Kap. 7: Zur wirkungsgeschichtlichen Beziehung zwischen Antike und Gegenwart in den Ausdrucksformen der Kunst.

1. Zum antiken Kunstbegriff und zu den Kunstarten in der Antike.

Wenn von 'artes' im Lateinischen die Rede ist, so lassen sich drei Arten unterscheiden:

Die Wissenschaften als Künste, und zwar als 'artes liberales' oder 'ingenuae'; diese Charakterisierung bedeutet einerseits eine 'hohe Qualität', zum anderen eine Frontstellung gegen Unsittlichkeiten, Untugenden und Trivialitäten des 'alltäglichen' ('vulgären') Lebens'.

Bei 'artes liberales' kann es sich zum einen um 'theoretische' ('zweckfreie', 'betrachtende', 'beobachtende', reflektierende', 'belehrende', 'erinnernde', 'erbauende' und sonst 'geistig oder 'gefühlsmäßig belangvolle') handeln.

Zu diesen gehören etwa die Künste folgender 'Musen' ('musische Künste'):

  • Erato (Lyrik).
  • Euterpe (von Flötenspiel begleitete Poesie).
  • Kalliope (Epos und Wissenschaft).
  • Klio (Geschichtsschreibung)
  • Melpomene (Gesang und Tragödie)
  • Polyhymnia (instrumental begleiteter Gesang)
  • Terpsichore (Tanz)
  • Thalia (Komödie)
  • Urania (Astronomie)

Neben oder im Zusammenhang mit den 'musischen' Künsten gibt es aber auch andere 'hochstehende', nämlich die eher praktischen 'artes liberales'. Dazu gehören vor allem:

Schließlich gibt es auch die eher 'handwerklichen', also nicht eigentlich 'freien' Kunste (artificia), die - im Rahmen von Aufträgen und Werkverträgen im Bereich der Architektur, Plastik, Malerei, Gestaltung von Textilien, Leder u. a. Stoffen, Musik - für bestimmte praktische Zwecke des privaten und des öffentlichen Lebens ausgeübt werden, und von den äußeren Bedingungen her durch ihre Erwerbsorientierung und Weisungsabhängigkeit gekennzeichnet sind.

2. Zur Entwicklung antiker Kunst am Beispiel der griechischen und römischen Prosa-Literatur.

Unter 'Prosa' versteht das Lateinische im wesentlichen eine Kunst des Sprachausdrucks, die nicht gebunden bzw, besonders gestaltet ist durch Regeln der Metrik und einer liednahen oder feierlichen Wortwahl (Poesie).Folgende Gattungen lassen sich unterscheiden und in der überlieferten lateinischen Literatur eingehend untersuchen:

Im Zentrum der Textbearbeitung stehen die Textidentifikation, das Textverständnis und die Textverarbeitung.

Das Textverständnis ist nicht selten auf eine Übersetzung angewiesen. Manchmal ist es aber schwierig, für einen antiken Text in Bibliotheken eine wissenschaftlich bearbeitete deutsche Übersetzung zu finden. Grund kann sein, daß die Fülle des Überlieferten einfach noch nicht zu einer solchen geführt hat. In diesem Falle ist der Historiker auf sich selbst und seine Sprachkenntnisse angewiesen. So ist es bei der kurzen Schrift des 'Kirchenvaters' Augustinus 'Adversus Iudaeos'. Dabei gilt die Devise 'Etwas ist besser aös gar nichts'. Der systematischen Erfassung der dabei auftretenden Probleme dient die Übung an seinem nachfolgend wiedergegebenen Text.

3. Zur Fortwirkung antiker Kunst bis in die Gegenwart im allgemeinen.

In der Wirkungsgeschichte der antiken Kunst sind Bedeutungskontinuitäten und -verschiebungen des antiken 'ars'-Begriffs auf dem Wege zu den 'Kunst'-Begriffen der Gegenwart festzustellen. Es kommt im Laufe dieser Entwicklung zu starken Einschränkungen. Der heutigen 'Kunst'-Begriff meint vor allem nur noch bestimmte produktive Spezialkenntnisse, insbesondere im Bereich der angewandten Wissenschaften (wie z. B. Medizin, Architektur oder Redekunst), sowie im Bereich der musischen und bildenden Künste die einfalls- und kenntnisreiche Darstellung und Gestaltung aus verschiedenen denkbaren Aspekten und mit verschiedenen Techniken. Nicht mehr zur 'Kunst' gehört der gesamte Bereich der Natur- und Geisteswissenschaften, bzw. der empirischen, axiomatisch-deduktiven und reflexiven Wissenschaften. Das liegt daran, daß sich im Laufe der neuzeitlichen Geistesgeischichte ein 'rationalistischer' Wissenschaftsbegriff herausgebildet hat, der vor allem den Maximen der 'Wahrheit', der 'Glaubensferne', der 'deduktiven' und 'induktiven Methodik' sowie der 'Systematik' (in Begriffsbildung und Aussageanodnung verpflichtet ist.

4. Zur Wirkungsgeschichte antiker Kunst am Beispiel der griechischen und römischen Prosa-Literatur.

ÜBUNG 2 ZU KAP. 7.

AUFGABEN:

a) Was haben die 'Confessiones' des Kirchenvaters Augustinus und die 'Confessions' des neuzeitlichen Schriftstellers und Philosophen Rousseau, geht man nach den in der Anlage wiedergegebenen Textauszügen, in ihrer Zielrichtung und Thematik gemeinsam, und worin unterscheiden sie sich?

b) Inwiefern kann man für beide Werke von einer Zugehörigkeit zu - ähnlichen - 'Literaturgattungen' sprechen? Worin entsprechen sie jeweils einem Zeitgeist und seinen typischen, bildungsfundierten Mitteilungsbedürfnissen?

c) Inwiefern markieren die beiden Werke eine Traditionslinie zwischen einer antiken und einer neuzeitlichen Literaturgattung? Wie könnte man diese näher beschreiben?

Betrachten wir einige Gattungen heutiger Prosa-Literatur wie z. B.

  • Zeitungs- und andere Medieninformationen: Nachrichten, Berichte, Kommentare,
  • Zusammenhängende Darstellungen, systematische Abhandlungen zu bestimmten Themenkomplexen,
  • Reden,
  • Briefe,
  • Geschichtsschreibung und andere fachgebietsdefinierte fortlaufende Darstellungen,
  • Biographien,.
  • Unterhaltungsliteratur, Witz und Satire.
  • Künstlerische Prosa wie 'Kurzgeschichten', 'Romane' und 'Novellen',

so zeigt sich in ihnen durchweg ein enger Traditionsbezug zur Antike. Das zeigt sich schon an ihren Namen.

In dieser Terminologie ´lassen viele Fremdworte schon äußerlich einen Traditionsbezug zu antiken Ausgangsphänomenen erkennen: 'Prosa', 'Literatur', 'Medien', 'Information', 'Kommentar', 'System', 'Thema', 'Komplex', 'Definition', 'Biographie', 'Satire'. 'Roman' ('romanus [genere]', mlat.Bed.) und 'Novelle' ('novella', mlat. Bed.) entstehen zwar erst im Mittelalter oder der frühen Neuzeit. Aber selbst eine mittellateinische Herkunft läßt schließt eine indirkekte Verwurzelung in der Antike ein.

Andere - deutschsprachige - Gattungsbezeichnungen bedürfen zwar der Rückübersetzung in eine evtl. vorhandene lateinisch- oder griechischsprachige Vorform, können dann aber ggf. als antikenbestimmt erkannt werden: 'Zeitung' ('diurna'), 'Nachricht', 'Bericht' ('corrigere'), 'zusammenhängend' ('complexus'). 'Darstellung' ('propositio'), 'Rede' ('oratio'), 'Brief' ('breve'), 'Geschichtsschreibung' ('historia', 'historiographia'), 'Fachgebiet' ('facultas', mlat. Bed.), 'fortlaufend' ('progrediens'), 'Unterhaltung' ('intertinementum', rekonstr., mlat.) 'Kunst' ('ars', 'techne') 'Kurzgeschichte' ('brevis [litera]').

Nur die Gattung 'Witz' (germ.-spr. Herkunft; Parallelbildung zu 'Wissen') scheint sprach- und begriffsgeschichtlich nicht aus der Antike zu stammen.

5.Medien, Quellen, Literatur.

Zum Objekt der Übung 1: zufällig aufgefunden bei einem Antiquitäten-Händler.

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Quellentexte entnommen aus: Augustin, Bekenntnisse. Eingeleitet und übertragen von Wilhelm Thimme, Stuttgart 1977, 11. Buch, 1 f., S. 320 f..

Die Bekenntnisse des Jean-Jacques Rousseau. Nach dem Text der Genfer Handschrift übertragen von Alfred Semerau, Berlin 1920, S. 504 f..

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Egidius Schmalzriedt (Hg.), Hauptwerke der antiken Literaturen. Einzeldarstellungen und Interpretationen zur griechischen, lateinischen und biblisch-patristischen Literatur, mit einführenden Essays von Walter Jens, Wolfgang Schmid und Franz Dölger, München 1976.

Volker Riedel, Antikerezeption in der deutschen Literatur vom Renaissance-Humanismus bis zur Gegenwart. Eine Einführung. Stuttgart 2000.

Augustin, Bekenntnisse. Eingeleitet und übertragen von Wilhelm Thimme, Stuttgart 1977.

Norbert Fischer / Cornelius Mayer (Hg.): Die Confessiones des Augustinus von Hippo: Einführung und Interpretationen zu den dreizehn Büchern. Forschungen zur europäischen Geistesgeschichte, Band 1, Freiburg i. Br. 2004.

Die Bekenntnisse des Jean-Jacques Rousseau. Nach dem Text der Genfer Handschrift übertragen von Alfred Semerau, Berlin 1920.

Martin Rang: Rousseaus Lehre vom Menschen. Göttingen 1959.

Richard Hamann, Geschichte der (Bildenden) Kunst (von den Zeiten des oientalischen Altertums über die griechischen und römischen Epochen und das Mittelalter bis zur Gegenwart), 6 Bde., München 1963.

Gerhard Nestler, Geschichte der Musik. Die großen Zeiträume der Musik von den Anfängen bis zur elektronischen Musik, Gütersloh 1997 5.


Zur LV Gizewski im WS 2008/2009 und WS 2009.

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de