Ursachen und Ablauf der römischen Niederlage bei Cannae: Livius, Ab urbe condita, Buch XXII, 38 f. und 44 - 50.

Deutsche Übersetzung nach: Livius, Römische Geschichte. Buch XXI und XXII, Der zweite Punische Krieg. Übersetzt und eingeleitet von Walter Sontheimer, Stuttgart 1971, S. 122 - 125 und 132 - 141.


38. Nach Beendigung der Aushebung verweilten die Konsuln einige Tage, bis die Truppen der Bundesgenossen und der Latiner kämen. Dann wurden die Soldaten vereidigt, und zwar, was nie bisher vorgekommen war, von den Kriegstribunen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Fahneneid nur in ihrer Erklärung bestanden, sie würden auf Befehl der Konsuln zusammenkommen und die Fahne nicht verlassen. Wenn sie dabei zur Einweisung in eine Dekurie oder Zenturie, zu je zehn Mann bei der Reiterei, zu je hundert beim Fußvolk, zusammenkamen, schwuren sie freiwillig untereinander, die Fahnen niemals in der Absicht zu fliehen oder aus Furcht zu verlassen und nicht aus Reih und Glied zu weichen, es sei denn, um eine Waffe zu holen, sich zum Kampf bereit zu machen und entweder auf den Feind einzuschlagen oder einen Kameraden zu retten. Diese freiwillige Abmachung, die sie bisher untereinander getroffen hatten, übertrug man auf die Tribunen in Form einer gesetzlichen eidlichen Verpflichtung

Die Reden, die der Konsul Varro hielt, bevor die Truppen aus der Hauptstadt aufbrachen, waren viele, und sie hatten einen herausfordernden Ton. Er verkündigte offen, der Krieg sei von der Nobilität gewissermaßen nach Italien gerufen worden und werde im Herzen des Gemeinwesens bleiben, wenn es noch mehr Feldherren wie Fabius [scil. Q. Fabius Maximus Cunctator] habe. Er [Varro] werde den Krieg noch an dem gleichen Tag, an dem er den Feind zu Gesicht bekomme, beendigen. Sein Amtsgenosse Paulus hielt am Tag vor seinem Aufbruch aus Rom nur eine einzige Rede. Sie war eher wahr als dem Volk angenehm, und gegenüber Varro war sie nur insofern ausfällig, als er erklärte: er wundere sich, wieso ein Feldherr, ehe er noch sein eigenes oder das feindliche Heer, die Ortlichkeit und die Beschaffenheit der Gegend kennengelernt habe, schon jetzt - als Zivilist in der Hauptstadt - wissen wolle, was er als Kriegsmann werde tun müssen, ja daß er sogar den Termin voraussagen könne, an dem er in geschlossener Ordnung mit dem Feinde kämpfen werde. Er werde sich mit unreifen Plänen, die ja eher die Verhältnisse den Menschen als umgekehrt eingeben, nicht vorzeitig befassen. Er wünsche lediglich, daß man vorsichtig und überlegt zu Werke gehe und dann auch einigermaßen den entsprechenden Erfolg habe. Unüberlegtes Handeln sei, abgesehen davon, daß es töricht sei, bisher immer noch unglücklich ausgegangen.

Ohne weiteres ließ sich soviel erkennen, daß er sichere Maßnahmen übereilten vorziehen werde, und damit er um so fester auf diesem Standpunkt beharre, soll bei seinem Aufbruch Q. Fabius Maximus an ihn folgende Ansprache gehalten haben: "Wenn du, L. Aemilius, entweder einen dir ähnlichen Amtsgenossen hättest, was mir lieber wäre, oder wenn du deinem Amtsgenossen ähnlich wärest, wäre meine Ansprache überflüssig. Denn als zwei gute Konsuln würdet ihr, auch wenn ich still wäre, alles im Interesse des Gemeinwesens und entsprechend eurer Gewissenhaftigkeit tun, und als zwei schlechte Konsuln würdet ihr weder auf meine Worte hören, noch würden meine Ratschläge in euren Herzen Eingang finden. So aber muß sich, da ich deinen Amtsgenossen und dich in eurer verschiedenen Wesensart erblicke, meine ganze Ansprache mit dir allein beschäftigen. Denn ich sehe, daß es nichts nützt, daß du dich als guten Mann und Bürger erweisen wirst, wenn auf der anderen Seite das Gemeinwesen gelähmt ist und schlechten Maßnahmen das gleiche Recht und die gleiche Befugnis zukommt wie den guten. Denn du irrst, L. Paulus, wenn du meinst, du würdest mit C. Terentius weniger zu streiten haben als mit Hannibal. Vielleicht ist der Widersacher, der dich in Terentius erwartet, noch gefährlicher als der Feind, der dich in Hannibal erwartet. Du wirst dich ja mit diesem nur in einer Feldschlacht messen, mit jenem aber überall und jederzeit, und gegen Hannibal und seine Legionen wirst du mit deiner Reiterei und deinem Fußvolk zu kämpfen haben, während dich Varro als Feldherr mit deinen eigenen Soldaten bekämpfen wird. Schon der üblen Vorbedeutung halber will ich die Erinnerung an C. Flaminius nicht heraufbeschwören. Doch begann jener als Konsul erst auf dem Kriegsschauplatz und bei seinem Heere zu rasen, während dieser schon, ehe er sich um das Konsulat bewarb, und dann bei seiner Bewerbung, toll war und es auch jetzt noch als Konsul ist, noch ehe er sein Lager oder den Feind gesehen hat. Und er, der schon jetzt solche Stürme mit seinem Prahlen von Gefechten und Feldschlachten unter seinen Mitbürgern in der Heimat erregt, was glaubst du, wird er unter der jungen Mannschaft draußen im Felde tun, da wo die Tat unmittelbar den Worten folgt. Wenn er nun aber sofort kämpfen wird - er kündigte ja an, dies zu tun -, so kenne ich entweder das Kriegswesen, die jetzt erforderliche Art der Kriegsführung und diesen Feind hier nicht, oder es wird durch unsere Niederlagen ein anderer Ort eine noch größere Berühmtheit erlangen als der Trasumenersee. Doch es ist jetzt nicht Zeit, einem einzelnen gegenüber sich zu rühmen. Möge ich lieber in der Verachtung des Ruhmes als in dem Streben nach Ruhm das Maß überschreiten! So liegen doch die Verhältnisse: Es gibt nur eine Methode der Kriegsführung gegen Hannibal, und zwar die, mit der ich den Krieg geführt habe. Und nicht nur der Erfolg lehrt dies - er ist nur der Lehrmeister der Toren -, sondern der Weg hierzu, und dieser ist immer der gleiche; er ist unveränderlich gewesen und wird es sein, solange die Verhältnisse die gleichen bleiben. In Italien führen wir den Krieg auf unserem eigenen Grund und Boden. Überall rings umher haben wir Mitbürger und Bundesgenossen in Fülle. Mit Waffen, Mannschaften, Pferden und Nachschub helfen sie uns und werden uns helfen. Diesen Beweis der Treue haben sie uns bereits in unserem Unglück gegeben. Besser, klüger, standhafter macht uns Zeit und Tag. Hannibal dagegen befindet sich auf fremder, feindlicher Erde, wo alles ringsum ihn feindlich bedroht, fern von der Heimat, fern von dem Vaterland. Und weder zu Lande noch auf dem Meer findet er Frieden; keine Städte nehmen ihn auf, keine Mauern. Nirgends bekommt er etwas zu Gesicht, das ihm gehört. Er lebt von dem, was er von einem Tag zum andern raubt. Kaum ein Drittel seines Heeres, das er über den Ebro geführt hat, besitzt er noch. Mehr Leute hat der Hunger als das Schwert weggerafft, und schon reichen für diese wenigen Leute die Lebensmittel nicht mehr aus. Zweifelst du also, daß wir durch Stillsitzen den Gegner überwinden werden, der von Tag zu Tag kraftloser wird, keine Zufuhr, keinen Mannschaftsersatz, kein Geld hat? Wie lange liegt er schon vor den Mauern von Gereonium, einem armseligen Kastell Apuliens, als wären es die Mauern Karthagos! Und um auch dir gegenüber von mir kein Rühmens zu machen: Sieh, wie ihn Servilius und Atilius, die letzten Konsuln, zum besten gehabt haben! Dies ist der einzige Weg zur Rettung, L. Paulus, ihn werden eher deine Mitbürger schwierig und gefährlich machen als die Feinde. ..."

44. Die Konsuln folgten auf ausreichend erkundeten Wegen dem Punier und schlugen, sobald man in die Nähe von Cannae gekommen war und den Punier vor Augen hatte, zwei befestigte Lager, die etwa gleich weit voneinander entfernt waren wie bei Gereonium; wie vorher hatten sie ihre Truppen geteilt. Der Aufidus, der an beiden Lagern vorbeifloß, gewährte zwar den Wasserkommandos Zutritt, allerdings ging dies an den für beide Parteien günstigen Stellen nicht ohne Gefechte ab. Jedoch von dem kleineren Lager aus, das jenseits des Aufidus lag, konnten die Römer unbehinderter Wasser holen, weil das jenseitige Ufer vom Feind nicht besetzt war. Für Hannibal ergab sich die Aussicht, in dem für einen Reiterkampf wie geschaffenen Gelände - mit diesem Teil seiner Streitkräfte war er bisher unbesiegt - würden ihm die Konsuln Gelegenheit zu einer Schlacht geben, und so stellte er sein Heer zur Schlacht auf und forderte durch das Geplänkel der Numider die Feinde heraus.

Da geriet das römische Lager außer erneut durch Soldatenmeuterei vor allem durch die Zwietracht der Konsuln in Aufregung: Paulus warf Varro die Unbesonnenheit eines Sempronius und Flaminius vor, Varro hielt Paulus den Fabius vor Augen als ein auffälliges Beispiel für furchtsame und saumselige Führer; dieser rief Götter und Menschen zu Zeugen an, ihn treffe keine Schuld, wenn Hannibal beseits Italien gleichsam auf Grund des Nutzrechtes in Besitz genommen habe. Er werde ja von seinem Amtsgenossen an jeder freien Bewegung gehindert, Wehr und Waffen würden den erzürnten und zu kämpfen wünschenden Soldaten weggenommen. Jener erklárte, wenn irgend etwas den einer unüberlegt begonnenen und unvorhergesehenen Schlacht preisgegebenen Legionen zustoße, werde er daran keine Schuld haben, an jedem Erfolg sich aber zum Teilhaber machen. Er wolle sehen, ob die, die eine solch schlagfertige und voreilige Sprache führen, auch über gleich kräftige Hände verfügten.

45. So wurde mehr unter Zänkereien als mit Beratungen die Zeit vergeudet. Hannibal zog aus der Kampfaufstellung, die er bis weit in den Tag hinein aufrechterhalten hatte, die übrigen Truppen in das Lager zurück, während er die Numider über den Fluß schickte, um die Wasserkommandos aus dem kleineren römischen Lager zu überfallen. Kaum daß diese an das Ufer gestiegen waren, schlugen sie den ungeordneten Haufen unter Geschrei in wilde Flucht und ritten auch auf die vor dem Wall stehende Feldwache los und fast unmittelbar an die Tore heran. Diesen Vorgang, daß von einer zusammengerafften Abteilung sogar schon das römische Lager in Schrecken versetzt werde, empfand man vollends empörend. Und nur der eine Grund hielt die Römer davon zurück, sofort über den Fluß zu gehen und das Heer zur Schlacht aufzustellen, daß der Oberbefehl an diesem Tage in den Händen des Paulus lag. Deshalb hißte am folgenden Tage Varro, dem gerade an diesem Tage der Oberbefehl zugefallen war, ohne vorherige Beratung mit dem Amtsgenossen die Fahne und führte seine Truppen in Kampfformation über den Fluß. Paulus folgte, weil er zwar den Plan mißbilligen, ihm aber nicht seine Unterstützung versagen konnte. Als sie den Fluß überschritten hatten, zogen sie auch die Truppen, die sie im kleineren Lager gehabt hatten, an die ihrigen beran und stellten das Heer folgendermaßen zur Schlacht auf: Auf dem rechten Flügel - er war näher am Fluß - stand die römische Reiterei, im Anschluß daran das Fußvolk, den linken Flügel bildete zuäußerst die bundesgenössische Reiterei, weiter nach innen stand das Fußvolk, gegen die Mitte zu mit Anschluß an die römischen Legionen. Die Schleuderer zusammen mit den übrigen leichten Hilfstruppen bildeten die erste Kampflinie. Die Konsuln befehligten auf den Flügeln, Terentius auf dem linken, Aemilius auf dem rechten. Geminus Servilius wurde mit der Führung der Schlacht im Zentrum beauftragt.

46. Hannibal schickte bei Tagesanbruch die Balearen und seine übrigen leichten Truppen voraus und ging dann über den Fluß . Er stellte die einzelnen Abteilungen in der Reihenfolge, wie er sie hinübergeführt hatte, in Kampflinie auf, die gallischen und spanischen Reiter nahe bei dem Ufer auf dem linken Flügel gegenüber der römischen Reiterei. Den rechten Flügel bildete die numidische Reiterei, das Zentrum wurde dadurch gesichert, daß auf seinen beiden Flügeln die Afrer standen, während in die Mitte zwischen diesen Gallier und Spanier gestellt wurden. Man hätte die Afrer für eine römische Kampflinie halten können, so waren sie mit Waffen ausgerüstet, die sie teils am Trebia, aber hauptsächlich am Trasumennersee erbeutet hatten. Die Gallier und Spanier hatten Schilde fast von der gleichen Form, während ihre Schwerter verschieden in der Wirkung und unähnlich in der Form waren. Die gallischen Schwerter waren sehr lang und abgestumpft, die spanischen - der Spanier geht gewöhnlich mehr mit Stich als mit Hieb auf seinen Feind los - waren infolge ihrer Kürze handlich und waren spitzig. Mehr als die anderen Völkerschaften sahen sie durch ihre Körpergröße wie überhaupt durch ihre äußere Erscheinung furchterregend aus: Die Gallier waren bis an den Nabel nackt, die Spanier hatten sich in leinenen, purpurgesaumten Leibröcken, die in erstaunlichem Glanz schimmerten, aufgestellt. Die Zahl des gesamten Fußvolkes, das damals in der Schlacht stand, betrug vierzigtausend, die der Reiterei zehntausend. Auf dem linken Flügel befehligte Hasdrubal, auf dem rechten Maharbal. Das Zentrum führte Hannibal selbst mit seinem Bruder Mago. Die Sonne schien schräg, was für beide Parteien sehr günstig war, mögen sie nun absichtlich so aufgestellt worden sein oder standen sie zufällig so. Die Römer hatten Front nach Süden, die Punier nach Norden. Ein Wind - die Einheimischen nennen ihn Volturnus - erhob sich entgegen den Römern, trieb ihnen damit viel Staub gerade in das Gesicht und nahm ihnen den freien Ausblick.

47. Als sie das Kriegsgeschrei erhoben hatten, stießen die Hilfstruppen vor, und die Schlacht wurde durch die leichten Truppen eröffnet. Darauf stieß der linke Flügel der gallischen und spanischen Reiterei mit dem rechten römischen zusammen, was durchaus nicht in der Art einer Reiterschlacht verlief. Denn sie mußten Front gegen Front aufeinanderprallen, da kein Raum auf beiden Seiten zu einer Uberflügelung gelassen war. Denn hier war der Fluß, dort stand die Kampflinie des Fußvolks im Wege. Beiderseits gegeneinander andringend, kamen die Pferde nicht von der Stelle und drängten sich schließlich zu einem dichten Haufen zusammen, so daß ein Reiter den anderen umklammerte und vom Pferd zu reißen suchte. So hatte sich bereits weithin ein Kampf zu Fuß entwickelt. Doch war dieser eher erbittert als von langer Dauer: Die römische Reiterei wurde geschlagen und wandte sich zur Flucht.

Gegen das Ende der Reiterschlacht entbrannte die des Fußvolkes. Zuerst waren sich beide Parteien einander gleich an Streitkräften und Mut, solange die Reihen der Gallier und Spanier zusammenhielten. Endlich nach langem vergeblichem Andringen bildeten die Römer eine schräge Front und machten ihre Kampflinie dichter. Mit dieser drückten sie den allzu dünnen und daher zu schwachen Keil der Feinde, der aus der übrigen Kampffront vorsprang, ein. Die Feinde wurden zurückgeworfen und zogen sich, von den Römern verfolgt, in Verwirrung zurück. Durch den in kopfloser Angst fliehenden Haufen hindurch gelangten dann die Römer in einem Schwung zuerst mitten in das feindliche Zentrum und sodann, ohne Widerstand zu finden, zu den rückwärts stehenden Afrern . Diese hatten sich so aufgestellt, daß die beiderseitigen Flügel zurückgebogen waren, während die Mitte der Kampffront, wo die Gallier und Spanier gestanden hatten, ziemlich weit vorsprang. Als dieser Keil eingedrückt war und dadurch die Front geradlinig verlief, dann sich infolge des weiteren Zurückweichens sogar eine Einbuchtung in der Mitte ergab, hatten sich die After bereits staffelförmig vorgeschoben. Die Römer brachen unvorsichtig in das Zentrum ein, wurden aber von den Afrern überflügelt, die ihre Umfassung noch weiter ausdehnten und so ihre Feinde auch im Rücken einschlossen. Darauf ließen die Römer, die vergeblich die eine Schlacht durchgekämpft hatten, von den Galliern und Spaniern, auf die sie schon von hinten eingehauen hatten, ab und begannen eine neue Schlacht gegen die Afrer. Diese war nicht nur deshalb ungleicb, well sie eingeschlossen in der Umzingelung, sondern auch, well sie bereits erschöpft mit frischen und kräftigen Truppen zu kämpfen hatten.

48. Schon war auch auf dem linken römischen Flügel, wo die Reiterei der Bundesgenossen sich aufgestellt hatte, der Kampf in Gang gekommen. Zuerst nur lässig geführt, hatte er mit einer echt punischen List begonnen. Etwa fünfhundert Numider, die außer ihren gewohnten Waffen Schwerter unter ihren Panzern verborgen hatten, ritten von den Ihrigen weg und kamen heran, als ob sie Überläufer wären. Da sprangen sie plötzlich von ihren Pferden ab und warfen Schilde und Wurfspeere den Feinden vor die Füße. Man nahm sie in die Mitte der Kampflinie und führte sie dann zu den hintersten Reihen, wo man ihnen den Befehl gab, hier im Rücken der Römer abzusitzen. Und während sich die Schlacht auf der ganzen Linie entwickelte, verhielten sie sich ruhig. Als aber aller Augen und Sinne von dem Kampfgeschehen in Anspruch genommen waren, ergriffen sie die Schilde, die überall zwischen den Haufen der Erschlagenen auf dem Boden lagen, und griffen die Kampflinie der Römer von hinten an. Sie hieben auf deren Rücken ein, durchschlugen ihnen die Kniekehlen, richteten ein ungeheures Blutbad an und verursachten dabei eine noch viel größere Panik. Während hier Schrecken und Furcht herrschte, dort trotz bei bereits schlechten Aussichten ein hartnäckiger Kampf tobte, zog Hasdruba1 , der auf diesem Teil des Kampffeldes befehligte, seine Numider, well ihr Kampf mit dem gegenüberstehenden Feind ohne Kraft war, aus dem Zentrum heraus und schickte sie auf die Verfolgung des überall fliehenden Feindes. Die spanischen und gallischen Reiter führte er den Afrern zu, die fast mehr durch das Morden als durch das Kämpfen erschöpft waren.

49. Auf dem anderen Teil des Schlachtfeldes trat Paulus, obgleich er gleich zu Beginn des Kampfes durch einen Schleuderwurf schwer verwundet worden war, in dichtgeschlossener Formation Hannibal immer wieder entgegen und brachte den Kampf an einigen Punkten zum Stehen, wobei er persönlich römische Reiter als Bedeckung hatte Diese saßen zuletzt ab, well der Konsul nicht mehr die Kraft hatte, sein Pferd zu lenken. Als sodann Hannibal jemand meldete, der Konsul habe die Reiter zum Gefecht zu Fuß absitzen lassen, soll er zu ihm gesagt haben: "Wieviel lieber wäre es mir, wenn er sie mir gefesselt ausliefern würde!" Der Kampf der Reiter zu Fuß verlief so, wie es zu gehen pflegt in einer Lage, da der Sieg der Feinde nicht mehr zweifelhaft ist: Die Besiegten starben lieber auf der Stelle, als daß sie flohen, und die Sieger machten, erzürnt über die, die den Sieg verzögerten, alle nieder, die sie nicht zum Weichen bringen konnten. Zum Weichen brachten sie jedoch die wenigen noch Überlebenden, die durch die Anstrengung und die Wunden erschöpft waren. Darauf zerstreuten sie sich alle, und soweit sie es konnten, suchten sie ihre Pferde zur Flucht wiederzubekommen. Als der Kriegstribun Cn. Lentulus im Vorbeireiten den blutbedeckt auf einem Stein sitzenden Konsul erblickte, rief er: ,,L. Amilius, auf dich als den einzigen, der an der heutigen Niederlage keine Schuld hat, sollten die Götter Rücksicht nehmen. Nimm dieses Pferd, solange du noch einen Rest von Kraft hast und ich dich als dein Begleiter hinaufheben und beschützen kann! Mach diese Schlacht nicht auch noch durch den Tod des Konsuls unheilvoll! Ohnehin schon gibt es genug der Tränen und der Trauer." Darauf sagte der Konsul: "Heil dir ob deines Mannestums! Doch vergeude ja nicht die spärliche Zeit, aus den Händen der Feinde zu entrinnen, mit vergeblichem Jammern! Geh, melde amtlich den Vätern, sic sollen die römische Stadt be- festigen und, ehe der siegreiche Feind anrückt, mit Besatzungen sichern! Persönlich melde dem Q. Fabius, L. Amilius sei seinen Lehren im Leben und bis zum Tode treu geblieben. Mich laß hier inmitten meiner erschlagenen Soldaten mein Leben aushauchen, damit ich nicht wieder infolge meines Verhaltens als Konsul angeklagt werde oder als Ankläger meines Amtsgenossen aufzutreten brauche, um durch die Anschuldigung eines anderen meine eigene Unschuld zu beschützen."

Während sie dies verhandelten, stürzte zuerst eine Schar der eigenen fliehenden Leute heran und hinter ihnen die Feinde. Sie überschütteten den Konsul, ohne zu wissen, wer er war, mit Geschossen, während den Lentulus sein Pferd in dem Getümmel entführte. Dann setzte überall eine regellose Flucht ein. Siebentausend Leute flohen in das kleinere Lager, zehntausend in das größere, etwa zweitausend in das Dorf Cannä selbst. Diese wurden sofort von Carthalo und seiner Reiterei, da keine Befestigungsanlage das Dorf schützte, umzingelt. Der andere Konsul, der sich zufällig oder auch aus Überlegung keinem Haufen der Fliehenden angeschlossen hatte, entfloh mit etwa fünfzig Reitern nach Venusia. Fünfundvierzigtausendfünfhundert Mann zu Fuß, zweitausendsiebenhundert Reiter, und zwar fast zu gleichen Teilen Bürger und Bundesgenossen, sollen gefallen sein. Darunter waren auch die beiden Quästoren der Konsuln, L. Atilius und L. Furius Bibaculus, sowie neunundzwanzig Kriegstribunen, einige Männer konsularischen, prätorischen und ädilizischen Ranges - unter diese rechnet man Cn. Servilius Geminus und M. Minucius, der im Jahre zuvor Reiteroberst und noch einige Jahre früher Konsul gewesen war , außerdem achtzig Senatoren oder Persönlichkeiten, die solche Amtet bekleidet hatten, von denen aus man in den Senat hätte gewählt werden sollen. Doch waren sie freiwillig gewöhnliche Soldaten in den Legionen geworden. In dieser Schlacht sollen dreitausend Mann zu Fuß und eintausendfünfhundert Reiter gefangengenommen worden sein.

50. Dies ist die Schlacht von Cannä, an Berühmtheit der Niederlage an der Allia gleich; nur war sie einerseits hinsichtlich der Ereignisse nach der Schlacht leichter, da der Feind zögerte, aber gemessen an den blutigen Verlusten des Heeres schwerer und schreck- licher. Denn durch die Flucht an der Allia wurde zwar die Stadt preisgegeben, aber das Heer gerettet, bei Cannä folgten dem fliehenden Konsul kaum fünfzig Leute, während das Schicksal des anderen Konsuls, der den Tod fand, fast das ganze Heer teilte.


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .