Übersicht Lösungshinweise

Lösungshinweise zu Übung 1.des Kap. 7.

Zur Enstehungszeit des Objekts ist anzunehmen, an, daß es sich um eine relativ junge handwerkliche oder industrielle Anfertigung handelt. Darauf weist wohl die spiegelbildlich gleiche Machart der Flügellöwen hin.

Es dürfte sich ferner um eine Nachfertigung eines dem Hersteller direkt oder indirekt vorliegenden antiken Musters oder Bildes handeln.

Dieses Muster zeigt zwei ‚Chimären‘ (mythische ‚Mischwesen‘), nämlich die gefügelten Löwen, beiderseits einer Altarsäule, auf der ein Opferfeuer brennt.

‚Mischwesen‘ gibt es in den vielen Epochen der Antike und ihren verschiedenen geographischen Gebieten, und zwar vielfältig, so etwa als Verbindung von Mensch und Vogel (später ‚Engel‘), von Vogel (Adler), Schlange und Löwe, von Stier und Vogel, von insekten- oder schlangenartigem 12-Füßler mit sechs Menschenköpfen (‚Skylla‘), von riesigen Menschenkopf mit unklarem Unterkörper anderer Gattung, der ständig riesige Wassermengen einzieht und ausstößt (Charybdis, als gedachte Verursacherin von Ebbe und Flut), von Löwe und Mensch (Sphinx). Auch Wesen, die unterschiedliche Gestalten annehmen konnten, gab es, wie z. B. die ‚pythische Schlange‘ mit dem lähmenden Blick (‚Python‘) oder den ‚Drakon‘, die griechisch-römische Vorform unseres ‚Drachen‘. Eine Löwe, der bloß Flügel hat, ist da etwas eher Unauffälliges, jedenfalls nichts Besonderes.

Es gibt solche Mischwesen auch in den Religionen und Mythologien anderer Regionen der Erde als dem vorderorientalisch-mediterranen Raum derAntike. In der germanischen Mythenwelt gab es ebenfalls so etwas, etwa das ‚Einhorn‘ oder den ‚Lintwurm‘. Und im Christentum wirken sie etwa in der boblischen Überlieferung fort (Hesekiel, 1,4, - l,5; l,10; Johannes-Apokalypse 4, 7-9).

Zur Bedeutung der Objekt-Teile läßt sich sagen, daß es vermutlich um die Darstellung eines einer Gottheit wohlgefälligen Opfers oder Kultfeuers handelt. Die Gottwohlgefälligkeit wird durch die Präsenz zweier Flügellöwen wahrscheinlich gemacht, die, ohne sich ihre Nasen zu verbrennen, dem Feuer mit erhobener Tatze annähern können. Opfer waren überall in der Antike auf einem ‚Altar‘, d. h. einer erhöhten tischartigen (manchmal sehr kleinen, auf einer kleinen Säule angebrachten) Vorrichtung, Kultfeuer. in denen nichts geopfert, sondern nur die hinter dem Feuer stehende Gottesgwalt verehrt wurde, in besonderem Maße im ‚Mazdaismus‘, der altiranischen Verehrung des ‚Ahura Mada‘.

Ob es sich im vorliegenden Fall um ein normales ‚Opfer‘ oder ein ‚feuerkultisches‘ Ritual handelt, läßt sich nicht sicher beurteilen. Wahrscheinlich ist aber - wegen der Nichtsichtbarkeit eines Opfergegenstandes - eine Feuerkulthandlung.

Anhänger des iranischen Feuerkults gab es in der späteren Antike, bevor sich das Christentum als Staatsreligion durchsetzte, im ganzen Römischen Reich, auch an der Rheingrenze zu Germanien, von wo aus die Vorlage des Objekts in unseren heutigen deutschen Bereich gelangt sein mag.

Mit der christlichen Tradition des ‚Markus-Löwen‘ (> Venedig) hat das Objekt nichts zu tun; denn dann wären vermutlich die anderen Evanglien-Tiere (Stier des Lukas, Adler des Matthäus) sowie der Engel des Joannes gleichzeitig, und der gefügelte Löse nur einmal in Erscheinung getreten. Außerdem brach das Christentum sowohl mit der hebräischen als auch mit der heidnischen Tradion des ‚Opferns‘; eine Opfersäule gab es also in einer christlichen Kirche nicht.

Was die frühere Verwendung des Objekts betrifft, deutet die Photographie darauf hin, daß es als ‚Supraporte‘ (Schmuckobjekt oberhalb einer größeren Tür; das meinten Sie vermutlich) Verwendung fand. Möglicherweise war es früher auch vergoldet, sodaß Ihr Mann mit seiner Restaurierung Recht gehabt haben kann. Die Goldierung würde jedenfalls die Präsenz einer Gottheit unterstreichen und insoweit farblich besser passen als alles andere Denkbare. Was den Löwenschwanz links betrifft, so ist er erkennbar abgebrochen. Das ergibt ein Vergleich mit dem längeren Löwenschwanz rechts. Ob dieser einen Bommel hat, kann ich nicht erkennen. Würde er fehlen, könnte er ebenfalls abgebrochen sein, etwa bei der Ablösung des Objekts von einem Untergrund, mit dem es wohl nicht nur durch die beiden Ösen, sondern auch durch Verklebung verbunden war. Es handelt sich wohl um einen ‚ganz normalen‘ Löwen, wenn auch mit Flügeln.


Zur LV Gizewski im WS 2008/2009 und SS 2009.

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de