Belagerung von und Entscheidungsschlacht bei Alesia. Aus: Caesar, De bello Gallico, Buch 7, 66 - 90.

Deutsche Übersetzung nach: Gaius Julius Caesar, De bello Gallico - Der Gallische Krieg. Lateinisch- deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Marieluise Deismann, Stuttgart 1991, S. 464 - 499.


66 (1) Während [Caesar] diese Maßnahmen [scil. einer Sicherung seines Heeres und der verbliebenen Verbündeten gegen die Angriffe der aufständischen Gallier] durchführte, sammelten sich die feindlichen Einheiten aus dem Gebiet der Arverner und die Reiter, die das gesamte Gallien [gemäß gemeinsamem Beschluß der auftständischen Stämme] stellen sollte. (2) Damit hatte Vercingetorix endlich ein großes Reiteraufgebot beisammen. Als Caesar am Rand des lingonischen Gebietes entlang ins Land der Sequaner marschierte, um der Provinz leichter Unterstützung gewähren zu können, errichtete Vercingetorix etwa 10 Meilen von den Römern entfernt drei Lager (3) und berief eine Versammlung der Reiterpraefecten ein, in der er darlegte, daß der Augenblick des Sieges gekommen sei: Die Römer flöhen in die Provinz [scil. Narbonensis] und verließen Gallien. (4) Das erscheine ihm ausreichend, um für den gegenwärtigen Zeitpunkt die Freiheit zu erlangen. Es sei jedoch zu wenig, um für die Zukunft Frieden nach außen und Ruhe im Innern zu sichern. Wenn die Römer erst mehr Truppen aufgestellt hätten, würden sie zurückkehren und nicht aufhören, Krieg zu führen. Daher solle man sie angreifen, während sie noch durch ihre Marschordnung behindert seien. (5) Wenn die römischen Fußsoldaten den Ihren zu Hilfe kommen wollten und dies Vorhaben auch nicht aufgäben, könnten sie ihren Marsch nicht fortsetzen. Wenn sie dagegen -und er sei sicher, daß das eher eintreten werde -ihren Troß im Stich ließen und für ihre eigene Rettung sorgten, verlören sie nicht nur alles zum Leben Notwendige, sondern auch ihr Ansehen. (6) Was die Reiter der Feinde angehe, so dürften sie selbst keinen Zweifel daran haben, daß keiner von ihnen auch nur ein wenig aus dem Heereszug auszuscheren wage. Um aber ihren Mut für den Angriff zu stärken, werde er das gesamte Heer vor dem Lager aufstellen und den Feind damit in Schrecken versetzen. (7) Darauf riefen die Praefecten, man müsse die Reiter durch einen besonders feierlichen Schwur verpflichten, unter kein Dach mehr zurückzukehren, ihre Kinder, Eltern und Frauen nicht mehr zu sehen, ehe sie nicht zweimal durch den Heereszug der Feinde hindurchgeritten seien.

67 (1) Der Vorschlag wurde gebilligt, und alle mußten sich durch den Schwur verplichten. Am folgenden Tag teilte Vercingetorix die Reiterei in drei Gruppen auf, so daß sie auf beiden Seiten unseres Zuges erschienen, während die dritte Gruppe begann, unsere Vorhut am Weitermarsch zu hindern. (2) Auf die Nachricht hiervon teilte Caesar seine Reiterei ebenfalls in drei Gruppen und gab den Befehl, die Feinde anzugreifen. Auf allen Seiten kam es gleichzeitig zum Kampf. (3) Der Heereszug stockte. Die Legionen nahmen den Troß in ihre Mitte. (4) Wenn unsere Reiter auf einer Seite offensichtlich Mühe hatten und zu hart bedrängt wurden, ließ Caesar das Heer eine Schwenkung machen und den Angriff des Fußvolks dorthin richten. Dieses Vorgehen erschwerte den Feinden das Vordringen und stärkte bei unseren Reitern die Hoffnung auf Unterstützung. (5) Schließlich erreichten die [scil. in Diensten der Römer befindkichen ] Germanen auf dem rechten Flügel den Kamm eines Gebirgszuges, vertrieben die Feinde von dort und verfolgten die Flüchtenden bis zum Fluß, wo Vercingetorix sich mit den Fußtruppen festgesetzt hatte. Sie konnten mehrere Feinde töten. (6) Als die übrigen dies bemerkten, fürchteten sie, eingekreist zu werden, und flohen. Dabei wurden sie überall niedergemacht. (7) Man brachte drei Haeduer aus dem höchsten Adel zu Caesar: Den Reiterpfraefecten Cotus, der während der letzten Wahlversammlung die Auseinandersetzung mit Convictolitavis gehabt hatte, Cavarillus, der nach dem Abfall des Litaviccus das Kommando über die Fußtruppen übernommen hatte, und Eporedorix, unter dessen Oberbefehl die Haeduer vor Caesars Eintreffen mit den Sequanern Krieg geführt hatten.

68 (1) Da die ganze Reiterei in die Flucht geschlagen worden war, zog Vercingetorix seine Truppen, so wie er sie vor dem Lager aufgestellt hatte, ab und setzte sich anschließend nach Alesia in Marsch, einer Stadt der Mandubier. Gleichzeitig ordnete er an, rasch das schwere Gepack aus dem Lager fortzuschaffen und ihm damit sofort nachzufolgen. (2) Caesar befahl, das schwere Gepäck seines Heeres auf den nächsten Hügel zu bringen, und ließ zu seinem Schutz zwei Legionen zurück, ehe er Vercingetorix folgte, soweit es die Tageszeit noch zuließ. Dabei töteten seine Soldaten etwa 3000 Feinde aus der Nachhut. Am folgenden Tag schlug er sein Lager in der Nähe von Alesia auf. (3) Nachdem er die Lage der Stadt erkundet hatte, mahnte er seine Soldaten, sich anzustrengen, und begann, einen Belagerungswall rings um die Stadt zu errichten, während die Feinde noch in höchsten Schrecken versetzt waren, weil ihre Reiterei geschlagen worden war, auf die sie das größte Vertrauen im Heer gesetzt hatten.

69 (1) Die eigentliche Stadt Alesia lag hoch oben auf einem Hügel, so daß deutlich war, daß man sie nur durch eine Belagerung erobern könne. (2) Die Ausläufer des Hügels stießen an zwei Seiten auf Flußläufe. (3) Vor der Stadt erstreckte sich auf etwa 3 Meilen in Längsrichtung ebenes Gelände. (4) Ihre übrigen Seiten schlossen in einiger Entfernung Hügel ein, die fast die gleiche Steigung und Höhe hatten. (5) Am Ostabhang hatten die gallischen Truppen das ganze Gelände dicht besetzt und dort einen Graben und eine sechs Fuß hohe Mauer aus Lehm und Kies gezogen. (6) Der Umfang der Belagerungswälle, die die Römer errichteten, betrug 10 Meilen. (7) An geeigneten Punkten hatten sie Lager errichtet, gleichzeitig mit 23 Castellen, wohin sie tagsüber kleinere Wachtposten legten, um einen überraschenden Ausfall aus der Stadt zu verhindern. Nachts waren diese Castelle mit stärkeren Wachabteilungen belegt.

70 (1) Als die Belagerungsarbeiten in Gang gekommen waren, fand auf dem ebenen Gelände, das sich, wie wir oben darlegten, zwischen den Anhöhen auf 3 Meilen hin erstreckte, ein Reitergefecht statt. Auf beiden Seiten kämpfte man unter Einsatz aller Kräfte. (2) Als unsere Reiter in Bedrängnis gerieten, schickte Caesar ihnen die [scil. als Hilfstruppen bei ihm dienenden] Germanen zu Hilfe und stellte die Legionen vor dem Lager auf, um einem plötzlichen Einbruch des feindlichen Fußvolks zuvorzukommen. (3) Die zusätzliche Deckung durch die Legionen stärkte unseren Reitern den Mut. Sie schlugen die Feinde in die Flucht, die sich infolge ihrer großen Zahl selbst im Weg standen und sich in den Offnungen zusammendrängten, die man beim Bau der Mauer gelassen hatte und die sich nun als zu eng erwiesen. (4) Die Germanen folgten ihnen ziemlich stürmisch bis zur Mauer nach. (5) Dort kam es zu einem großen Gemetzel. Einige Gallier ließen ihre Pferde im Stich und versuchten, den Graben zu überqueren und über die Mauer zu klettern. Caesar ließ die Legionen, die er vor dem Lagerwall aufgestellt hatte, etwas vorrücken. (6) Die Gallier, die sich innerhalb der Befestigungsanlagen zwischen der Lehm- und der Stadtmauer befanden, wurden nicht weniger in Schrecken versetzt. Sie glaubten, die Römer kämen sofort auf sie zu, und riefen zu den Waffen. Einige verloren den Kopf und stürzten in die Stadt. (7) Vercingetorix befahl, die Stadttore zu schließen, um nicht sein Lager von Verteidigern entblößt zu sehen. Nachdem die Germanen viele Feinde niedergemacht und eine Anzahl von Pferden erbeutet hatten, zogen sie sich zurück.

71 (1) Vercingetorix faßte den Plan, die gesamte Reiterei bei Nacht fortzuschicken, ehe die Römer die Belagerungswerke vollendet hätten. (2) Als sie abrückten, gaber jedem den Auftrag, sich an seinen jeweiligen Stamm zu wenden und alle zum Kriegsdienst einzuberufen, die dem Alter nach waffenfähig wären. (3) Er stellte ihnen seine Verdienste um sie vor Augen und beschwor sie, für seine Rettung zu sorgen und ihn nicht der Mißhandlung durch die Feinde auszuliefern, da er sich so sehr um die gemeinsame Freiheit verdient gemacht habe. Er wies sie darauf hin, daß gemeinsam mit ihm 80000 ausgewählte Männer den Tod finden würden, falls sie nicht gewissenhaft genug zu Werke gingen. (4) Nach seinen Berechnungen habe er für knapp 30 Tage Getreide, aber durch sparsame Zuteilung könne er es auch noch etwas länger aushalten. (5) Mit diesen Aufträgen sandte er die Reiterei um die 2. Nachtwache durch eine Lücke in unserer Einschließung in aller Stille fort. (6) Er gab den Befehl, das gesamte Getreide zu ihm zu bringen, und setzte die Todesstrafe für die fest, die dieser Anordnung nicht nachkämen. (7) Das Kleinvieh, das man in großer Menge von den Mandubiern eingetrieben hatte, verteilte er an jeden einzeln, das Getreide ließ er sparsam nach und nach zumessen. (8) Alle Truppen, die er vor der Stadt aufgestellt hatte, zog er in die Stadt zurück. (9) Auf diese Weise rüstete er sich, Unterstützung aus Gallien abzuwarten und den Krieg weiterzuführen.

72 (1) Als Caesar hiervon durch Uberläufer und Gefangene erfuhr, ging er daran, folgende Arten von Befestigungen anzulegen: Er ließ einen Graben von 20 Fuß mit senkrechten Seiten ziehen, dessen Boden die gleiche Abmessung hatte wie der Abstand zwischen den oberen Rändern. (2) Alle übrigen Belagerungswerke ließ er 400 Schritt von diesem Graben entfernt anlegen. Da er notwendigerweise eine so größe Strecke erfassen mußte, das ganze Belagerungswerk jedoch nur schwer ringsum mit Soldaten besetzen konnte, war seine Absicht dabei, zu verhindern, daß sich nachts unversehens eine große Anzahl von Feinden der Befestigung näherte und daß sie tagsüber Wurfgeschosse auf unsere Soldaten werfen konnten, deren Aufmerksamkeit ganz auf die Schanzarbeiten gerichtet war. (3) Nachdem er diesen 400 Schritt breiten Streifen dazwischengelegt hatte, ließ er zwei 15 Fuß breite Gräben von gleicher Tiefe ziehen. Den inneren füllte er an den ebenen und niedrigen Stellen mit Wasser, das er aus dem Fluß ableitete. (4) Hinter den Gräben ließ er einen Erddamm mit einer Mauer von zwölf Fuß errichten. Diese Belagerungsmauer wurde zusätzlich mit Brustwehr und Zinnen versehen, wobei große, sich gabelnde Baumstämme an den Verbindungen zwischen Brustwehr und Mauer herausragten, die den Feinden das Hinaufklettern erschweren sollten. Auf dem ganzen Bauwerk ließ er rings Türme errichten, die 80 Fuß voneinander entfernt waren.

73 (1) Während dieser Zeit mußten die Soldaten Getreide und Bauholz beschaffen und an den umfangreichen Belagerungswerken arbeiten. Dadurch verminderte sich unsere Truppenstärke, weil die Soldaten sich etwas weiter vom Lager entfernten. Die Gallier hatten schon einige Male versucht, die Arbeiten zu stören und aus mehreren Toren zugleich mit aller Gewalt einen Ausfall aus der Stadt zu machen. (2) Caesar glaubte daher, man müsse noch zusätzlich daran arbeiten, daß die Belagerungswerke mit einer kleineren Zahl von Soldaten verteidigt werden könnten. Er ließ daher Baumstämme und ziemlich starke Äste schneiden, ihre Spitzen abschälen und zuspitzen, dann fünf Fuß tiefe, durchlaufende Gräben ziehen. (3) Die spitzen Pfähle wurden in den Boden eingelassen und festgemacht, damit man sie nicht herausreißen konnte; mit ihren Zweigen ragten sie oben heraus. (4) Jeweils fünf Reihen wurden miteinander verbunden und verflochten. Wenn jemand in diese Gräben geriet, blieb er in den äußerst spitzen Hindernissen stecken. Die Soldaten nannten sie Leichensteine. (5) Vor diesen wurden drei Fuß tiefe Gruben gegraben, die in schräger Reihe kreuzförmig angeordnet waren und nach unten zu allmählich schmaler wurden. (6) Hier wurden glatte, länglich runde Pfähle von Schenkeldicke eingesetzt, die oben spitz und durch Feuer gehärtet waren. Sie ragten nicht weiter als vier Finger breit aus der Erde hervor. (7) Um sie zu befestigen und ihnen Halt zu geben, wurde jeder einzelne Pfahl am Grabenboden in ein Fuß hoher Erde festgestampft, den restlichen Teil der Gruben deckte man mit Weidenruten und Strauchwerk zu, um die Falle zu verbergen. (8) Von dieser Art wurden mit einem Zwischenraum von drei Fuß acht Reihen gegraben. Die Soldaten nannten sie Lilien, da sie Ähnlichkeit mit dieser Blume besaßen. (9) Vor ihnen wurden fußlange Pflöcke mit eisernen Widerhaken ganz in die Erde eingegraben und überall mit nur kleinen Zwischenräumen verteilt. Die Soldaten nannten sie Ochsenstacheln.

74 (1) Nach Vollendung dieser Arbeiten legte Caesar in einem Umkreis von 14 Meilen gleiche Befestigungen der erwähnten Art an, wobei er, soweit es die Landschaft zuließ, möglichst ebenem Gelände folgte. Diese Befestigungen lagen in entgegengesetzter Richtung und waren nach außen gegen den Feind gekehrt, um zu verhindern, daß selbst starke feindliche Truppen, falls diese nach dem Abzug der Reiter einträfen, die Mannschaften, die die Belagerungswerke schützten, einkreisen könnten. (2) Um nicht gezwungen zu werden, unter Gefahr das Lager zu verlassen, ließ er jeden Getreide und Futter für 30 Tage herbeischaffen und vorrätig halten.

75 (1) Während dies bei Alesia geschah, war eine Versammlung der gallischen Stammesfürsten einberufen worden, die beschlossen, nicht, wie es Vercingetorix gefordert hatte, alle Waffenfähigen einzuberufen, sondern für jeden Stamm nur eine bestimmte Zahl festzusetzen. Damit sollte verhindert werden, daß man, wenn eine so große Menge zusammenströme, die Obersicht verlöre und weder die eigenen Soldaten auseinanderhalten noch für ausreichende Getreidezufuhr sorgen könne. (2) Die Haeduer und ihre Schutzbefohlenen, die Segusiaver, Ambivareter, Aulercer, Brannovicer und Blannovier sollten 35000 Mann stellen, die Arverner mit Eleutetern, Cadurcern, Gabalern und Vellaviern, die von jeher unter ihrer Herrschaft gestanden hatten, die gleiche Zahl. (3) Die Sequaner, Senonen, Bituriger, Santonen, Rutener und Carnuten sollten je 12000 Soldaten stellen, die Bellovacer 10000; ebenso viele auch die Lemovicer; je 8000 die Pictonen, Turonen, Parisier und Helvetier; je 6000 die Suessionen, Ambianer, Mediomatricer, Petroconer, Nervier, Moriner und Nitiobroger; 5000 die Aulercer-Cenomanen, ebenso viele die Atrebaten; 4000 die Veliocasser; Lexovier und Aulercer-Eburovicer je 3000, die Boier 2000; (4) insgesamt 10 000 die Stämme, die am Ozean leben und nach gallischem Brauch Aremoricer genannt werden - zu ihnen gehören die Coriosoliten, Redonen, Ambibarier,455 Caleten, Osismer, Veneter, Lemovicer und Uneller. (5) Nur die Bellovacer entsandten die von ihnen geforderte Zahl nicht, weil sie, wie sie sagten, in eigenem Namen und nach eigenem Ermessen mit den Römern Krieg führen und sich keinem fremden Oberbefehl unterwerfen wollten. Auf Grund ihrer Freundschaft mit Commius sandten sie jedoch auf seine Bitte hin 2000 Soldaten.

76 (1) Dieser Commius hatte, wie wir oben schilderten, in den vergangenen Jahren Caesar in Britannien zuverlässige und nützliche Dienste geleistet. Caesar hatte daraufhin seinen Stamm als Lohn für seine Verdienste von Abgaben befreit, ihm seine alten Gesetze und seine alte Verfassung zurückgegeben und ihm die Moriner unterstellt. (2) Jetzt aber herrschte in ganz Gallien ein so einmütiges Streben danach, die Freiheit wiederzugewinnen und den früheren Kriegsruhm wiederherzustellen, daß sich keiner durch früher erwiesene Vergünstigungen und durch die Erinnerung an die Freundschaft mit dem römischen Volk beeinflussen ließ. Statt dessen traten alle mit Begeisterung und unter Einsatz ihrer gesamten Mittel in den Krieg ein. (3) Nachdem man 8000 Reiterund etwa 250 000 Fußsoldaten aufgestellt hatte, wurden sie im Gebiet der Haeduer noch einmal gemustert und gezählt. Dann wurden die Praefecten ernannt. (4) Den Oberbefehl übertrug man dem Atrebaten Commius, den Haeduern Vinidomarus und Eporedorix und dem Arverner Vercassivellaunus, einem Vetter des Vercingetorix. Gewählte Vertreter aus den einzelnen Stämmen wurden ihnen an die Seite gestellt, um mit ihnen gemeinsam die Durchführung des Krieges zu übernehmen. (5) Voll Begeisterung und Zuversicht brachen alle nach Alesia auf, (6) und es gab nicht einen unter ihnen, der nicht glaubte, der Feind könne den bloßen Anblick einer solchen Menge nicht aushalten. Diese Ansicht wurde noch dadurch gestärkt, daß es sich um einen Kampf nach zwei Seiten handeln würde, der Stadt erfolgte und draußen eine derartige Zahl von Reiterei und Fußvolk erschiene.

77 (1) Die Feinde, die in Alesia belagert wurden, hatten, als der Termin vorübergegangen war, zu dem sie Hilfstruppen erwarteten, ihr gesamtes Getreide verbraucht. Da sie nicht wußten, was bei den Haeduern vor sich ging, hatten sie eine Versammlung einberufen, um über den Ausgang ihres Schicksals zu beraten. (2) Dabei wurden verschiedene Meinungen laut: Ein Teil trat für eine Kapitulation ein, andere waren dafür, einen Ausfall zu machen, solange ihre Kräfte noch dazu reichten. ......

78 (1) Nachdem verschiedene Anträge gestellt worden waren, beschlossen die Feinde, daß die auf Grund ihrer Gesundheit oder ihres Alters kriegsuntauglichen Männer die Stadt verlassen sollten und daß sie selbst eher jedes andere Schicksal erleiden wollten, als auf den Vorschlag des Critognatus [scil. der vorgeschlagen hatte, im äußersten Notfalle von Menscheinfleisch zu leben] zurückzukommen. (2) Trotzdem wollten sie sich lieber an seinen Plan halten, wenn es notwendig würde und die Hilfstruppen ausblieben, als die Möglichkeit eines Kapitulations- oder Friedensangebots in Erwägung zu ziehen. (3) Die Mandubier, die sie in ihre Stadt aufgenommen hatten, zwangen sie, mit Frauen und Kindern auszuziehen. (4) Als diese zu den Verschanzungen der Römer kamen, baten sie diese flehentlich und unter Tränen, sie in die Sklaverei aufzunehmen und mit Nahrung zu versorgen. (5) Caesar hatte jedoch Wachtposten auf dem Wall verteilt und verbot, sie aufzunehmen.

79 (1) In der Zwischenzeit gelangten Commius und die übrigen Heerführer, denen der Oberbefehl erteilt worden war, mit dem gesamten Heer vor Alesia an, lagerten auf einem Hügel außerhalb unserer Stellungen und setzten sich nicht weiter als 1 Meile von unseren Belagerungswälentfernt fest. (2) Am folgenden Tag ließen sie die Reiaus dem Lager ausrücken, die das gesamte ebene Gelände ausfüllte, das sich, wie gesagt, 3 Meilen in Längsrichtung erstreckte. Die Fußtruppen stellten sie etwas weiter von dieser Stelle entfernt auf den Anhöhen auf. (3) Von der Stadt Alesia aus konnte man auf die Ebene hinunterblicken. Als die Ersatztruppen sichtbar wurden, lief alles zusammen, wünschte sich untereinander Glück, und jeden erfüllte lebhafte Freude. (4) Sie führten di.e Truppen heraus, lagerten vor der Stadt, deckten den ersten Graben mit Flechtwerk zu und füllten ihn mit Erde auf, um sich so auf einen Ausbruch und alle möglichen Zwischenfälle vorzubereiten.

80 (1) Caesar hatte das gesamte Heer auf beiden Seiten des Befestigungsgürtels so verteilt, daß, wenn es zum Ernstfall käme, jeder an seinem Platz stünde und ihn kennte. Dann ließ er die Reiterei aus dem Lager führen und den Kampf eröffnen. (2) Von allen Lagern, die sich auf den Anhöhen ringsum befanden, hatte man einen guten Ausblick, und die Soldaten verfolgten alle gespannt den Verlauf des Kampfes. (3) Die Gallier hatten zwischen die Reiter einzelne Bogenschützen und leichtbewaffnete Fußsoldaten verteilt; falls die Reiter zurückweichen mußten, sollten sie ihnen zu Hilfe kommen und den Ansturm unserer Reiter aufhalten. Mehrere unserer Reiter wurden unvorhergesehen von ihnen verwundet und verließen den Kampfplatz. (4) Als die Gallier die Zuversicht gewannen, daß ihre Soldaten im Kampf die Oberhand behielten, und sahen, daß die Unseren von der Übermacht bedrängt wurden, unterstützten nicht nur die, die sich bei den Verschanzungen festgesetzt hatten, sondern auch die, die zur Unterstützung gekommen waren, von allen Seiten den Mut der Ihren durch Geschrei und Kampfesrufe. .....

[Dennoch dringen die gallischen Ensatztruppen nicht durch die römischen Befestigungen vor, weil diese zu effektiv ausgebaut sind. Ein erster und zweiter Angriff innerhalb mehrerer Tage schlagen fehl. Es kommt zu einem besonders gut in der Nacht und auf reklativ günstigem Gelände vorbereiteten dritten Angriff.]

84 (1) Als Vercingetorix seine angreifenden Landsleute von der Burg Alesia aus erblickte, zog er aus der Stadt und ließ Reisiggeflecht, lange Stangen, Schutzdächer, Sicheln und alles andere, was er für einen Ausfall vorbereitet hatte, mitnehmen. (2) Überall wurde gleichzeitig gekämpft, und alle versuchten ihr Äußerstes. Wo unsere Stellung am schwächsten schien, da liefen die Feinde zusammen. (3) Die kleine Schar der Römer war dagegen durch den Umfang der Verschanzungen weit auseinandergezogen und konnte nur mit Mühe dem Feind an mehreren Stellen zugleich entgegentreten. (4) Zudem trug das Kampfgeschrei, das sich im Rücken der Kämpfenden erhob, viel dazu bei, unsere Soldaten zu erschrecken, weil sie sahen, daß sie in ihrer Gefahr auf die Tapferkeit der anderen angewiesen waren. (5) Denn in der Regel bringt die Menschen alles, was sie nicht sehen, viel heftiger in Verwirrung.

85 (1) Caesar hatte eine geeignete Stelle gefunden, von der aus er beobachten konnte, was an den einzelnen Punkten geschah. Wenn seine Soldaten in Bedrängnis gerieten, sandte er ihnen Unterstützung. (2) Beiden Seiten war klar, daß dies der Augenblick sei, wo man sich aufs äußerste anstrengen müsse. (3) Die Gallier mußten alle Hoffnung auf Rettung aufgeben, wenn sie unsere Verschanzungen nicht durchbrachen. Die Römer konnten das Ende aller ihrer Anstrengungen erwarten, wenn sie sich behaupteten. (4) Bei den höher gelegenen Verschanzungen wurde am heftigsten gekämpft. Wie erwähnt, war Vercassivellaunus dorthin gesandt worden. Hier war das ungünstige Gelände mit dem steilen Abhang von großer Bedeutung. (5) Die einen Feinde warfen Geschosse, die anderen rückten im Schutz eines Schilddaches vor. Immer wieder wurden erschöpfte Soldaten durch frische Kräfte abgelöst. (6) Da die Gallier unsere Befestigungen überall mit Erde zugeschüttet hatten, konnten sie heraufkommen, wobei sie die Einrichtungen, die die Römer in der Erde verborgen hatten, zudeckten. Unsere Soldaten hatten mit der Zeit nicht mehr genügend Waffen und Kräfte.

86 (1) Als Caesar von dieser Lage erfuhr, sandte er den Bedrängten Labienus mit sechs Cohorten zu Hilfe. (2) Er gab Anweisung, die Cohorten herabzuführen und die feindlichen Linien zu durchbrechen, wenn sie ihre Stellung nicht halten könnten. Labienus sollte dies jedoch nur im äußersten Notfall tun. (3) Caesar selbst begab sich zu den restlichen Truppen und feuerte sie an, sich nicht von der Anstrengung überwältigen zu lassen. Er erklärte, die Früchte aller vorhergegangenen Kämpfe stünden an diesem Tag und zu dieser Stunde auf dem Spiel. (4) Die Feinde, die auf der Innenseite angriffen, gaben es wegen des großen Umfanges der Befestigung auf, in die Ebene durchzubrechen, und versuchten nun, die steilen Abhänge zu ersteigen. Hierher brachten sie alles, was sie vorbereitet hatten. (5) Mit einer Unzahl von Wurfgeschossen vertrieben sie unsere Widerstand leistenden Soldaten von den Türmen, füllten die Gräben mit Erde und Strauchwerk aus und rissen den Wall und die Brustwehr mit Mauersicheln ein.

87 (1) Zunächst sandte Caesar den jungen Brutus mit einigen Cohorten zu Hilfe, dann den Legaten C. Fabius mit weiteren Cohorten. Als immer heftiger gekämpft wurde, setzte er sich selbst an die Spitze frischer Cohorten, die er rasch zur Unterstützung heranführte. (2) Daraufhin begann die Schlacht von neuem, und die Feinde wurden in die Flucht geschlagen. Jetzt eilte Caesar zu der Stelle, wohin er Labienus gesandt hatte. Aus dem nächsten Castell führte er vier Cohorten herab und befahl einem Teil der Reiter, ihm zu folgen, anderen, die äußeren Verschanzungen zu umgehen und den Feind von hinten anzugreifen. (3) Da weder unsere Erdaufschüttungen noch unsere Gräben dem Ansturm des Feindes standhalten konnten, hatte Labienus elf Cohorten zusammengezogen, die er gerade aus den nächstgelegenen Castellen heranführen konnte, und ließ Caesar durch einen Boten wissen, wie er jetzt vorgehen wolle. Caesar beeilte sich, selbst in den Kampf einzugreifen.

88 (1) Als die Gallier Caesars Heranrücken an der Farbe seiner Kleidung, die er gewöhnlich als Erkennungszeichen im Kampf trug,' erkannten, zugleich die Reiterabteilungen und Cohorten sahen, denen er befohlen hatte, ihm zu folgen, begannen sie den Kampf, denn von den Anhöhen aus konnten sie die Steigungen und Senkungen überblicken. (2) Auf beiden Seiten erhob man das Kampfgeschrei, das unmittelbar darauf vom Wall und von allen Punkten der Befestigungslinie aufgenommen wurde. Unsere Soldaten verzichteten auf die Wurfspieße und kämpften gleich mit dem Schwert. (3) Plötzlich wurde im Rücken der Feinde die Reiterei sichtbar, während zugleich weitere Cohorten anrückten. Da wandten sich die Feinde zur Flucht, doch trat die Reiterei den Fliehenden entgegen. Es gab ein großes Gemetzel. Der Führer und Stammesfürst der Lemovicer, Sedullus, fiel. (4) Der Arverner Vercassivellaunus wurde auf der Flucht lebend gefangen. 74 erbeutete Feldzeichen wurden Caesar überbracht. Nur wenige aus der riesigen Zahl retteten sich unversehrt ins Lager. (5) Als die Feinde von der Stadt aus sahen, wie die Ihren fielen oder flohen, gaben sie die Hoffnung auf Rettung auf und wichen mit ihren Truppen von den römischen Befestigungslinien zurück. (6) Auf die Nachricht hiervon flohen die Gallier ihrerseits darüber hinaus auch aus dem Lager. Wenn unsere Soldaten nicht durch die zahlreichen Einsätze und die Anstrengung des ganzen Tages erschöpft gewesen wären, hätten sie die gesamte Streitmacht des Feindes vernichten können. (7) Caesar schickte die Reiterei aus, die die Nachhut der Feinde um Mitternacht erreichte und eine große Zahl von ihnen fing oder tötete. Die übrigen Feinde flohen und zogen zu ihren jeweiligen Stämmen.

89 (1) Am folgenden Tag berief Vercingetorix eine Versammlung ein und wies darauf hin, daß er diesen Krieg nicht um seiner eigenen Interessen, (2) sondern um der gemeinsamen Freiheit willen unternommen habe. Da man sich nun in den Willen des Schicksals fügen müsse, stehe er ihnen für beides zur Verfügung, sei es, daß sie den Römern durch seinen Tod Genugtuung leisten oder ihn lebend ausliefern wollten. Zu Verhandlungen darüber schickte man Gesandte an Caesar. (3) Er befahl, die Waffen auszuliefern und ihm die führenden Männer vorzuführen. (4) Er selbst nahm auf der Befestigung vor dem Lager Platz. Dort wurden ihm die feindlichen Heerführer vorgeführt. Vercingetorix wurde ausgeliefert, und die Waffen wurden niedergelegt. (5) Unter Schonung der Haeduer und Arverner, deren Stämme er durch Vermittlung ihrer führenden Männer für sich zu gewinnen hoffte, wies er dem ganzen Heer aus den restlichen Gefangenen je einen als Beute zu.

90 (1) Nach diesen Maßnahmen brach Caesar zu den Haeduern auf und nahm sie wieder unter seine Schutzherrschaft. (2) Die Arverner schickten Gesandte dorthin mit der Zusage, alles zu tun, was er befehle. Er forderte die Stellung einer großen Zahl von Geiseln. Dann sandte er die Legionen in die Winterlager. (3) Den Haeduern und Arvernern gab er ungefähr 20 000 Gefangene zurück. (4) T. Labienus wies er an, mit zwei Legionen und der Reiterei ins Gebiet der Sequaner aufzubrechen, und gab ihm zur Unterstützung M. Sempronius Rutilus mit. (5) Den Legaten C. Fabius und L. Minucius Basilus legte er mit zwei Legionen zu den Remern, um zu verhindern, daß diese durch die angrenzenden Bellovacer in Bedrängnis gerieten. (6) Mit je einer Legion schickte er C. Antistius Reginus zu den Ambivaretern, T. Sextius zu den Biturigern und C. Caninius Rebilus zu den Rutenern. (7) Q. Tullius Cicero und P. Sulpicius stationierte er im Gebiet der Haeduer am Arar in Cavillonum und Matisco, wo sie die Getreideversorgung übernehmen sollten. Er selbst beschloß, den Winter in Bibracte zu verbringen. (8) Als die Erfolge dieses Jahres in Rom bekannt wurden, ehrte man ihn mit einem Dankfest von 20 Tagen.


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .