Kap. 3: Zur wirkungsgeschichtlichen Beziehung zwischen Antike und Gegenwart in Sprache und Begrifflichkeit des Rechts.

1. Übersicht über die Fortwirkung verschiedenartiger Rechtsordnungen der Antike in heutiger Sprache.

ÜBUNG 1 ZU KAP. 3.

AUFGABEN:

Im folgenden finden Sie eine Liste politischer, rechtlicher, religions- oder kirchenbezogener Begriffe, die aus der Zeit der Antike stammen.

a) Für was stehen sie heute in in ihrer wesentlichen Bedeutung?

b) Ordnen Sie sie vermutungsweise folgenden antiken Rechtsordnungen zu: I. einem biblisch-alttestamentarisch oder -neutestamentarisch fundierten Recht, II. griechischen oder hellenistische Rechtsordnungen, III. dem Römischen Recht , IV. dem antiken oder mittelalterlichen Sakral- und Kirchenrecht, oder V. dem alt-germanischen Rechtsbereich.

c) Außern Sie Vermutungen über die jeweils von Ihnen angenommenen Traditionslinien.

2. Zur Herkunft normativer Traditionen des Rechts, ihrer Begrifflichkeit und Sprache aus verschiedenen Quellbereichen der Antike.

Solche Quellbereiche sind vor allem:

a) die biblisch-alttestamentarische (hebräische ) und die biblisch-neutestamentarische Normativität (z. B.: 'die zehn Gebote', 'die Bergpredigt')

b) antik-griechische bzw. hellenistische Rechtsordnungen (z. B.: nomos, dikasterion, graphe, paragraphe),

c) das Römische Recht vor allem der spätantiken Kodifikationen (z. B.: mir den Bewgriffen 'constitutio', 'lex', 'actio', 'res', 'libertas', 'servitus', 'dominium' / 'patrimonium', 'obligatio', 'fiscus', 'dignitas'),

d) das spätantike Kirchenrecht, auch als Teilbereich des spätantiken Römischen Rechts (z. B. mit verbindlichen Glaubensformeln / 'Symbola' und mit priesterlichen und bischöflichen Kompetenzen', wie etwa der Vermttlung der 'Sakramente').

Es gibt selbstverständlich auch größere Nachwirkungen germanischer Rechte, die sich in heutiger Sprache und Begrifflichkeit manifestieren (z. B. 'Eid', 'Vertrag', 'Ehe', 'Gericht', 'Gesetz', 'Fehde'.

3. Zur Fortwirkung der Sytematik des Römischen Rechts in der Jurisprudenz.

Verschiedene römisch-rechtliche Rechtsgebiet haben in der Antike eine Systematik entwickelt, die in heutiger Rechtswissenschaft und Gerichtsstruktur forwirkt. Das sind vor allem folgende:

a) die Systematik des 'Ius gentium' (einschließlich eines 'Ius naturae'),

b) die Systematik des 'Ius publicum',

c) die Systematik des 'Ius civile',

d) die Systematik der 'iudicia poenalia',

e) die Systematik des 'Ius ecclesiae'.

Sie wirken nach etwa:

in heutigen Völkerrecht und Naturrecht, Öffentlichen Recht, Zivilrecht, Strafrecht und Kirchenrecht.

ÜBUNG 2 ZU KAP. 3.

AUFGABEN:

Im folgenden finden Sie die Inhaltsübersicht über ein heute in Deutschland gültiges, für den Rechtsverkehr besonders wichtiges Gesetz.

a) Um welches Gesetz handelt es nach den Regelungsgegenständen? Haben Sie mit einzelnen Normkomplexen dieses Gesetzes in Ihrem Leben schon einmal zu tun gehabt? Wie ist das Gesetz eingeteilt?

b) Steht dieses Gesetz in einer Traditionsverbindung zur Antike? Wenn ja, wie hieß die entsprechende Rechtsmaterie damals?

c) Stellen Sie verschiedene, Ihnen bekanntere Rechtsbegriffe (ca. 20) zusammen und versuchen Sie, eine ihnen entsprechende lateinisch- oder griechischsprachige Bezeichnung der Antike auszumachen.

4. Zu einer Kulturgeschichte des Römischen Rechts und seiner Fortwirkung in verschiedenen - nicht nur rechtlichen - Bereichen gesellschaftlicher Nomativität.

Über spezifisch rechtliche Nachwirkungen antiker Rechtsordnungen weit hinaus geht ihr kulturgeschichtlicher Einfluß, der die desamte Normativität heutiger europäischer Gesellschaften prägte und prägt. Auch die Rechtstraditionen im engeren Sinne entfalten über ihre spezifischen Rechtsregelungsfunktionen hinaus gesamtkulturelle Wirkungen wie etwa in den Vorstellung von einem Rechtsstaat oder von den Bürger- und Menschenrechten

1) Teilbereiche gesellschaftlicher Normativität von überrechtlicher Kulturbedeutung. Unterscheiden lassen sich insoweit - beispielsweise für die deutschsprachigen Gesellschaften heutiger Zeit - mindestens drei Bereiche kultureller Bedeutung:

a) die kulturelle Bedeutung eines Natur- und Völkerrechts (positives und Gewohnheitsrecht).

b) die kulturelle Bedeutung eines innerstaatlichen Rechts (positives und Gewohnheitsrecht),

c) die kulturelle Bedeutung einer außerrechtliche Normativität ('Sitten und Bräuche', religiöse Orthodoxie) der Gesellschaft.

Hier sind überall stark antik, vor allem vom spätantiken Römischen Recht, geprägte Begriffs- und Sprachformen feststellbar, die einerseits die zahlreichen, aus der Antike stammende Traditionslinien dokumentieren und andererseits auf ihre starke Veränderungsresistenz bis in die Gegenwart hinweisen.

2) Typen gesellschaftlicher Normativität. In der 'gesellschaftlichen Normativität' der genannten Bereiche lassen sich generell zwei größere Typen unterscheiden, nämlich:

A. kollektiv-bewußte, vorherrschende, häufig auch in ihren historischen Bezügen wahrgenommene normative Ordnungen; dazu gehören heute, wie oben erwähnt, etwa das Verfassungsrecht, überhaupt das gültige Gesetzesrecht in weltlichen Angelegenheiten, das Kirchen- und sonstige Religionsrecht, normative (orthodoxe) religiöse Glaubensbekenntnisse, politische Ideologien mit normativem Geltungsanspruch, das Völkerrecht, das Gewohneitsrecht und bewußte und weit verbreitete nicht-rechtliche Konventionen,

B. handlungsbestimmende und verbreitete, aber eher latente - von Zeit zu Zeit aber auch 'eruptiv' oder 'revolutionär' - hervortretende Richtigkeitsvorstellungen, insbesondere solche, die sich in einem Widerspruch zu den zu I A. angegebenen Normkompexen bewegen und entwickeln (z. B. Konzepte 'kontralegaler Legitimität' oder 'nicht-orthodoxer' Religiosität).

In ihnen bringen sich 'resistente Traditionslinien' von gesamtkultureller Bedeutung aus der Antike auf ganz unterschiedliche Weise zur Geltung, wie folgende Beispiele zeigen sollen.

A. Teilbereich 'Völker- und Naturrecht': Anwendung altertümlicher ius belli-Vorstellungen bei zeitgeschichtlichen Gebietsannexionen und Bevölkerungsvertreibungen trotz Gültigkeit widerprechender Völkerrechtsnormen über Selbstbestimmung und Territorialerwerbsgründe (Typ A und B). Gesamtvolkshaftung für die Politik eines Staates (Typ A und Typ B). Hier geht es um einen Beitrag zu einer langperspektivischen (also nicht primär zeitgeschichtlichen) Erklärung bestimmter bekannter Völkerrechtswidrigkeiten aus der Zeitgeschichte (einschließlich der Geschichte des Nationalsozialismus).

B. Teilbereich 'Verfassungsrecht': Republikanische Gewaltenteilung (Typ A), Bürgerfreiheit (Typ A), Rechtsgleichheit (Typ A), Monarchie, Kaisertum, Reich, Caesarismus (Typ A und Typ B), Widerstandsrecht (Typ A und Typ B). Hier geht es um zentrale Begriffe heutigen Verfasssungsverständnisses in ihrem Verhältnis zum Römischen Recht.

C. Teilbereich 'Öffentliches Recht': Hoheitliches Handeln (Typ A), öffentliche Interessen (Typ A), staatlich organisierte Zwangsarbeit (Typ B). Hier geht es teils um heute im allgemeinen positiv bewertete, teils um im allgemeinen negativ bewertete Aspekte autoritativen Staatshandels gegenüber den seinem Zugriff unterworfenen 'Subjekten'.

C. Teilbereich 'Zivilrecht': Eigentum (§ 903 BGB, Typ A), Kauf (§ 433 BGB, Typ I A), Handelsgeschäfte und -unternehmen (§ 1 ff. HGB, Typ A). Hier geht es um die Fundierung normativer Marktwirtschaftsvorstellungen der Gegenwart in Rechtstratitionen aus der Antike.

D. Teilbereich 'Strafrecht': Vergeltung (Typ B). Hier geht es um die Erklärung eines im Strafrecht (und im Völkerrecht) immer wieder eintretenden, an sich einem rechtlich uneingeschränkt gültigen Konzept sinnvoller Strafzwecke widersprechenden Durchschlagen des Rache-Prinzips aus seiner Fundierung im antiken Recht und dessen Wirkungsgeschichte.

E. Teilbereiche 'Kirchenrecht' und 'orthodoxe Glaubensrichtigkeit': Abgrenzung des Christentums (Typ A), Antijudaismus (Typ B). Hier geht es um die normativen (orthodoxen) Abgrenzungen eines christlich-religiösen Glaubens gegenüber einem gläubigen Atheismus einerseits und anderen Religionstraditionen (wie dem Judentum) andererseits und seine Fundierung in der spätantik-christlichen Kirchen- und Staatsrechts-Tradition.

F. Teilbereich 'Politische Orthodoxie' (teilweise wie Typ B.): Sozialismus (Brüderlichkeit', Typ A und B), Freier Kapitalverkehr (Typ A), Soziale Marktwirtschaft (Typ A), Antisemitismus (Typ B), Caesarismus (Typ B), (kontralegealer, aber 'legitimer') Attentatismus (Typ A und B). Über die verfassungsrechtlichen Erscheinungsformen dieser Begriffe hinaus ginge es hier um ihren rein politisch-ideologischen, mit dem Verfassungsrecht teils gut, teils aber überhaupt nicht zu vereinbarenden Charakter.

G. Teilbereche 'Gewohnheitsrecht' und 'Konvention' (Sitte, Brauchtum): § 242 BGB und § 346 HGB (Typ A). Außerhalb des vom Römischen Bereich geprägten heutigen positiven Rechts gibt es Bereiche eines antikenbasierten rechtsgleichen Gewohnheitsrechts und 'rechtsnaher' Konvention heutiger Zeit, die interessant und produktiv untersucht werden könnten

5. Literatur, Medien, Quellen.

Ulrich Manthe (Hg.), Die Rechtskulturen der Antike. Vom Alten Orient bis zum Römischen Reich, München 2003.

Mario Bretone, Geschichte des römischen Rechts. Von den Anfängen bis zu Justinian. Aus dem Italienischen übersetzt von Brigitte Galsterer, München 1998 2.

Peter G. Stein, Römisches Recht und Europa. Die Geschichte einer Rechtskultur. aus dem Englischen von Klaus Luig, Frankfurt M., 1996.


Zur LV Gizewski im WS 2008/2009 und SS 2009.

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de