Kap. 1: Einleitung.

1. Zum Sinn eines historischen Vergleichs antiker und moderner Wirtschaft und der Erklärung des entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhangs ihrer Systeme und Faktoren.

In ihrer Konzentration auf die anstehenden Probleme der Gegenwart kann politik-, gesellschafts- und wirtschaftsbezogene öffentliche Meinungsbildung als perspektivisch prinzipiell beschränkt gelten. Sie hat, was die Beachtung historischer Gründe und Traditionen betrifft, zumeist keine Zeit, aber - wichtiger - auch kein Interesse an ihnen. So hat sie zumeist auch keinen Blick dafür, daß sie Bedeutung haben können für ein angemessenes Handeln in der Gegenwart. Denn was gegenwärtig geschieht und als richtig gilt, wird bei einer pragmatisch-gegenwartsorientierten Verkürzung der Sicht in seiner - auch langfristigen - einschätzungswichtigen historischen Bedingtheit nicht richtig begreifbar. Auch läßt eine pragmatisch Orientierung an Zielen und Bedürfnissen der Gegenwart an sich mögliche Einschätzungen künftiger - auch längerfristiger - Entwicklungen von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft nicht so zu, wie es bei einer weiter ausgreifenden Sicht der Dinge naheläge. Unzureichend, wie sie prinzipiell ist, wirkt solche faktische Selbstbegrenzung menschlicher Erkenntnis dann sogar maßstabsetzend: Die Gegenwart erscheint dann ohne Grund gewissermaßen von selbst als 'vernünftiger' End- und Höhepunkt menschlichen Tuns.

So werden zum Beispiel 'heutige' Institutionen wie die eines 'Privateigentums' oder einer 'globalen Marktwirtschaft' von manchen politischen Parteien und wirtschaftlichen Akteuren der Gegenwart in den Mittelpunkt ihres Denkens und Agierens gestellt. In der öffentlichen Meinungbildung werden sie 'üblicherweise' als Phänomene der Zeitgeschichte oder frühestens einer mit der industriellen Entwicklung einsetzenden spezifischen Organisationsform von Wirtschaft und Gesellschaft ('Kapitalismus') begriffen und dargestellt. Ihre aus vielen älteren Wurzeln erwachsene historische Bedingtheit wird dabei nicht erkennbar. So lassen sich auch alternative Organisationsformen wie etwa die eines gemeinschaftlichen Eigentums oder die eines staatlichen Vermögens oder die einer staatlich regulierten oder moderierten Wirtschaft mit den ihnen entsprechenden Verteilungsformen, die es früher gab und nach wie vor auch heute - parallel zum 'marktwirtschaftlichen Wirtschaftsgeschehen' - gibt und künftig irgendwann aus irgendwelchen Anlässen in verstärkter Form wieder geben könnte, nicht in ihrer historischen Bedeutung vertehen.

Die Lehrveranstaltung "Privatvermögen und wirtschaftliches Gemeinwohl in der Antike. Zur Wirkungsgeschichte antiker Wirtschaftskonzepte in späteren Epochen" will dem entgegenwirken, indem sie versucht, die Phänomene gegenwartstypischer Wirtschafts- und Sozialordnung auch aus ihren antiken Fundamenten und deren Fortwirkung zu verstehen. Die Präsenz der Antike in späteren Epochen bis hin zur Gegenwart, die in der Sprach- und Kulturgeschichte so selbstverständlich erscheint, ist für den Bereich der Politik, der Wirtschafts- und der Sozialordnung ja keineswegs in demselben Maße akzeptiert. Darum sollen einmal die Bemühungen einer Lehrveranstaltung in diese Richtung historisch aufklären, soweit das im zeitlichen Rahmen eines Semesters möglich ist.

Das Skript enthält wie die Lehrveranstaltung vier Kapitel: 1. ein Einleitungskapitel " Zu Zweck und Inhalt des Gesamtthemas", 2. ein Kapitel "Zur Begründung und rechtlichen Regulierung der Privatsphäre und der Marktverhältnisse ('private Ökonomie') im Altertum", 3. ein Kapitel "Zur 'politische Ökonomie' in antiken Kriegs- und Friedenszeiten" und 4. ein Kapitel "Zur Wirkungsgeschichte der Prinzipien antiker privater und politischer Ökonomie in späteren Epochen bis hin zur Gegenwart".

Diese Aufteilung des Stoffes macht mit ausreichender Deutlichkeit das antike Fundament heutiger Wirtschafts- und Sozialordnung darstellbar, behandelt es aber nicht etwa als vergangen und abgeschlossen, sondern als fortwirkend und. historisch bedingend für die Epochen, die auf die Antike folgten.

2. Wirtschaftsgeschichtliche Grundbegriffe und Grundannahmen.

Im folgenden werden thesenförmig Gedanken zur Sprache gebracht, für welche in der gegenwartsorientierten Volkswirtschaftslehre und in der ebenso gegenwartsorientierten Betriebswirtschaftslehre hochentwickelte, differenzierte und auch kontroverse theoretische Gedankensyteme - liberal-marktwirtschaftflicher, sozialstaatlicher oder planwirtschaftlicher Art - entwickelt worden sind. In diesen theoretischen Systemen gibt bekanntlich ganz unterschiedliche Konzeptionen - zum Beispiel von 'Kapital'. Sowohl Volkswirtschaftslehre als auch Betriebswirtschaftslehre verstehen sich daüber hinaus üblicherweise nur als Teilbereiche einer umfassenden 'Wirtschaftswissenschaft' mit einerseits stark theoretischer, andererseits stark praxisorientierter Aufgabenstellung

Dazu vgl. etwa: Sönke Peters, Rolf Brühl, Johannes N. Stelling, Betriebswirtschaftslehre. Einführung, München, Wien 2005 12, S. 5 f., Volker Arnold, Nobert Geiger, Volkswirtschaftslehre. Theoretische Grundlagen und Wirtschaftspolitik, München 2007 2, S. 1 - 12.

Da es aber im vorliegenden Skript um einen historischen, epochenübergreifenden Vergleich und den wirkungsgeschichtlichen Zusammenhang zwischen sehr weit auseinanderliegenden Geschichtsepochen gehen soll, so müssen die dabei verwendeten wirtschafts- und sozialsystembezogenen Grundbegriffe dennoch - d. h. in gewissem Umfang unabhängig vom wirtschaftstheoretischen Ideenkampf der Vergangenheit und Gegenwart - epochenübergreifenden historischen Erkenntnisbedürfnissen angepaßt werden. D. h.: sie müssen so formuliert sein, daß ihre abstrakte Form auf alle untersuchten Geschichtsepochen, nicht nur auf eine aktuelle Gegenwart, zutrifft und auch daß sie nicht so ausgearbeitet ist, daß ein Hörer oder Leser ihr nicht mehr mit angemessenem Aufwand und in angemessen kurzer Zeit folgen kann. Auch das Eingehen auf die grundlegenden Begriffsbildungen nicht weniger prominenter Wirtschaftsphilosophen, -theoretiker und -historiker - wie zum Beispiel Karl Marx, Georg Simmel oder Max Weber -

siehe dazu einige Angaben im zusammenfassenden, kurzen Literatur-, Medien- und Quellenverzeichnis dieses Skripts -

ist zumindest im Rahmen dieser Vorlesung und dieses WWW-Skripts, d. h. im Rahmen einer allgemeingeschichtlich konzipierten vergleichenden Themenstellung, nicht möglich.

Der Autor dieses Skripts sah sich vielmehr genötigt, seine eigenen - mühsam, aber auch mit Sorgfalt - erarbeiteten Grundüberlegungen zu dem außerordentlich umfänglichen Thema einer allgemeinhistorischen 'Vergleichenden Wirtschaftsgeschichte' in kürzestmöglicher Form listenförmig zusammenzufassen, um dann zu dem eigentlichen Vorhaben der Lehrveranstaltung durchzudringen.

Fachdisziplinär, dies sei betont, ist ein solches Unterfangen der 'Allgemeingeschichte' als einer 'alles Wesentliche menschlicher Kulturentwicklung in allen Epochen und Bereichen der Menschheitsgeschichte' erörternden wissenschaflichen Disziplin zuzuordnen. Diese überschneidet sich notwendigerweise immer wieder mit anderen wissenschaftlichen Fachdisziplinen; so im voliegenden Falle mit verschiednenen Teildisziplinen einer 'Gesamtwirtschaftswissenschaft'. Sie unterscheidet sich entsprechend von Schwerpunktgebieten eines heutigen Interesses an der 'Volkswirtschaft' ('Nationalökonomie') - wie etwa "angemessene gesamtwirtschaftliche Beschäftigung", "Preisstabilität', "angemessenes Wachstum" und "außenwirtschaftliches Gelichgewicht" oder der 'Betriebswirtschaft' - wie "Zusammenhänge, Regel- und Gesetzmäßigkeiten betrieblicher Abläufe" und "Empfehlungen für wirtschaftliches Verhalten

Dazu w. o.: Sönke Peters, Rolf Brühl, Johannes N. Stelling, , S. 5 f., Volker Arnold, Nobert Geiger, S. 1 - 12.

Die folgende Liste stark abstrakter Grundbegriffe und Grundannahmen dient diesem 'allgemeingeschichtlichen' Zweck.

a) Wirtschaft (Ökonomie) und ihre Systeme.

'Wirtschaft' (Ökonomie) läßt sich definieren als ein soziales System zur Erzeugung und Bereitstellung von Gütern für den menschlichen Bedarf innerhalb einer 'Gesamtgesellschaft'. Die 'Gesamtgesellschaft' als Erkenntnisgegenstand bedarf einer gedanklichen Abgrenzung dessen , wovon man jeweils redet. Verschiedene Gesellschaftsbegriffe sind möglich. 'Wirtschaftssysteme als 'ganze' sind grundsätzlich definierten 'Gesamtgesellschaften' begrifflich zuzuordnen.

Ein Wirtschaftssystem ist je nach seinen Zweckbestimmungen unterteilbar in verschiedenartige funktionelle Subsysteme (etw Produktion, Handel und Wirtschaftssystemregulierung). Dem Umfang nach gibt es lokale, regionale, staatliche, national odet ethnisch abgegrenzte, aber auch um global-grenzüberschreitende Wirtschaftssysteme.

'Wirtschaftssysteme' im Sinne der vorherigen Begriffsbestimmungen gibt es in den einzelnen Kulturkreisen der Frühen/Alten Menschheitsgeschichte ebenso wie in der Neueren und der Gegenwartsgeschichte. Sie können deshalb im Hinblick auf ihre Basisstrukturen prinzipiell miteinander verglichen werden und zwar ebenso in ihrer geschichtlichen Entwicklung und Wirkungsgeschichte wie in ihrem historischen Nebeneinander.

b) Wirtschaftliche Bedarfsgüter.

Wirtschaftliche Bedarfsgüter sind Klassen von Objekten, welche den Menschen aus irgendwelchen Gründen als 'Gut' oder 'Wert' erscheinen, d. h. als nützliche, brauchbare, erstrebenswerte, begehrenswerte oder gar überlebenswichtige Gegenstände für ihre Lebensführung.. Diese sind überwiegend, wenn auch nicht nur, materieller Art.

Außer den Bedarfsgütern für alle Arten materieller Bedürfnisse der Menschen können Wirtschaftssysteme auch wirtschaftliche Subsistenzmittel für deren nicht-materielle (ideelle) Bedürfnisse (etwa in Alltags- und Geisteskultur, Religion und Wissenschaft) bereitstellen. Allerdings sind ideelle Bedürfnisse in ihrem Kern nicht auf wirtschaftliche Weise zu erfüllen, ja sie existieren teilweise sogar ganz unabhängig von wirtschaftlicher Versorgung..

c) Der 'Preis' und der 'Wert' von Gütern wirtschaftlichen Bedarfs.

Die Bewertung von wirtschaftlichen Bedarfsgütern richtet sich in einem im Alltagsleben 'üblichen' 'marktorientierten' Sinne nach einer 'Nachfrage' und ihrem Verhältnis zu einem 'Angebot'auf einem 'Markt'. Aus dem Gegenüber von Angebot und Nachfrage ergibt sich dabei ein 'Preis'. Ist das Angebot höher als die Nachfrage, so ist der Preis im allgemeinen 'niedrig'; ist es umgekehrt, so ist der Preis 'hoch'. Der 'Preis' eines Bedarfsgutes auf einem Markt kann jedoch in beiden Fällen von seinem 'Wert' stark abweichen.

Unter 'Wert' kann man die Resultante verschiedener Faktoren verstehen, welche ein Bedarfsgut zu einem nützlichen, brauchbaren, erstrebenswerten, begehrenswerten oder gar überlebenswichtigen Gegenstand machen. Zur genaueren Bestimmung dieser wertbildenden Faktoren ist es nötig zu unterscheiden:

  • die allgemein-natürlichen und die sozial geprägten Bedürfnisse und Orientierungen von Menschen und Menschengruppen,
  • den in die Erzeugung und Bereitstellung bestimmter Bedarfsgüter und benötiger Leistungen eingebrachten Aufwand zweckmäßiger menschlicher Arbeit,
  • den Aufwand bei der volkswirtschaftlichen und betrieblichen Organisation produktions- und dienstleistungsermöglichender Wirtschaftsstrukturen,
  • das Ausmaß bzw. die Grenzen der Verfügbarkeit natürlicher Stoffe in wirtschaftlichen Prozessen,
  • die Haltbarkeit oder Wirksamkeit bestimmter Produkte und Dienstleitungen

Dafür sind - verschieden kontruierbare - rational begründete Meßverfahren erforderlich. Diese sind für alle wertbildenden Faktoren prinzipiell möglich, setzen aber jeweils eine detaillierte theoretische Begründung voraus, die an dieser Stelle, wie erwähnt, nur ansatzweise vorgenommen werden kann; siehe dazu weiter unten aber weiter Ausführungen zu "Qualitäts- und Qualifikationsunterschieden in den Wertkomponenten von Wirtschaftsgütern".

d) Wirtschaftliche Akkumulationsprozesse.

Die Unterscheidung von 'Marktpreis' und 'Wert' wirtschaftlicher Bedarfsgüter ist nicht nur aus Gründen begrifflicher Klarheit geboten. Sie ermöglicht vielmehr auch eine Erklärung wirtschaftlicher 'Akkumulationsprozesse'.

Denn soweit der Marktpreis eines Bedarfsgutes unter seinem Wert bleibt wie etwa bei der 'unterbezahlten' bzw. 'unentgeltlichen' Arbeit - markante Beispiele sind die Hausfrauen-, Sklaven- oder Zwangsarbeit -, führt dies zu Aufwandsersparnissen und über diese zu Vermögenszuwächsen bei den verschiedenen Arten der insoweit 'arbeitnehmenden' Begünstigten.

Soweit der Marktpreis andererseits über dem wirtschaftlichen 'Wert' bestimmter wirtschaftlicher Bedarfsgüter liegt, ist er die Grundlage einer 'Mehrwertakkumulation' derjenigen, die mit diesen Gütern handeln. Zu hohe 'Handelsspannen' erzeugen Bereicherung auf der einen und Zubußen auf der anderen Seite.

Die wirtschaftlichen 'Mehrwertakkumulationen' verschiedener Art sind in gesellschaftsweitem Umfang wesentliche Ursache einer starken Unterschiedlichkeit der Größe von Vermögen und damit auch einer durch sie bedingten 'Sozialschichtung'.

Es gibt auch Gründe für eine Akkumulation von wirtschaftlichen Mehrwerten, die außerhalb des Wirtschaftslebens liegen. Solche Gründe sind etwa politisch angeordnete Steuererhebungen oder Enteignungen oder kriegsbedingte Eroberungen und Aneignungen der Besitztümer der besiegten Kriegspartei und ihrer Bevölkerung. Die im Kriege bewirkten 'grundlosen' Wertübertragungen sind einseitige, im wirtschaftlichen Sinne 'nullwertige' Zugriffshandlungen.

e) Qualitäts- und Qualifikationsunterschiede in den Wertkomponenten von Wirtschaftsgütern.

Bei der Arbeitskraft handelt es sich um die für die Gewinnung, Bereitstellung, Umwandlung und Ausfertigung von Bedarfsgütern und für deren Absatz zweckmäßig organisierte und eingesetzte menschliche Arbeitskraft. Die 'Zweckmäßigkeit' ist dabei so zu verstehen, daß sie sich an den zur Zeit des Bedarfs im allgemeinen einsetzbaren technischen und organisatorischen Verfahren ausrichtet. 'Unzweckmäßg organisierte und eingesetzte Arbeitskraft' ist in ihrer Qualität gegenüber zweckmäßig eingesetzter und organisierter gemindert.

Eine Erhöhung des Wertes der zur Herstellung wirtschaftlicher Guter erforderlichen zweckmäßig eingesetzten und organisierten Arbeit kann durch ihre erhöhte Qualifikation begründet sein. Der Grad des Erwerbs einer Qualifikation kann rational durch den Gesamteinsatz der Arbeit bestimmt werden, die zweckmäßig und nötig ist, um sie zu erwerben. Vom Endzeitpunkt des Erwerbes des Qualifikation an kann der durch Qualifikation erzielte, gegenüber dem vorherigen Zustand höhere wirtschaftliche Wert der individuellen Arbeit dadurch bestimmtt werden, daß die Qualifikationszeit auf die statistisch durchschnittlich folgende Lebensarbeitszeit des individuellen Arbeiters umgerechnet wird.

Die Qualität der stofflichen Mittel für Produktions- oder Handelszwecke läßt sich bestimmen nach ihren benötigten spezifischen Eigenschaften wie zum Beispiel vielseitige Verwendbarkeit, Lebensdauer, Haltbarkeit.

Der Wert des organisatorischen Aufwandes (Investitionen, Organisationspotentiale) für Produktion und Dienstleitungen schließt den Aufwand an Arbeitskraft, an stofflichen Mitteln und auch an gedanklicher Organisationsarbeit für die Einrichtung und Unterhaltung von Produktionsanlagen ein. Sie kann deswegen je nach ihrer 'Rationalisierung' eine unterschiedliche Qualität haben.

f) Wirtschaftliches Vermögen.

Vermögen ist die rechtlich gesicherte Kompetenz eines Rechtssubjekts, Rechte zu haben, zu erwerben, zu übertragen oder aufzugeben. Wirtschaftliches Vermögen ist ein Teil der allgemeinen Vermögenskomtenz, nämlich derjenige der sich auf wirtschaftliche Güter bezieht.

In einem anthropologischen Sinne, der mit dem hier definierten wirtschaftlichen Sinn nicht übereinstimmt, sondern viel weiter geht, bedeutet 'Vermögen' soviel wie 'Habe', 'Besitz' als Gesamtheit der Dinge, die der Mensch für sein Überleben benutzt und die ihm vertraut sind. Welche Bedeutung diese Art von Vermögen für den Menschen hat, wird kurz und prägnant in einem Prospekt der UNO-Flüchtlingshilfe aus dem Jahre 2011 deutlich. Dort berichtet eine in einem Projekt tätige Ärztin: "Mir wurde bewußt, daß auf der Flucht sein eines der schlimmsten menschlichen Schicksale ist. Flüchtlinge werden ihrer Vergangenheit, ihrer Zukunft, ihrer Würde, ihrer gesamten Habe und oft auch der Angehörigen beraubt. Sie sind nirgends willkommen, allenfalls geduldet, manchmal auf Dauer heimatlos und [innerlich verwundet]."

g) Staats- und Gemeinschaftsvermögen.

Die Kompetenz, über wirtschaftliche Faktoren (Arbeitskraft, Ressourcen, Organisationspotentiale) zu verfügen, pflegt in Wirtschaftssystemen aller Art in starkem, wenn auch unterschiedlichem Ausmaß, bei den Organisationen der Herrschaft oder der Politik ('Staat') und bei Institutionen mit gemeinschaftlicher Verfügungsberechtigung ihrer Mitglieder (z. B. 'Körperschaften', 'Vereinen' 'Genossenschaften', 'Verbänden') zu liegen.

h) Öffentliche Handlungen und Dienste.

Die Organsationen der Herrschaft und Politik ('Staat') pflegen in Wirtschaftssystemen aller Art menschliche Arbeit zum Zwecke öffentlichen Handelns zu organisieren (z. B. Militär, Polizei, Verwaltung, öffentliche Dienste), allerdings in unterschiedllichem Ausmaß.

i) Staatliche Wirtschaftsregelung und Wirtschaftsverwaltung.

In einigen Wirtschaftssystemen pflegen die Organisationen der Herrschaft und Politik ('Staat') außer in ihrem eigenen Organisationsbereich in starkem Maße rechtlich regulierend und wirtschaftlich organisierend tätig zu sein ('Planwirtschaft', zentrale Verwaltungswirtschaft').

j) Privatvermögen und Privatwirtschaft.

Die meisten, wenn nicht alle Wirtschaftssysteme kennen Bereiche des Wirtschaftens, die im wesentlichen nicht zu einem Staats- oder zu einem Gemeinschaftsvermögen gehören, sondern unter rechtlich gesicherter Verfügung einzelner Personen oder diesen gleichgestellter Rechtsträger ('juristische Personen'). Die Vermögen dieser Personen ('Privatpersonen') kann man als 'Privatvermögen' oder auch als 'Kapital' bzw. 'Kapitalvermögen' bezeichnen. Das wirtschaftliche Interagieren von 'Privatvermögensinhabern' ('Privatpersonen'. 'Kapitalbesitzern') läßt sich als 'Privatwirtschaft' bezeichnen. 'Privatvermögen' können sich darauf beschränken, eine primär 'persönlich-familiäre' Zweckbestimmung zu haben. Ihr üblicher Zweck ist es jedoch, durch Zusammenfassung geldwerter Erwerbstitel (z. B. flüssige Geldmittel, Zinsansprüche, Gewinnbeteiligungen, Ansprüche aus Sachenrechten und schudrechtlichen Verträgen) insbesondere den berufsmäßig ausgeübten wirtschaftlichen Geschäften ihrer in ihren privaten Vermögensverfügungen prinzipiell oder weitgehen unbeschränkten Inhaber zu dienen.

k) Privatrechtliche Arbeitsverhältnisse.

Zwischen 'Privatpersonen' können Rechtsbeziehungen bestehen, die ganz oder teilweise die eine unter die Verfügungsgewalt der anderen stellen. Solche Beziehungen können vertragliche, aber auch andere Rechtsgründe haben. Die historische Variationsbreite privatrechtlicher Arbeitsverhältnisse ist sehr groß; sie reicht von der Sklaverei bis zum Manager-Vertrag.

l) Handel, Marktverhältnisse und Preisbildung.

Privatpersonen, aber auch öffentliche Institutionen können anderen Teilnehmern an einem wirtschaftlichen Austausch ('Handel') Produkte und Leistungen für deren Bedarf anbieten. Das kann in einer singulären oder sonst persönlich begrenzten (privaten) Beziehung, aber auch gegenüber einer unbestimmten Mehrzahl ('Markt') nachfragender Personen ('Nachfrage') stattfinden. Die von der anbietenden Seite einem Nachfrager von Produkten und Dienstleitungen gegenüber geltend gemachte Gegenleistungs-Forderung nennt man 'Preis'.

m) Geld und Währung.

Um den 'Handel' auf einem 'Markt' zu vereinfachen, d. h. von den Schwierigkeiten des Tauschhandels zu entlasten, einigen sich die Teilnehmer an einem Marktgeschehen generell auf dauerhaft beständige ('Geld') und glaubhaft zuverlässige ('Währung') Vergleichwerte für die angebotenen Produkte und Dienstleistungen.

Die Zuverlässigkeit einer Währung pflegt aber durch öffentliches Handeln politischer Einrichtungen planmäßig oder ungeplant beeinflußt werden.

n) Sozialprodukt, Verteilungssstrukturen und Sozialschichtung.

Die Gesamtheit wirtschaftlicher Produkte und Dienste, erschlossener Ressourcen und erstellter Organisationen einer Gesellschaft läßt sich nach ihrem Gesamtwert erfassen und dann als 'Sozialprodukt' bezeichnen.

Das 'Sozialprodukt' wird in verschieden Wirtschaftssystemen auf unterschiedliche Weise auf die Gesamtheit der gesellschaftliche Bedarfe verteilt.

Diese Unterschiede in der Verteilung des Sozialprodukts an nach ihrem Bedarf unterschiedlich klassifizierte Gruppen von Menschen führt - als ein wichtiger von mehreren Faktoren - zur Bildung sozialer Schichten der Bevölkerung.

o) Konjunktur der Wirtschaftsfaktoren.

Das in einem größeren gesellschaftlichen Rahmen stattfindende, teilweise gesteuerte, teilweise nicht gesteuerte Zusammenspiel der Erschließung der Ressourcen, des Einsatzes der Arbeitskraft und der wirtschaftlichen Organisationsprozesse läßt sich als wirtschaftliche 'Konjunktur' bezeichnen. Diese kann je nach Art ihrer stabilen und dynamischen Strukturen und Verläufe die Art und die Höhe erzeugter wirtschaftlicher Werte bestimmen.

p) Entwicklung und Tradition von Wirtschaftsfaktoren und Sozialstrukturen.

Wirtschaftliche Faktoren und soziale Strukturen sind historische Gebilde und weisen deshalb nicht nur ihre - an sich typischen - Beharrungs-, sondern auch Veränderungsmomente auf. Die Beharrung kommt im wesentlichen aus dem fixierten Interessengefüge gesellschaftlicher Machtverteilung und Rechtsordnung, die Dynamik aus kollektiven Motiven und Interessen, die sich an dem fixierten Gefüge reiben und oder ihm weitergehend (Revolten, Revolutionen) widersprechen.

3. Zu einem Vergleich der Basisstrukturen antiker und moderner Wirtschaftssysteme.

Als 'Basisstrukturen' von Wirtschaftssystemen können ihr gesamtgesellschaftlicher Rahmen in seiner Extension und Binnenstruktur, die Formen betrieblicher oder betriebsähnlicher Organsisationsformen in diesem Rahmen, die Formen der Verteilungsstrukturen.(einschließlich Marktverhältnisse) und die wirtschaftsbezogenen Rechtsprinzipien angesehen werden.

Übung 1.1

Stellen Sie in der beigefügten Liste lateinischsprachiger wirtschaftsbezogener Begriffe diejenigen Begriffe fest, die eine Entsprechung in unserer heutigen Zeit haben, und finden Sie eine Erklärung für sprachgeschichtliche Kontinuitäten zwischen ihnen...

4. Zu einem Vergleich der Sozialschichtung moderner und antiker Gesellschaften.
a) Generelle gesellschafts- und schichtungsbezogenen Begriffsbildungen.
Der Begriff 'Gesellschaft' (etymologische Bedeutung: 'im gleichen Saal') ist als Mittel zur Erfassung gedanklich abgrenzbarer, systemischer Großbereiche menschlicher Bevölkerungen unproblematisch. Die Abgrenzung einer 'Gesellschaft' nach außen ist unter verschiedenartigen Gesichtspunkten - politischen, wirtschaftlichen oder sprachlich-kulturellen - im allgemeinen leicht und sinnvoll möglich.
Anders ist es mit den Begriffen 'Klasse' und 'Schicht'. Sie werfen, soweit sie wesentliche Lebensumstände einer Bevölkerung typisieren wollen, die Frage nach der Kriterienbildung auf und lassen deswegen mehrere konkurrierende Ansätze zu. Bei derartiger, auch geschichtswissenschaftlich grundlegender theoretischer Begriffsbildung ('Historik') kommt es vor allem darauf an, solche Begriffe zu vermeiden, die aus verschiedenartigen Gründen des heutigen öffentlichen Meinungskampfes Vorurteils- oder gar Ideologie-Charakter zu haben pflegen.
So gibt es neben einem theoretischen Begriff der 'Klasse', der im marxistischen Sinne auf die Unterschiede des Produktionsmittelbesitzes konzentriert ist, andere - eher sozialstatitische - gesellschaftsbezogene Klassifizierungsansätze.
Der Begriff 'Schicht' ist im allgemeinen mit einem 'Oben-Mitte-Unten'-Modell des Gesellschaftsaufbaus verbunden; wobei er stark auf rational nicht begründbare Momente 'sozialer Geltung bzw. Nicht-Geltung' abhebt; Begriffe wie 'Unterschicht' oder 'Elite' haben in ihrer allgemein- ebenso wie in ihrer wissenschaftlich-spezialsprachlichen Bedeutung lediglich Behauptungscharakter.
Es ist demgegenüber alternativ möglich, den gesellschaftlichen 'Aufbau' mit einer Kreisfläche zu vergleichen, die in verschiedene 'Segmente' eingeteilt ist. Das ermöglicht eine gedanklich freiere Konzeption des 'Gesellschafts'-Systems als ganzen und seiner 'Segmente' im einzelnen, und zwar nach ihrer Zahl, ihrer Größe, ihren Regeln und ihren Funktionen im gesamtgesellschaftlichen Aufbau, ohne 'soziale Geltung' in den Mittelpunkt zu stellen.
Bei der Abrenzung solcher 'Segmente' sind verschiedene Kriterien möglich. Am offensten für die Vielfalt 'objektiver sozialer Existenzbedingungen' erscheinen zwei Kriterien, die miteinander verbunden werden können, nämlich
1) die hautptsächlich lebensbestimmende Art der individuellen Arbeit bzw. des individuellen Zeiteinsatzes für überindividuelle Zwecke,
2) die Art und Höhe des Einkommens und Vermögens der gesellschaftszugehörigen Menschen.
b) Zur Sozialschichtung in der heutigen Bundesrepublik Deutschland als Beispiel für eine stark tradititionsbestimmte gesellschaftliche Struktur.
In der heutigen ('modernen') Gesellschaft Deutschlands lassen sich folgende 'Segmente' der Bevölkerung unterscheiden:

Zwischen diesen Gruppen gibt es überall gewisse Überschneidungen.

Vergleicht man einmal mit dieser Liste eine vergleichend erstellte für antike Lebensverhätnisse im Römischen Reich, so ergibt sich folgendes Bild in ihren Bedeutungen einander ungefähr, d. h. zumindest teilwese, entsprechender Kategorien:

A. Weisungsabhängige Dienstleister und Fachkräfte im privatwirtschaftlichen Bereich (andere Bezeichnungen: 'Arbeiter', 'Angestellte', 'Proletarier', 'Kurzarbeiter', 'Auftragsarbeiter und -dienstleister').

- douloi; servi, ministri, legati, mandatarii, executores

B. Staatsangestellte (Beamte, Richter u. a. Verrichter öffentlicher Aufgaben in öffentlichen Organisationen)

- politikoi, klerotai; magistratus, officiales

C. Kleinere und größere Unternehmer ('Selbstständige') im privatwirtschaftlichen Bereich (Industrie, Handel, Bankwesen, Handwerk)

- mercatores, negotiatores, locatores, conductores

D. Renten- und Pensionsempfänger

- alimentarii, reditarii

E. Sozialhilfeempfänger und andere Zuwendungsbedürftige ohne ausreichendes Einkommen und Vermögen ('Arme')

- pauperes, indigentes

F. Verwalter und Nutzer größerer privater Vermögen ('Reiche')

- divites, prosperi, copiosi, potentes, opulentes, valentes

G. Gebildete, Intellektuelle (Gelehrte, , Schriftsteller, Wissenschaftler, Journalisten, Lehrer)

- philosophi, literati, docti, prudentes, eruditi, urbani, liberales, humani, doctores, magistri

H. Künstler, Dichter, Maler, bildende Künstler, Unterhaltungskünstler);

- artifices, poetae, pictores, sculptores, oblectantes

I. 'Geistliche' und andere von Berufs wegen spirituell Handelnde

- hierarchoi, hierodouloi; sacerdotes, pontifici, presbyteri

K. Säkular motivierte Akteure für das Gemeinwohl und andere überpersönliche Interessen (Politiker, Verbandsfunktionäre, ehrenamtlich Arbeitende).

- politikoi; cives, honorati

c) Zur Vermögensverteilung in der heutigen Bundesrepublik Deutschland als Beispiel für eine stark tradititionsbestimmte gesellschaftliche Struktur.
Übung 1.2

1) Vergegenwärtigen Sie sich die Aussagen der beiden nachfolgend gezeigten Schaubilder.

2) Wo in den grundsätzlich angesprochenen Strukturen könnte man auch antike Traditionen vermuten?

Karte 'Armut in Deutschland' im Jahre 2009.

(Quelle: 'Armutsatlas der Paritätischen Wohlfahrtsverbandes', abgedruckt in 'Frankfurter Runschau', 19. Mai 2009, Titelseite. Kommentar dazu dort auf S. 2. und 3

Fundstelle: http://www.forschung.paritaet.org/index.php?id=1435)

Karte Vermögensverteilung in Deutschland im Jahre 2009

(Quelle: Armuts und Reichtumsbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, Januar 2009.

Fundstelle: http://www.google.de/imgres?imgurl=http://www.flegel-g.de/Bilder/Armutsbericht.jpg&imgrefurl=http://www.flegel-g.de/wahljahr-2009.html&usg=__8ePBbu4zVHUwmV6wuqGAs0flPfc=&h=545&w=700&sz=65&hl=de&start=2&zoom=1&itbs=1&tbnid=hYeFo4mpv0w3wM:&tbnh=109&tbnw=140&prev=/search%3Fq%3Dverm%25C3%25B6gensverteilung%2Bin%2Bdeutschland%26hl%3Dde%26sa%3DX%26tbm%3Disch%26prmd%3Divns&ei=QTiUTdHnCM3Tsgbdndm-CA)

5. Kurze Bemerkungen zu den Linien wirtschaftsgeschichtlicher Entwicklung von der Antike bis in unsere Zeit.

Zur Illustration:

Abb. Zur Wirtschaft des römischen Weltreichs in der Kaiserzeit.

Ausschließlich zum Zwecke wissenschaftlichen Zitats entnommen aus: Putzger, Atlas und Chronik zur Weltgeschichte, Große Ausgabe, hg. von E. Bruckmüller, P. C. Hartmann und Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Cornelsen-Verlag Berlin 2002, S. 47..

a) Zur Landwirtschaftsgeschicht ausgehend von den land-, wald- und gartenwirtschaftlichen Produkten des Altertums.

b) Zur Bergbaugeschichte ausgehend von den mineralischen Rohstoffen des Altertuns.

c) Zur Geschichte des Handels, des Gewerbes und der Industrie ausgehend von den wichtigeren Land- und Seeverkehrslinien des Altertums und den damaligen Transportmitteln.

d) Zur historischen Entwicklung des Städte- und Märktewesens ausgehend vom Städte- und Hafenwesen mit seinen Marktbildungen im Altertum.

e) Zur Geschichte des Geldes und der Währung ausgehend vom antiken Münzwesen und der politisch-herrschaftlichen Oberaufsicht darüber.

f) Zur Geschichte des Bank- und Finanzwesens ausgehend vom antiken Steuer- und Zollwesen.

g) Zur Geschichte kommunitärer Wirtschaftsformen ausgehend von den Koloniebildungen antiker Reiche und Stadtstaaten

h) Zur Geschichte des Staatseigentums und des Staatshaushaltswesens ausgehend vom antiken Fiskalwesen und dem kaiserlichen Vermögen der römischen Kaiserzeit..

i) Zur Geschichte der staatlichen und privaten Sklaverei als Sonderform des Eigentums ausgehend von der antiken Sklaverei.

k) Zur Geschichte der gesellschaftlichen Wirtschafts- und Arbeitsverfassung für Freie ausgehend von den grundlegenden arbeits- und dienstrechtlichen Institutionen des Römischen Rechts (Dienstvertrag, Werkvertrag, Auftrag).

l) Zur Geschichte des Bankwesens ausgehend von antiken Formen der staatlichen und privaten Thesaurierung und der gewerblichen Kreditvergabe.

m) Zur Geschichte der Enteignung ausgehend von der strafrechtlichen Konfiszierung bis zur kriegerischen Okkupation im römischen Recht.

6. Verzeichnis der Literatur, Medien, Quellen für die gesamte Lehrveranstaltung.

(Bearbeitungsstand: 18. ´Juli 2011).

Die ständige Bearbeitung und Fortentwicklung des WWW-Textes führt zu gelegentlichen Schreibfehlen, deren Beseitigung manchmal erst nach längerer Zeit möglich ist, weil sie erst bei späterer Kontollektüre auffallen. Der Autor ist für entsprechende Hinweise dankbar.

Autor dieses WWW-Skripts: Christian Gizewski, apl. Prof. Dr., TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP:christian.gizewski@.tu-berlin.de

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