Kap. 3: Zur 'politische Ökonomie' in antiken Kriegs- und Friedenszeiten.

1. Die staatliche Allgewalt gegenüber den ihr zugänglichen Bereichen der Wirtschaft und ihre allgemeinwohlorientierten Begründungen.

a) Typen antiker Herrschaft in ihrem Verhältnis zur Privatverkehrssphäre.

Die politische Herrschaft ('Staat' in einem weiten Sinne) wird in antiken Gesellschaften seit dem 4. Jht. v. Chr. im allgemeinen nach der Kategorienbildung des Aristoteles in die menschengemäßen Typen 'Monarchie', 'Aristokratie' und 'Politie' sowie in die diesen parallelgestellten menschenungemäßen Typen 'Tyrannis', 'Oligarchie' und 'Demokraie' eingeteilt.

Aus: Aristoteles, Politik (Politikos), 3. Buch, Kap. 6 und 7, Deutsche Übersetzung mit Anmerkungen von E. Rolfes und Einleitung von G. Bien, Hamburg ND 1990, s. 88 - 91

Als Kriterium für seine Zweiteilung in menschengemäße und menschenungemäße - man kann auch sagen in legitime und illegitime bzw. vernünftige und unvernünftige - poltische Ordnungen dient Aristoteles die Orientierung eines politischen Herrschaftssystems am 'Allgemeinwohl'. Steht dieses im Vordergrund, so werden die eigentlichen Ziele staatlichen Lebens, nämlich die Herstellung einer politischen Gemeinschaft von Menschen und die Verwirklichung menschengemäßen Lebens gemäß einer natürlichen Anlage des Menschen, ein politischen Lebewesens ('zoon politikon') zu sein, erfüllbar.

Werden dagegen in einem Staat eiigennützige Interessen. politisch maßgeblich, so bedeutet dies nach Aristoteles, daß die Einheit des Staates und die Gemeinschaft seiner Bürger zerfällt und eine vernüftiges, 'naturgemäßes' gemeinschaftliches Leben der Menschen dort nicht mehr möglich ist.

Solche Überlegungen haben auch für die politische Ökonomie antiker Herrschaftssysteme Bedeutung. 'Eigennützige Interessen' sind in starkem Maße solche, die nach politisch nicht verantwortetem Reichtum und damit nach übermäßiger wirtschaftlicher Macht streben. In verschiedenen Epochen der Antike haben solche 'maßlosen' Interessen entweder Cliquen poltischer Usurpatoren aller Art, ein eigensüchtig agierender Adel, die stets sehr kleine, aber übermäßig einflußreiche soziale Gruppe der 'Reichen' oder die mit ihren wirtschaftlichen Ansprüchen in Kriegs- und in Friedenszeiten rücksiichtslos und unmoralisch werdende breite Bevölkerung.

Entsprechend lassen sich mehrere Typen eigennützigen Zugriffs illegitimer und unvernünftiger Herrschaftssysteme auf die Wirtschaftssphäre bestimmen, von denen hier an erster Stelle der der 'politischen Gewaltherrschaft' erwähnt sei. Das ist eine mit Mitteln der Gewalt (Krieg, Bürgerkrieg, Putsch) durchgesetzte Herrschaft, welche sich über etablierte Formen der Legitimation politischer Herrschaft hinwegzusetzen und dann auch gegenüber dem wirtschaftlichen Gesamtprodukt der Gesellschaft entsprechend eigennützig-rücksichtslos zu werden vermag.

Neben ihm gibt es einen Typus der 'autoritären politischen Herrschaft', welcher ebenfalls Folgen für die Verteilung des wirtschaftlichen Gesamtprodkts haben kann. Bei einer solchen Herrschaftslage kommt es zu einer Kumulation und Nutzung an sich legitim erreichter politischer Machtmöglichkeiten und privaterr Rechte und zumeist großer Vermögensmittel zu dem Zweck, Herrschaft in einer Weise auszuüben, die sich über etablierte Formen der Legitimation politischer Herrschaft hinwegsetzen und dann bei Bedarf auch leicht deren allgemeinwohlorientierte Beschränkungen gegenüber dem wirtschaftlichen Gesamtprodukt überschreiten kann.

Von prinzipieller Bedeutung mag auch ein Herrschaftstypus sein, der sich mit einer in der griechischen Antike pejorativ so genannten 'demokratia' oder mit dem pejorativ benutzten lateinischen Wort 'plebeii' verbindet. Das sind die 'käuflichen Volksmassen', welche mit ihren Stimmbefugnissen in der Volksversammlung jedem zu Willen sind, der ihnen 'Brot und Spiele' finanziert, und denen politische Zielsetzungen allgemeinwohlorientierter Art gleichgültig sind.

Legitime Herrschaftsausübung verhält sich idealtypisch demgegenüber unter normalen ebenso wie unter exzeptionellen politischen Bedingungen auch nach üblichem antken Denken anders. Da eine solche politische Herrschaftsausübung sich prinzipiell nicht über etablierte Formen allgemeinwohlorientierter Legitimation politischer Herrschaft hinwegsetzt und auch sonst - unter Notstandsbebedingungen von Krieg und Not - prinzipiell an vernünfig und gerecht begründeten, allgemeinwohlorientierten Verfassungsformen festhält, so verbindet sich legitime Herrschaftsausübung schon in der Antike 'verfassungsgemäßen' Begrenzungen aller herrschaftlichen Zugriffe auf das wirtschaftliche Gesamtprodukt, durch Begrenzungen von Amzskompetenzen wie sogar der Diktatur, durch Gesetze und Gerichtsschutz:

Übung 3.1

Versuchen Sie, mit Ihren gegebenen Kenntnissen folgende Fragen an die hier wiedergegebene Textquelle zu beantworten:

1) Welcher Zeit gehört sie zu? Wer ist der Autor?

2) Tritt der Autor eher als Privatmann oder als Politiker hervor? Wenn als Politiker, welche rechtlichen und ideellen Gründe bringt er für seine Herrschaftsausübung und sein Handeln vor? Hat seine Herrschaftsmacht Ihrer Einschätzung nach Grenzen durch gewaltenteilige Kontrollen? Welchem der oben unter 1. a) aufgeführten Herrschaftstypen würden Sie seine Machtstellung zuordnen?

3) Wievel Vermögen muß der Autor haben, um der 'nicht ausreichend ausgestatteten' Staatskasse aus 'eigenen Mitteln helfen' zu können?

4) Welche Summen für welche Zwecke hat der Autor dafür im einzelnen ausgegegeben?

5) Woher hat er seinen Reichtum? Gehört dieser nicht legitimerweise schon von selbst dem Gemeinwesen?

b) Aufgaben staatlichen Vermögens, staatlicher Wirtschaftsmacht und staatlicher Wirtschaftsregulierung und die Arten des Staatsvermögen, seiner Ausgaben und seiner Einkommenquellen.

Der antike Staat benötigt für seine legitimen Aufgaben einen erheblichen Anteil des wirtschaftlichen Gesamtprodukts. Diese Aufgaben sind in der antikem Welt der Stadtstaaten und Reichsbildungen Griechenlands und Roms vor allem

1. die Sicherung der öffentlichen Ordnung.

2. die Kriegführung.

3. Nothilfemaßnahmen für bedürftige Bürger und Schutzanvertraute.

4. Koloniebildung, Städtegründung, Landkultivierung.

5. Die gesetzliche Ordnung des Wirtschaftsrechtsverkehrs und der subjektiven Rechte an Wirtschaftsgütern.

Die Ausübung politischer Herrschaft kann aus mehreren Gründen zur Bildung von 'Staats-Vermögen' führen:

1. durch die politische Einrichtung einer dafür zuständigen wirtschaftlichen Organisation des Staates (Fiskus, d. h. Staatskasse und Staatsschatz), welche durch Steuerwesen, legale Enteignung und andere staatliche Zugriffe auf die Privatvermögenssphäre (auch) der Finanzierung öffentlicher Ausgaben aller Art dient,

2. durch das Betreiben einer staatlichen Erwerbswirtschaft und die Bildung eines entsprechenden Staatsvermögens, welches allgemeinen und besonderen Staatsaufgaben dient,

3. durch die 'Politisierung' des 'Privatvermögens' von Machthabern, welche der Festigung ihrer persönlichen Herrschaft durch Finanzierung - und dadurch Bestimmung - öffentlicher Ausgaben aller Art dient,

4. durch kriegerische Okkupation, welche in erheblichem Maße der Mehrung des Staatsvermögens dient.

Bei der Bildung von antikem Staatsvermögen kann es zur privaten Bereicherung politischer Beamter kommen. Ja, dies pflegt in den tonangebenden politischen Gruppen häufig vorzukoemmen, selbst wenn öffentlich andere Maßstäbe von Rechtlichkeit und Allgemeinwohlorientierung gelten.

Recht und Unrecht hoheitlichen Zugriffs auf Privatvermögen in römischen Provinzen. am Beispiel eines Textauszugs aus Ciceros 1. Rede gegen Verres, 1 - 3.

Die Bildung antiken Staatsvermögens erfolgt ferner unter prinzipieller Hervorhebung der politischen und wirtschaftlichen Interessen der über sie verfügenden Staaten. In Friedenszeiten können die Interessen anderer Staaten aufgrund vertraglicher Abmachungen respektiert werden. Doch in Kriegszeiten glt ein unbegrenztes Okkupationsrecht gegenüber dem Vermögen anderer Staaten und ihrer Angehörigen. Auf diese Weise kommt es nicht nur durch Handel, sondern auch durch Kriegführung zur Ansammlung staatlichen Vermögens bei den insoweit begünstigten odeer erfolgreichen antiken Staaten.

Beispiele dafür sind insbesondere Athen und Rom. Beides sind ursprünglich Stadtrepubliken, die, in einer günstigen Lage an der Kreuzung mehrerer größerer Land- und Seeverbindungen liegend, im Handel mit ihrer näheren und ferneren Umgebung Reichtum bilden, in Konkurrenz mit anderen Orten ähnlicher Funktion ihrer näheren und ferneren Umgebung sich wirtschaftlich behaupten und in kriegerischen Konflikten ihr Territorium allmählich zu einer 'imperialen' Strukur ausformen konnten. Der griechischsprachge Begriff für die kriegerisch unterworfenen, einer hohen Steuerpflicht unterworfenen Gebiete heißt 'eparchia' ('Unterwerfungsgebiet'), der lateinische 'provincia' ('Siegesbeute'). Das attische Imperium umfaßte vor dem Peloponnesischen Krieg (431 - 404 v. Chr).einen Großteil der Inseln und Küstenbereiche der Ägäis, wurde aber durch die spätere Kriegsniederlage Athens gegen Sparta und seine Verbündeten zu Fall gebracht. Anders als Athen gelang es Rom, sich in allen kriegerischen Konfikten mit gefährlichen Nachbarmächten - insbesondere mit Karthago - zu behaupten. Spätere Kriege stellten seine Existenz jahrhundertlang - bis zum Beginn der Völkerwanderungszeit im 4. Jht. n. Chr. nicht mehr in Frage.

Von den Ausbeutungsbeziehungen zu den unterworfenen Gebieten sind die inneren Ausbeutungsstrukturen solcher antik-imperialer Staaten wie Athen und Rom zu unterscheiden. 'Bürger' waren gegenüber Nichtbürgern - und natürlich Sklaven - erheblich privilegiert, aber innerhalb der Bürgerschaft bestand ein starkes Gefälle zwischen den begüterten und politischen einflußreichen Bürger-Gruppen und den 'plebejischen' Bürgern.

Übung 3.2

1) Auf welche Zeit bezieht sich die beibefügte Textquelle? Wer ist ihr Autor?

2) Um welchen antiken Staat geht es? Wie groß sind die verfügbaren öffentlichen Mittel?

3) Für welche Zwecke sollen sie in der dargestellten politsichen Lage eingesetzt werden?

4) Wer bestimmt über ihren Einsatz?

Abb. zu den politischen Machtverhältnissen in Griechenland nach dem Perserkrieg und vor dem Peloponnesischen Krieg.

Zum Zweck wissenschaftlichen Zitats entnommen aus: Dr. Walter Leisenring (Hg.), Historischer Weltatlas, Wiesbaden 2011102, S. 12.

2.Antike Gemeinwirtschaftsformen.

Es gibt in der Antike wirtschaftliche Organisationsformen, welche primär weder Teil einer Staatsorganisation noch privatautonom geordnet sind. Sie können unter dem Begriff 'Antike Gemeinwirtschaftsformen' zusammengefaßt werden.

1. Siedlungsgemeinschaften um Rahmen von Kolonisationsprozessen. Es gibt sie bei der Erschließung unbewohnten oder eroberten fremden Territoriums durch 'Einwanderer' ('Kolonisten'). In ihrem Siedlungsbereich können sich unter den Umständen der Einwanderung, insbesondere auch bei eventuellen kriegerischen Auseinandersetzungen mit der neuen Umgebung, Privatrechtsverhältnisse erst allmählich herausbilden und festigen. Auch zur Bildung einer örtlichen eigenen Stadtstaatsgewalt kann es erst allmählich kommen. In der Übergangszeit ist die Anlehnung an eine örtliche Herrschaftsgewalt oder an eine Herkunftsstadt in Verbindung mit der Ausbildung einer kommunitären Selbstverwaltung nötig.

2. Wagnisgemeinschaften. Diese finden sich vor allem im Kredit- und Handelswesen. Im Römischen Recht sind sie vor allem im Recht der 'societas' angeprochen. Die Teilnehmer an einer 'Gesellschaft' sind insbesondere zu gleichen Teilen an Gewinn und Verlust beteiligt und in einer Weise miteinander verbunden, daß sich der Vertragszusmmenhang als ganzer auflöst, wenn auch nur ein Gesellschafter nicht mehr teilnehmen will

Institutiones Iustiniani III, 25.- Titel De societate,

Corpus Iuris Civilis editio stereotypa septima valumen I, Institutiones, recognovit Paulus Kruieger, Berolini aoud Weidmannos MDCCCXCX. S. 41 f..

3. Religionsgemeinschaften. Solche sind etwa in spätantik-christlicher Zeit die christliche Kirche als selbständige Glaubensgemeinschaft und als öffentlich-rechtlich verfaßte Körperschaft.

Die Kirche als autonome, von göttlichem Willen bestimmte Glaubensgemeinschaft unter staatlichen Regeln und mit staatlicher Affirmation.

Codex Iustinianus I, 1, 4 -Titel De summa trinitate.

Corpus Iuris Civilis editio stereotypa sexta valumen, Codex Iustinianus, recognovit Paulus Kruieger, Berolini aoud Weidmannos MDCCCXCV. S. 6.

3. Wirtschaftshandeln von Privatleuten im Interesse 'des allgemeinen Wohls'.

Es gibt in der Antike ferner verschiedene Formen des öffentlichen Handelns für das 'allgemeine Wohl', welche weder staatlich organisiert noch ihrem Wesen nach privatgeschäftlicher Art sind, nämlich

1. ein uneigennütziges staatsbürgerliches Engagement ('Patriotismus'), das u. U. im Interesse des Allgemeinwohls nicht nur auf das eigene Leben, sondern auch auf eigenes Vermögen verzichtet,

2. ein aus humaner Gesinnung ('philanthropia') und religiösen Überzeugungen (pietas, sacrificia) hervorgehendes Spenden- und Opferwesen.

4. Wichtige Quellentexte und Quellentextkomplexe zur 'politischen Ökonomie' in antiken Kriegs- und Friedenszeiten:

Platon, Politeia.

Aristoteles, Politikos.

Römisches 'ius publicum', etwa in Codex, Digesten, Institututionen und Novellen Iustininaus.


(Bearbeitungsstand: 18. Juli 2011)

Autor dieses WWW-Skripts: Christian Gizewski, apl. Prof. Dr., TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP:christian.gizewski@.tu-berlin.de

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