Kap. 4: Zur wirkungsgeschichtlichen Beziehung zwischen Antike und Gegenwart in den Begriffen für Sozialordnung und Wirtschaftsstrukturen.

1. Zur Wirkungsgeschichte antiker Sozialordnung.

a) Zur sozialen Segmentierung in der gegenwärtigen Gesellschaft.

Der Einführung in dieses Thema soll eine Übung dienen, in der es um eine antike Herkunft heutiger, zum Beispiel in der deutschen Gegenwartsgesellschaft auszumachendenden Bevölkerungseinteilung (soziale Segmentierung) geht:

ÜBUNG 1 ZU KAP. 4.

AUFGABE:

a) Vergegenwärtigen Sie sich die in der folgenden Übersicht (Christian Gizewski, Segmente der Bevölkerung in der heutigen Gegenwartsgesellschaft) vorgenommenen Gruppenbildungen.

b) Wenn Sie unbefangen von Ihrem gegenwärtigen Wissensstand über die Antike ausgehen: wo vermuten sie ähnliche Segmentbildungen in der Gesellschaft des Römischen Reiches?

c) Wo vermuten Sie Unterschiede zwischen antiker und heutiger Gesellschaftssegmentierung?

b) Strukturen antiker Sozialordnung von nachwirkender Bedeutung für die Gegenwart im Überblick.

In allen im folgenden erwähnten Kategorien sozialer Ordnung sind in starkem Maße antike Traditionen wirksam. Dies sei durch Zueinanderordnung bestimmter antiker und deutsch- gegenwartssprachlicher Termini veranschaulicht:

Individuum, Person : griech. atomon, prosopon. lat. individuum, persona.

Familie,Verwandtschaft : familia, propinqui, affines.

Klasse, Stand, Schicht : classis, status, ordo

Verband, Verein, Gesellschaft : coniunctio, consensus, societas.

Religion, Konfession : religio, confessio.

Volk - Vermögende, Einflußreiche, Adel : minores, plebs - maiores, nobiles.

Partei, Einheit : pars, unitas.

Öffentlichkeit, Privatsphäre : publicum, privata res.

Selbständige, Abhängige, Sklaven : domini, clientes, servi.

2. Zur Wirkungsgeschichte antiker Wirtschaftsordnung.

Landwirtschaft, Handwerk und öffentliche Dienste; ihre Produkte und Leistungen, Erzeugung und Verbrauch, Preisbildung, Marktwesen und Kapitalbildung, Unternehmungen und geplante Gesamtwirtschaftsorganisation, Steuern, Gebühren und Abgaben an den Staat, Staatsausgaben, Staatshaushalt - zentrale Einrichtungen und Problembereiche moderner Wirtschaftsordnung haben trotz aller Andersartigkeit gegenüber der Antike mit ihr doch nicht wenige Gemeinsamkeiten.

ÜBUNG 2 ZU KAP. 4.

AUFGABE:

a) Versuchen Sie, lateinischsprachige Äquivalente für einige im folgenden zusammengestellte Begriffe modernen Wirtschaftslebens zu finden. Wenn Sie das im Einzelfall nach reiflicher Überlegung für unmöglich halten, d. h. eine andere Wortgeschichte annehmen, finden Sie, wenn möglich eine andere Erklärung:

Markt

Prvatwirtschaft

Planwirtschaft

Staatsvermögen, Staatshaushalt

Steuern

Unternehmer, Unternehmung

Kapital, Pivateigentum

Konjunktur

Angebot, Nachfrage,

Erzeuger, Verbraucher

Preise, Geld, Währung

Begriffe wie zum Beispiel 'Privateigentum', 'Kapital', 'Markt', 'Wirtschaft' fußen sprachgeschichtlich auf antiken Begriffen wie 'res privata' bzw. 'dominium', 'res capitalis', 'mercatus' oder 'oikonomia' auch wenn sie mit der Entwicklung einer 'modernen' Wirtschaftsordnung eine über den Bereich der Aktivitäten von Privatvermögen oder Staatshaushalten weit hinausgehende Bedeutung entfalten. Der Begriff 'Steuer' scheint dagegen eine mittelalterliche Entstehungsursache zu haben, worauf seine germanischsprachige Wurzel hinweist.

3. Sozial- und Politökonomie, Staats- und Marktwirtschaft im römischen Reich und in unserer Gegenwart.

Es gibt zahlreiche antike Wurzeln für ein modern-gesellschaftliches Modell einer 'Oben-Unten-Differenz' und seiner Friktionen im sozialen Bewußtsein und in den politischen Ideologien.

Ebenso gibt es antike Wurzeln für die 'moderne' Differenz 'marktwirtschaftlicher' und 'gemeinwirtschaftlicher' Konzepte.

6. Literatur, Medien, Quellen.

Moses I. Finley, Die antike Wirtschaft, München 1977.

M. Austin, P. Vidal-Naquet, Gesellschaft und Wirtschaft im alten Griechenland, München 1984.

Francesco de Martino, Wirtschaftsgeschichte des alten Rom. Übersetzt von Brigitte Galsterer, München 1991.

Geza Alföldy, Römische Sozialgeschichte, Wiesbaden 1975.

Max Weber, Zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Altertums. (erstmalig erschienen nach dem Tode 1922) Neuauflage Tübingen 2006.

John Kenneth Galbraith, Die Geschichte der Wirtschaft im 20. Jahrhundert. Eine Augenzeuge berichtet. Aus dem Amerikanischen von Sabine Wiermann, Hamburg 1995.


Zur LV Gizewski im WS 2008/2009 und SS 2009.

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de