Der 'Spartakuskrieg' in der Darstellung Plutarchs: Crassus 8 - 11.

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Große Griechen und Römer. Eingeleitet und übersetzt von Konrat Ziegler, Bd. 2, Zürich und Stuttgart 1954, Nikias - Crassus, S. 199 - 294 (252 - 258)


8. Der Aufstand der Gladiatoren und die Verheerung Italiens, die bei den meisten Autoren den Namen Spartacuskrieg führt, entwickelte sich aus folgendem Anlaß. Ein gewisser Lentulus Vatia unterhielt in Capua Gladiatoren, von denen die meisten Gallier und Thraker waren, welche nicht wegen schwerer Vergehen, sondern durch die Ungerechtigkeit ihres Herrn, der sie gekauft hatte, zwangsweise eingesperrt worden waren, um als Gladiatoren verwendet zu werden. Von ihnen beschlossen zweihundert auszureißen, aber da die Sache verraten wurde, gelang es nur achtundsiebzig, die zur rechten Zeit davon erfuhren und den Augenblick ergriffen, aus einer Küche Messer und Bratspieße an sich zu nehmen und zu entfliehen. Unterwegs begegneten sie Wagen, die Fechterwaffen nach einer anderen Stadt beförderten, rissen sie an sich und bewaffneten sich. Hierauf besetzten sie einen festen Platz und wählten sich drei Anführer, von denen der erste Spartacus war, ein Thraker aus dem Stamme der Maider, der nicht nur einen stolzen Sinn und große Körperkraft besaß, sondern auch durch Verstand und Herzensgüte besser war als sein Stand und sein Schicksal und hellenischer als seine Geburt. Ihm soll sich, als er zuerst zum Verkauf als Sklave nach Rom gebracht wurde, während er schlief, eine Schlange um das Gesicht gewunden haben, und die Frau des Spartacus, vom gleichen Stamm, doch mit prophetischer Kraft begabt und teilhaft der Weihen des Dionysos, erklärte die Erscheinung für hochbedeutsam, Vorzeichen einer großen und furchtbaren Macht, die ihm zuteil werden, aber zu einem unglücklichen Ende führen werde. Sie war damals auch bei ihm und nahm teil an seiner Flucht.

9. Zuerst schlugen sie die Leute, die von Capua gegen sie ausgesandt wurden, in die Flucht, bekamen so viele Kriegswaffen in die Hand und wechselten sie mit Freuden gegen die Gladiatorenwaffen aus, die sie als entehrend und barbarisch wegwarfen. Als darauf der Praetor Clodius mit dreitausend Mann von Rom gegen sie geschickt wurde und sie auf einem Berge belagerte, der nur einen schwierigen und schmalen Abstieg hatte, welchen Clodius besetzt hielt, auf allen anderen Seiten steile Felsabstürze, aber oben von vielen wilden Weinstöcken bewachsen war, schnitten sie die brauchbaren Weinranken ab und fochten daraus haltbare Leitern, so lang, daß sie, oben an der Spitze des Felsens befestigt, bis zum Boden hinabreichten. Auf diesen Leitern stiegen sie sicher hinab bis auf einen. Dieser blieb der Waffen wegen oben, ließ sie, als alle hinuntergestiegen waren, ebenfalls hinab und brachte sich schließlich auch selbst in Sicherheit. Die Römer bemerkten nichts davon. Daher umgingen die Sklaven sie und erschreckten sie durch ihren plötzlichen Angriff, schlugen sie in die Flucht und eroberten ihr Lager. Jetzt liefen ihnen viele der Rinder- und Schafhirten der Gegend zu, handfeste, schnellfüßige Leute, die sie teils mit schweren Waffen versahen, teils als Vorposten und leichte Truppen verwendeten.

Als zweiter Feldherr wurde gegen sie Publius Varinus ausgesandt. Mit seinem Unterfeldherrn Furius, der dreitausend Mann führte, stießen sie zuerst zusammen und schlugen ihn. Dann lauerte Spartacus seinem Ratgeber und Kollegen Cossinius, der mit einer bedeutenden Streitmacht gegen ihn gesandt wurde, auf, während er bei Salinae badete, und fing ihn um ein Haar. Cossinius konnte noch eben mit großer Mühe entrinnen, aber Spartacus bemächtigte sich sofort seines Gepäcks, folgte ihm auf den Fersen und nahm unter vielem Blutvergießen sein Lager, wobei auch Cossinius fiel. Den Praetor selbst besiegte er noch in vielen anderen Gefechten und fing schließlich auch noch seine Liktoren und sein Roß'.

Spartacus war nun bereits groß und furchtbar, ließ sich aber nicht verblenden, sondern da er nicht erwartete, die rön\ische Macht wirklich besiegen zu können, so führte er das Heer den Alpen zu in dem Gedanken, man solle sie überschreiten und dann in die Heimat ziehen, die einen nach Thrakien, die anderen nach Gallien. Aber die Leute, schon zu einer gewaltigen Masse angeschwollen und übermütig geworden, gehorchten nicht, sondern durchzogen Italien und verwüsteten es. Jetzt war es nicht mehr nur das Unwürdige und Schimpfliche, was den Senat an dem Aufruhr beunruhigte, sondern die Furcht vor einer wirklichen Gefahr veranlaßte ihn, wie zu einem der größten und schwierigsten Kriege beide Konsuln zugleich auszusenden. Der eine von ihnen, Gellius, überfiel plötzlich den germanischen Heerhaufen, der sich aus vermessenem Übermut von den Spartacusleuten getrennt hatte, und vernichtete ihn völlig. Dem Lentulus aber, der den Spartacus mit bedeutenden Streitkräften eingekreist hatte, trat dieser entgegen und lieferte ihm eine Schlacht, besiegte seine Unterfeldherren und erbeutete ihre ganze Ausrüstung.

Als er jetzt gegen die Alpen hindrängte, begegnete ihm Cassius, der Statthalter des oberitalischen Gallien , an der Spitze von zehntausend Mann, wurde in einer sich entspinnenden Schlacht geschlagen, erlitt schwere Verluste und konnte mit Mühe selber entrinnen.

10. Als das der Senat erfuhr, befahl er den Konsuln voll Zorn, das Kommando niederzulegen, und ernannte für die weitere Führung des Krieges den Crassus zum Feldherrn. Mit ihm zogen wegen seines Ruhmes und aus Freundschaft viele vornehme Männer ins Feld. Er selbst hielt vor den Grenzen von Picenum, um den dorthin ziehenden Spartacus zu empfangen, und sandte seinen Unterfeldherrn Mummius mit zwei Legionen auf Umwegen in den Rücken des Feindes mit dem Befehl, ihm zu folgen, doch ohne sich in ein Gefecht oder auch nur in ein Geplänkel einzulassen. Aber Mummius lieferte ihm, sowie sich eine günstige Gelegenheit zu bieten schien, eine Schlacht und wurde geschlagen, und viele fanden den Tod, viele retteten sich auch unter Hinterlassung der Waffen durch die Flucht. Crassus empfing den Mummius mit harten Vorwürfen und ließ den Soldaten neue Waffen geben, doch so, daß er Bürgen dafür verlangte, daß sie sie hüten würden. Fünfhundert Mann aber, die zuerst und am schimpflichsten geflohen waren, ließ er in fünfzig Abteilungen zu je zehn teilen und aus jeder Abteilung einen Mann, den das Los traf, hinrichten, womit er eine alte militärische Strafart, die lange Zeit geruht hatte, wieder aufnahm. Die Art der Hinrichtung ist mit besonderer Schande verbunden, und viele grauenhafte und schreckliche Bräuche werden bei der Hinrichtung vor den Augen des ganzen Heeres vollzogen.

So brachte er die Leute wieder zur Zucht und führte sie dann gegen die Feinde. Spartacus wich durch Lucanien zum Meere hin aus. Da er bei der Meerenge auf einige kilikische Seeräuberschiffe traf, kam er auf den Gedanken, einen Versuch auf Sizilien zu unternehmen und zweitausend Mann nach der Insel überzusetzen, um den Sklavenkrieg dort wieder zu entfachen, der erst vor nicht langer Zeit erloschen war und nur eines geringen neuen Zündstoffes bedurfte. Die Kilikier trafen ein Abkommen mit ihm und erhielten Geschenke, betrogen ihn aber und fuhren davon. So brach er wieder von der Küste auf und setzte sich mit seinem Heere auf der Halbinsel von Rhegion fest. Crassus rückte heran, und in Erkenntnis der Aufgabe, die die topographische Beschaffenheit der Gegend ihm vorzeichnete, machte er sich daran, die Landenge durch Schanzwerke abzusperren, wodurch er zugleich seinen Soldaten die Beschäftigungslosigkeit und den Feinden die Möglichkeit der Versorgung mit Lebensmitteln nahm. Es war eine große und schwierige Arbeit, aber er schaffte und voll endete sie wider Erwarten in kurzer Zeit, und zwar ließ er von Meer zu Meer über die Landenge einen Graben von dreihundert Stadien Länge auswerfen, ebenso breit wie tief, nämlich. fünfzehn Fuß. Über dem Graben ließ er noch eine außerordentlich hohe und starke Mauer errichten. Spartacus bekümmerte sich zuerst nicht darum und beachtete die Arbeit nicht. Als er aber, da ihm die Lebensmittel ausgingen, vorrücken wollte und die Absperrung bemerkte, auch nichts mehr aus der besetzten Halbinsel zu holen war, wartete er eine Nacht ab, in der es heftig stürmte und schneite, und ließ ein nicht großes Stück des Grabens mit Erde, Holz und Baumzweigen ausfüllen, so daß erein Drittel seines Heeres hinüberbringen konnte.

11. Jetzt fürchtete Crassus, Spartacus könnte auf den Einfall kommen, gegen Rom zu ziehen, doch faßte er wieder Mut, als ein Teil des Heeres rebellierte, sich von Spartacus trennte und gesondert an dem Lukanischen See lagerte, dessen Wasser sich, wie es heißt, von Zeit zu Zeit verwandelt, süß und dann wieder salzig und untrinkbar wird. Diese Leute überfiel Crassus und drängte sie alle von dem See ab, wurde aber an ihrer Verfolgung und Niedermetzelung dadurch gehindert, daß plötzlich Spartacus erschien und die Flucht zum Stehen brachte. Zuvor hatte er schon dem Senat geschrieben, es sei nötig, Lucullus aus Thrakien und Pompejus aus Spanien herbeizurufen. Das bereute er jetzt und eilte, den Krieg, bevor jene kämen, zu Ende zu bringen, weil er wußte, daß sonst dem, der zu ihm gestoßen wäre und Hilfe gebracht hätte, nicht ihm selbst, der Ruhm des Sieges zufallen würde. Er beschloß nun, zuerst die von Spartacus Abgefallenen, die, geführt von Gaius Cannicius und Castus, gesondert lagerten, anzugreifen, und sandte sechstausend Mann aus, um einen Hügel vorweg zu besetzen, mit der Weisung, sich nach Möglichkeit verborgen zu halten. Sie versuchten zwar, sich der Beobachtung zu entziehen, indem sie die Überzüge auf den Helmen ließen, wurden aber von zwei Frauen, die es mit den Feinden hielten, gesehen und wären in große Gefahr gekommen, wenn nicht Crassus rasch herzugeeilt wäre und die erbittertste von allen Schlachten geliefert hätte, in der er zwölftausenddreihundert Feinde erlegte und unter ihnen nur zwei fand, die am Rücken verwundet waren, die anderen waren alle an ihrem Posten verharrend und gegen die Römer kämpfend gefallen.

Als nach der Niederlage dieser Abteilung Spartacus den Rückzug nach den petilinischen Bergen hin antrat, folgten ihm die Unterführer des Crassus, Quintus und der Quaestor Scrofa, in enger Fühlung. Als er plötzlich kehrtmachte, kam es zu einer allgemeinen Flucht der Römer, und mit Mühe konnten sie den Quaestor verwundet noch mitnehmen und sich in Sicherheit bringen. Dieser Sieg bewirkte den Untergang des Spartacus, da er den entlaufenen Sklaven neuen Mut einflößte. Sie wollten nicht länger dem Kampf ausweichen und gehorchten den Führern nicht, sondern schon auf dem Marsch umringten sie sie mit den Waffen in der Hand und zwangen sie, wieder zurück durch Lucanien gegen die Römer zu ziehen, womit sie den Wünschen des Crassus entgegenkamen. Denn schon kam die Meldung, daß Pompejus im Anzuge sei, und es gab bereits nicht wenige, die darauf wetteten, ihm komme der Sieg auch in diesem Kriege zu, denn sowie er da sei, werde er sofort kämpfen und dem Krieg ein Ende machen. Crassus beeilte sich also, eine Entscheidung herbeizuführen, schlug sein Lager nahe den Feinden auf und ließ einen Graben ziehen. Dagegen liefen die Sklaven an und belästigten die Arbeitenden. Da nun ständig mehr Leute von beiden Seiten zu Hilfe eilten, erkannte Spartacus die Notwendigkeit und stellte das ganze Heer in Schlachtordnung. Sein erstes war, als ihm sein Pferd vorgeflihrt wurde, daß er sein Schwert zog und mit den Worten, siege er, so werde er viele gute Pferde haben, die der Feinde nämlich, unterliege er aber, so brauche er keins, das Pferd niederstach. Hierauf drängte er durch viele Waffen und Wunden gegen Crassus selber los, erreichte ihn zwar nicht, tötete aber zwei Centurionen, die ihm entgegentraten, und als schließlich alle um ihn flohen, stand er allein noch und wurde von vielen umringt und, sich immer noch wehrend, niedergehauen.

Obwohl so Crassus seine Stunde wahrgenommen, den Krieg meisterhaft geführt und auch seine Person der Gefahr ausgesetzt hatte, so kam der Ruhm des Sieges doch Pompejus zugute. Denn die aus der Schlacht entronnenen fünftausend Mann liefen ihm in die Hände und wurden vernichtet, woraufhin er an den Senat schrieb, in offener Schlacht habe Crassus die entlaufenen Sklaven besiegt, er aber habe die Wurzeldes Krieges ausgerottet. Pompejus feierte nunmehr über Sertorius und Spanien einen glänzenden Triumph, Crassus hingegen wagte es selbst nicht einmal, den großen Triumph zu fordern, und auch der kleine Triumph zu Fuß, den er feierte, Ova genannt, galt für schmählich und unverdient, da es sich ja um einen Sklavenkrieg handelte. ....


LV Gizewski SS 2005.

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski. EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de .