Kap. 4: Zur Wirkungsgeschichte der Prinzipien antiker privater und politischer Ökonomie in späteren Epochen bis hin zur Gegenwart.

1. Die Traditionsbeziehungen ökonomischen Denkens zwischen der Gegenwart und der Antike.

Antike und moderne Basisstrukturen der Wirtschaft im Vergleich.
a) Rohstoffe, Produkte und Verkehrslinien innerhalb und außerhalb des Römischen Reichs der Kaiserzeit: Karte 1
b) Weltwirtschaftsräume der Gegenwart: Karte 2
c) Landwirtschaftsproduktion auf der heutigen Welt: Karte 3
d) Rohstoffvorkommen der heutigen Weltwirtschaft: Karte 4
e) Heutiger Welthandelsverkehr; Karte 5
Kartenabbildungen zum Zwecke wissenschaftlichen Zitats entnommen aus dem 'Putzger Historischer Weltatlas' 1991, 101. Aufl., S. 47 und 273, aus dem 'Atlantis-Weltatlas', hg. v. H. Kötter u. v. a., Herrsching 1984, S. 24 und 26 sowie aus dem 'Atlas der Globalsierung'', hg. von B. Bauer u. v. a, Le monde diplomatique/taz, Berlin 2009, S. 19.

Die Wirtschaftsräume des mediterran-vorderorientalischen Altertums, einschließlich der römischen Antike verteilen sich auf einen geographischen Bereich zwischen dem Westrand Europas und Nordafrikas bis zum Westen der indischen Halbinsel. Neben ihnen gibt es auf der Erde andere Altertumshochkulturen. Diese unterscheiden sich in ihrer Begrenztheit auf gestimmte, wenn auch größere Regionen der Welt von dem heutigen weltumspannenden Raum, in dem die verschiedenen Wirtschaftsordnungen der Welt miteiander in Verbindung stehen.

Unterschiedlich zwischen heutigen Wirtschaftsordnungen und denen der Hochkulturen der Alten Welt sind ferner die unterschiedliche Rohstoffbasis, die Unterschiedlichkeit der Ernährungsgüter, die unterschiedlichen Techniken und die unterschiedlichen Formen des Austauschs und des Verkehrs. Spielen Landwirtschaft und Fischerei, einfache, stark auf menschlicher und tierischer Arbeitskraft beruhende Transportformen und Techniken in Wirtschaftsordnungen des Altertums eine tragende Rolle, so ist die Gegenwart durch vielfältige Elemente einer technifizierten Wirtschaft geprägt.

Zwischen dem Altertum der griechisch-römischen Antike und der Wirtschafts- und Sozialordnung der Gegenwart gibt es aber auch ähnliche, durch Traditionsbeziehungen vermittelte Strukturen.

Zu diesen gehören zusammengefaßt

1. die der der Privatrechts- und Privatverkehrssphäre,

2. die der staatlichen Vermögen, der staatlichen Eingriffs- und Regulierungsrechte sowie

3. die einer tertiären Sphäre des Wirtschaftens, die weder der privaten noch der staatlichen Sphäre zuzurechnen ist.

Im einzelnen können folgende allgemeine Strukturprinzipien der Wirtschafsordnungen heutiger Zeit als traditionsbestimmt durch antike Muster angesehen werden:.

das Prinzip der 'Legitimität des Verteilungszufalls' bei der Verteilung des gesellschaftliche Gesamtprodukts,

das Prinzip einer stark einseitigen Ungleichverteilung der Einkommen und Vermögen einer Gesellschaft,

das Prinzip einer autonomen Privat- und Privatverkehrssphäre innerhalb einer wirtschaftlichen Gesamtordnung,

das Prinzip der Einzelzustängigkeit von natürlichen und anderen Rechtspersönlichkeiten für wirtschaftliche Geschäfte

die prinzipielle 'Allgewalt des Staates', auch in wirtschaftlicher Hinsicht, welche die Privatsphäre bei Vorliegen eines dazu ausreichenden politischen Mächtekonsenses unter politischen Aspekten einschränken und regulieren kann,

das 'Prinzipatsprinzip' in der wirtschaftlichen Unternehmensverfassung öffentlicher und privater Institutionen.

Zu den traditionell in der Antike fußenden Strukturen heutiger Wirtschafts- und Sozialordnung gehören auch die Religionsausübung, Kunst, autonome Geisteskultur und das Wissenschaftsleben; prinzipiell sind sie nicht erwerbsorientiert und gehören auch nicht zur staatlichen Organisationssphäre. Ihnen sind zugeordnet verschiedenartige nicht primär erwerbsorientierte und primär nicht-staatlich beeinflußte Formen kommunitären Sach- und Rechtsbesitzes.

Einige wichtige Strukturen neuzeitlicher Wirtschaftsordnungen fußen nicht in der Antike. Dazu gehören:

die Möglichkeit weitweiter ('globaler') Wirtschaftsbeziehungen (seit der Entdeckung Amerikas und andrer Weltregionen von Europa her, d. h. seit dem Ende des 15. Jhts.),

das Prinzip einer staatlichen Begrenzung und Kontrolle der Erwirtschaftung eines wirtschaftlichen Gesamtprodukts (seit der Epoche des landesherrlichen 'Merkantilismus', d. h. seit Beginn des 15. Jhts.),

das Prinzip einer auf staatlich besessenen Werten und auf staatlich als wertvoll garantierten Verbindlichkeiten beruhenden 'Papierwährung' (in größerem Umfang seit dem französischen 'Assignaten'-Geld des frühen 18. Jhts.)

Übung 4.1

Stellen Sie in der beigefügten Liste antiker und neuzeitlicher wirtschaftsbezogener Begriffe, soweit Ihnen möglich..alle begriffs- und sprachgeschichtlichen Kontinuitäten zwischen Antike und Gegewart fest.

2. Nachantike Entwicklung der Privatrechtssphäre, des Geschäfts- und des Handelswesens sowie der staatlich geregelten Wirtschaftsbereiche (Gemein- und Staatseigentum, Finanzwesen, Währungswesen).

a) Die Entwicklung privater und staatlicher Rechte im völkerwanderungszeitlich-germanischen und im mittelalterlichen deutschen Recht. Bäuerliche, gutsherrschliche und landesherrliche Formen des Wirtschaftens.

Die frühmittelalterliche Kontinuität zwischen römischer und nach-römischer Stadtentwicklung in Deutschland.*)

Die mittetalterliche Entwicklung des Städtewesens in Mitteleuropa.*)

Mittelalterliche Ritter- und Burgherrschaften.*)

b) Die hochmittelalterliche Entwicklung norditalienischer und deutscher Bürgerstädte mit ihrem Wirtschaftsbürgertum, ihrem Handel, ihrem stadtrepublikanischen Verfassungsformen und ihrem Recht; das 'modernisierte' 'Römische Recht' ('usus modernus pandectarum') im Bereich hochmittelalterlichen Wirtschaftsverkehrs.

Zwei mittelalterliche, mitteleuropäische Fernhandelstädte (Brügge und Lübeck).*)

Die mittelalterliche Einwicklung der oberitalienischen Städte.*)

c) Die mittelalterliche Ausprägung des christlichen Kloster- und Ordenswesens; ihre wirtschaftlichen Aspekte.

Christliche Mission und Klosterbildung im frühen Mittelalter.*)

Übung 4.2

1) Inwiefern sind in dem beigefügten Grundriß eines mittelaltelichen Klosters und in der dem nachfolgenden Auszug aus einer mittelalterlichen Klosterordnung Prinzipien der besitzlosen Lebensführung neben wirtschaftlich-gewinnorientierten Motiven der gesamtklösterlichen Wirtschaftsführung erkennbar?

2) Warum entwickelt sich die mittelalterliche Klosterwirtschaft außerhalb der privatwirtschaftlichen Erwerbsformen einerseits und der herrschaftlich-staatlichen Organisationformen andererseits? Warum kannte die klösterliche Lebensweise keine Standesunterschiede? Welche ideelle und soziale Bedeutung für die gesellschaftliche Ordnung könnte das gehabt haben?

Kartenabbildung zum Zweck wissenschaftlichen Zitats entnommen aus: Großer Atlas zur Weltgeschichte. hg. und bearbeitet von H. E. Stier, E. Kirsten u. v. a., Orbis-Verlag, München Sonderausgabe 1990 der Normalausgabe des Westermann Schulbuch-Verlags Braunschweig, S. 53.

Auszug aus der Regel des Heiligen Benedikt, Kap. 46 - 49 und 56 - 58. Lateinischer Text.

Der vor allem die gegenwärtigen europäischen und amerikanischen Wirtschaftsordnungen betreffende und prägende Art. 17 ist kursiv gedruckt.

Caput XXXXVI: De his qui in aliis quibuslibet rebus delinquunt
Si quis dum in labore quovis, in coquina, in cellario, in ministerio, in pistrino, in horto, in arte aliqua dum laborat, vel in quocumque loco, aliquid deliquerit, aut fregerit quippiam aut perdiderit, vel aliud quid excesserit ubiubi, et non veniens continuo ante abbatem vel congregationem ipse ultro satisfecerit et prodiderit delictum suum, dum per alium cognitum fuerit, maiori subiaceat emendationi. Si animæ vero peccati causa fuerit latens, tantum abbati aut spiritualibus senioribus patefaciat, qui sciat curare et sua et aliena vulnera, non detegere et publicare.

Caput XXXXVII: De significanda hora operis Dei

Nuntianda hora operis Dei dies noctisque sit cura abbatis; aut ipse nuntiare aut tali sollicito fratri iniungat hanc curam, ut omnia horis conpetentibus conpleantur. Psalmos autem vel antefanas post abbatem ordine suo quibus iussum fuerit inponant. Cantare autem et legere non præsumat, nisi qui potest ipsud officium implere ut ædificentur audientes; quod cum humilitate et gravitate et tremore fiat, et cui iusserit abbas.

Caput XXXXVIII: De opera manuum cotidiana

Otiositas inimica est animæ, et ideo certis temporibus occupari debent fratres in labore manuum, certis iterum horis in lectione divina. Ideoque hac dispositione credimus utraque tempore ordinari: id est: ut a Pascha usque kalendas octobres a mane exeuntes a prima usque hora pene quarta laborent quod necessarium fuerit. Ab hora autem quarta usque hora qua Sextam agent, lectioni vacent. Post Sextam autem surgentes a mensa pausent in lecta sua cum omni silentio, aut forte qui voluerit legere sibi sic legat, ut alium non inquietet. Et agatur Nonam temperius mediante octava hora, et iterum quod faciendum est operentur usque ad Vesperam. Si autem necessitas locis aut paupertas exegerit, ut ad fruges recollegendas per se occupentur, non contristentur. Quia tunc vere monachi sunt, si labore manuum suarum vivunt, sicut et Patres nostri et Apostoli. Omnia tamen mensurate fiant propter pusillanimes. A kalendas autem octobres usque caput quadragesimæ usque in hora secunda plena lectioni vacent; hora secunda agatur Tertia; et usque nona omnes in opus suum laborent quod eis iniungitur. Facto autem primo signo nonæ horæ, deiungant ab opera sua singuli et sint parati, dum secundum signum pulsaverit. Post refectionem autem vacent lectionibus suis aut psalmis. In quadragesimæ vero diebus, a mane usque tertia plena vacent lectionibus suis, et usque decima hora plena operentur quod eis iniungitur. In quibus diebus quadragesimæ dandi sunt. Ante omnia sane seputentur unus aut duo seniores qui circumeant monasterium horis quibus vacant fratres lectioni, et videant ne forte inveniatur frater acediosus qui vacat otio aut fabulis et non est intentus lectioni, et non solum sibi inutilis est, sed etiam alios distollit. Hic tallis si - quod absit - repertus fuerit, corripiatur semel et secundo; si non emendaverit, correptioni regulari subiaceat taliter ut ceteri timeant. Neque frater ad fratrem ingatur horis inconpetentibus. Dominico item die lectioni vacent omnes, excepto his qui variis officiis deputati sunt. Si quis vero ita neglegens et desidiosus fuerit, ut non velit aut non possit meditare aut legere, iniungatur ei opus quod faciat, ut non vacet. Fratribus infirmis aut delicatis talis opera aut ars iniungatur, ut nec otiosi sint nec violentia laboris opprimantur aut effungentur. Quorum inbecillitas ab abbate consideranda est.

Caput LVI De mensa Abbatis.

[1] Mensa abbatis cum hospitibus et peregrinis sit semper. Quotiens tamen minus sunt hospites, quos vult de fratribus vocare in ipsius sit potestate. Seniore tamen uno aut duo semper cum fratribus dimittendum propter disciplinam.

Caput LVII De artificibus Monasterii.

Artifices si sunt in monasterio cum omni humilitate faciant ipsas artes, si permiserit abbas. Quod si aliquis ex eis extollitur pro scientia artis suae, eo quod videatur aliquid conferre monasterio, hic talis erigatur ab ipsa arte et denuo per eam non transeat, nisi forte humiliato ei iterum abbas iubeat.Si quid vero ex operibus artificum venumdandum est, videant ipsi per quorum manus transigenda sint ne aliquam fraudem praesumant. Memorentur semper Ananiae et Saphirae, ne forte mortem quam illi in corpore pertulerunt, hanc isti vel omnes qui aliquam fraudem de rebus monasterii fecerint in anima patiantur. In ipsis autem pretiis non surripiat avaritiae malum, sed semper aliquantulum vilius detur quam ab aliis saecularibus dari potest, ut in omnibus glorificetur Deus.

Caput LVIII De disciplina suscipiendorum Fratrum,

Noviter veniens quis ad conversationem, non ei facilis tribuatur ingressus, sed sicut ait Apostolus: Probate spiritus si ex Deo sunt. Ergo si veniens perseveraverit pulsans et illatas sibi iniurias et difficultatem ingressus post quattuor aut quinque dies visus fuerit patienter portare et persistere petitioni suae, adnuatur ei ingressus et sit in cella hospitum paucis diebus. Postea autem sit in cella noviciorum ubi meditent et manducent et dormiant. Et senior eis talis deputetur qui aptus sit ad lucrandas animas, qui super eos omnino curiose intendat. Et sollicitudo sit si revera Deum quaerit, si sollicitus est ad opus Dei, ad oboedientiam, ad opprobria. Praedicentur ei omnia dura et aspera per quae itur ad Deum. Si promiserit de stabilitate sua perseverantia, post duorum mensuum circulum legatur ei haec regula per ordinem et dicatur ei: Ecce lex sub qua militare vis; si potes observare, ingredere; si vero non potes, liber discede. Si adhuc steterit, tunc ducatur in supradictam cellam noviciorum et iterum probetur in omni patientia. Et post sex mensuum circuitum legatur ei regula, ut sciat ad quod ingreditur. Et si adhuc stat, post quattuor menses iterum relegatur ei eadem regula. Et si habita secum deliberatione promiserit se omnia custodire et cuncta sibi imperata servare, tunc suscipiatur in congregatione, sciens et lege regulae constitutum quod ei ex illa die non liceat egredi de monasterio, nec collum excutere de sub iugo regulae quem sub tam morosam deliberationem licuit aut excusare aut suscipere. Suscipiendus autem in oratorio coram omnibus promittat de stabilitate sua et conversatione morum suorum et oboedientia, coram Deo et sanctis eius, ut si aliquando aliter fecerit, ab eo se damnandum sciat quem irridit. De qua promissione sua faciat petitionem ad nomen sanctorum quorum reliquiae ibi sunt et abbatis praesentis. Quam petitionem manu sua scribat, aut certe, si non scit litteras, alter ab eo rogatus scribat et ille novicius signum faciat et manu sua eam super altare ponat.
Quam dum imposuerit, incipiat ipse novicius mox hunc versum: Suscipe me, Domine, secundum eloquium tuum et vivam, et ne confundas me ab exspectatione mea. Quem versum omnis congregatio tertio respondeat, adiungentes Gloria Patri. Tunc ille frater novicius prosternatur singulorum pedibus ut orent pro eo, et iam ex illa die in congregatione reputetur. Res, si quas habet, aut eroget prius pauperibus aut facta sollemniter donatione conferat monasterio, nihil sibi reservans ex omnibus, [quippe qui ex illo die nec proprii corporis potestatem se habiturum scit. Mox ergo in oratorio exuatur rebus propriis quibus vestitus est et induatur rebus monasterii. Illa autem vestimenta quibus exutus est reponantur in vestiario conservanda, ut si aliquando suadenti diabolo consenserit ut egrediatur de monasterio quod absit tunc exutus rebus monasterii proiciatur. Illam tamen petitionem eius, quam desuper altare abbas tulit, non recipiat, sed in monasterio reservetur

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Lateinischer Text nach: Die Benediktus-Regel: lateinisch-deutsch, hrsg. von Basilius Steidle, Beuron 1980 4

. Deutsche Übersetzung des lateinischen Textes; Übersetzer unbekannt, wahrscheinlich dem Benediktiner-Stift St. Lambrcht (Österreich) zugehörig. Zum Zwecke wissenschaftlichen Zitats ntnommen aus der WWW- Quelle: http://www.stift-stlambrecht.at/data/documents/6/de/Regula_Benedicti.pdf

Christliches Klosterwesen in Mitteleuropa im Hochmittelalter.*)

Der deutsche Ritterorden.*)

Die Kreuzfahrerstaaten.*)

d) Staatliche dirigierte und geförderte (merkantilistische) Wirtschaft in der Zeit des neuzeitlichen Absolutismus. Koloniebildungen und kriegerische Okkupation im Rahmen imperialer Expansion.

Die Eroberungskriege, Kolonie- und Imperienbildungen der Neuzeit.*)

Übung 4.3

Diese Übung betrifft die neuzeitliche Herausbildung des Staates und seines Finanzwesens.

Lesen Sie den nachfolgenden Text aufmerksam durch.

1. Worum handelt es sich? Welcher Zeit gehört der Text an?

2. Wo vermuten Sie das Fortwirken antiker Traditionen in dem Regelkomplex? Was ist 'modern'?

d) Zur neuzeitlichen Industrialisierung, zur Entwicklung ihrer zumeist nationzentrierten, wirtschaftspolitischen Konzepte und zu entsprechenden Verfassungs- und Privatrechtskodifikationen.

Zu den Menschenrechts- und Nationsbildungsbewegungen seit dem 18. Jht. in Amerika und Europa und ihrem Verhältnis zum 'Privateigentum' und zur wirtschaftlich-sozialen Ungleichheit

Déclaration des Droits de lÕHomme et du Citoyen acceptée par le roi le 5 octobre 1789 (französischer Text und deutsche Übersetzung).

Die des Privateigentum und seine wirtschaftlich-soziale Problematik betreffende Bestimmung des Art 17 ist kursiv hervorgehoben.

Artikel 1

Les hommes naissent et demeurent libres et égaux en droits. Les distinctions sociales ne peuvent être fondées que sur l'utilité commune.

Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. Gesellschaftliche Unterschiede dürfen nur im allgemeinen Nutzen begründet sein.

Artikel 2

Le but de toute association politique est la conservation des droits naturels et imprescriptibles de l'homme. Ces droits sont la liberté, la propriété, la sûreté et la résistance à l'oppression.

Der Zweck jeder politischen Vereinigung ist die Erhaltung der natürlichen und unantastbaren Menschenrechte. Diese sind das Recht auf Freiheit, das Recht auf Eigentum, das Recht auf Sicherheit und das Recht auf Widerstand gegen Unterdrückung.

Artikel 3

Le principe de toute souveraineté réside essentiellement dans la nation, nul corps, nul individu ne peut exercer d'autorité qui n'en émane expressément.

Der Ursprung jeder Souveränität liegt ihrem Wesen nach beim Volke. Keine Körperschaft und kein Einzelner kann eine Gewalt ausüben, die nicht ausdrücklich von ihm ausgeht.

Artikel 4

La liberté consiste à faire tout ce qui ne nuit pas à autrui : ainsi l'exercice des droits naturels de chaque homme n'a de bornes que celles qui assurent aux autres membres de la société la jouissance de ces mêmes droits. Ces bornes ne peuvent être déterminées que par la loi.

Die Freiheit besteht darin, alles tun zu dürfen, was einem anderen nicht schadet: Die Ausübung der natürlichen Rechte eines jeden Menschen hat also nur die Grenzen, die den anderen Mitgliedern der Gesellschaft den Genuss ebendieser Rechte sichern. Diese Grenzen können nur durch das Gesetz bestimmt werden.

Artikel 5

La loi n'a le droit de défendre que les actions nuisibles à la société. Tout ce qui n'est pas défendu par la loi ne peut être empêché, et nul ne peut être contraint à faire ce qu'elle n'ordonne pas.

Das Gesetz darf nur solche Handlungen verbieten, die der Gesellschaft schaden. Alles, was durch das Gesetz nicht verboten ist, darf nicht verhindert werden, und niemand kann gezwungen werden zu tun, was es nicht befiehlt.

Artikel 6

La loi est l'expression de la volonté générale. Tous les citoyens ont droit de concourir personnellement, ou par leurs représentants, à sa formation. Elle doit être la même pour tous, soit qu'elle protège, soit qu'elle punisse. Tous les citoyens, étant égaux à ses yeux, sont également admissibles à toutes dignités, places et emplois publics, selon leurs capacités et sans autre distinction que celle de leurs vertus et de leurs talents.

Das Gesetz ist der Ausdruck des allgemeinen Willens. Alle Bürger haben das Recht, persönlich oder durch ihre Vertreter an seiner Gestaltung mitzuwirken. Es muss für alle gleich sein, mag es beschützen oder bestrafen. Da alle Bürger vor ihm gleich sind, sind sie alle gleichermaßen, ihren Fähigkeiten entsprechend und ohne einen anderen Unterschied als den ihrer Eigenschaften und Begabungen, zu allen öffentlichen Würden, Ämtern und Stellungen zugelassen.

Artikel 7

Nul homme ne peut être accusé, arrêté ni détenu que dans les cas déterminés par la loi, et selon les formes qu'elle a prescrites. Ceux qui sollicitent, expédient, exécutent ou font exécuter des ordres arbitraires, doivent être punis; mais tout citoyen appelé ou saisi en vertu de la loi doit obéir à l'instant; il se rend coupable par la résistance.

Niemand darf angeklagt, verhaftet oder gefangengehalten werden, es sei denn in den durch das Gesetz bestimmten Fällen und nur in den von ihm vorgeschriebenen Formen. Wer willkürliche Anordnungen verlangt, erlässt, ausführt oder ausführen lässt, muss bestraft werden; aber jeder Bürger, der kraft Gesetzes vorgeladen oder festgenommen wird, muss sofort gehorchen; durch Widerstand macht er sich strafbar.

Artikel 8

La loi ne doit établir que des peines strictement et évidemment nécessaires, et nul ne peut être puni qu'en vertu d'une loi établie et promulguée antérieurement au délit et légalement appliquée.

Das Gesetz soll nur Strafen festsetzen, die unbedingt und offenbar notwendig sind, und niemand darf anders als aufgrund eines Gesetzes bestraft werden, das vor Begehung der Straftat beschlossen, verkündet und rechtmäßig angewandt wurde.

Artikel 9

Tout homme étant présumé innocent jusqu'à ce qu'il ait été déclaré coupable, s'il est jugé indispensable de l'arrêter, toute rigueur qui ne sera pas nécessaire pour s'assurer de sa personne doit être sévèrement réprimée par la loi.

Da jeder solange als unschuldig anzusehen ist, bis er für schuldig befunden wurde, muss, sollte seine Verhaftung für unumgänglich gehalten werden, jede Härte, die nicht für die Sicherstellung seiner Person notwendig ist, vom Gesetz streng unterbunden werden.

Artikel 10

Nul ne doit être inquiété pour ses opinions, même religieuses, pourvu que leur manifestation ne trouble pas l'ordre public établi par la loi.

Niemand soll wegen seiner Anschauungen, selbst religiöser Art, belangt werden, solange deren Äußerung nicht die durch das Gesetz begründete öffentliche Ordnung stört.

Artikel 11

La libre communication des pensées et des opinions est un des droits les plus précieux de l'homme : tout citoyen peut donc parler, écrire, imprimer librement, sauf à répondre de l'abus de cette liberté, dans les cas déterminés par la loi.

Die freie Äußerung von Meinungen und Gedanken ist eines der kostbarsten Menschenrechte; jeder Bürger kann also frei reden, schreiben und drucken, vorbehaltlich seiner Verantwortlichkeit für den Missbrauch dieser Freiheit in den durch das Gesetz bestimmten Fällen.

Artikel 12

La garantie des droits de l'homme et du citoyen nécessite une force publique : cette force est donc instituée pour l'avantage de tous et non pour l'utilité particulière de ceux auxquels elle est confiée.

Die Gewährleistung der Menschen- und Bürgerrechte erfordert eine öffentliche Gewalt; diese Gewalt ist also zum Vorteil aller eingesetzt und nicht zum besonderen Nutzen derer, denen sie anvertraut ist.

Artikel 13

Pour l'entretien de la force publique et pour les dépenses d'administration, une contribution commune est indispensable. Elle doit être également répartie entre tous les citoyens, en raison de leurs facultés.

Für die Unterhaltung der öffentlichen Gewalt und für die Verwaltungsausgaben ist eine allgemeine Abgabe unerlässlich; sie muss auf alle Bürger, nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten, gleichmäßig verteilt werden.

Artikel 14

Chaque citoyen a le droit, par lui-même ou par ses représentants, de constater la nécessité de la contribution publique, de la consentir librement, d'en suivre l'emploi et d'en déterminer la quotité, l'assiette, le recouvrement et la durée.Ō

Alle Bürger haben das Recht, selbst oder durch ihre Vertreter die Notwendigkeit der öffentlichen Abgabe festzustellen, diese frei zu bewilligen, ihre Verwendung zu überwachen und ihre Höhe, Veranlagung, Eintreibung und Dauer zu bestimmen.

Artikel 15

La société a le droit de demander compte à tout agent public de son administration.

Die Gesellschaft hat das Recht, von jedem Staatsbeamten Rechenschaft über seine Amtsführung zu verlangen.

Artikel 16

Toute société dans laquelle la garantie des droits n?est pas assurée, ni la séparation des pouvoirs déterminée, n'a pas de Constitution.

Eine Gesellschaft, in der die Gewährleistung der Rechte nicht gesichert und die Gewaltenteilung nicht festgelegt ist, hat keine Verfassung.

Artikel 17

Les propriétés étant un droit inviolable et sacré, nul ne peut en être privé, si ce n'est lorsque la nécessité publique, légalement constatée, l'exige évidemment, et sous la condition d'une juste et préalable indemnité.

Da das Eigentum ein unverletzliches und geheiligtes Recht ist, kann es niemandem genommen werden, es sei denn, dass die gesetzlich festgestellte öffentliche Notwendigkeit dies eindeutig erfordert und vorher eine gerechte Entschädigung festgelegt wird.

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Textquelle französischer Text: Marcel Gauchet: Die Erklärung der Menschenrechte. Die Debatte um die bürgerlichen Freiheiten 1789. Hamburg 1991 Textquelle deutscher Text: :Lautemann, W. (Bearb.), Geschichte in Quellen, Bd. 4: Die Amerikanische und Französische Revolution, München 1981, S. 199-201.

Indutrialisierung und Arbeiterbewegung in Mitteleuropa bis 1910.

3. Nachantike Entwicklung von Formen der kommunitären und der gemeinwirtschaftlichen Organisation des Wirtschaftens.

a) Zu den Traditionen mittelalterlicher Allmende-Wirtschaft.

In einer Verbindung römischrechtlicher und indigen-germanischer Rechtstraditionen gibt es im Mittelalter eine allgemein verbreitete Form gemeinsamen Besitzes, insbesondere an Landflächen und Naturgütern, der weder rein gesellschaftsrechtlichen noch miteigentümerlichen Charakter hat. Allmenderechte sind stark mit den Gewohnheiten ortsfester Gemeinschaften als solcher verbunden und deshalb prinzipiell weder veräußerbar noch durch eine übergeoidnete Herrschaften aufhebbar. Mit der Durchsetzung des Römischen Rechts als gerichtlichen Normalrechts seit dem 15. Jht. wird die Rechtstradition allerdings von landesherrlicher Seite in Frage gestellt, und die Landesherren beginnen, den Allmende-Besitz ihrem landesherrschaftlichem Vermögen einzuverleiben. Dies führt zu den Bauernkriegen im Deutschland des frühen 16. Jhts.

b) Zu primär religiös bestimmten Lebensgemeinschaften.

Seit dem frühen Mittelalter (756 n. Chr.) gibt es mit der 'Pippinschen Schenkung' in Italien ein 'Patrimonium Petri' als staatsähnlich organisiertes, aber nicht-staatliches Zweckvermögen der päpstlichen Kirchenleitung.

Seit dem Wirken Benedikts von Nursia (5./6. Jht. n. Chr.) gibt es mönchsgemeindliche Klöster als kirchenrechtlich selbständige Formen könobitischer Kleinorganisation.

c) Zu Kolonisten-Gemeinschaften.

Sowohl mit mittelalterlicher Kolonisationsbewegungen - wie etwa der deutschen Ost-Kolonisation zwischen dem 10. und dem 14. Jht. - als auch späterhin - mit den Kolinistenbewegungen seit den geographischen Entdeckungen des 15. und 16. Jhts.- treten notwendigerweise auch Formen vorübergehender oder dauernder Kolonistengemeinschaften auf. In diesen verbindet sich die gemeinschaftliche Übernahme von Rechten und Pflichten, die unter dem Schutz politischer Autoritäten zu stehen pflegt, mit einer örtlichen Gemeindautonomie, die nicht privatwirtschaftlicher noch staatlich-adminitrativer Art ist.

d) Zum Genossenschaftswesen.

Im Zuge der Entwicklung der Industrie seit dem 18. Jht. bildet sich im 19. Jht. als Element sozialdemokratischer Politik das Genossenschaftswesen heraus, in dem - ohne Bezug zum römisch-rechtlichen Erbe des Gesellschaftsrechts - eine stabile Organisationsform gemeinschaftlicher Produktion und Konsumtion außerhalb kapialistisch-lberaler Wirtschaftsordnung angestrebt wird.

e) Zu 'Planwirtschafts'-Konzeptionen für die eine soziale Wirtschaftsordnung ganzer Gesellschaften.

Aus demselben politischen Motiv gehen andere Wirtschaftsorganisationsentwürfe hervor, die die Folgeprobleme wirtschaftlicher Machtkonzenmtration und sozialer Ungleichheit, die in kapitalistisch-liberalen Gesellschaften aufzutreten pflegen, entgegenwirken wollen.

f) Gemeingüter einer 'Informationsgesellschaft'.

Die Hervorbringungen der Wissenschaft, Kunst, Kultur, Bildung und Allgemeinbildung sind üblicherweise allgemeinzugänglich und kostenlos für jedermann verwendbar. Dies Jedermanns-Recht pflegt zugleich auch verfassungsrechtlich mitgeschützt zu sein (z. B. durch Art. 5 GG). Zwar kann es zeitweilige Autorenrechte an einzelnen Hervorbringungen geben. Kulturgüter sind ihrem Wesen nach jedoch keine wirtschaftlichen 'Produkte'. Weil die wirtschaftliche Verwertbarkeit nicht den zentralen, nämlich ideellen Wert eines Kulturguts darstellt, tritt sie prinzipiell dem allgemeinen Interesse an ungehindertem Zugang auf Dauer zurück: . In diesem Sinne sind etwa auch die vielfältigen, ideell wertvollen und komplexen Leistungen von Interet-Suchdiensten allgemeinzugängliche Gemeingüter.


*) Die mit einem Asterisk markierten Abbildungen dieses Kapitels wurden ausschließlch zum Zwecke des wissenschaftlichen Zitats entnommen aus: Dr. Walter Leisenring, Historischer Weltatlas, Marix-Verlag, Wiesbaden 2011 102, Lizenzausgabe des Cornelsen-Verlags Berlin, S. 40, 41, 45, 49, 52, 53, 56, 57, 64, 97.


(Bearbeitungsstand: 17. Juli 2011)

Autor dieses WWW-Skripts: Christian Gizewski, apl. Prof. Dr., TU Berlin, Fakultät I, Alte Geschichte, FG Geschichte, Privatadresse: Tietzenweg 98, 12203 Berlin, Tel.:030-8337810, EP:christian.gizewski@.tu-berlin.de

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