Kap. 2: Zur Begründung und rechtlichen Regulierung der Privatsphäre und der Marktverhältnisse ('private Ökonomie') im Altertum.

1. Privatvermögen als 'autonomer Regelbereich' und Grundeinheit einer Privatverkehrsspäre in der Antike.

Wie das Wort 'Ökonomie' in seiner altgriechischen Bedeutung besagt, bezieht es sich auf die 'Regelung der Angelegenheiten des Oikos'. 'Oikos', mit dem lateinischen Wort 'vicus' sprachgeschichtlich zusammenhängend, bezeichnet einen kleinräumigen Siedlungskomplex von Dorfgröße oder auch einen größeren bäuerlichen Hof. Kleinsiedlungen dieser Art überziehen die antike mediterrane Landschaft, nicht nur Griechenlands und Italiens, außerhalb der Städte und Häfen, die wegen ihrer verkehrs- und marktbedingten Zwecke größere, teilweise sehr große Bevölkerungsansammlungen bewirken.

Die Wirtschaftsweise solcher 'oikoi' ist typischerweise landwirtschaftlich bestimmt und selbstversorgend (autark). Sie benötigt keine aufwendige, differenzierte Verwaltung und Abstimmung einer Vielzhahl von Bedürfnissen und Interessen, wie sie in den Orten mit Bevölkerungsakkumulation nötig sind. Vielmehr werden alle für die Versorgungswirtschaft wichtigen Verrichtungen innerhalb der am Orte befindlichen Verwandtschaften, Familien und Nachbarschaftsgemeinschaften geplant und entschieden. Diesen sind typischerweise auch die Rechte am Land, dessen Erträgnissen und dessen Naturschätzen zugeordnet. Die Arbeitsverteilung bestimmt typischerweise die Komptenzen innerhalb der 'oikoi', es sei denn, es kommt im Rahmen überörtlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu einer Fremdbestimmung durch äußere Instanzen (Gutsherren, Obrigkeiten). Außenbeziehungen solcher 'oikoi' entstehen durch eine gelegentliche Anbindung an überlokale Märkte, besonders benachbarter Städte, und ihre Unterordnung unter die politischen Anforderungen der ihnen gegenüber befehlsgebend auftretenden Gemeinwesen oder Herrschaften (Steuerzahlungen, Dienstleistungen, militärische Pflichten).

Insgesamt ergibt sich damit auch eine Sonderstellung der 'oikoi' als selbständiger sozialer Entscheidunge- und Handlungssysteme, die sich als 'privat' (von lat. 'privus', 'privatus'; gr. 'idios') i. S. von 'für sich bestehend', 'von Fremdbestimmung frei,'autonom', 'selbstentscheidend' - nämlich im Verhältnis zu benachbarten 'oikoi' und im Verhältnis zur staatlichen Ordnung ('publicum') - verstehen. Nicht notwendigerweise, aber doch zumeist sind sie individuellen Personen und unter diesen wiederum solchen zugeordnet, die sie sachlich und zeitlich unbeschränkt auszuüben plegen. Als beispielhaft für diese kann der römisch-rechtliche 'pater familias' angesehen werden.

Übung 2.1

Versuchen Sie, mit Ihren gegebenen Kenntnissen folgende Fragen zu beantworten:

1) In welcher Sprache ist die hier wiedergegebene Quelle verfaßt? Welcher Zeit gehört sie zu? Wer ist der Autor? Welchem Zweck dient sie allgemein?

2) Worum geht es in der hier wiedergegebenen Quelle?

3) Ermitteln Sie, wo und in welchem Zusammenhang das Wort 'privatus' steht?

4) Welche Vorstellungen von einer Rechtsordnung lassen sich erschließen?

Aus diesem Selbstverständnis der Wirtschaft ('Ökonomie') als einer 'Autonomie' entsteht das Rechtsinstitut des 'Eigentums', d. h.. eines von fremder Bestimmung freien, in erster Linie singulären Personen zustehenden Verfügungs und Bestimmungsrechts über Wirtschaftsgüter (lat. 'dominium', gr. 'idion', 'idia chremata').

2. Eigentum, Vermögen und Privatverkehrsspäre in der Antike.

Es gibt den antiken Verkehrsbedürfnissen entsprechend auch Sonderformen des Eigentums - wie z. B.ein gemeinschaftliches Eigentum. Ferner gibt es an 'Sachen' den Verkehrsbedürfnissen entsprechend schon in der Antike beschränkte Sachnutzungsrechte wie Pfandrechte, Hypotheken oder Dienstbarkeiten

Eng mit dem Institut des Eigentums verbunden ist das für die vielfältig mögliche und erforderliche Änderung von Eigentumsrechten erforderliche System der schuldrechtlichen Obligationen, welche durch Vertragsbindungen zwischen Eigentümern und anderen Rechtspersonen entstehen.

Das Eigentum und andere Sachenrechte an Wirtschaftsgütern und Waren (res) stellen unter anderem die Basis für Verkaufs- bzw. Handelsgeschäfte aller Art dar und damit für die Möglichkeit, im Handelsverkehr Gewinne zu erzielen.

Die Gewinnerzielung und die Gewinnansammlung ist - neben der kriegerischen Okkupation - die üblichste Form der Bildung von 'Vermögen'.

Vermögen sind Gesamtheiten von Eigentums- und anderen Sachenrechten sowie von Obligationen, die im Hinblick auf die zur Verfügung stehenden Mittel unterschiedlich groß sein, aber schon in der Antike auch auf wirtschaftliche Ziele ihrer Inhaber ausgereichtet zu sein pflegen pflegen.

Die Vermögensverteilung innerhalb antiker Gesellschaften ist prinzipiell ungleich. Die größten Vermögen befinden sich den Händen einer kleinen wirtschaftlich-sozialen 'Oberschicht' von Reichen. Schicht. Ein größerer Teil der Gesellschaft hat Vermögen, die ihm nicht weniger, aber auch nicht mehr als sein wirtschaftliches Auskommen sichern. Der vermutlich stets größte Teile der Bevölkerung in antiken Gesellschaften dürfte im wesentlichen vermögenslos sein und insweit dem Bilde entsprechen, das heutige industriell und sozialpolitisch unentwickelte Länder zeigen.

Die politische Regulierung der Rechtsformen des Eigentums, des Vermögens und des privatwirtschaftlichen Verkehrs findet schon in der Antike über die Gesetzgebung statt. Sie ist darüber hinaus, anders als heute, eng mit dem Bürgerrecht verbunden; deshalb im römischen Recht der Rechtsbereich des 'ius civile'. Sie nimmt auf die wirtschaftlich-sozialen Interessen der einflußreichen und begüterten Sozialschichten größere Rücksicht als auf die der breiten und armen Bevölkerungsschichten.

Für Ausländer gelten weitgehende Rechsgarantien betreffend ihren 'Besitz' und ihre Vermögensinhaberschaft, welche vor dafür speziell zuständigen Gerichten geltend gemacht werden können (ius peregrinum).

3. Zu Sozialschichtung und wirtschaftlichen Bedürfnissen antiker Gesellschaften

Nimmt man die römische Gesellschaft als Beispiel, so fällt zunächst an ihrer sozialen Grundstrukur in allen ihren Epochen eine Polarität ihrer wichtigsten Ordnungsbegriffe auf, so etwa der Begriffe

Nicht offenkundig, aber letztlich ebenfalls polar aufgebaut sind

In dieser Sozialschichtung ist ferner die große Bedeutung des Vermögens als konstitutiven Moments für die soziale Lage dees inzelnen und für die Differenzen in der Sozialschichtung (Klassenbildung) erkennbar:

Die Vornehmen (nobiles, honesti, senatores, patricii) sind überwiegend die Reichen. Die Nicht-Reichen (tenuiores) sind dadurch gekennzeichnet, daß sie nicht zu den Vermögenderen (Teilbedeutung von 'potentiores') gehören. Die Mächtigen (andere Bedeutung von 'potentiores') sind ebenfalls die Reichen.

Standestraditionen (senatores/patricii - plebeii), religiöse und ethnische Traditionen spielen zwar auch eine gewisse Rolle bei der Sozialschichtung. Doch machen Idee und Rolle eines standesgrenzdurchbrechenden 'homo novus' deutlich, daß die Position des Einzelnen im sozialen Schichtengefüge letztlich von anderen Faktoren abzuhängen pflegt. Das sind in Friedenszeiten vor allem diejenigen, die ein persönliches Vermögens erzeugen.In Kriegszeiten gibt es dazu die Möglichkeiten der Okkupation.

4. Die Verteilung der Ressourcen antiker Gesellschaften und Mehrwertbildung in Produktion, Handel und Dienstleitungen nach demVerteilungszufall als durchgängigem Prinzip.
Den Schichtenlagen entsprechen deutlich verschiedene Typen wirtschaftlicher Bedürfnisse und Lebensstile, vom Zustand der Mittellosigkeit über den der deutlich begrenzten, aber ausreichenden Mittel bis zu dem des 'Luxus'-Überflusses. Diese Differenzen werden politisch nur selten und nur ansatzweise in Frage gestellt.
Die Organisation antiken Wirtschaftslebens entspricht weithin der Schichtendifferenzierung.. Die Bereitstellung der Wirtschaftsgüter aus der Sammlung und Bearbeitung von Naturschätzen, aus Landwirtschaft, Fischerei, Handwerk und Dienstleitungen, jeweils unter den Bedingungen antiker Technologie und antiker Verkehrsmöglichkeiten, kennen keine gesamtwirtschaftlichen Konzepte und Ziele. Sie sind vielmehr stark bedarfsorintiert. Der Reiche arbeitet für seinen persönlichen oder familiären Reichtum, der ausreichend Versorgte um sein Auskommen und der Arme um seine Existenz.
Die Verteilung der gesamtgesellschaftlichen Ressourcen und des gesamtgesellschaftlichen Einkommens erfolgt innerhalb der Privatrechts- und Privatverkehrsspäre nicht ausgehend von einer Gesamtzahl der Angehörigen einer Gesellschaft und dem Postulat ihrer gleichen und zugleich zweckmäßigen, vorausschauenden Versorgung, sondern - kurz gesprochen - weitgehend nur nach den Prinzipien des 'ersten Zugriffs' und des 'Verteilungszufalls' .
Sozialpolitische Aspekte, wie sie heute auf verschieden Weise auch innerhalb der Privatrechts- und Privatverkehrssphäre berücksichtigt werden müssen ('Sozialstaatsprinzip'), gibt es in antiken Gesellschaften kaum. Hin und wieder führen politische Aspekte bei Politikern oder Mildherzigkeit bei Privatleuten zu einer Berücksichtigung des Bedürfnisse der breiten mittellosen Bevölkerung.

5. Textbeispiele zur privaten landwirtschaftlichen Produktion in antiken Gesellschaften und ihrem politisch-sozialen Umfeld.

a) Übung.

Übung 2.2

Versuchen Sie, mit Ihren gegebenen Kenntnissen folgende Fragen an den nachfolgend wiedergegebenen Text zu beantworten:

1) Wer ist der Autor ? Welcher Zeit, welchem Gemeinwesen und welcher gesellschaftlichen 'Schicht' gehört er zu? Welche Anhaltspunkte haben Sie für Ihre Einschätzung?

2) Welche Vorstellungen von einem wirtschaftlich ertragreichen Landgut hat der Autor? Dient es mehr der Selbstversorgung einer Familie oder der Gewinnerzielung auf einem Markt mit marktkonformen Produkten?

3) Welche und wieviel Arbeitskräfte braucht und verwendet der Gutsbesitzer Ihres Erachtens und wie entlohnt er sie gegebenenfalls?

4) Aus welchen Elementen setzt sich das Einkommen des Gutsbesitzers zusammen? Inwiefern ist es in der Lage, Reichtum zu erzeugen?

5) Welche Lebens- und Tugendprinzipien lassen sich in dem Text erkennen?

b) Textstelle aus einer antiken Buographie.
Das Leben eines bäuerlich geprägten, kriegstüchtigen, privat und politisch tugendhaften Altrömers als moralisches Muster auch für wirtschaftliches Verhalten in den einer Lebensbeschreibung des Plutarch.

6. Zur theoretischen Begründung antiker Privatökonomie, Marktverhältnisse und Sozialschichtung.

a) Antike Grundüberzeugungen vom Staat als notwendigem Überbau eines 'naturgemäß' primär familiär-verwandtschaftlich organisierten sozialen Lebens.

I. Der Staat hat ein eigenes wirtschaftliches Vermögen (Fiskus) und ein Zugriffsrecht auf die Vermögen seiner Gewaltunterworfenen, das sich in Besteuerung und Konfiskation äußern kann.

II. Der Staat hat im Kriege gegen die feindliche Seite ein unbegrenztes Eroberungs- und Zugriffsrecht (Okkupation).

III. Die allgemeinen rechtlichen Aspekte der Privatvermögenssphäre.werden vom Staat nach Rechtstraditionen, Gesetzesrecht und Gerichtsentscheidungen geordnet.

b) Antke Grundüberzeugungen von den Rechtsgrundsätzen des Eigentums- und Privatverkehrsrechts.

I. Das Privatvermögen ist eine abgegrenzte, autonome Rechtssphäre.

II. Die meisten rechtlichen Gegenstände sind käuflich und können dehalb Handlsware werden. Einige sind aber prinzipiell dem dem Handel entzogen (wie zum Bespiel Tempel und Kirchen). Die käuflichen und nicht-käuflichen Gegenstände und Rechte.

III. Über eine große Zahl von Gegenständen können privatautonom gestaltete, anspruchsbegründende Verträge abgeschlossen werden.

Ein Textauszug aus den 'Institutionen des Caius' ( 3, 88 - 135),

einem Lehrbuch zur Einführung in die Grundkenntnisse des Römischen Rechts aus dem 2. Jht. n. Chr.

c) Antike Grundüberzeugungen betreffend die sozialen Unterschiede und Klassen.

I. Die gesellschaftliche Vermögens- und Einkommensungleichheit hat eine natürlich vorgegebene Struktur und ist deshalb fest und unveränderlich ('konservatives' Ideengrundmuster).

II. Die Struktur wirtschaftlich-sozialer Klassenbildung ist fest und unveränderlich. Auch bei Neuerungen setzt sich immer wieder das natürliche Grundmuster durch.

III. Den durch den sozialen Verteilungszufall 'höher' Geschichteten ('honestiores', gr. 'chresimoi', 'sebastoi') kommt natürlicherweise und verdientermaßen eine besondere 'Ehrenhaftigkeit', von der angenommen werden muß, daß sie auf besonderen Leistungen beruht.

IV. Statusdifferenzen wie die zwischen Bürgern und Ausländern, Freien und Sklaven sind naturgemäß und nur im Einzelfall aufhebbar.

7. Wichtige antike Quellentexte oder -komlexe zum Thema Privatsphäre und der Marktverhältnisse ('private Ökonomie') im Altertum.

a) Peudo-Aristoteles, Oikonomika.

b) Das römische Privatrecht, etwa der Instititionen und Digesten Justinians.

c) Cato, De agricultura.

d) Columella, De re rustica.

Die in diesem Kaipitel auszugsweise wiedergegebenen Texte sind zum Zwecke des wissenschaftlichen Zitats entnommen aus:

1) Corpus Iuris Civilis, Ed. stereotypa VII, vol. primum, Institutiones recognovit Paulus Krueger, Digesta recognovit Theodorus Mommsen, Berlonini apud Weismannos MDCCCXCV, Digesta, S.1
2) Marcus Porcius Cato, Vom Landbau, und: Fragmente. Alle erhaltenen Schriften zusammen mit der Cato-Biographie aus Plutarchs 'Bioi paralleloi'. Lateinisch bzw. Griechisch - deutsch. hg. von Otto Schönberger, Heimeran Verlag, München 1980, S. 16/17, 144/145 und 150/151 sowie 318 - 321.
3) Fontes Iuris Romani Anteiustiniani, pars altera - Auctores. Ed. J. Baviera, J. Furlani, Florenz 1968, 2. 119 - 129 (auszugsweise).

(Bearbeitungsstand: 18. Juli 2011)

Autor dieses WWW-Skripts: Christian Gizewski, apl. Prof. Dr., TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP:christian.gizewski@.tu-berlin.de

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