Einleitung.

1. Zum Skript und zur Organisation der Lehrveranstaltung: Aufbau des Vorlesungsskripts, Nutzung der LV als Übung bei Anfertigung einer freigestellten schriftlichen Übungshausarbeit. Quellen, Literatur und Medien in der Lehrveranstaltung.

2. Zu einer 'Wirkungsgeschichte der Antike' und zu einer Lehrveranstaltung darüber: Sinn und Umfang des Themas. Die Begriffe 'Antike', 'Moderne' und 'Wirkungsgeschichte'. Die Gliederung der Bereiche einer Wirkungsgeschichte im Rahmen der europäisch-abendländischen Geschichte.

1. Zur Organisation der Lehrveranstaltung. Aufbau des Vorlesungsskripts, Nutzung der LV als Übung bei Anfertigung einer freigestellten schriftlichen Übungshausarbeit und Angaben zu Quellen, Literatur und Medien.

a) Das WWW-Skript zur Lehrveranstaltung kann und soll ihren regelmäßigen Besuch nicht ersetzen.

b) Das Skript kann und soll nur eine Übersicht über die mündlichen Ausführungen zu den einzelnen Kapiteln, die Übungstexte und die empfohlene Literatur zusammenfassen. Es enthält also:

  • die Gliederung des Vortrags mit in der Regel knapp gehaltenen Bemerkungen zu den einzelnen Kapitel-Abschnitten,
  • Literaturangaben für die LV-Teilnehmer, die sich in die Themenbereiche vertiefen möchten (und sollten),
  • Übungsaufgaben, in der Regel zwei für jedes Kapitel.

c) Die Aufgabenstellung für eine freigestellte schriftliche Übungsarbeit zur Lehrveranstaltung, mit der ein Übungsschein erworben werden kann, findet sich in der Anlage.

c) Für einzelne Übungen der Lehrveranstaltung finden sich Lösungshinweise in einer Sammlung 'Lösungshinweise'.

d) Quellen-, Literatur- Medienangaben:

Sie werden zum einen nach Bedarf in den einzelnen Kapiteln gemacht. Zum anderen gibt es für alle Sitzungen der LV eine zusammenfassende Lektüre-Liste.

An dieser Stelle folgen nur einige Angaben für die ganze Lehrveranstaltung

aa) Lexika und Gesamtdatstellungen:

Kluge, Etymologisches Lexikon der deutschen Sprache, bearbeitet von Elmar Seebold, 24. durchgesehene und erweiterte Auflage, mit Einführung und Registern, Berlin/New York 2002 (oder jünger).

Rudolf E. Keller, Die deutsche Sprache und ihre historische Entwicklung. Bearbeitet und übertragen aus dem Englischen, mit einem Begleitwort sowie einem Glossar versehen von Karl-Heinz Mulagk, Hamburg 1995 2 (oder jünger).

Gerhart Wolff, Deutsche Sprachgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Ein Studienbuch, Tübingen und Basel 2009 6.

Konrad Kunze, dtv-Atlas Namenkunde.Vor und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. Mit 105 Abbildungsseiten in Farbe (Graphiker H. J. Paul), München 1998 (oder jünger).

Die Sprache Deutsch. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin (2009), hg. von Heidemarie Anderlik und Katja Kaiser, Dresden 2009.

bb) Literatur zu den beiden Übungen dieser Einleitung::

Kluge, Etymologisches Lexikon der deutschen Sprache. wie oben.

Michael Schelenz, Latein ganz leicht. Zitate und Sprichwörter für den Alltag (mit Audio-CD), Ismaning 2008.

2. Zu einer 'Wirkungsgeschichte der Antike' im allgemeinen und zum Thema der Lehrveranstaltung im besonderen.

a) Sinn und Umfang des LV-Themas.

Der Stoff dieses Skripts wird in mehreren Semestern zu behandelt.

Mit diesem Skript wird ferner auf ein früheres ('Zur Wirkungsgeschichte der Antike in unserer Zeit') angeknüpft. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei jetzt aufseiten der 'Moderne' in exemplarischer Weise die deutsche Sprache der Gegenwart und andere Formen zeitgemäßen Ausdrucks im deutschen Sprachraum. Diese Begrenzung ist nötig, um der Fülle des generell Erörterbaren methodisch angemesssen entsprechen zu können. Natürlich könnte man auch die englische, franzsösische, italienische oder russische Sprache in irgendeiner Weise miterörtern; aber das wäre - von der sprachbeherrschung abgesehen - im zeitlichen Rahmen einer Lehrveranstaltung nicht sinnvoll. Gewissermaßen zum Ausgleich wird die Aufmerksamkeit aber auch auf die nicht-verbalen Ausdrucksformen heutiger Zeit, vor allem der bildlichen Mitteilung, gerichtet, in denen sich der Antikenbetzug ähnlich intensiv äußert wie in der gesprochenen Sprache.

Begonnen sei mit einer Zusammenstellung lateinisch-sprachiger Sprichwörter; sie entstammen der Zusammenstellung von Michael Schelenz (s. u. Literaturabgaben):

ÜBUNG 1 ZUR EINLEITUNG.
Die nachfolgende Liste enthält einige lateinisch- und griechischsprachige Sprichwörter, die noch heute im Alltagsgebrauch oft verstanden werden und verwendbar sind. Die Aufgabe besteht darin,
1. sie uns Deutsche zu übersetzen,
2. sie in ihrer Bedeutung zu erklären,
3. begründete Vermutungen über Zeit, Anlaß und Zweck ihrer Formulierung in der Antike anzustellen:
Hannibal ad portas.
Ceterum censeo Carthaginem esse delendam.
Alea iacta est.
Veni, vidi, vici.
Roma locuta, causa finita.
Pacta sunt servanda.
Cave canem.
Noli turbare circulos meos.
Nomen est omen.
Semper aliquid haeret.
Sus Minervam docet.
Si tacuisses, philosophus fuisses.
Errare humanum est.
Viros decet forma neglecta.
Rana amat ranam et ranam putat Dianam
Ad kalendas Graecas.
Ego sum alpha et omega.
Graeca non leguntur
Ho medareis anthropos ouk paideuetai [prov. lat. Umschrift].
Hope an ho logos hosper pneuma pherei, taute iteon [prov. lat. Umschrift]

Zur Einführung in das Thema sei ferner empfohlen, einmal ein etymologisches Lexikon der deutschen Gegenwartssprachsprache - wie das 'Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache' von Kluge (s. u. Literaturangaben)- zu durchblättern und dabei darauf zu achten, für welche der dort verzeichneten Wörter ein antiker, insbesondere ein lateinisch- oder griechisch-sprachiger Ursprung angegeben wird. Im folgenden sind einige Beispiel für die Gruppe der früher oder später vom antiken Lateinischen in die germanischen Sprachen übergegangener Wörter zusammengestellt.

ÜBUNG 2 ZUR EINLEITUNG.
AUFGABE:
Versuchen Sie, mit ihren gegenwärtigen geschichtlichen und sprachlichen Kenntnissen eine wortgeschichtliche (etymologische) Einschätzung folgender Wörter zu geben. Unterscheiden Sie dabei so gut wie möglich zwischen
a) solchen Wortbildungen, deren Übernahme schon früh, noch in der Antike, erfolgt sein könnte von
b) solchen, deren Entstehung dem Mittelalter oder der humanistisch geprägten Neuzeit zuzuordnen ist.

Wein,
Tisch,
Kaufen,
Tinte,
Papier,
Wanne,
Hans,
Koch,
Sklave,
Brezel,
Büchse,
Arzt,
Pflaster
Gipfel,
Grotte,
Weiher,
Aster,
Rose,
Pflaume,
Acker
Esel,
Grunzen,
Bibel,
Dom,
Engel,
Teufel,
obskur,
Fest,
Feier,
Staat,
Soldat.
Pein,
Trumpf,
Wall,
Münze,
Pacht,
Pfründe,
Zins,
Courtoisie,
Farce,
Stanniol,
Konzentration,
Attentat,
Experiment,
Essay,
Kritik,
Poesie,
Kondensat,
Atom,
Molekül,
modern,
Politik,
Nihilismus.

Die zufällig aufgeschlagenen Seiten des etymologischen Lexikons bieten manchmal zu weit mehr als der Hälfte Worte, die zusammengenommen den verschiedenen Rezeptionsepochen antiker Sprache in der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit entstammen. Um zwei Beispiele zu geben: Die Vorsilben 'kom- (com-)', 'de-', 'dis-', 're', 'hyper', 'hypo', 'apo', 'dys' - verbinden sich fast immer mit lateinisch- oder griechischstämmigen Worten. Viel weniger häufig ist das Überwiegen des germanischsprachigen Anteils in bestimmten Sprachbereichen, wie etwa in der Gruppe der Wörter mit den Vorsilben 'ver-', 'vor-', 'be-', 'ein-'. Mit beidem verglichen gering ist der Anteil der Worte, die sich auf das Hebräische, das Arabische, das Türkische, das Indische, das Keltische oder das Slawische zurückführen lassen.

Die Fülle des bei Zusammenstellungen beliebiger Art zumeist feststellbaren, der Antike entstammenden Wortmaterials macht deutlich, wie sehr man generell davon ausgehen muß, daß das Denken und Sprechen im deutschen Sprachraum auf allen Lebensgebieten von 'antiken Ausgangsmustern' verschiedener Art geprägt ist.

Diese Einsicht ist von grundlegender Bedeutung für die allgemein-, geistes- und kulturgeschichtliche Einschätzung der Traditionsbindung an die Antike im gegenwärtigen Denken und Sprechen, selbst wenn diese im alltäglichen Sprachgebrauch nicht bewußt zu werden pflegt. In den nachfolgenden Kapiteln soll dies im einzelnen deutlich gemacht werden. Das sprachliche Erbe der Antike läßt sich allen heutigen Lebensgebieten zuordnen.

All dies rechtfertigt die Aussage, daß das Deutsche nur deshalb nicht der romanischen Sprachgruppe zugeordnet werden kann, weil es in seiner grammatischen Grundstruktur und in einem größeren Grundwortbestand eindeutig der germanischsprachigen Gruppe europäischer Sprachen zugehört.

Dabei sollen hier zur Sprache in einem weiteren Sinne grundsätzlich aber auch bildliche und andere nicht-verbale Formen und Symbole gerechnet werden. Als ein Beispiel für eine sehr ausdrucksfähige, die Antikentradition deutlich erkennbar machende Bildsprache sei hier nur das Adler-Symbol für die deutsche Staatlichkeit zitiert, das sich ja vom römischen Adler herleitet. - Späterhin sollen weitere Beispiele einer Antikenbinding nicht-sprachlichen Ausdrucks im deutschen Sprachbereich erörtert werden. Im Mittelpunkt wird allerdings die gesprochene und die geschriebene Sprache stehen.

b) Die Begriffe 'Antike', 'Moderne' und 'Wirkungsgeschichte'.

Die Ausgangsbegriffe der Themenstellung sind 'Moderne', 'Antike' und 'Wirkungsgeschichte'. Es geht um besonders großräumige Epochenbezeichnungen einerseits und andererseits um ein umfassendes Geflecht von Kausalbeziehungen und Entwicklungsprozessen zwischen den gemeinten Epochen.

Unter 'Antike' soll verstanden werden die Zeit der Hochkulturen des Mittelmeerraumes seit etwa dem 3. Jt. v. Chr., allerdings in diesem Skript unter besonderer Hervorhebung der Geschichte der griechischen und hellenistischen Stadt- und Reichsbildungen sowie des Römischen Reiches bis zur Auflösung seines Zusammenhangs im Westen des Mittelmeerraums im 5. Jht. n. Chr.

Mit 'Moderne' ist zum einen ungefähr dasselbe gemeint wie mit dem Wort 'Gegenwart': eine Epoche, die abgegrenzt zwar zu einer unmittelbar vorhergehenden Vergangenheit ist - wobei Definitionen verschiedener Art denkbar sind -, zur Zukunft hin aber offen. Zum anderen kann so etwas gemeint sein wie ein 'Zeitalter des Fortschritts', d. h. vorteilhafter und wertvoller Entwicklungen für größere Populationen oder gar die ganze Menschheit. Für dessen Abgrenzung sind wiederum unterschiedliche Definitionen denkbar, z. B die eines wissenschaftlich-technischen Fortschritts oder die eines auf positive Entwicklungen in Gegenwart und Zukunft konzentrierten, auf eine Gesamtgesellschaft bezogenen allgemeinen Bewußtseins.

'Wirkungsgeschichte' meint die Nachwirkungen bestimmter historischer Ereignisse und Strukturen in späteren Epochen, und zwar prinzipiell einen Zusammenhang der Ursachen, Bedingungen und Entwicklungsprozesse dieser Nachwirkungen.

c) Die Gliederung der Bereiche einer Wirkungsgeschichte der Antike im Rahmen der europäisch-abendländischen Geschichte.

Im vorliegenden Skript geht es um die Einführung in eine Gesamthematik. Es findet dafür eine übersichtliche, großräumige Aufgliederung in folgende Teilthemen statt, die deshalb ihrerseits nur exemplarisch behandelt werden können:

a) Zur wirkungsgeschichtlichen Beziehung zwischen Antike und Gegenwart im Bereich der politischen Ideen- und Sprachwelt.

b) Zur wirkungsgeschichtlichen Beziehung zwischen Antike und Gegenwart in der Sprache des Rechts.

c) Zur wirkungsgeschichtlichen Beziehung zwischen Antike und der Gegenwart im Bereich der Sprache für Sozialordnung und Wirtschaftsstrukturen.

c) Zur wirkungsgeschichtlichen Beziehung zwischen Antike und Gegenwart im Bereich der Sprache der Religion und der religionsähnlichen Weltanschauung.

d) Zur wirkungsgeschichtlichen Beziehung zwischen Antike und Gegenwart im Bereich der Philosophie- und Wissenschaftssprache.

e) Zur wirkungsgeschichtlichen Beziehung zwischen Antike und Gegenwart im Bereich prinzipiell aller Ausdrucksformen der darstellenden Kunst, der medialen Bild- udn Musikinformation und der Werbepräsentationen.

In all diesen Bereichen treten die Nachwirkungen der Antike in den Sprachgestaltungen, Denkhaltungen und Handlungsweisen heutiger Zeit besonders vielfältig, wenn auch oft nicht augenfällig in Erscheinung.

Dem widerspricht nicht, daß die Gegenwart in ihren Grundstrukturen auch durch spätere und andersartige Ausgangsbedingungen als die der Antike geprägt ist. Das wird auch im Bereich der Sprache deutlich. So haben alle Erfindungen und Entdeckungen des Mittelalters und der Neuzeit in gewissem Umfang neue Terminologien hervorgebracht. Aber auch dann ist es nicht leicht, Wortbildungen zu finden, in denen nicht auf irgendeine Art dennoch irgendeine antike Komponente ausgemacht werden kann (Beispiele: 'Indigo','Atomspaltung', 'Kernspintomographie', 'Lackmus-Test'). Als Beispiele für die ziemlich seltenen Wörter ohne Antikenkomponente seien immerhin genannt 'Mongolen', 'Amerika', 'Röntgen-Verfahren'.

Die Wirkungsgeschichte antiker Sprachen im deutschen Sprachraum erstreckt sich über verschiedene Rezeptionsepochen. So sind zu unterscheiden

a) die Epoche der Akkulturation grenznaher germanischer Völkerschaften an die Zivilsation des römischen Reiches während dessen Bestehens,

b) die Epoche der Inbesitznahme römisch-imperialer Territorien durch germanische Völkerschaften wie insbesondere die Franken im Laufe der Völkerwanderung,

c) die Epoche der Christianisierung germanischer Völkerschaften,

d) die Übernahme und Fortentwicklung antiker Theologie, Bildung und Wissenschaft im Rahmen der christlich-mittelalterlichen Klosterkultur,

e) die Übernahme antiken geistigen Erbes im Rahmen der seit dem Spätmittelalter gegründeten Universitäten,

f) die - gegenüber den Traditionen des Mittelalters und in Distanz zur kirchlich-christlichen Lehre -'reformierte' Übernahme und Fortentwicklung antiken Denkens in der 'Renaissance' und im 'Humanismus' der frühen und späteren Neuzeit,

g) die Fortentwicklung antiker Denkansätze in den begrifflichen Systemen und 'kritischen' Geistesbewegungen seit der Zeit der 'Aufklärung'.

Diese immer wieder auf die Antike zurückgreifenden Ansätze einer nachantiken Sprachentwicklungsgeschichte erklären das omnipräsente Gewicht der Antike im Gesamtwortbestand aller europäischer Sprachen unserer Zeit, einschließlich des Deutschen, ein Gewicht, das selbst Spachen wie das Deutsche in einem erweiterten Sinne zu 'romanischen' macht.


Zur LV Gizewski im WS 2008/2009 und SS 2009.

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de