Herodot, Historien, 7. B., Kap. 4 - 12.

Deutsche Übersetzung: A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Einleitung: W. F. Otto. Stuttgart 1971 4, S. 436 - 443. Mit einigen Kürzungen und Modifikationen d. Skriptbearbeiters.


4. ... Nach dem Tode des Dareios ging das Reich auf seinen Sohn Xerxes über. 5. Xerxes war anfangs gar nicht willens, überhaupt gegen Hellas zu ziehen; er sammelte nur ein Heer gegen Ägypten. Aber es befand sich an seinem Hofe der Sohn des Gobryas, Mardonios, ein Vetter des Xerxes und Schwestersohn des Dareios, der unter den Persern am meisten über Xerxes vermochte. Dieser Mardonios sprach folgende Worte zu ihm: »Herr! Es ist nicht recht, daß die Athener, die den Persern so viel Böses getan haben, ihre Taten nicht büßen sollen. Doch magst du jetzt erst ausführen, was du vorhast. Ist das freche Ägypten aber gebändigt, dann auf ins Feld gegen Athen, damit du Ruhm erntest bei den Völkern und ein jeder sich künftig hütet, in dein Reich einzubrechen!«

Das wirkte. Ferner ließ er auch in seine Rede einfließen, daß Europa ein herrliches Land sei, daß es Fruthtbäume aller Art trüge, reiches Ackerland habe und daß allein der König würdig sei, es zu besitzen. 6. Er sagte das alles, weil er ein unruhiger Kopf war und gern Satrap von Hellas geworden wäre. Mit der Zeit erreichte er seinen Zweck, und Xerxes tat ihm seinen Willen. Noch andere Dinge trugen dazu bei. ....

7. Als Xerxes zum Zuge gegen Hellas entschlossen war, unternahm er zunächst, im zweiten Jahre nach dem Tode des Dareios, den Zug gegen die abtrünnigen Ägypter. Er unterwarf sie, legte dem Lande ein weit drückenderes Joch auf als Dareios und setzte zum Statthalter seinen Bruder Achaimenes, Sohn des Dareios, ein. Später ermordete diesen Statthalter von Ägypten ein Libyer Inaros, Sohn des Psammetichos.

8. Nach der Unterwerfung Ägyptens wollte nun Xerxes den Zug gegen Athen ins Werk setzen. Er berief die persischen Großen zum Kriegsrat", um ihre Meinungen zu hören und seinen eignen Willen kundzutun. Als alle versammelt waren, sprach Xerxes folgendermaßen: »Perser! Keine neuen Bräuche will ich einführen, sondern mich nach den überkommenen richten. Wie uns die Alten erzählen, haben wir Perser nie Frieden gehalten, seitdem die Oberhoheit von den Medern auf uns übergegangen ist und Kyros dem Astyages die Herrschaft entrissen hat. Die Gottheit will es so, und alles, was wir unternehmen, gerät uns. Doch wozu soll ich euch von den Taten und Eroberungen des Kyros, des Kambyses und meines Vaters Dareios erzählen: ihr kennt sie ja selber. Als ich nun den Thron bestiegen hatte, sann ich nach, wie ich es meinen Vorgängern gleichtun und dem persischen Reiche ebensoviel Land hinzuerobern könnte wie sie. Und indem ich nachsann, fand ich den Weg, wie wir Ruhm und ein großes Land gewinnen können, nicht kleiner und nicht schlechter, sondern noch fruchtreicher als unser jetziges Reich, und wie wir damit zugleich Rache für eine Beschimpfung nehmen können. So habe ich euch denn berufen, um euch darzulegen, was ich zu tun gedenke. Ich will eine Brücke über den Hellespontos schlagen und ein Heer durch Europa nach Hellas führen, um die Athener zu bestrafen für alles, was sie den Persern und meinem Vater angetan haben. Ihr habt gesehen, wie schon mein Vater Dareios zum Zuge gegen dies Volk gerüstet hat. Aber er ist gestorben und konnte den Rachezug nicht mehr ins Werk setzen. Darum will ich nicht ruhen, bis ich für ihn und ganz Persien Rache geübt und Athen erobert und niedergebrannt habe, das den Streit mit mir und meinem Vater angefangen hat. Denn zuerst sind die Athener, gemeinsam mit unserem Untertan Aristagoras von Milet, nach Sardes gezogen und haben die heiligen Haine und Tempel in Brand gesteckt. Dann, als die Perser unter Führung des Datis und Artaphernes in Attika ans Land stiegen, so wißt ihr alle, wie übel sie ihnen mitgespielt haben. Und darum habe ich mir jetzt vorgenommen, gegen die Athener ins Feld zu ziehen, und glaube, daß dieser Zug uns noch einen weiteren Vorteil bringen wird: wenn wir die Athener und deren Nachbarvölker, die das Land des Phrygers Pelops bewohnen, unterworfen haben, so dehnen wir das persische Reich so weit aus, daß es mit dem Himmel zusammenstößt. Kein Nachbarland Persiens soll dann mehr die Sonne bescheinen, sondern alle Länder machen wir zu einem einzigen Reich und ziehen durch ganz Europa. Denn man sagt mir, daß keine Stadt und kein Volk auf Erden mehr den Kampf mit uns wagen kann, wenn einmal die, von denen ich sprach, aus dem Wege geräumt sind. So sollen alle, sei es verdient oder unverdient, unser Sklavenjoch tragen. Und nun werde ich euch Dank wissen, wenn ihr alle zu der Zeit, die ich euch angeben werde, willig zur Stelle seid. Wer das bestgerüstete Heer mitbringt, dem werde ich zum Geschenk geben, was in unserem Lande als das Ehrenvollste gilt. So soll es geschehen! Damit ihr mich aber nicht für eigenmächtig haltet, lege ich euch die Sache zur Beratung vor, und jeder kann seine Meinung darüber sagen.«

Damit endigte er seine Rede. 9. Nach ihm sprach Mardonios: »O Herr! Der edelste und tapferste Perser bist du, der da nicht nur lebt, sondern auch, der je leben wird. Alles, was du gesagt hast, ist sehr schön und wahr. Du willst nicht dulden, daß die anmaßenden loner in Europa uns verlachen. Es wäre auch unerträglich, wenn wir die Hellenen für die Unbill, die sie uns zugefügt, nicht büßen ließen; wie wir die Saken, die Inder, die Aithioper, die Assyrier und viele andere große Völker besiegt und unterworfen, haben, ohne daß sie uns etwas zu Leide getan, nur um das Reich zu vergrößern. Was sollten wir auch fürchten? Wo ist eine versammelte Heeresmacht? Wo sind mächtige Geldmittel? Haben wir sie doch kämpfen sehen und wissen, wie gering ihre Macht ist. Und ihre Abkömmlinge haben wir schon unterworfen, die Hellenen unseres Erdteils, die sich loner, Aioler und Dorier nennen. Ich bin einst selber auf Befehl deines Vaters gegen dies Volk ausgezogen, und keiner hat sich mir zur Schlacht entgegengestellt, obschon ich bis Makedonien vorgedrungen und gar nicht mehr weit von Athen entfernt war. Dabei pflegen doch die Hellenen viel Kriege zu führen, wie man mir sagt, aber unüberlegt und unverständig gehen sie dabei zu Werke. Haben sie einander den Krieg erklärt, so suchen sie ein schönes, ganz ebenes Schlachtfeld aus, und dort schlagen sie sich, wobei dann sogar der Sieger mit großen Verlusten davonzieht. Von dem Unterliegenden will ich gar nicht reden; er wird völlig vernichtet. Sie sollten, da sie alle eine Sprache sprechen, die Streitigkeiten lieber durch Herolde und Gesandtschaften schlichten und erst im letzten Notfalle durch Schlachten. Und wäre der Krieg einmal nicht zu vermeiden, so sollten beide Gegner sich fragen, wo sie am schwersten angreifbar sind und danach den Krieg führen. Trotz ihrer so verkehrten Art, einander zu bekriegen, sind sie aber, als ich bis nach Makedonien vordrang, nicht erschienen, um eine Schlacht zu liefern. Und wer, mein König, sollte mit dir den Kampf aufnehmen können, wenn du die ganze Heeresmacht Asiens und die ganze Flotte mit dir führst? Ich glaube, die Hellenen werden sich in ihrer Kriegsführung zu solcher Kühnheit gar nicht aufschwingen. Sollte ich mich irren und sollten sie wirklich unbesonnen genug sein, den Kampf mit uns zu wagen, so wollen wir ihnen zeigen, daß kein Volk sich mit uns im Kriege messen kann. Doch wollen wir nichts unversucht lassen. Von selber geschieht ja nichts in der Welt, nur durch Handeln erreichen die Menschen alle ihre Ziele.«

10. So redete Mardonios dem Xerxes nach dem Munde. Die anderen Perser schwiegen, keiner wagte eine andere Meinung zu äußern; nur Artabanos, Sohn des Hystaspes, verließ sich darauf, daß er des Xerxes Oheim war, und sprach: »Mein König! Wenn nicht verschiedene Meinungen laut werden, kann man nicht die beste auswählen, man muß nach der einzigen ausgesprochenen handeln. Gibt es mehrere Meinungen, so kann man wählen, gleichwie man lauteres Gold nur daran erkennt, daß man es neben geringerem Gold an dem Prüfstein reibt. Ich habe deinem Vater, meinem Bruder, abgeraten, gegen die Skythen zu ziehen, weil es nirgends in ihrem Lande Städte gibt. Doch er hörte nicht auf mich, weil er trotzdem das Nomadenvolk der Skythen zu unterwerfen hoffte; aber er kehrte zurück und hatte viele tapfere Männer seines Heeres verloren. Und du, mein König, willst jetzt gegen ein Volk ziehen, das noch viel tapferer ist als die Skythen und zu Wasser, wie man sagt, nicht weniger vermag als zu Lande. Es ist billig, daß ich dir sage, was ich von dem Kriege befürchte. Den Hellespontos willst du überbrücken und das Heer durch Europa nach Hellas führen. Nun denke, du würdest wirklich besiegt, sei es zu Wasser oder zu Lande oder auch in beiden Fällen - denn es soll ein kriegerisches Volk sein, was wir ja schon daraus annehmen können, daß das große Heer des Datis und Artaphernes, als es nach Attika kam, von dem einen athenischen Volk völlig geschlagen wurde; doch wird ihnen der Sieg zu Wasser und zu Lande gewiß nicht gelingen -, aber wenn sie auch nur zu Wasser siegreich sind, dann nach dem Hellespontos fahren und die Brücke abbrechen, so bist du, mein König, doch in sehr gefährlicher Lage. Ich denke mir diesen Fall nicht beliebig aus, ich denke dabei an das Unheil, das uns damals drohte, als dein Vater den thrakischen Bosporos und den Istros überbrückt hatte, um in das Land der Skythen zu gelangen. ... Begib dich doch nicht mutwillig in eine gleiche Gefahr! Nein, folge meinem Rat, entlaß jetzt die Versammlung und sag' uns später, nachdem du überlegt und deinen Entschluß gefaßt hast, was du als das Beste erkannt hast. Denn den rechten Entschluß zu fassen, ist doch das Wichtigste im Leben. Wenn auch nachher Widerwärtigkeiten eintreten, war doch der Entschluß nicht weniger gut, er ist nur dem Schicksal erlegen. Dagegen dem, der einen schlechten Entschluß faßt, kann wohl, wenn das Schicksal es so fügt, ein Glücksfall begegnen, aber sein Entschluß war darum nicht weniger schlecht. Du siehst, wie der Blitzstrahl der Gottheit die höchsten Geschöpfe trifft, die sich prunkend überheben, während die kleinen den Neid der Gottheit nicht reizen. Du siehst, wie der Gott seine Blitze immer gegen die höchsten Häuser und die höchsten Bäume schleudert. Alles Große pflegt die Gottheit in den Staub zuwerfen! Ebenso erliegt auch ein großes Heer einem kleinen, wenn die neidische Gottheit Schrecken im Heere verbreitet oder Blitze schleudert, so daß es elend zugrunde geht. Denn Gott duldet nicht, daß ein Wesen stolz ist, außer ihm selbst. Ubereilung bewirkt stets, daß wir fehlgehen, woraus dann viel Unheil für uns zu entspringen pflegt. Abwarten bringt Gutes, wenn auch nicht sofort; die Zeit läßt es reifen. - Das ist mein Rat an dich, mein König! Du aber, Mardonios, Sohn des Gobryas, solltest aufhören, geringschätzig von den Hellenen zu reden, die das gewiß nicht verdienen. Durch solche Verleumdungen stachelst du den König zum Kriege, und darauf zielt offenbar dein ganzer Eifer. Du solltest es nicht! .... «

11. So sprach Artabanos. Zornig erwiderte Xerxes: »Artabanos! Meines Vaters Bruder bist du; das rettet dich vor der verdienten Strafe für deine törichten Worte. Aber weil du mutlos und ein Feigling bist, sollst du zur Schande nicht mit mir nach Hellas ziehen, sondern mit den Weibern zurückbleiben. Ich kann auch ohne dich alles, was ich gesagt habe, vollenden. Ich will nicht Abkomme meiner Ahnen heißen, also des Dareios, Hystaspes, Arsames, Ariamnes, Teispes, Kyros, Kambyses, Teispes, Achaimenes, wenn ich die Athener nicht züchtige! Ich weiß ja, daß sie nicht Frieden halten, auch wenn wir es tun wollten, daß sie selber in unser Land kommen werden. Was geschehen ist, beweist es ja: sie haben Sardes in Brand gesteckt und sind nach Asien herübergekommen. Keiner kann mehr zurück! Es gilt Handeln oder Dulden; entweder fällt unser ganzer Erdteil in die Hände der Hellenen oder ihr ganzer Erdteil in die Hände der Perser. Versöhnung ist nicht möglich. So ist es denn in der Ordnung, daß wir Rache nehmen für ihren Angriff! Auch möchte ich gern das Furchtbare, das mir jenes Volk antun soll, kennen lernen, jenes Volk, das einst der Phryger Pelops, meiner Ahnen Sklave so gründlich besiegt hat, daß bis zum heutigen Tage Volk und Land nach dem Sieger genannt werden!«

12. So endigte dieser Kriegsrat. ....


LV Gizewski WS 2007/08

Autor des Skripts und Dozent der LV: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de