Kap. 6: Zur wirkungsgeschichtlichen Beziehung zwischen Antike und Gegenwart in der Philosophie- und Wissenschaftssprache.

1. Zu den philosophischen und wissenschaftlichen Systemen in der Antike.

Die zumeist in Griechenland entstandenen und später in den kulturellen Zentren der hellenistischen Reiche und des Imperium Romanum verbreiteten und weiterentwickelten philosophischen Systembildungen und die mit ihnen in unterschiedlichem Maße verbundenen theoretischen und empirischen Wissenschafen sind vielfältig.

Als antike philosophische Systeme seien hier folgende für ihre Epochen charakteristische aus einer größeren Zahl hervorzuheben:

  • das pythagorische,
  • das heraklitische,
  • das platonische,
  • das aristotelische,
  • das stoische,
  • das skeptische.

An Wissenschaften seien hier exemplarisch für die Antike folgende theoretische, empirische und praktische benannt, soweit sie damals als Einheiten begriffen und benannt wurden:

(gr. = griechisch, lat. = lateinisch)

Bereits an den genannten Beipielen fachlicher Verzweigung antiker Wissenschaft läßt sich eine prinzipielle Tendenz zu einer umfassenden Welterforschung und -erklärung erkennen. Ferner sind eine Theorie- und eine Praxisorientierung in den einzelnen Fächern, entweder schwerpunktmäßig oder nebeneinander zu erkennen. Der erkennbar universale ('enzyklopädische') Charakter antiker Wissenschaftssystematik hat in starkem Maße auch philosophische Gründe.

Beides wirkt in der Wissenschaftsgeschichte bis heute nach. Die Bedeutung der vorgenannten Wissenschaftsbezeichnungen ist in der Antike allerdings nach Umfang und Strukur der gemeinten Wissensgebiete teilweise erheblich anders als in den Nachfolgebildungen unserer Zeit, und deren heutige Inhalte und Methoden unterscheiden sich natürlich ebenfalls erheblich von dem, was in der Antike wissenschaftlich erkennbar war und erkannt wurde.

ÜBUNG 1 ZU KAP. 6.

AUFGABE:

Im folgenden - in heutiger Zeit angefertigten - Übersichtsschema über ein in der antiken Medizin verbreitetes, ganzheitliches Modell von den in der Innenwelt und der Außenwelt des Menschen wirkenden, ihn bestimmenden Kräften sind antikem Denken entstammende Anschauungen, Worte und Begriffe enthalten, die in unserer Gegenwart zu einem großen Teil noch nachwirken.

a) Um welche Anschauungen, Worte und Begriffe handelt es sich?

b) Welche Bedeutung haben sie in der Wissenschaft noch heute? Wo gelten sie eher als spekulativ und haben deshal zwar ihre wissenschaftliche Bedeutung verloren, aber dennoch eine Bedeutung für das Alltagsleben behalten.

c) Wie erklären Sie sich das Zustandekommen des antiken Modells; welche Traditionen, Erkenntnisnotwendigkeiten und -begrenzungen damaliger Zeit wirken sich dain aus, soweit Sie ganz unbefangen darüber urteilen?

2. Zum Rückbezug neuzeitlicher philosophischer Systeme und Wissenschaftsfächer auf Philosophie und Wissenschaft der Antike in einigen exemplarischen Aspekten.

Humanismus und Renaissance sind Epochen, in denen sich mit verschiedenartiger Schwerpunktsetzung rezeptive Einstellungen zur Antike systematisch ausbildeten. Rezipiert wurden systematisch zunächst die 'humaniora' der antiken Kultur, d. h. ihre Wissenschafts- und Geisteskultur im engeren Sinne, sodann der gesamte kulturelle Rahmen antiker Lebensverhältnisse, mit der Zielrichtung, sie durch Weiterbearbeitung in einen 'usus modernus' zu überführen.

In der Geistesbewegungen der Aufklärung, des Rationalismus und des 'Fortschrittsdenkens' waren als antike Motive wirksam deren atheistisch-materialistische Philosophie-Traditionen, deren 'Enkyklopaideia' und eine ins Säkulare transformierte Zukunftsidee des antiken Christentums.

Der Rückgriff auf die aristotelische Philosophie und die antike Skepsis wird im Rationalismus der kantischen Kritiken (reine Vernunft, praktische Vernunft, Urteilskraft) lebendig.

Die Dialektik der platonischen Philosophie wirdin der Hegelschen und Marxschen Philosophie aufgegriffen.

Antike Skepsis, antiker Atheismus und antike Stoa wirken im modernen Existenzialismus nach.

Die antiken wissenschaftlichen Fächer und ihre Systeme wirken in der modernen Wissenschaft nach..

ÜBUNG 2 ZU KAP. 6.

AUFGABE:

a) Ordnen Sie die beiden Texte der Vorlage antiken Autoren und ihren Werken zu, soweit Sie können.

b) In welcher wissenschaftlichen Disziplin der Antike stehen jeweils der oben und der unten wiedergegebene, übersetzte Textauszug? Wieweit betreffen ihre Aussagen heutiges Denken und Sprechen?

4. Literatur, Medien, Quellen.

Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie (vom Altertum bis zur Gegenwart). Auf der Grundlage der Bearbeitung von Erwin Metzke und Heinrich Knittermeyer und der Auswahl von Quellentexten von Ernesto Grassi und Eckhard Kessler. 7 Bände, Hamburg 1990.

Josef Speck (Hg.), Grundprobleme der großen Philosophen . Philosophie des Altertums und des Mittelalters, durchgesehene, teilweise neu bearbeitete Auflage, Göttigen 1990 4.

Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Wissenschaft in zwei Bänden. Hg. v. Abraham Melzer. 2 Bde. Köln (Parkland) 2004.

Hans Wußing, 6000 Jahre Mathematik, 2 Bde., Berlin 2008.

Paul Cartledge (Hg.); Kulturgeschichte Griechenlands in der Antike. Übersetzt von Wilfried Nippel, Stuttgart Weimar 2000. Die Abb. der Aufgabe 1 steht auf S. 320.

Aristoteles, Politik. Übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes. Mit einer Einleitung von Günter Bien, Hamburg 19814.

Tacitus, Historien, Lateinisch / Deutsch. Mit 8 Abbildungen und 6 Karten. Übersetzt und herausgegeben von Helmuth Vretska, Stuttgart 1989.


Zur LV Gizewski im WS 2008/2009 und SS 2009.

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de