Ein Fortsetzungskrieg um Existenz und Vorherrschaft zwischen Rom und Karthago. Der Charakter des Feldherrn Hannibal: Livius, Ab urbe condita, Buch XXI, 1 - 4.

Deutsche Übersetzung nach: Livius, Römische Geschichte. Buch XXI und XXII, Der zweite Punische Krieg. Übersetzt und eingeleitet von Walter Sontheimer, Stuttgart 1971, S. 13 - 17.


1. Bei einem Teilstück meines Werkes darf ich als Vorwort vorausschicken, was sehr viele Geschichtsschreiber am Anfang ihres Gesamtwerkes verheißen haben, daß ich den denkwürdigsten aller Kriege, die je geführt worden sind, beschreiben werde, nämlich den, den die Karthager unter Hannibal als Feldherrn mit dem römischen Volk geführt haben. Denn nie haben irgendwelche Gemeinwesen und Volksstämme, die über stärkere Machtmittel verfügten, miteinander die Klingen gekreuzt, und ihnen selbst stand zu keiner Zeit so viel Kraft oder Stärke zu Gebote. Auch war die Kampfweise, die sie in dem Kriege gegeneinander anwandten, ihnen nicht unbekannt, sondern bereits in dem ersten punischen Krieg erprobt worden. Und so wechselnd war das Kriegsglück und so schwankend die Entscheidung, daß die schließlichen Sieger einer kritischen Lage näher gestanden sind. Beinahe noch größer als die Kräfte waren die Haßgefühle, die sie im Kampfe betätigten: Die Römer waren entrüstet, well die Besiegten gegen den Sieger als Angreifer auftraten, die Punier, well sie glaubten, daß man über sie als Besiegte eine hochmütige und habgierige Herrschaft ausgeübt habe.

Man erzählt auch, als Hamilkar nach Beendigung des afrikanischen Krieges im Begriff war, sein Heer nach Spanien hinüberzuführen, und opferte, habe Hannibal im Alter von neun Jahren seinenVater in kindlich schmeichelnder Weise gebeten, ihn nach Spanien mitzunehmen. Da sei er an den Altar geführt und nach Berührung der Opfer eidlich verpflichtet worden, so bald wie möglich als Feind des römischen Volkes aufzutreten. Den von unbändigem Stolz beseelten Mann peinigte der Gedanke an den Verlust Siziliens und Sardiniens. Denn Sizilien habe man, allzu rasch an der Lage verzweifelnd, aufgegeben, und Sardinien sei während des Aufstandes in Afrika durch eine List der Römer entrissen worden, wobei man noch obendrein eine Steuer auferlegt habe.

2. Diese peinigenden Gefühle begleiteten ihn in dem unmittelbar an den Frieden mit Rom sich anschließenden afrikanischen Krieg fünf Jahre lang und sodann in den neun Jahre, die er in Spanien mit der Stärkung der punischen Herrschaft zubrachte. Dabei benahm er sich in einer Weise, daß es klar in Erscheinung trat, er erwäge einen größeren Krieg, als es der war, den er führte. Wenn er länger gelebt hätte, wären die Punier schon unter der Führung Hamilkars in Italien einmarschiert, was sie dann erst unter Hannibals Führung getan haben.

Der Tod Hamilkars, der zu einem [scil. für die römische Seite] äußerst günstigen Zeitpunkt erfolgte, und das jugendliche Alter Hannibals bewirkten den Aufschub des Krieges. In der Mitte zwischen Vater und Sohn bekleidete Hasdrubal fast acht Jahre das Amt des Oberbefehlshabers. Wie man erzählt, hatte er sich zuerst durch seine jugendliche Kraft die Gunst des Hamilkar erworben; jedenfalls hatte ihn dieser dann wegen seiner sonstigen Begabung als Schwiegersohn angenommen, und er war in der Eigenschaft eines Schwiegersohnes durch die Macht der barkinischen Partei, die bei den Soldaten und dem niederen Volk einen ungewöhnlichen Einfluß besaß, in das Feldherrnamt eingesetzt worden. Freilich war dies nicht mit dem Einverständnis der Aristokraten geschehen. Dieser Hasdrubal stützte sich bei seinen Handlungen mehr auf berechnende Klugheit als auf Gewalt. Und dadurch, daß er mehr die Gastverhältnisse zu den einzelnen Stammesfürsten pflegte sowie neue Völkerschaften eher auf dem Wege der Freundschaft als durch Krieg oder überhaupt durch Waffengewalt gewann, stärkte er die Macht Karthagos. Indessen brachte ihm persönlich diese Friedenspolitik keineswegs größere Sicherheit als dem Hamilkar: Ein Fremdstämmiger ermordete ihn auf der Straße, weil Hasdrubal seinen Herrn im Zorn getötet hatte. Von den Umstehenden ergriffen, zeigte jener selbst unter den Qualen der Folterung keine andere Miene, als wenn er entronnen wäre, und bewahrte einen Gesichtsausdruck, der zeigte, daß die Freude die Schmerzen überwog, ja er erweckte sogar den Anschein des Lachens. Mit Hasdrubal nun, der eine erstaunliche Fertigkeit besessen hatte, Völkerschaften aufzuwiegeln und seinem Herrschaftsbereich einzugliedern, hatte das römische Volk einen neuen Vertrag abgeschlossen, wonach die Grenze des beiderseitigen Machtgebietes der Ebro bilden und den Saguntinern in der Mitte zwischen den Machtgebieten beider Völker die Unabhängigkeit bewahrt werden sollte .

3. Was nun die Nachfolge Hasdrubals betrifft, so war darüber kein Zweifel, daß die vorläufige Wahl durch das Heer, bei der der jugendliche Hannibal sofort in das Feldherrnzelt getragen und unter allgemeinem, mächtigem Beifallsjubel als Oberfeldherr ausgerufen worden war, durch die Zustimmung der Masse des Volkes bestätigt würde. Hasdrubal hatte ihn, kaum daß er erwachsen war, brieflich zu sich gerufen, und die Angelegenheit war im Senat zur Sprache gekommen. Dabei hatte die barkinische Partei sich dafür eingesetzt, daß Hannibal zuerst einmal sich an den Kriegsdienst gewöhnen solle, um dann die Nachfolge in der Machtstellung seines Vaters anzutreten, während Hanno als der Führer der Gegenpartei erklärte: "Die Forderung Hasdrubals scheint zwar der Billigkeit zu entsprechen, und doch stimme ich nicht dafür, daß man ihm seine Bitte erfülle." Als er die Blicke aller, die über diese doppelsinnige Außerung verwundert waren, auf sich gerichtet sah, fuhr er fort: "Die Blüte der Jugend, deren Genuß er selbst dem Vater Hannibals zugebilligt hat, glaubt er mit vollem Recht bei dem Sohne in Anspruch nehmen zu dürfen. Für uns jedoch ziemt es sich keineswegs, unsere Jugend, als ob dies zur soldatischen Vorschule gehörte, an die Willkür der militärischen Vorgesetzten zu gewöhnen. Oder fürchten wir etwa, der Sohn eines Hamilkar möchte zu spät die maßlosen Befehlsgewalten und das glanzvolle Bild der von dem Vater überkommenen Königsherrschaft erleben? Und wir selbst könnten nicht früh genug dem Sohne jenes Königs zu Diensten sein, für dessen Schwiegersohn unsere Heere erblich hinterlassen worden sind? Ich beantrage, diesen jungen Mann zu Hause zu behalten, ihn den Gesetzen und der Obrigkeit zu unterstellen und ihn zu lehren, wie man unter gleichem Recht mit seiner Mitwelt zusammenlebt. Es könnte sonst einmal dieses kleine Feuer einen gewaltigen Brand entfachen."

4. Eine kleine Minderheit, zu der gerade die Besten gehörten, stimmte Hanno bei. Aber, wie es meistens geht: Die stärkere Partei überstimmte die bessere. Hannibal wurde nach Spanien geschickt und zog gleich bei seiner Ankunft die Blicke des ganzen Heeres auf sich: Der jugendliche Hamilkar sei ihnen wiedergeschenkt, glaubten die alten Soldaten. Sie erblickten die gleiche lebendige Miene, das gleiche Feuer in den Augen, den gleichen Gesichtsausdruck und die gleichen Gesichtszüge. Und in kurzem erreichte er es, daß die Ähnlichkeit mit seinem Vater, wo es galt, sich Gunst zu erwerben, die geringste Rolle spielte. Nie ist die gleiche Veranlagung für die Betätigung der zwei verschiedensten Forderungen geschickter gewesen: für Gehorchen und für Befehlen. Man hätte daher nicht leicht unterscheiden können, ob er sich bei dem Oberfeldherrn oder bei dem Heer größerer Beliebtheit erfreute. Keinen anderen wollte Hasdrubal lieber mit einem Kommando betrauen, wo es tapfer und tatkräftig zu handeln galt, und die Soldaten selbst zeigten unter keiner anderen Führung stärkeres Vertrauen oder größeren Wagemut. Ein höchstes Maß von Klugheit bewies er, wo es galt, Gefahren aufzusuchen, ein höchstes Maß von Besonnenheit, wenn er sich mitten in den Gefahren befand. Keine Anstrengung konnte ihn körperlich erschöpfen oder ihn in seiner innerlichen Haltung bezwingen. Hitze und Kälte ertrug er gleichermaßen. Das Maß von Essen und Trinken bestimmte bei ihm das natürliche Bedürfnis, nicht der sinnliche Genuß. Die Zeiten des Wachens und des Sch1afens waren weder durch den Tag noch durch die Nacht geschieden. Nur so viel Zeit war dem Ausruhen gegönnt, als von seiner dienstlichen Tätigkeit nicht beansprucht wurde. Und dieser Ruhe gab er sich nicht auf einem weichen Lager hin, noch benötigte er für sie Stille. Viele erblickten ihn oft, nur mit einem Soldatenmantel bedeckt, auf dem Boden zwischen den Posten und Feldwachen liegend. In seiner Kleidung hob er sich in keiner Weise von seinen Altersgenossen ab; nur seine Rüstung und sein Pferd fielen in die Augen. Unter der Reiterei wie unter dem Fußvolk nahm er den weitaus ersten Platz ein: Als erster zog er in den Kampf, und hatte sich einmal die Schlacht entsponnen, so verließ er als letzter den Kampfplatz.

Diese so umfassenden Vorzüge wurden durch ungeheuerliche Laster aufgewogen: unmenschliche Grausamkeit, mehr als punische Perfidie, völlige Negierung des Wahren und Heiligen, keine Furcht vor Göttern, Nichteinhaitung von Eiden, keine Beachtung des Göttlichen. Mit solchen Vorzügen und Lastern ausgestattet, diente er drei Jahre unter dem Feldherrn Hasdrubal und ließ nichts von dem aus, was für einen angehenden großen Heerführer zu sehen und zu tun war.


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .