Die Entscheidungsschlacht bei Zama und das römische Friedensdiktat: Livius, Ab urbe condita, Buch XXX, 35 - 45.

Deutsche Übersetzung nach: Livius, Römische Geschichte. Buch XXVI - XXX, Der zweite Punische Krieg. Übersetzt und eingeleitet von Walter Sontheimer, Stuttgart 1971, S. 215 - 235.


31 ... [Nach Verhandlungen über eine friedliche Beendigung des Krieges] schieden die beiden [Feldherren der bei Zama einandergegenüberstehenden Heere, Scipio und Hanibal voneinander], ohne daß der Friede vereinbart worden wäre, und kehrten zu den Ihrigen zurück, um diesen zu berichten, man habe vergebens Worte gewechselt. Mit den Waffen müsse man nun die Entscheidung herbeiführen und dem Schicksal sich beugen, das die Götter verfügen.

32. Nach ihrer Ankunft im Lager gaben beide bekannt, die Mannschaften sollen sich mit Mut und Waffen zum letzten Kampfe wappnen. Es gehe nicht um einen Sieg für einen einzigen Tag, sondern darum, für immer, wenn das Glück zur Seite stehe, Sieger zu sein. Morgen noch vor der Nacht werde man wissen, ob Rom oder Karthago der Welt die Rechtssatzungen gebe. Denn nicht Afrika oder Italien, sondern der Erdkreis werde der Preis des Sieges sein. Aber dem Preis werde auch die Gefahr entsprechen für alle, die von dem Schicksal einer verlorenen Schlacht betroffen werden. Denn wie für die Römer keine Möglichkeit bestand, in dem fremden, unbekannten Land zu entfliehen, so schien für Karthago im Falle des vergeblichen Einsatzes der letzten Kraft der Untergang besiegelt zu sein.

Zu dieser Entscheidungsschlacht rückten am folgenden Tage die beiden weitaus berühmtesten Heerführer, die zwei tapfersten Heere der beiden mächtigsten Völker aus, um den vielfachen, früher errungenen Ruhm an diesem Tage entweder zu krönen oder auszutilgen. So war die Stimmung geteilt und schwankte zwischen Furcht und Hoffnung hin und her. Sie betrachteten bald ihr eigenes, bald das feindliche Heer, und während sie mehr mit den Augen als mit dem Verstand die Kräfte gegenseitig abwogen, kamen sie das eine Mal zu erfreulichen, das andere Mal zu betrüblichen Feststellungen. Was ihnen nicht von selbst einfiel, das gaben ihnen die Heerführer mit ihrem erinnernden Ermahnen zu bedenken: der Punier führte die Leistungen von sechzehn Jahren Krieg in Italien an, die vollständige Vernichtung so vieler römischer Heerführer mitsamt so vielen Heeren, und wenn er an einen Soldaten kam, der sich in irgendeiner Schlacht ausgezeichnet hatte, erwähnte er dessen Heldentaten. Scipio wies auf die beiden Spanien und die kürzlichen Kämpfe in Afrika hin sowie auf das Eingeständnis der Feinde, daß sie aus Angst zwar hätten um Frieden bitten müssen, aber ihn in ihrer angeborenen Treulosigkeit nicht hätten halten können. Dazu malte er die Unterredung, die er mit Hannibal unter vier Augen gehabt hatte und die daher zu Erdichtungen freie Hand ließ, aus, wie er es für gut fand. Er weissagte und teilte mit, die gleichen Auspizien, unter denen einst ihre Väter bei den Ägatischen Inseln gekämpft hätten, hätten die Götter auch ihnen bei dem Ausmarsch zur Schlacht erscheinen lassen. Gekommen sei das Ende des Krieges und der Mühsale, in ihren Händen sei bereits die Beute Karthagos, die Rückkehr nach Hause, in die Vaterstadt, zu Eltern, Kindern, Gattinnen und Hausgöttern. Hochaufgerichtet pflegte er dies mit so fröhlicher Miene zu sagen, daß man hätte glauben können, er habe bereits gesiegt. Dann stellte er in das erste Treffen die Hastaten, hinter sie die Principes und die Triarier zum Abschluß in die hinterste Kampflinie.

33. Jedoch stellte er die Kohorten nicht in dicht geschlossener Formation auf, jede vor ihre Fahnen, sondern ließ zwischen den Manipeln ziemlich breite Gassen, damit Platz sei, wo man die Elefanten der Feinde hindurchlassen könne, ohne daß sie Reih und Glied in Unordnung brächten. Laelius, der ihm früher als Legat, in diesem Jahr als Quästor - nicht auf Grund der Verlosung, sondern eines Senatsbeschlusses - zur Unterstützung beigegeben war, ließ er mit der italischen Reiterei auf dem linken Flügel, Masinissa und die Numider auf dem rechten Flügel Stellung beziehen Die offenen Gassen zwischen den Manipeln der Antesignani füllte er mit Veliten - dies war eine Formation der damaligen Leichtbewaffneten - auf und gab ihnen die Anweisung, bei dem Anrennen der Elefanten entweder in gerader Richtung hinter die aufgestellten Glieder sich zu flüchten oder nach rechts und links auseinanderzulaufen und sich den Antesignani anzuschließen, um den Tieren eine Gasse zu lassen, in die sie hineinrennen und dann von beiden Seiten beschossen werden könnten.

Hannibal stellte zur Abschreckung ganz vorne seine Elefanten auf - es waren achtzig, mehr als er je in einer früheren Schlacht gehabt hatte -, dann kamen die Hilfstruppen der Ligurer und Gallier, zusammen mit den Baliaren und Mauren. In das zweite Treffen stellte er die Karthager, Afrer und die Makedonische Legion, hinter sie in mäßigem Abstand das Reservekorps der italischen Mannschaften es waren meistens Bruttier und solche, die zum größeren Teil unter dem Zwang der Gewalt, nicht aus freiem Entschluß Hannibal bei seinem Abzug aus Italien gefolgt waren. Auch er stellte die Reiterei auf die Flügel: den rechten hatten die Karthager, den linken die Numider inne. Verschieden waren die Worte der Ermahnung in dem Heere bei so vielen Menschen, die nicht einerlei Sprache, Sitte, Gesetz, Waffen, Kleidung, äußere Erscheinung und nicht den gleichen Beweggrund zum Kriegsdienst hatten. Den Hilfstruppen wurde die sofortige Auszahlung von Sold, der durch die Beute vervielfacht würde, in Aussicht gestellt. Die Gallier wurden durch den ihnen eigenen, eingewurzelten Haß gegen die Römer entflammt, die Ligurer auf die üppigen Gefilde Italiens hingewiesen, wohin sie im Falle des Sieges Aussicht hätten, von ihren rauhen Bergen heruntergeführt zu werden, den Mauren und Numidern machte er mit dem Hinweis auf die drohende Willkürherrschaft Masinissas Angst, kurz: in dem einen wurde diese, in dem andern jene Hoffnung oder Furcht erweckt. Der Blick der Karthager wurde auf die Mauern ihrer Vaterstadt, auf die heimatlichen Götter, auf die Grabstätten ihrer Vorfahren, auf ihre Kinder und Eltern, auf ihre angsterfüllten Gattinnen, auf Untergang und Knechtschaft oder auf die Herrschaft über den Erdkreis gelenkt, wobei es gelte, entweder alles zu fürchten oder alles zu hoffen.

Gerade als dies der Feldherr vor den Karthagern, die Führer der einzelnen Völkerschaften jeder vor seinen Landsleuten größtenteils durch Dolmetscher in den mit Fremdstämmigen vermischten Abteilungen - sprachen, schmetterten von den Römern her die Trompeten und Hörner und erhob sich ein solch gewaltiges Feldgeschrei, daß sich die Elefanten auf ihre eigenen Leute, hauptsächlich auf den linken Flügel, stürzten, wo die Mauren und Numider standen. Es fiel Masinissa leicht, die Bestürzten noch mehr zu erschrecken und auf dieser Seite die Front von der unterstützenden Reiterei zu entblößen. Jedoch einige wenige Tiere ließen sich, ohne scheu zu werden, gegen den Feind treiben, wo sie in den Reihen der Veliten alles niedertrampelten, nicht ohne selbst vielfach verwundet zu werden. Denn die Veliten sprangen zu den Manipeln zurück, wichen den Elefanten, um nicht zertrampelt zu werden, aus und warfen auf diese, die so von rechts und links beschossen werden konnten, von beiden Seiten ihre Speere. Und auch die Antesignani säumten nicht mit ihren Wurfspeeren, bis auch diese Elefanten, durch die von allen Seiten auf sie niederprasselnden Geschosse aus der römischen Kampflinie hinausgetrieben, auf ihrem eigenen rechten Flügel sogar die karthagische Reiterei in die Flucht jagten. Als Lälius die Feinde in Verwirrung sah, vermehrte er noch ihre Bestürzung und ihren Schrecken.

34. Auf beiden Seiten war die punische Front von Reiterei entblößt, als das Fußvolk ins Gefecht kam.Weder dessen Hoffnungen noch dessen Kräfte konnten sich mit denen der Feinde messen. Dazu kamen Dinge, die, wenn man von ihnen erzählt, unbedeutend erscheinen, wenn es aber im Kampf zu handeln gilt, gewichtig sind: das zusammenklingende und dadurch lautere und schrecklichere Feldgeschrei bei den Römern, während es bei den Puniern sich um ein vielstimmiges Schreien handelte, da sie ja viele Völkerschaften mit unterschiedlichen Sprachen bei sich hatten, ferner die Kampfweise der Römer, die von festem Stand aus mit dem Gewicht ihrer Leiber und ihrer Waffen auf den Feind drückten, bei den Puniern ein bewegliches Losspringen auf den Feind und mehr Behendigkeit als Wucht. Und so drängten die Römer gleich beim ersten Ansturm die feindliche Kampflinie aus ihrer Stellung, rückten dann, mit den Ellbogen und den Schildbuckeln auf die zurückweichenden Feinde stoßend und Schritt für Schritt vorgehend, ziemlich weit vor, als ob sie gar keinen Widerstand fänden, wobei auch die hintersten Glieder die vordersten vorwärtsschoben, sobald sie merkten, daß die Kampflinie ins Wanken gekommen war. Und eben dies ermöglichte ihnen, den Feind mit verstärkter Wucht zurückzuwerfen. Bei den Feinden gab die zweite Linie, die Afrer und die Karthager, den weichenden Hilfstruppen so wenig Rückhalt, daß sie im Gegenteil sogar selbst zurückgingen, damit nicht der Feind im Falle ihres hartnäckigen Widerstandes die vorderste Linie niederwerfen und dann auch zu ihnen durchstoße. Deshalb ergriffen die Hilfstruppen plötzlich die Flucht, wandten sich gegen ihre eigenen Leute und flüchteten zum Teil in das zweite Treffen, zum Teil hieben sie auf diejenigen, die sie nicht aufnehmen wollten, ein, da man ja kurz zuvor ihnen auch nicht geholfen hatte, und gegen die sie sich jetzt abriegelten. Und fast waren es schon zwei Schlachten, die durcheinander wogten, da die Karthager zugleich mit dem Feinde und mit den Ihrigen zu kämpfen hatten. Doch auch jetzt ließen sie die derartig Bestürzten und Ergrimmten nicht in ihre Linie herein, sondern in dicht geschlossenen Rotten warfen sie diese auf die Flügel und in das umliegende freie Feld außerhalb des Kampfplatzes, um nicht in ihre unvermischte und unerschütterte Kampflinie durch angstvoll fliehende und verwundete Mannschaften ein Durcheinander zu bringen. Aber ein solcher Haufen von Leichen und Waffen bedeckte den Kampfplatz, auf dem kurz zuvor die Hilfstruppen gestanden hatten, daß es beinahe mehr Mühe machte, über ihn hinwegzukommen als vorher durch die dicht geschlossenen Abteilungen der Feinde. Als daher das erste Treffen der Hastaten über den Haufen von Leichen und Waffen und durch die Blutlachen, jeder, wo er konnte, den Feind verfolgte, kamen die Abteilungen und Reih und Glied durcheinander. Auch die Abteilungen der Principes hatten ihre feste Ordnung aufzugeben begonnen, da sie die vor ihnen stehende Linie sich auflösen sahen. Als Scipio dies bemerkte, ließ er eilends den Hastaten das Signal zum Rückzug geben, die Verwundeten in das hinterste Treffen bringen und führte die Principes und die Triarier auf die Flügel , damit das Treffen der Hastaten in der Mitte stärker geschützt und gesichert sei. So entwickelte sich eine neue, frische Schlacht. Denn man stieß auf die wirklichen Feinde, die einen gleichwertigen Gegner bildeten hinsichtlich der Art seiner Bewaffnung, seiner Kriegserfahrung, seines Tatenruhms und der Größe der Hoffnung oder auch der Gefahr. Aber die Römer waren an Zahl überlegen wie auch an Mut, weil sie bereits die Reiterei, bereits die Elefanten in die Flucht geschlagen hatten und bereits auch das erste Treffen geworfen war, als sie gegen das zweite im Kampfe standen.

35. Zur rechten Zeit griffen Lälius und Masinissa das feindliche Heer im Rücken an. Sie hatten eine beträchtliche Strecke weit die geschlagene Reiterei verfolgt und befanden sich auf der Rückkehr von der Verfolgung. Erst dieser Ansturm der Reiterei erschütterte den Feind. Viele wurden umzingelt und auf dem Schlachtfeld niedergehauen, viele, die sich auf der Flucht über das ringsum offene Feld zerstreuten, fanden da und dort den Tod, da die Reiterei das ganze Gelände beherrschte. Von den Karthagern und ihren Bundesgenossen wurden an diesem Tage über zwanzigtausend Mann erschlagen. Etwa die gleiche Zahl wurde gefangengenommen und einhundertundzweiunddreißig Feldzeichen erbeutet sowie elf Elefanten. Von den Siegern fielen gegen eintausendfünfhundert Mann.Hannibal entkam mit wenigen Reitern in dem Getümmel und floh nach Hadrumetum. Er hatte vor der Schlacht und auch während des Kampfes, bevor er das Schlachtfeld verließ, alles Mögliche versucht, und sich auch nach dem Geständnis Scipios und aller kriegserfahrenen Leute den Ruhm erworben, mit einzigartiger Kunst an diesem Tage sein Heer zur Schlacht aufgestellt zu haben: die Elefanten in die vorderste Reihe, damit ihr unberechenbares Anrennen und ihre unwiderstehliche Wucht die Römer daran hindere, ihren Feldzeichen zu folgen und Reih und Glied einzuhalten, worauf sie ja in erster Linie ihre Hoffnung setzten. Dann kamen vor der Linie der Karthager die Hilfstruppen, damit diese nicht mit ihrem bunten Gemisch von Leuten aus allen möglichen Völkerschaften, die nicht das Band der Treue, sondern lediglich der Sold bei den Fahnen hielt, ungehinderte Möglichkeit, sich fluchtartig zurückzuziehen, hätten, zugleich auch damit sie den ersten heftigen Ansturm der Feinde auffingen und lähmten und, wenn schon nichts weiter, wenigstens das feindliche Schwert durch ihre Wunden abstumpften. Dahinter stellte er die karthagischen und afrischen Mannschaften, auf denen die ganze Hoffnung beruhte, damit sie, in allem Sonstigen den Römern gewachsen, darin ihnen überlegen seien, daß sie mit ungeschwächten Kräften mit Erschöpften und Verwundeten kämpften, und endlich, in das hinterste Treffen zurückgestellt und sogar durch einen Abstand getrennt, die Italiker, von denen man nicht wußte, ob sie Bundesgenossen oder Feinde seien. Dies war gleichsam das letzte Meisterstück, das Hannibal lieferte. Als er dann von Hadrumetum, wohin er geflohen war, nach Karthago zurückberufen wurde und im sechsunddreißigsten Jahre, nachdem er es als Knabe verlassen hatte, dorthin zurückkehrte, gestand er in der Kurie, er habe nicht nur eine Schlacht, sondern den Krieg verloren und von nichts anderem mehr lasse sich Rettung erhoffen, als daß man durch Bitten den Frieden zu erlangen suche.

36. Scipio eroberte und plünderte unmittelbar nach der Schlacht das feindliche Lager und kehrte dann mit gewaltiger Beute zum Meer und zu den Schiffen zurück, weil die Meldung eintraf, P. Lentulus sei mit fünfzig Kriegs- und hundert Lastschiffen und jeglicher Art von Nachschub bei Utica gelandet. Er glaubte daher, das erschütterte Karthago von allen Seiten in Schrecken versetzen zu sollen, und befahl - Lälius hatte er mit der Siegesbotschaft nach Rom geschickt - dem Cn. Octavius, auf dem Landweg die Legionen vor Karthago zu führen. Er selbst vereinigte mit seiner eigenen bisherigen Flotte die neue des Lentulus, fuhr von Utica ab und nahm Kurs auf den Hafen von Karthago. Er war ncht weit davon entfernt, als ein karthagisches Schiff, das mit Bändern und Ölzweigen umhängt war, entgegenkam. Auf ihm waren zehn der führenden Männer der Bürgerschaft, die auf den Rat Hannibals als Gesandte geschickt waren, um die Bitte um Frieden vorzubringen. Als diese an das Heck des Flaggschiffes herankamen, demütig die mit Bändern umwundenen Ölzweige vor sich hinhielten und Scipio flehentlich um Gnade und Mitleid baten, wurde ihnen nur die eine Antwort von ihm erteilt, sie sollten nach Tunes kommen; er werde dorthin sein Lager verlegen. Scipio selbst fuhr in den Hafen von Karthago voraus, weniger um die Lage Karthagos in dem jetzigen Zeitpunkt zu besichtigen, als um den Feind unter Druck zu setzen, und kehrte dann nach Utica zurück, wohin er auch Octavius beordert hatte. Dann rückten beide nach Tunes vor, während die Nachricht eintraf, Vermina, der Sohn des Syphax, komme mit einer Reiterschar, die größer sei als das Fußvolk, den Karthagern zu Hilfe. Ein Teil des Heeres mit der ganzen Reiterei wurde abgeschickt, griff am ersten Tag der Saturnalien die Kolonne an und schlug die Numider in einem leichten Gefecht. Da sie auf allen Seiten von der Reiterei umzingelt wurden und ihnen so auch jeder Weg zur Flucht versperrt war, wurden fünfzehntausend Mann erschlagen, eintausendzweihundert gefangengenommen, eintausendfünfhundert numidische Pferde und zweiundsiebzig Feldzeichen erbeutet. Der Fürst selbst entkam in dem Getümmel mit wenigen Leuten. Dann wurde, an der gleichen Stelle wie früher, bei Tunes ein Lager geschlagen, und es erschienen dreißig Gesandte von Karthago bei Scipio.

Jene taten zwar weit kläglicher als die ersten; sie waren ja auch in einer viel größeren Notlage. Aber trotzdem hörte man sie mit erheblich geringerem Mitleid an, da ihre Treulosigkeit noch in frischer Erinnerung war. Obgleich in dem Kriegsrat die berechtigte Erbitterung allgemein zur Zerstörung Karthagos trieb, machte doch die Überlegung, welch schwere und langwierige Aufgabe die Belagerung einer so befestigten und starken Stadt sei, alle zum Frieden geneigt. Auch beunruhigte Scipio persönlich der Gedanke, daß ein Nachfolger kommen könnte, um die Frucht des errungenen Sieges und den Ruhm des durch die Mühe und das Wagnis eines anderen beendigten Krieges selbst zu ernten.

37. Am folgenden Tage wurden die Gesandten wieder vorgeladen. Dabei wurde ihre Treulosigkeit mit schweren Vorwürfen gerügt und wurden sie selbst ermahnt, durch so viele Niederlagen belehrt, endlich an die Götter und die Heiligkeit des Eides zu glauben. Dann diktierte man ihnen die Friedensbedingungen: sie sollten frei nach ihren eigenen Gesetzen leben und ihre Städte sowie ihr Gebiet in den Grenzen wie vor dem Krieg behalten. Das römische Heer solle mit dem heutigen Tage die Plünderung einstellen. Sie sollten alle Überläufer und geflohenen Sklaven sowie die Gefangenen den Römern zurückgeben, alle Kriegsschiffe bis auf zehn Dreiruderer, ferner ihre abgerichteten Elefanten ausliefern und keine neuen abrichten. Sie sollten weder in Afrika noch außerhalb Afrikas ohne Erlaubnis des römischen Volkes Krieg führen, dem Masinissa sein Besitztum zurückgeben und einen Vertrag mit ihm schließen, Lebensmittel und Sold den Hilfstruppen zur Verfügung stellen, bis ihre Gesandten von Rom zurückgekehrt seien, zehntausend Talente Silber, in gleichen Ratenzahlungen auf fünfzig Jahre verteilt, bezahlen, hundert Geiseln nach Wahl Scipios stellen, die nicht jünger als vierzehn und nicht älter als dreißig Jahre seien. Einen Waffenstillstand wolle er ihnen nur dann gewähren, wenn sie die während des früheren Waffenstillstandes weggenommenen Lastschiffe mitsamt ihrer Ladung zurückgäben. Anders gebe es keinen Waffenstillstand und sei auf keinen Frieden zu hoffen. Den Gesandten wurde aufgetragen, diese Bedingungen zu Hause zu melden. Als sie diese in einer Volksversammlung bekanntgaben und Gisgo auftrat, um gegen einen Friedensschluß zu sprechen, und bei einer ebensowenig zur Ruhe geneigten wie kriegstauglichen Menge Gehör fand, da packte Hannibal, empört darüber, daß man in einer solchen Lage derartiges sage und anhöre, Gisgo und zog ihn eigenhändig von der Rednertribüne herunter. Dieser für eine freie Bürgerschaft ungewöhnliche Auftritt rief den lärmenden Widerspruch des Volkes hervor. Betroffen durch den Freimut, den sich die städtische Bevölkerung herausnahm, sagte der Kriegsmann: "Im Alter von neun Jahren bin ich von euch abgereist und nach sechsunddreißig Jahren wieder zurückgekehrt. Die Künste der Kriegsführung, die mich von meiner Kindheit an mein persönliches Geschick wie auch das des Staates gelehrt haben, glaube ich, wohl zu verstehen. Die Rechtsverhältnisse der Stadt und des Forums, ihre Gesetze und Sitten möget ihr mir erst noch beibringen." Als er sich so mit seiner Unkenntnis entschuldigt hatte, sprach er weitläufig darüber, wie nicht unbillig und wie unbedingt notwendig der Friede sei. Die allergrößten Schwierigkeiten bereitete es, daß von den während des Waffenstillstandes weggenommenen Schiffen nichts mehr zu finden war als eben die Schiffe selbst. Eine Nachforschung war nicht leicht, da diejenigen, die man etwa in Anspruch nehmen wollte, gegen den Frieden auftraten. Man beschloß, die Schiffe zurückzugeben, auf alle Fälle nach der Bemannung zu forschen und die Abschätzung von allem übrigen Gut, das verschwunden war, Scipio zu überlassen. Auf dieser Grundlage sollten die Karthager mit Geld Schadenersatz leisten.

Manche überliefern, Hannibal sei unmittelbar von dem Schlachtfeld an das Meer gekommen und sei von dort auf einem bereitgestellte Schiff sofort zu dem König Antiochus gefahren. Als Scipio vor allem die Auslieferung Hannibals verlangt habe, sei ihm die Antwort gegeben worden, Hannibal sei nicht mehr in Afrika.

38. Nach der Rückkehr der Gesandten zu Scipio er- hielten die Quästoren die Anweisung, alles Staatseigentum, das sich auf den Schiffen befunden hatte, aus den amtlichen Rechnungsbüchern auszuziehen und zu registrieren. Desgleichen wurden die Besitzer angewiesen, ihr Privateigentum anzugeben. Zum Ausgleich für die so errechnete Summe wurden als sofortige Zahlung fünfundzwanzigtausend Pfund Silber eingetrieben und den Karthagern ein Waffenstillstand auf drei Monate bewilligt mit der Klausel, daß. in der Zeit des Waffenstillstandes von ihnen nirgends hin als nach Rom Gesandte geschickt werden dürften, daß alle Gesandte, die etwa nach Karthago kämen, nicht zu entlassen seien, ehe der römische Oberfeldherr davon in Kenntnis gesetzt sei, wer sie seien und mit welchem Anliegen sie gekommen seien. Mit den karthagischen Gesandten wurden L. Veturius Philo, M. Marcius Ralla und L. Scipio, der Bruder des Feldherrn, nach Rom geschickt .

40. Als aus Afrika die römischen Gesandten und zugleich die der Karthager in Rom eintrafen, wurde eine Senatssitzung in den Tempel der Bellona einberufen. Dort legte L. Veturius Philo unter dem ungeheuren Jubel der Senatoren dar, es habe mit Hannibal eine Schlacht stattgefunden, die für die Karthager die letzte gewesen sei und die dem trauervollen Krieg ein Ende gemacht habe. Er fügte noch hinzu, auch Vermina, des Syphax Sohn, sei endgültig besiegt, was eine kleine Zugabe zu dem glücklichen Erfolg bedeutete. Man forderte ihn danach auf, in der Volksversammlung aufzutreten und diese Freudenbotschaft auch dem Volke mitzuteilen. Dann wurden zur Bezeigung des Dankes in der Stadt alle Tempel geöffnet und dreitägige Dankprozessionen beschlossen. Den Gesandten der Karthager sowie denen des Königs Philipp - denn auch von ihm waren ja solche gekommen -, die darum baten, es möge ihnen eine Senatssitzung bewilligt werden, wurde auf Geheiß der Senatoren von dem Diktator geant- wortet, die neuen Konsuln würden ihnen eine Senats-Sitzung bewilligen...

[40, 5. - 41, 9.: Neuwahl der Konsuln und der übrigen Magistrate. Zu Konsuln wurden Cn. Cornelius Lentulus und P. Aelius Paetus gewählt. Lentulus wollte, daß ihm Afrika als Wirkungskreis zugewiesen werde, um, falls der Krieg noch andaure, einen leichten Sieg zu erringen oder, falls er Jetzt schon zu Ende gehe, den Ruhm seiner Beendigung selbst zu ernten. In der Volksversammlung wurde aber beschlossen, Scipio sollte sein Kommando behalten und Lentulus nur den Befehl über die Flotte übernehmen mit der Ermächtigung, nach Afrika überzusetzen.]

42. Dann wurde über die Gesandtschaften Philipps und der Karthager beraten. Man beschloß, zuerst die Makedonier vorzulassen. Der Ton, den sie in ihrer Ansprache anschlugen, war unterschiedlich: sie suchten sich gegen die Beschwerden, die die von Rom zu ihrem König geschickten Gesandten wegen der Ausplünderung der Bundesgenossen des römischen Volkes vorgebracht hatten, zu rechtfertigen, teils erhoben sie sogar ihrerseits Anklage gegen diese, jedoch mit besonderer Schärfe gegen M. Aurelius. Denn dieser sei, obwohl er zu den drei an sie geschickten Gesandten gehört habe, dort geblieben und habe eine Aushebung vorgenommen.

Ferner habe er sie gegen den Vertrag zum Krieg herausgefordert und oft ihren Truppenführern förmliche Gefechte geliefert. Auch forderten sie, die Makedonier und ihren Befehlshaber Sopater, die bei Hannibal um Sold gedient hätten und jetzt gefangen und gefesselt seien, ihnen zurückzugeben. Dagegen führte M. Furius, der eben zu diesem Zweck von Aurelius aus Makedonien geschickt worden war, aus: man habe Aurelius dort gelassen, damit nicht die Bundesgenossen des römischen Volkes, der Plünderungen und gewaltsamen Übergriffe müde, zu dem König abfielen. Er habe das Gebiet der Bundesgenossen nicht verlassen, vielmehr sich bemüht, zu verhindern, daß die Plünderer ungestraft in deren Gebiet herüberkämen. Sopater gehöre zu den Purpurträgern und den Verwandten des Königs. Er sei mit viertausend Makedoniern und mit Geld kürzlich nach Afrika Hannibal und den Karthagern zu Hilfe geschickt worden. Als die Makedonier, darüber befragt, eine ausweichende Antwort gaben, erhielten sie einen keineswegs freundlichen Bescheid: ihr König suche den Krieg, und wenn er so weitermache, werde er ihn demnächst auch finden. Doppelt sei von ihm der Vertrag gebrochen worden, einnial weil er gegen die Bundesgenossen des römischen Volkes sich Übergriffe habe zuschulden kommen lassen und sie mit Krieg und Waffen herausgefordert habe, zum andern, weil er dessen Feinde mit Hilfstruppen und Geld unterstützt habe. P. Scipio habe offensichtlich richtig und der Ordnung entsprechend gehandelt und handle auch jetzt so, wenn er Leute, die er mit Waffen gegen das römische Volk in der Hand gefangengenommen habe, wie Feinde in Fesseln halte, und auch M. Aurelius handle zum Besten des Gemeinwesens, und der Senat sei ihm dafür dankbar, daß er die Bundesgenossen des römischen Volkes mit den Waffen schütze, da er es auf Grund des Vertragsrechtes nicht vermöge.

Mit dieser so harten Antwort wurden die Makedonier abgefertigt und die karthagischen Gesandten aufgerufen. Als man sie in ihrem hohen Alter und in ihren hohen Würden erblickte - es waren ja weitaus die ersten Männer der Bürgerschaft -, da sagte sich jeder, es gehe tatsächlich um den Frieden. Doch ragte unter allen anderen Hasdrubal hervor - seine Landsleute nannten ihn mit Beinamen Hädus -, der immer für den Frieden eingetreten war und sich als Gegner der barkinischen Partei betätigt hatte. Um so größeres Gewicht hatte jetzt seine Stimme, als er die Kriegsschuld von dem Gemeinwesen weg auf die Begehrlichkeit einer Minderheit schob. Seine Rede war auf einen verschiedenen Ton gestimmt: bald wies er Beschuldigungen zurück, bald machte er gewisse Zugeständnisse, um nicht durch dreistes Leugnen von Tatsachen die Verzeihung zu erschweren, bald richtete er sogar an den versammelten Senat Ermahnungen, sich im Glück maßvoll und bescheiden zu zeigen: hätten auf ihn und Hanno die Karthager gehört und den günstigen Zeitpunkt ausnützen wollen, dann hätten sie die Friedensbedingungen gestellt, um die sie jetzt bäten. Selten nur würden den Menschen gleichzeitig gute Tage und guter Verstand gegeben. Das römische Volk sei deshalb unbesiegt, weil es im Glück weise und besonnen zu sein nicht vergesse. Und wahrhaftig, man hätte sich wundern müssen, wenn es anders handelte. Wem das Glück etwas Neues sei, der verliere, well er es nicht gewöhnt sei, in maßloser Freude den Verstand. Für das römische Volk seien Siegesfreuden etwas Gewohntes und fast schon Veraltetes, und beinahe mehr habe es durch Schonung der Besiegten als durch ihre Besiegung seine Herrschaft vergrößert. Die übrigen stimmten ihre Reden auf einen kläglicheren Ton: sie wiesen darauf hin, von welcher Höhe der Macht in welche Tiefe Karthago gestürzt sei. Nichts sei denen, die eben noch beinahe die Welt in ihrer bewaffneten Hand gehabt hätten, übriggeblieben als die Mauern von Karthago. In diese eingeschlossen, sehen sie weder zu Wasser noch zu Land irgend etwas, das ihnen noch rechtmäßig gehöre. Auch ihre Stadt selbst und ihre Hausgötter blieben nur dann ihnen zu eigen, wenn nicht auch gegen sie - das Schlimmste, das es geben könne - das römische Volk seinen Grimm auslassen wolle. Als es so aussah, als ob die Senatoren sich zum Mitleid umstimmen ließen, soll einer der Senatoren, erbittert über die Treulosigkeit der Karthager, gerufen haben: "Bei welchen Göttern wollt ihr denn einen Vertrag beschwören, da ihr doch die Götter, bei denen der vorausgegangene beschworen worden ist, hintergangen habt?" "Bei den gleichen", sagte Hasdrubal, "da sie sich den Vertragsbrüchigen ja so feindlich erweisen."

43. Die allgemeine Stimmung neigte zum Frieden. Nur der Konsul Cn. Lentulus, dessen Befehlsbereich die Flotte war, erhob Einspruch gegen den Senatsbeschluß . Da brachten die Volkstribunen M. Acilius und Q. Minucius den Antrag vor das Volk, ob es wolle und gutheiße, daß der Senat beschließe, es solle mit den Karthagern Frieden geschlossen werden, und wer diesen Frieden abschließen und wer das Heer aus Afrika heimführen solle. Was den Abschluß eines Friedens anbelangt, stimmten alle Tribus mit ja. "Den Frieden schließe P. Scipio und er führe auch das Heer heim!" Auf Grund dieses Antrages beschloß der Senat, P. Scipio solle mit einer Kommission von zehn Gesandten Frieden mit dem karthagischen Volk schließen, und zwar unter Bedingungen, wie er sie für richtig halte. Darauf dankten die Karthager den Senatoren und baten, in die Stadt gehen zu dürfen, um mit ihren Mitbürgern, die als Gefangene im Staatsgefängnis seien, zu sprechen. Es seien darunter teils Verwandte und Freunde von ihnen, vornehme Leute, teils solche, an die sie Aufträge von Verwandten hätten. Sie sprachen mit diesen, und als sie die weitere Bitte äußerten, ihnen die Möglichkeit zu geben, loszukaufen, wen sie von diesen Gefangenen wollten, forderte man sie auf, die Namen anzugeben. Sie legten etwa zweihundert Namen vor, und es kam zu einem Senatsbeschluß: "Die römischen Gesandten sollen von den Gefangenen zweihundert nach Wunsch der Karthager zu P. Cornelius nach Afrika bringen und diesem mitteilen, er möge, wenn der Friede geschlossen sein wird, sie ohne Lösegeld den Karthagern zurückgeben." Als man die Fetialen aufforderte, nach Afrika zu gehen, um den Friedensschluß feierlich zu vollziehen, wurde auf ihre eigene Forderung hin ein Senatsbeschluß folgenden Wortlauts gefaßt: "Sie sollen Kieselsteine und Kräuterstauden mitnehmen. Wo der römische Prätor es befiehlt, den Vertragsschluß vorzunehmen, sollen sie von dem Prätor die Kräuter fordern." - Diese Art von Kräutern wird üblicherweise von der Burg genommen und den Fetialen gegeben.

So aus Rom entlassen, schlossen die Karthager nach ihrer Ankunft bei Scipio in Afrika Frieden unter den oben angeführten Bedingungen. Die Kriegsschiffe, die Elefanten, die Uberläufer, die entlaufenen Sklaven und viertausend Gefangene wurden ausgeliefert. Unter ihnen war der Senator Q. Terentius Culleo. Die Schiffe ließ Scipio auf die hohe See hinausführen und in Brand stecken. Einige überliefern, es seien fünfhundert Ruderschiffe jeglicher Art gewesen. Als die Punier diese plötzlich in Flammen aufgehen sahen, habe dieses Bild sie mit solcher Trauer erfüllt, wie wenn Karthago selbst brennen würde. Die Überläufer traf härtere Strafe als die geflohenen Sklaven. Die Latiner wurden mit dem Beile hingerichtet, die Römer ans Kreuz geschlagen.

44. Vor vierzig Jahren war zum letzten Male Friede mit den Karthagern geschlossen worden unter dem Konsulat von Q. Lutatius und A. Manlius. Dreiundzwanzig Jahre später nahm der Krieg seinen Anfang unter dem Konsulat des Cn. Cornelius und P. Aelius. Oft soll Scipio später gesagt haben, zuerst habe ihn die Ehrsucht des Ti. Claudius , dann die des Cn. Cornelius daran gehindert, diesen Krieg mit der Zerstörung Karthagos zu beendigen.

Als in Karthago die erste Geldzahlung der durch den langen Krieg erschöpften Bevölkerung schwierig erschien und in der Kurie Niedergeschlagenheit herrschte, wobei alles Tränen vergoß, sah man, wie erzählt wird, Hannibal lachen. Als ihm Hasdrubal Hädus wegen seines Lachens Vorwürfe machte, wo man doch überall Tränen vergieße und er persönlich der Anlaß zu diesen Tränen sei, sagte er: "Könnte man doch so, wie man mit den Augen die Stimmung im Gesicht sieht, auch in das Herz schauen, dann würde euch leicht klarwerden, daß dieses Lachen, über das ihr scheltet, nicht der Ausdruck eines frohen, sondern eines vor Schmerz fast wahnsinnigen Gemütes ist. Und doch ist dieses Lachen keineswegs so abwegig wie diese eure albernen und abgeschmackten Tränen. Damals wäre Weinen am Platze gewesen, als man uns die Waffen genommen hat, als unsere Schiffe in Flammen aufgingen, als uns verboten wurde, auswärtige Kriege zu führen. Das ist ja die Wunde, mit der uns der Todesstoß versetzt worden ist. Und es liegt für euch kein Grund vor, zu glauben, die Römer hätten euch für ein geruhsames Dasein verschont. Keine große Bürgergemeinde kann lange Ruhe halten. Wenn sie auswärts keinen Feind hat, findet sie ihn im Innern, wie kraftstrotzende Körper gegen Anfechtungen von außen sicher erscheinen, aber der Last ihrer eigenen Kräfte ausgesetzt sind. Aber freilich merken wir von dem Unglück der Allgemeinheit nur so viel, als dieses in unsere persönlichen Verhältnisse eingreift, und nichts bringt uns dabei mehr in Harnisch als der Verlust an Geld. Als man daher dem besiegten Karthago seine Rüstung entzog, als ihr gesehen habt, wie es nunmehr waffen- und wehrlos zwischen so vielen bewaffneten Völkern Afrikas preisgegeben wurde, da hat niemand aufgeseufzt. Well man aber jetzt den Tribut aus dem Privatbesitz aufbringen muß, jammert ihr, wie wenn der Staat zu Grabe getragen würde. Wie sehr befürchte ich, ihr werdet demnächst merken, daß das Unglück, über das ihr heute geweint habt, das leichteste gewesen ist." So sprach Hannibal vor den Karthagern.

Scipio berief eine Soldatenversammlung, in der er Masinissa zu seinem väterlichen Reiche die Stadt Cirta und die übrigen Städte und Landstriche, die aus dem Reich des Syphax in die Gewalt des römischen Volkes gekommen waren, hinzufügte. Dem Cn. Octavius befahl er, die Flotte nach Sizilien zu führen und dem Konsul Cn. Cornelius zu übergeben, den karthagischen Gesandten, nach Rom zu reisen, damit die von ihm im Einvernehmen mit den zehn Gesandten geschlossenen Abmachungen durch das Gutachten des Senats und das Geheiß des Volkes bestätigt würden.

45. Als der Friede zu Wasser und zu Land geschlossen war, wurde das Heer eingeschifft und Scipio fuhr nach Lilybäum in Sizilien hinüber. Von da schickte er einen großen Teil seiner Truppen zu Schiff weiter und gelangte selbst durch das nicht weniger über den Frieden als über den Sieg jubelnde Italien, wobei die Bevölkerung nicht nur aus den Städten zu Ehrenerweisungen herbeiströmte, sondern auch die Landbevölkerung die Straßen umsäumte, nach Rom. Dort zog er in einem alle bisherigen an Glanz überragenden Triumphe ein. An Silber brachte er in den Staatsschatz einhundertunddreiundzwanzigtausend Pfund. An die Soldaten verteilte er aus der Beute je vierhundert As. Mehr der Schaulust der Menge als dem Ruhm des Triumphators wurde Syphax durch seinen Tod entzogen. Er war kurz zuvor in Tibur gestorben, wohin er von Alba gebracht worden war. Doch zog er auch noch im Tode die Blicke auf sich, da er ein öffentliches Leichenbegängnis erhielt. - Daß dieser König jedoch im Triumph aufgeführt worden sei , überliefert allerdings Polybius, eine durchaus beachtliche Quelle. - Hinter dem triumphierenden Scipio ging Q. Terentius Culleo mit einem Hut auf dem Kopf. In seinem ganzen weiteren Leben verehrte er, wie es billig war, Scipio als den Mann, der ihm die Freiheit verschafft hatte. Ob Scipio den Beinamen Africanus zuerst die Zuneigung der Soldaten oder die Volksgunst verschafft oder ob ihn, wie zu unserer Väter Zeiten bei Sulla, dem "Glücklichen", und Pompeius, dem "Großen", die Schmeichelei seiner engeren Umgebung aufgebracht hat, darüber kann ich keine sichere Auskunft geben. Sicherlich war Scipio der erste Feldherr, der durch den Namen des von ihm besiegten Volkes verherrlicht wurde. Nach seinem Beispiel haben in der Folge andere, die keineswegs gleich große Siege errungen hatten, auszeichnende Inschriften unter ihre Bildnisse gesetzt und so berühmte Beinamen ihren Familien verschafft.


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .