diese Könige der Vorzeit nun verwalteten fortdauernd die städtischen, die inländischen und die ausländischen Angelegenheiten. Später [scil. in historischer Zeit] aber leisteten die Könige selber auf manches Verzicht, anderes nahm ihnen das Volk, und so blieb den Königen in einigen Staaten nur noch die Zuständigkeit für die Opfer. Wo man aber noch substanzieller von einem Königtum sprechen konnte, da behielten sie von den ausländischen Angelegenheiten wenisgtens noch die Führung im Kriege.

So gibt es denn von dem Königtum diese Arten, vier an der Zahl,

das eine das Königtum der Heroenzeit - es bestand mit dem Willen des Volkes, war aber auf bestimmte Rechte beschränkt: der König war Feldherr, Richter und Leiter der Kultushandlungen ,

das zweite das Königtum bei den Barbaren - es ist eine erbliche, auf Gesetz beruhende despotische Herrschaft -,

das dritte die sogenannte Aisymnetie - es ist eine auf Wahl beruhende Tyrannis -

und endlich das vierte von ihnen, das lakedaimonische Königtum, das, kurz gesagt, ein lebenslängliches erbliches Feldherrenamt ist.

Diese Königtümer sind also in der genannten Weise voneinander verschieden.

Eine fünfte Art des Königtums aber ist da gegeben, wo eine einzelne Person so Herr über alles ist, [in derselben souveränen Machtausübung] wie wenn jedes Volk und jede Stadt für sich Herr über die gemeinsamen Angelegenheiten sind, so daß hier die Regierung nach Art einer [scil. politischen] Hausverwaltung geordnet ist.

Denn wie die Herrschaft über das Haus im kleinen eine Art 'häuslichen Königtum' ist, so ist ein Königtum dieser Art über eine oder mehrere Städt und Völker im großen wie die Herrschaft eines Hausvaters.


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .