Kap. 5: Zur wirkungsgeschichtlichen Beziehung zwischen Antike und Gegenwart im Bereich der Sprache der Religion und religionsähnlichen Weltanschauung.

1. Zur Vielfalt der Religionen und Glaubenssysteme in der Antike.

Es gibt eine Vielzahl ethnische und kulturgeographischer Entstehungs- und Rahmenbedingungen: für altiranische, altägyptische, assyrisch-babylonische, ugaritische, syrisch-palästinensische und kanaanäische, israelitisch-jüdische, churritische, phönizische, griechische, römische, keltische, germanische Religionen.

Die Strukturen, die kultisch-konfessorischen und die ethischen Anforderungen der Gottesvorstellungen (Götterzahl und -ordnung, Glaubens- und Bekenntnisformen, Organisation der Gläubigen) sind leicht typisierbar:

ÜBUNG 1 ZU KAP. 5.

AUFGABE:

a) Betrachten Sie zunächst den abgebildeten Gegenstand genau. Wie groß ist er Ihres Erachtens? Aus welchem Material ist er? Wie wurde er hergestellt und bearbeitet? Wann könnte er hergestellt worden sein? Stammt er vielleicht sogar aus der Antike? Welche Defekte weist er auf? Wie war er hingestellt, aufgehängt, fixiert oder hingelegt, als er bestimmungsgemäß verwendet wurde? Was hat er Ihres Erachtens auf dem Kunstmarkt gekostet? Warum?

b) Was zeigt das Objekt? Welche religiöse oder mythologische Bedeutung hat Ihres Erachtens das behandelte Bildthema in der Antike gehabt? Welchen Zwecken diente ein derartiges Objekt damals? Wo und zu welchen Zeiten in der Antike?

c) Welche Interessen künstlerischer, historischer oder weltanschaulich-ideologischer (also nicht rein geldlicher), aber auch religiöser Art an dem Bildthema könnte es in früheren Epochen (des Mittelalters und der Neuzeit) gegeben haben und noch in unserer Zeit geben?

2. Zur Entwicklung antiker Religion am Beispiel des Christentums und seiner Kirchen.

a) Zentrale Glaubenssätze der christlichen Religion.

ÜBUNG 2 ZU KAP. 5.

1) Lesen Sie zunächst aufmerksam, wenn auch zügig die beiden Übersetzungstexte durch.

2) Was kommt Ihnen bekannt vor, was unbekannt?

3) Wozu dienen die Texte genau nach Ihrer Einschätzung? Was ist ihr Hauptanliegen?

4) Wie unterschieden sich die Texte? Warum (nach Ihrer Vermutung)?

5) Wann lebte und wirkte Jesus von Nazareth? Was war und tat er genau? Welche Sprache sprach er? Wer hat darüber berichtet? Wann sind die hier in ihrer lateinischen Formulierung wiedergegebenen Texte entstanden? Warum sind sie lateinisch formuliert und nicht in der von Jesus gesprochenen Sprache.

6) Welche historische Bedeutung bis zu unserer Zeit haben die Texte? Warum (nach Ihrer Vermutung)?

Als zentrale Inhalte des christlichen Glaubens werden bekannt:

b) Gemeinsamkeiten und Differenzen christlicher Glaubensinhalte mit solchen anderer antiker Religionen.

Gemeinsamkeiten betreffen etwa Monotheismus, Gottmenschentum und von göttlicher Macht ermöglichten heilenden Enthusiasmos für die gläubigen Menschen. Einzelne oder mehrere dieser Aspekte gibt es auch in anderen antiken Religionen. So sind beispielsweise die israelitisch-jüdische ganz und andere antike Religionen tendenziell monotheistisch. Gottmenschen kennt etwa die altgriechische Religion (z. B. Herakles). Die Vorstellung eines göttlich bewirkten Enthusiasmos gibt es in Religionen, die mit kultischen Handlungen einer Gemeinde Gläubiger vor einer Gottheit verbunden sind; in starkem Maße tritt er zum Beipiel im Dionysos-, auf andere Weise in der Mantik des Apollon-Kults hervor.

3. Zum Rückbezug heutigen europäischen Bewußtseins in seinen religiösen und säkularen Formen auf die christlich-kirchlichen Entwicklungen der Antike.

ÜBUNG 3 ZU KAP. 5 (zugleich Übung 1 zu Kap. 7).

AUFGABE

1) Stellen Sie zunächst fest, wie die Schrift aufgebaut ist und - mit ihren gegebenen Latein-Kenntnissen oder auf irgendeine andere Weise - womit sich die einzelnen Kapitel den jeweiligen Überschriften nach befassen. Versuchen Sie dann, an irgendwelchen Stellen in den Text einzudringen und bestimmte Textelemente irgendwie zu verstehen. Fassen Sie das, was sie ermittelt haben, schriftlich und übersichtlich zusammen. Markieren Sie die entsprechenden Stellen des lateinischen Textes genau.

2) Das Textverständnis soll an dieser stelle vor allem ergründen, was die Position des christlichen Kirchenvaters Augustinus den Juden gegenüber ('adversus Iudaios') ist. Ist er ihnen gegenüber freundlich oder feindlich eingestellt oder vielleicht beides? Aus welcher Perspektive urteilt er? Mit welchen Argumenten und Quellentexten argumentiert er?

3) Inwiefern könnte der Text des Augustinus mit seinen Gedanken ebenso wie mit seinen sprachlichen Formulierungen 'zur Judenfrage' Bedeutung für eine nachantike, christlich-europäische Einstellung zur Religion und zu einem 'Volk' der Juden gehabt haben?

Folgende Thesen lassen sich über eine Wirkungsgeschichte antiker Religionen bis hin zur Gegenwart formulieren:

a) Offenkundig ist der Rückbezug auf die Antike in den heutigen verschiedenartigen Konfessionsformen des Christentums.

b) Die neuzeitliche Geistesbewegung der 'Aufklärung' ist in ihrem missionarischen Impetus von jenem antiken und späteren Christentums mitgeprägt.

c) In säkularen weltanschaulichen, insbesondere in politisch-weltanschaulichen Bekenntnissen eines europäischen Kulturraums, die das Wohl der Menschheit oder eines ausgewählten Teils von ihr betreffen, läßt sich als Wurzel auch die Bekenntnisstruktur des Christentums annehmen.

d) In heutigen ethisch-philosophischen ebenso wie in praktisch-moralischen Normsystemen eines europäischen Kulturraums, die an 'höheren Ideen oder Werten' orientiert sind, ist gewiß auch eine christliche Grundlage mitursächlich.

e) In der Vorstellung von der Einheit und Gleichförmigkeit eines 'Universums' wirkt in einem europäischen Kulturraum sicherlich diejenige eines göttlichen Schöpfers eines 'Universums', welche monotheistischen Religionen eignet, nach.

f) In säkularen Vorstellungen eines europäischen Kulturraums von der 'Berufung' von Menschen aufgrund der ihnen 'verliehenen Gaben' oder ihrer 'Belastung' oder 'Bestrafung' durch ein 'Schicksal' läßt sich mit einiger Sicherheit die Gottes als Vaters und Herrn vermuten.

g) In modernen säkularen Vorstellungen über Wohltaten und Wohltäter an der Menschheit ist in einem europäischen Kulturraum die Nachwirkung der religiösen Vorstellung einer 'Christus-Nachfolge' in Rechnung zu stellen.

h) Auch in politisch-ideologischen Bewegungen der Zeitgeschichte wie z. B. dem 'Antisemitismus', ist eine christlich-antike Wurzel erkennbar.

4. Quellen, Medien, Literatur.

Augustinus, Tractatus adversus Iudaeos. Lat. Text entnommen aus: Documenta catholica omnia, omnium paparum, conciliorum, sanctorum patrum, doctorum scriptorumque ecclesiae, qui ab aevo apostolico usque ad Benedicti XVI tempora floruerunt, Internet-adaptiertes Archiv, zugänglich unter http://www.documentacatholicaomnia.eu/ - Deutsche Zusammenfassung von von Gregor Emmenegger.

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Adolf Erman, Die Religion der Ägypter. Ihr Werden und Vergehen in vier Jahrtausenden, (1905 1) Berlin 2001.

Brigitte Groneberg: Die Götter des Zweistromlandes. Kulte, Mythen, Epen, Stuttgart 2004.

Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Geschichte, Gegenwart, Rituale. Kohlhammer, Stuttgart 2002 - 2004.

Paul Volz: Die biblischen Altertümer, Köln 1914.

Manfred Hutter: Religionen in der Umwelt des Alten Testaments, Stuttgart 1996 u. f..

Robert Muth: Einführung in die griechische und römische Religion. Darmstadt 1998.

Hubert Cancik (Hg.): Römische Reichsreligion und Provinzialreligion. Erfurt 2003.

Peter Kawerau, Geschichte der Alten Kirche, Marburg 1967.

August Franzen, Kleine Kirchengeschichte. Erweiterte Neuausgabe. Durchgesehen von Bruno Steiner. Erweitert bis in die Gegenwart von Roland Fröhlich, Freiburg i. Br. 2006.

Zvi Yavetz: Judenfeindschaft in der Antike, München 1997.

Werner Bergmann: Geschichte des Antisemitismus, München, 20063.


Zur LV Gizewski im WS 2008/2009 und SS 2009.

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de