Die Abwehr der Germanengefahr von Italien. Aus: Plutarch, Parallelbiographien, Pyrrhos - Marius, Marius 11 - 27.

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Übersetzung von J. F. Kaltwasser (1799 - 1806 )in der Bearbeitung von Hans Foerke (1913), Gesamtausgabe in sechs Bänden, Bd. 3, München o. D. (um 1960), aus S. 108 - 126.


11. [Nunmehr trat eine Gefahr ein], welche von Westen her Italien bedrohte. Der Staat jbedurfte nun eines großen Feldherrn und sah sich nach einem Manne um, dessen er sich als Steuermann bedienen könne, um einem so großen Kriegsgewitter zu entrinnen. Da nun niemand aus den vornehmen und reichen Häusern dazu bereit war, schritt man zur Wahl der Consuln und ernannte Marius selbst in seiner Abwesenheit dazu.

Kaum war nämlich die Nachricht von der Gefangenschaft Jugurthas in Rom eingelaufen, als sich auch das Gerücht von den Teutonen und Cimbern verbreitete, welches anfangs bezüglich der Größe und Stärke der anrüdcenden Heere Glauben fand, nachher aber weit unter der Wahrheit befunden wurde. Denn der Zug bestand aus dreihunderttausend streitbaren Männern in Waffen, und diese sollten eine noch weit größere Schar von Weibern und Kindern mit sich führen, um ein Land zu suchen, das diese große Menge ernähren könne, und Städte, worin sie sich niederlassen wollten, so wie sie hörten, daß vor ihnen die Kelten den besten Teil von Italien den Etruriern abgenommen hätten.

Weil diese Völker mit anderen in gar keinem Verkehr standen und von so weit her kamen, wußte man nicht, wer sie eigentlich waren, oder aus welchen Gegenden sie wie eine Wolke über Gallien und Italien hereinbrachen. Aus ihrer besonderen Körpergröße, aus ihren blauen Augen und dem Namen Cimbern, den die Germanier den Räubern beilegten, vermuteten die meisten, daß sie zu den germanischen Völkerschaften, die am Nordmeer wohnen, gehören.

Einige behaupteten, das keltische Land erstrecke sich wegen seiner Tiefe und großen Ausdehnung vom äußeren Meere und den nördlichen Himmelsstrichen ostwärts nach dem Maiotischen See [scil. Asowsches Meer] hin und stoße an das pontische Skythien; von da seien diese Scharen, ein Gemisch mehrerer Stämme, nicht in einem Zuge, noch ununterbrochen ausgezogen, sondern alle Jahre im Frühling weiter vorgerückt und hätten so lange Zeit hindurch das Festland mit Krieg verheert. Daher gab man dem Heere, das nach einzelnen Teilen vielerlei Benennungen führte, den allgemeinen Namen Keltoskythen.

Andere hingegen sind der Meinung, die Kimmerier, die zuerst den älteren Griechen bekannt geworden waren, seien nur ein kleiner Teil des Volkes gewesen, etwa ein einzelner Stamm oder eine abgetriebene Sippe, die, von den Skythen verdrängt, unter Anführung eines gewissen Lygdamis vom mäotischen See nach Asien ausgewandert war. Der größte und kriegerischste Teil von ihnen wohne in den entferntesten Gegenden am äußeren Meere und besitze ein schattiges, finsteres Land, das wegen der vielen dichten Wälder, die sich bis an die herkynischen erstrecken sollen, von der Sonne wenig beschienen wird. In ihrem Breitengrad erreichte der Pol eine außerordentliche Erhöhung und scheine wegen der Neigung der Parallelkreise nur ein wenig von dem Scheitelpunkt der Einwohner entfernt zu sein; auch seien dort die Tage an Kürze und Länge den Nächten völlig gleich und teilten das Jahr in zwei Hälften; und dies alles sei für Homer ein reichlicher Stoff für seine mythologische Schilderung der Unterwelt gewesen.

Von daher sollen die Barbaren, die urprünglich Kimmerier, damals aber nicht unberechtigt Cimbern hießen, gegen Italien gezogen sein.

Diese Angabe beruht jedoch mehr auf Vermutung als auf sicheren historischen Kenntnissen. Darin aber stimmen die meisten Geschichtsschreiber überein, daß die Zahl dieser Barbaren nicht kleiner, sondern eher größer gewesen ist, als ich vorhin gemeldet habe. Dabei waren sie von unwiderstehlichem Mut und Tatendrang, und in Schlachten brachen sie gleich dem Feuer mit solcher Gewalt und Schnelligkeit ein, daß ihrem Angriff niemand standhalten konnte, vielmehr alle Völker, zu denen sie kamen, für sie eine sichere Beute waren, und selbst viele große Heere und Feldherren der Römer, welche das jenseits der Alpen liegende Gallien beschützen sollten, schändiidi aufgerieben wurden. Diese waren es auch, welche durch ihre Niederlagen die Barbaren bewogen, gegen Rom anzurücken. Denn nachdem sie die, welche ihnen Widerstand leisteten, überwunden und große Reichtümer erbeutet hatten, beschlossen sie, sich in keinem Lande eher festzusetzen, als bis sie Rom zerstört und ganz Italien ausgeplündert hätten.

12. Auf diese Nachrichten, die den Römern von allen Seiten her zukamen, übertrugen sie Marius das Kommando, und er wurde zum zweitenmal zum Consul ernannt, obwohl das Gesetz es verbot, einen in seiner Abwesenheit vor Ablauf der bestimmten Zwischenzeit nach dem ersten Konsulat wiederzuwählen. Das Volk jedoch wies alle Widersprüche ab. Es vertrat die Meinung, es sei weder das erste Mal, daß das Gesetz hinter das Wohl des Staates treten müsse, noch sei die gegenwärtige Veranlassung dazu weniger dringend, als seinerzeit bei der im Wege des [scil. die Rechtsregeln partiell außer kraft setzenden] Ausnahmezustandes erfolgten Ernennung Scipios zum Consul; denn damals hätten sie nicht aus Furcht um den Verlust der Stadt so gehandelt, sondern aus dem Verlangen nach der Zerstörung Karthagos. Dies leuchtete ihnen ein, und so wurde Marius mit seiner Armee aus Afrika zurückgerufen.

Am ersten Tage des Januar, den die Römer als den Anfang des Jahres feiern, übernahm er nicht nur das Konsulat, sondern hielt auch seinen Triumph, wobei er den Römern mit dem gefangenen Jugurtha ein Schauspiel zeigte, das sie kaum glauben konnten, weil niemand zu Jughurtas Lebzeiten noch das Ende des Krieges in Afrika zu sehen erwartet hatte: so geschickt hatte dieser Mann alle Glücksfälle benutzt, so sehr hatte er seinen kühnen und feurigen Mut mit viel Verschlagenheit vereinigt. Während des Aufzuges verlor er, wie man sagt, seinen Verstand, und nach beendetem Triumphe wurde er [scil. zum Zweck des Verhungerns] in das dafür bestimmte Verließ geworfen. Dabei rissen ihm einige mit Gewalt das Kleid vom Leibe, andere, die der goldenen Ohrgehänge sich zu bemächtigten eilten, rissen ihm das Ohrläppchen zugleich mit ab, und als er so nackt und bloß in eine tiefe Grube hinabgestoßen wurde, rief er voller Verwirrung grinsend: »Beim Herkules! wie kalt ist euer Bad!« Hier empfing er den verdienten Lohn für seine Verbrechen, nachdem er sechs Tage lang mit dem Hunger gekämpft und noch bis zum letzten Augenblick auf die Erhaltung des Lebens gerechnet hatte. Bei diesem Triumphe sollen 3007 Pfund Gold, 5775 Pfund ungemünztes Silber und an Münzen 17 028 Drachmen eingebracht worden sein. Gleich nach dem Aufzug ließ Marius den Senat auf dem Kapitol zusammenkommen und trat entweder aus Versehen oder aus einem nicht sehr taktvollen Stolz über sein Glück im Triumphgewand ein. Als er aber merkte, daß der Senat darüber ungehalten war, ging er hinaus, legte die mit Purpur verbrämte Toga an und begab sich dann wieder in die Versammlung.

13. Bei dem nun beginnenden Feldzug gegen die Cimbern härtete Marius seine Truppen noch unterwegs ab, übte sie auf mancherlei Art im Laufen, hielt sie zu starken Märschen an und zwang sie, nicht nur ihr Gepäck selbst zu tragen, sondern auch ihre Speisen mit eigener Hand zu bereiten. Daher pflegte man auch in der Folge arbeitsame Leute, die sich stillschweigend und gutwillig allen Befehlen unterwarfen, 'marianische Maulesel' zu nennen. Einige jedoch geben für diese Benennung eine andere Ursache an. Als Scipio, sagen sie, bei der Be- lagerung von Numantia nicht nur die Waffen und Pferde, sondern auch die Maultiere und Wagen seiner Soldaten besichtigen wollte, ob sie von jedem sauber gepflegt würden, führte ihm Marius ein von ihm selbst sehr sorgfältig gewartetes Pferd und ein Maultier vor, das an gutem Aussehen, an Stärke und Sanftmut die anderen weit übertraf. Weil der Feldherr an diesen Tieren Vergnügen fand und sie oft erwähnte, pflegte man nun scherzweise einen unermüdlichen, geduldigen und arbeitsamen Mann zum Lobe einen 'marianischen Maulesel' zu nennen.

14. Ein besonderes Glück scheint es für Marius gewesen zu sein, daß die Barbaren in ihrem Anmarsch, wie eine hereinbrechende Flut, wieder zurücktraten und vorher Spanien überschwemmten. Denn dadurch gewann er Zeit, nicht nur seine Soldaten körperlich zu ertüchtigen, sondern auch ihren Mut zu stärken, vor allen Dingen aber ihnen [scil. als Feldherr] näher und genauer bekannt zu werden. Sein sonst so finsteres und mürrisches Wesen, seine unerbittliche Härte im Strafen kam ihnen jetzt, da sie gewöhnt waren, sich keinen Fehler oder Ungehorsam zuschulden kommen zu lassen, sehr gerecht, ja sogar heilsam vor, und sie glaubten, daß sein aufbrausender Charakter, seine rauhe Stimme, sein wilder Blick, womit sie nach unc nach vertraut geworden waren, nicht für sie, sondern für die Feinde furchtbar sei. Mehr als alles andere gefiel den Soldaten aber seine Unparteilichkeit, die er als Richter bewies. ......

15. Auf die Nachricht, daß die Feinde jetzt im Anmarsch seien, ging Marius in aller Eile über die Alpen, befestigte sein Lager an der Rhône und schaffte einen reichlichen Vorrat dorthin, damit er nie aus Mangel an Lebensmitteln zu einer Schlacht gezwungen sei, ehe er seinen Vorteil ersehen harte Zugleich war er darauf bedacht, den Nachschub für die Armee, der bislang langwierig und kostspielig war, leichter und schneller zu bewerkstelligen. Die Mündungen der Rhone waren nämlich durch die Flut des Meeres verschlammt und von den eindringenden Wellen mit Sandbänken so verstopft, daß für die Provjantschiffe nur eine schmale und beschwerliche Einfahrt übrig blieb. Marius ließ daher durch seine Armee, die gerade nichts zu tun hatte, einen großen Kanal graben, leitete dahinein einen guten Teil des Flusses und führte ihn herum bis zu einem bequemen Platz an der Küste. Dadurch erhielt er einen tiefen Ausfluß ins Meer, der gegen Wind und Wellen geschützt war und große Schiffe tragen konnte. Dieser Kanal führt noch bis jetzt den Namen von ihm.

Die Barbaren trennten sich jetzt in zwei Richtungen. Die Cimbern traf das Los, oberhalb durch Noricum gegen Catulus zu marschieren und von dieser Seite mit Gewalt in Italien einzudringen; die Teutonen und Ambronen hingegen sollten durch das Land der Ligurier am Meere hin Marius entgegenrücken. Die Cimbern brauchten für ihren Weg durch Aufenthalte und Verzögerungen mehr Zeit. Die Teutonen und Ambronen aber brachen sogleich auf, zogen gleich auf die Römer zu und traten diesen alsbald in ungeheurer furchterregender Menge entgegen, mit einem Geschrei und Lärm, wie man es noch nie gehört hatte. Sie bedeckten einen großen Teil der Ebene, schlugen ihr Lager auf und forderten Marius alsbald zum Kampf heraus.

16. Allein dieser hielt, ohne sich darauf einzulassen, seine Soldaten im Lager, gab denen, die zuviel Kühnheit bewiesen, scharfe Verweise und nannte alle, die durch unzeitige Kampfeslust verleitet eine Schlacht liefern wollten, Verräter des Vaterlandes; denn jetzt seien nicht Triumpg´he und Siegeszeichen das Ziel des Ehrgeizes, sondern es komme darauf an, wie man ein so gewaltiges Kriegsgewitter wegtreiben und Italien retten könne. ........

18. Als Marius sich immer weiter still und ruhig verhielt, versuchten die Teutonen, sein Lager anzugreifen; da sie aber mit einem Pfeilregen vom Wall herab empfangen wurden und einige Verluste erlitten, beschlossen sie weiterzuziehen in der Meinung, daß sie so wohl ohne Hindernis über die Alpen kommen würden. Sie zogen also mit allem Gepäck an dem Lager der Römer vorbei, und jetzt konnte man erst recht an der Länge und Dauer des Zuges ermessen, wie ungeheuer groß ihre Zahl sein mußte; denn sie sollen sechs Tage lang in ununterbrochenem Marsche vor den Verschanzungen des Marius vorbeigezogen sein. Sie kamen auch dem Walle so nahe, daß sie die Römer mit lautem Gelächter fragten, ob sie etwas an ihre Weiber zu bestellen hätten, denn sie würden bald bei. ihnen sein.

Als die Barbaren ganz vorbei waren und ihren Marsch fortsetzten, brach Marius ebenfalls auf und folgte ihnen auf dem Fuße nach, so daß er sich immer in ihrer Nähe lagerte und dazu gut zu verteidigende Plätze wählte, die er noch verschanzen ließ, um nachts vor Überfällen sicher zu sein. Auf solche Weise rückten sie immer weiter fort und kamen endlich zu den sogenannten Sextischen Quellen, von wo sie nur noch einen kurzen Weg bis zu den Alpen hatten. Darum beeilte sich nun auch Marius, hier eine Schlacht zu liefern und ersah sich zum Lager erneut einen gut befestigten Platz. Dieser war aber schlecht mit Wasser versehen. Das entsprach der Absicht des Feldherrn , wie man sagt, seine Soldaten nun kampfbereiter zu machen. Denn als viele murrten und sich beschwerten, daß sie Durst leiden müßten, zeigte er ihnen mit der Hand den Fluß neben den Verschanzungen der Barbaren und sagte: »Dort ist für euch Getränk mit Blut zu erkaufen.« »Warum aber«, versetzten sie, »führst du uns nicht sogleich gegen die Feinde, solange das Blut in unseren Adern noch flüssig ist?« Darauf antwortete er mit gelassener Stimme: »Wir müssen erst unser Lager befestigen.«

19. Die Soldaten, so unwillig sie auch waren, ließen sich so noch beruhigen. Aber die Troßknechte, die weder für sich noch für ihre Tiere zu trinken hatten, liefen scharenweise hinab an den Fluß und trugen neben den Wassereimern Äxte und Beile, aber auch Schwerter oder Spieße mit, um sich selbst durch Kampf mit Wasser zu versehen. Anfänglich stellten sich ihnen nur wenige von den Barbaren entgegen; denn die meisten hielten eben nach einem Bade ihr Frühstück, und andere badeten sich noch in den warmen Quellen, welche in jener Gegend entspringen, und die Römer überraschten noch manche, die sich an diesem anmutigen Ort pflegten und vergnügten. Allein auf das darüber entstandene Geschrei liefen immer mehr herbei, und nun konnte Marius seine Soldaten, die sich um die Knechte sorgten, nicht länger zurückhalten, zumal auch die kampfstärkste Truppe der Feinde, von der die von Manlius und Caepio geführten Römer schon einmal geschlagen worden waren - sie hießen Ambronen und waren allein über dreißigtausend Mann stark -, sich aufmachte und zu den Waffen lief. Diese Feinde, die sich jetzt mit einer reichlichen Mahlzeit gesättigt hatten und durch den Wein noch mehr Feuer und Mut bekommen hatten, rückten aber nicht etwa in ungeordnetem, wildem Lauf oder mit wirrem Feldgeschrei heran, sondern schlugen nach einem gewissen Takt an ihre Waffen, marschierten danach alle in gleichem Schritt und riefen ständig wiederholend ihren Namen Ambronen, entweder um sich untereinander selbst zu ermuntern oder um die ihnen entgegentretenden Römer durch diese Ankündigung in Furcht zu setzen.

[Es kommt zu einem ersten Gefecht, bei dem die Ambronen wegen ungünstiger taktischer Position nach einem ordnungslosen Flußübergang schließlich geschlagen werden, nicht aber die Teutonen, mit deren Menge am folgenden Tage eine erneute Schlacht bevorsteht. Marius ist trotz des Teilerfolgs besonders vorichtig und erneut vorbereitend bemüht, den Feind in eine ungünstige taktische Lage zu manövrieren. ]

20. ..... Inzwischen schickte Marius, weil über dem Haupte der Barbaren abschüssige Berge und mit Waldungen besetzte Täler lagen, den Claudius Marcellus mit dreitausend Mann Fußvolk dahin und befahl ihm, sich auf die Lauer zu legen und während des Kampfes den Feinden in den Rücken zu fallen. Die übrigen Truppen, die zur rechten Zeit zu Abend gegessen und sich schlafen gelegt hatten, stellte er bei Anbruch des Morgens vor dem Lager in Schlachtordnung auf und schickte die Reiterei in die Ebene voraus. Als die Teutonen sie erblickten, konnten sie nicht so lange warten, bis die Römer herabgezogen waren, um mit ihnen auf ebenem Boden zu streiten, sondern griffen in Eile und mit Grimm zu den Waffen und rückten wütend gegen den Flügel heran. Marius schickte seine Offiziere nach allen Seiten hin und ließ die Soldaten ermahnen, sie sollten ruhig auf ihren Posten stehenbleiben und die Wurfspeere nicht eher brauchen, als bis die Feinde so nahe gekommen seien, daß man sie erreichen könne, dann zum Schwerte greifen und sie mit entgegengestemmtem Schilde zurückstoßen; denn bei dem abschüssigen und schlüpfrigen Boden würden weder die Streiche der Feinde Nachdruck haben noch ihre geschlossene Stellung sich halten lassen, well ihre Körper wegen der Unebenheit immer wanken und zum Fallen geneigt sein würden. Was er den Soldaten befahl, sah man ihn selbst zuerst ausführen; denn an Gewandtheit des Körpers stand er keinem etwas nach, und an kühnem Mute ließ er alle weit hinter sich.

21. Die Römer stellten sich nun den Feinden entgegen und leisteten ihrem stürmischen Anlaufe so mutigen Widerstand, daß diese zurückgeworfen wurden und sich wieder allmählich in die Ebene zurückzogen. Schon stellten sich die vordersten auf ebenem Boden in Schlachtordnung auf, als auf einmal in den hintersten Reihen Geschrei und Verwirrung entstand. Denn Marcellus hatte den rechten Zeitpunkt ersehen und war, sobald das Getöse der Schlacht über die Hügel heraufdrang, mit seinen Leuten aufgebrochen. Jetzt fiel er im vollen Lauf und mit lautem Feldgeschrei den Feinden in den Rücken und hieb die hintersten nieder. Diese zogen die vor ihnen stehenden nach sich und verbreiteten in kurzer Zeit Unordnung über die ganze Armee. So hielten die Feinde, von zwei Seiten bedrängt, nicht lange Stand, sondern trennten die Schlachtordnung und ergriffen die Flucht.

Die Römer setzten ihnen auf dem Fuße nach und sollen mehr als hunderttausend Mann von ihnen teils gefangengenommen, teils getötet haben. Sie bemächtigten sich auch aller Zelte, Wagen und Reichtümer und beschlossen, diese ganze Beute, soweit sie nicht schon beiseite geräumt worden war, dem Marius zu überlassen. So ansehnlich auch dieses Geschenk war, welches er empfing, so glaubte man doch wegen der Größe der Gefahr, daß er für die Dienste, die er als Feldherr geleistet hatte, noch bei weitem nicht nach Würden belohnt worden sei. Andere Geschichtsschreiber stimmen weder hinsichtlich der Schenkung der Beute noch der Menge der Toten mit dieser Erzählung überein; dagegen sagen sie, die Massilier hätten mit den Gebeinen der Erschlagenen ihre Weinberge eingehegt, auch sei die Erde durch die vielen verwesten Leichname und die im folgenden Winter gefallenen Platzregen so sehr gedüngt und von der tief eingedrungenen Fäulnis so sehr durchtränkt worden, daß sie im nächsten Frühling eine unglaubliche Menge von Früchten getragen und also die Meinung des Archilochos bestätigt habe, daß durch dergleichen Dinge die Fluren fett gemacht werden. Man behauptet auch, daß nach großen Schlachten gewöhnlich starke Platzregen sich ergießen, entweder weil eine Gottheit die Erde mit reinem, vom Himmel gefallenem Wasser wieder säubert und abspült, oder weil das Blut und die Fäulnis schwere feuchte Dünste aufsteigen lassen, welche die Luft verdicken, die sich ihrer Natur nach schon durch die geringste Ursache leicht und geschwind verändern läßt.

22. Nach der Schlacht ließ Marius unter der Beute und den Waffen der Barbaren das, was noch ganz war und am meisten in die Augen fiel und also zur Verherrlichung seines künftigen Triumphs dienen konnte, aussuchen; alles übrige häufte er auf einem großen Scheiterhaufen zusammen und veranstaltete ein prachtvolles Opfer. Die ganze Armee stand in Waffen und mit Kränzen geschmückt im Kreise herum. Er selbst faßte, nachdem er sich, wie es bei den Römern Sitte ist, gegürtet und das purpurne Kleid angelegt hatte, eine brennende Fackel, hielt sie mit beiden Händen gen Himmel und war eben im Begriff, sie unter den Scheiterhaufen zu stecken, als man einige Freunde zu Pferde auf ihn zueilen sah, worüber in der ganzen Versammlung eine große Stille und Erwartung entstand. Sobald sie nahe genug waren, sprangen sie von den Pferden, begrüßten Marius und brachten ihm die angenehme Nachricht, daß er zum fiinftenmal zum Consul ernannt worden sei. Zugleich übergaben sie ihm die Briefe, die ihm dieses kundtaten. Bei der großen Freude, die sich zur Siegesfeier gesellte, erhob die ganze Armee unter kriegerischem Waffenlärm ein lautes Jubelgeschrei, und die höchsten Offiziere banden Marius neue Lorbeerkränze um, worauf er den Scheiterhaufen anzündete und das Opfer vollendete.

23. Allein jene Macht, die bei keinem großen Glück die Freude rein und ungestört bleiben läßt, sondern durch Mischung des Guten und Bösen das menschliche Leben so mannigfaltig macht - man mag sie nun Schicksal, Rache der Götter oder Naturnotwendigkeit nennen - ließ wenige Tage nachher dem Marius die Nachricht von seinem Kollegen Catulus zukommen, welche sozusagen bei stillem und heiterem Wetter wiederum über Rom ein fürchterliches Ungewitter brachte.

[Der Unterfeldherr Ctaulus, welcher die Aufgabe hat, die Alpenpässe von Noricum her gegen die anrückenden Kimbern zu verteidigen, zieht sich, weil er mit den ihm zur Verfügung stehenden Truppen dies nicht glaubt garantieren zu können, in das Etsch-Tal zurück, wo er eine starke Verteidungsstellung aufbaut. Diese wird allerdings von den Kimbern erobert, sodaß sich Catulus nach Südwesten an den Po zurückziehen muß, wo das Heer des Marius ihn aufnimmt und bei Vercellae, westlich Mailand, den Kimbern eine Entschediungsschlacht liefert]

25. .... Beide Teile beobachteten die [völlig unüblich nach einer Unterhandlung] festgesetzte Zeit und stellten sich gegeneinander in Schlachtordnung auf. Catulus hatte 20 300 Mann unter seinem Kommando, die Armee des Marius aber war 32 000 Mann stark und wurde auf die Flügel verteilt, so daß Catulus in der Mitte stand. So berichtet Sulla, der der Schlacht beiwohnte. Dieser meint auch, Marius habe die Truppen absichtlich so gestellt, in der Hoffnung, daß die Kolonnen der Feinde sich besonders auf die Flügel und Flanken werfen sollten, damit der Sieg nur seinen Soldaten zugeschrieben würde, Catulus aber an dem Kampf weder teilnehmen, noch zum Angriff kommen könne, weil das Zentrum, wie es bei einer großen Front gewöhnlich der Fall ist, eine Vertiefung bekäme. Catulus selbst soll zu seiner Verteidigung darauf hingewiesen und den Marius arglistiger Täuschung gegen ihn beschuldigt haben.

Auf Seiten der Cimbrer rückte das Fußvolk langsam aus den Verschanzungen und stellte sich in einer Tiefe, die der Front gleich war; denn jede Seite der Schlachtordnung hatte eine Breite von dreißig Stadien. Ihre Reiterei, die fünftausend Mann stark war, zog mit vielem Gepränge heran. Sie trugen Helme, die den Rachen fürchterlicher Tiere glichen und andere seltsame Formen hatten; auf diesen standen hohe Federbüsche in Form von Flügeln, wodurch sie um vieles größer erschienen. Dabei waren sie mit eisernen Harnischen und weißen Schilden bewaffnet, die einen blendenden Schimmer hatten. Als Geschoß führten sie zweizackige Speere und im Handgemenge selbst schwere große Schwerter.

26. Diesmal griffen sie die Römer nicht frontal an, sondern schwenkten nach rechts und rückten immer weiter vor, um die Feinde nach und nach zwischen sichund ihr Fußvolk, das zur linken Seite stand, zu bringen. Die Feldherren der Römer merkten zwar die List, aber sie konnten ihre Soldaten nicht mehr zurückhalten, welche auf das Geschrei eines unter ihnen, daß die Feinde zu entfliehen suchten, sich alle in Marsch setzten, um sie zu verfolgen. Inzwischen rückte auch das Fußvolk der Barbaren, gleich den Wogen eines ungeheuren Meeres, heran. Da wusch Marius seine Hände, hob sie gen Himmel und gelobte den Göttern ein Opfer von hundert Rindern; auch Catulus hob seine Hände empor, betete und weihte das 'Glück dieses Tages'. Bei dem Opfer soll Marius, als ihm die Eingeweide gezeigt wurden, laut gerufen haben: »Der Sieg ist mein!«

Nach dem Beginn des Angriffs stieß, wie Sulla bemerkt, dem Marius etwas zu, was als göttliche Strafe angesehen werden konnte. Es erhob sich nämlich, wie leicht zu denken, ein entsetzlicher Staub und überzog die beiden Armeen so sehr, daß Marius, als er zuerst mit seinen Truppen die Verfolgung aufnahm, die Feinde gänzlich verfehlte, neben ihrer Schlachtordnung vorbeizog und eine Zeitlang in der Ebene umherirrte. Indes stießen die Barbaren zufälligerweise auf Catulus, und so kam dieser mit seinen Legionen zum Hauptkampf, an dem auch Sulla nach seiner Aussage teilgenommen hat.

Für die Römer war hier die Hitze und die Sonne, die den Cimbern gerade ins Gesicht schien, ein großer Vorteil. Diese Leute waren gewöhnt, Kälte zu ertragen und, wie schon oben bemerkt wurde, in kalten schattigen Ländern aufgewachsen. Daher wurden sie durch die Hitze ganz entrkäftet, gerieten keuchend in einen heftigen Schweiß und mußten die Schilde vor das Gesicht halten. Denn die Schlacht fand kurz nach der Sommerwende statt, wie die Römer zählen, drei Tage vor dem Neumonde des Augustus oder, wie der Monat damals hieß, Sextilis. Auch der Staub, der die Feinde verbarg, war für die Römer vorteilhaft und stärkte ihren Mut, weil sie die ungeheuere Menge nicht sahen, und alle nur mit denen kämpften, auf die sie eben trafen, ohne vorher durch den Anblick erschreckt zu werden. Dabei waren die Körper der Römer so abgehärtet und an Strapazen gewöhnt, daß man bei der großen Wärme keinen schwitzen oder keuchen sah, obwohl der Angriff in vollem Laufe geschah, wie Catulus selbst zum Lobe seiner Soldaten berichten soll.

27. Dort wurde also der größte und kampfstärkste Teil der Feinde niedergemacht; denn um nicht getrennt zu werden, hatte sich das erste Glied mit langen Ketten, die an den Gürteln befestigt waren, zusammengebunden. Die Römer trieben die Fliehenden bis zu ihren Verschanzungen zurück, und hier eröffnete sich ihnen ein höchst tragischer Anblick. Die Weiber standen in schwarzer Kleidung auf den Wagen und töteten die Flüchtlinge ohne Rücksicht, ob sie ihre Männer, ihre Väter oder ihre Brüder waren; mit eigenen Händen erdrosselten sie die kleinen Kinder, warfen sie unter die Räder und die Füße der Lasttiere und brachten sich dann selbst um. Eine hatte sich, wie man erzählt, an eine Deichsel gehängt, und an ihren Fersen hingen auf beiden Seiten die Kinder mit Stricken angebunden. Die Männer banden sich, da keine Bäume da waren, mit dem Hals an die Hörner oder Beine der Ochsen, reizten dann diese mit Stacheln und wurden so von den wütenden Tieren fortgeschleppt und zertreten. Obwohl viele auf diese Weise umkamen, wurden doch mehr als sechzigtausend Mann zu Gefangenen gemacht, aber die Zahl der Toten soll zweimal so groß gewesen sein.

Den Soldaten des Marius fiel die reichste Beute in die Hände, die Waffen, die Fahnen und Trompeten aber wurden, wie man sagt, in das Lager des Catulus gebracht, und dies führte Catulus nachher als den stärksten Beweis an, daß der Sieg auf seiner Seite errungen worden sei. Da jedoch auch unter den Soldaten, wie leicht zu denken, darüber Streit entstand, wählte man die eben anwesenden Abgeordneten von Parma zu einer Art von Schiedsrichtern. Die Leute des Catulus führten sie unter den Toten der Feinde herum und zeigten, daß die meisten von ihnen mit ihren Wurfspeeren durchbohrt waren; denn die Speere waren daran kenntlich, daß Catulus seinen Namen auf den Schaff hatte einschneiden lassen.

Bei alledem bewirkte es teils der vorherige Sieg, teils die höhere Würde, daß dem Marius das ganze Werk zugeschrieben wurde Das gemeine Volk nannte ihn sogar den dritten Erbauer Roms, weil er eine Gefahr abgewendet hatte, die man für nicht geringer hielt, als die von den Kelten. Alle Bürger feierten zu Hause mit ihren Weibern und Kindern Feste, brachten dem Marius so gut wie den Göttern Trankopfer und verlangten, daß er beide Triumphe allein halte. Allein er tat dieses nicht, sondern triumphierte mit Catulus, um bei einem so großen Glück Maß zu halten, da er auch befürchtete, die Soldaten möchten sich widersetzen und, wenn Catulus von der Ehre ausgeschlossen würde, ihn ebenfalls nicht triumphieren lassen.


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .