Plutarch, Bioi paralleloi - Alexander 31 - 35.

Deutsche Übersetzung und Hg.: Marion Giebel, Stuttgart 2001. S. 44 - 49. Mit einigen Kürzungen und Modifikationen d. Skriptbearbeiters.


31. ... Als man nun die ganze Ebene zwischen dem Niphates und den Bergen der Gordyaier von den Wachtfeuern der Barbaren erhellt sah und ein unbestimmbares verworrenes Stimmengeräusch und Getöse vom Lager her wie von einem unendlichen Meer herüberschallte, geriet man in Staunen über die Masse der Feinde, und die Älteren von Alexanders Vertrauten und besonders Parmenion beschäftigten sich im Gespräch mit der Überlegung, wie schwierig und gefährlich es sei, solch ungeheure Heeresmassen in offener Feldschlacht zu besiegen. Als der König mit seinem Opfer fertig war, traten sie an ihn heran und rieten ihm, jetzt in der Nacht die Feinde zu überfallen und so die größte Gefahr bei dem bevorstehenden Kampf durch die Dunkelheit zu bannen." Alexander aber sprach sein berühmtes Wort: »Ich will den Sieg nicht stehlen!« Diese Antwort erschien manchen kindisch und töricht, als ein Scherz angesichts einer so großen Gefahr, andere aber sind der Meinung, seine Zuversicht in der gegenwärtigen Lage sei ebenso berechtigt gewesen wie seine Beurteilung der Zukunft; denn er habe Dareios nach einer erneuten Niederlage keinen Vorwand mehr an die Hand geben wollen, abermals sich aufzuraffen und zu einer Schlacht zu rüsten. Dieser hätte nämlich dann die Schuld daran auf die Nacht und die Dunkelheit geschoben, wie beim letzten Mal auf die Berge, die Engpässe und das Meer. Denn weder Mangel an Waffen noch an Soldaten würden Dareios jemals dazu veranlassen, den Krieg aufzugeben, da er ja über ein derart riesiges Kriegspotential und ein so ungeheuer großes Reich verfüge; er würde vielmehr nur dann endgültig die Segel streichen, wenn er durch eine eindeutige Niederlage in offener Feldschlacht zur Einsicht gebracht würde.

32. Als ihn seine Vertrauten verlassen hatten, legte sich Alexander in seinem Zelt zum Schlafen nieder und soll den Rest der Nacht wider seine Gewohnheit so tief geschlafen haben, daß die Offiziere, die am Morgen kamen, sehr verwundert zunächst einmal von sich aus den Befehl ausgaben, die Soldaten sollten frühstücken. Als nun die Zeit drängte, ging Parmenion hinein, trat ans Bett und rief Alexander zwei- oder dreimal mit Namen. Als er davon erwacht war, fragte er ihn, was denn mit ihm sei, daß er den Schlaf des Siegers schlafe, als ob ihm nicht der größte Kampf noch bevorstehe. Alexander aber lächelte und gab zur Antwort: »Ja, was denn? Glaubst du nicht, daß wir schon gesiegt haben? Wir haben es doch endlich hinter uns, dauernd marschieren und dem Dareios, der ständig der Schlacht ausweicht, in diesem riesigen, verwüsteten Land auf den Fersen bleiben zu müssen!«

Aber nicht nur vor der Schlacht, sondern auch im Augenblick der Gefahr selbst erwies er sich als groß und unerschütterlich durch seine Geistesgegenwart und Kühnheit. In der Schlacht nämlich begann der linke Flügel unter Parmenion zu wanken und zurückzuweichen, denn die baktrische Reiterei brach mit ungestümer Wucht in gewaltsamem Stoß in die Makedonen ein, und Mazaios schickte gleichzeitig eine berittene Abteilung außen um die Phalanx herum, um die Lagerbedeckung anzugreifen. Diese Gefahr von zwei Seiten versetzte Parmenion in Besorgnis, er schickte Botschaft an Alexander, Lager und Gepäck seien verloren, wenn dieser nicht auf der Stelle von der vorderen Front eine starke Abteilung zum Schutze seiner Leute hinter der Linie absende. Alexander war gerade dabei, seinem Flügel das Zeichen zum Angriff zu geben. Als er die Botschaft hörte, antwortete er, Parmenion sei wohl nicht recht bei Trost und habe seine fünf Sinne nicht mehr beisammen, er habe wohl in der Bestürzung vergessen, daß sie als Sieger auch noch die Habe der Feinde bekommen würden. Im Falle einer Niederlage aber hätten sie sich weder um Habseligkeiten noch um Sklaven zu kümmern, sondern einzig und allein darum, in tapferem, ruhmvollem Kampf zu fallen. Dies ließ er Parmenion melden und setzte sich den Helm auf. Die übrige Rüstung hatte er bereits im Zelt angelegt, einen gegürteten Waffenrock, eine sizilische Arbeit, darüber einen doppelten Leinenpanzer aus der Beute von Issos. Der Helm war aus Eisen, er glänzte aber wie lauteres Silber, er war ein Werk des Theophilos. Darangearbeitet war ein Halskragen, ebenfalls aus Eisen, mit eingelegten Edelsteinen. Sein Schwert war ganz besonders gehärtet und dabei sehr leicht, ein Geschenk des Königs von Kition; das Schwert war nämlich Alexanders Hauptwaffe im Kampf. Außerdem trug er noch einen mit einer Spange befestigten Umhang, der weitaus kostbarer war als seine übrige Rüstung, ein Werk des alten Helikon, eine Ehrengabe der Stadt Rhodos. Auch diesen Umhang trug er gewöhnlich in der Schlacht. Solange er die Phalanx in Schlachtordnung aufstellte, Ermunterungen und Instruktionen gab und die Truppen musterte, ritt er ein anderes Pferd und schonte den Bukephalos, der schon alt war. Sobald es aber in den Kampf ging, wurde dieser vorgeführt, Alexander saß um und eröffnete sogleich den Angriff.

33. Jetzt hielt er noch eine längere Ansprache an die Thessalier und die übrigen Griechen, und als sie ihm mit lautem Geschrei zuriefen, er solle sie gegen die Barbaren führen, faßte er, dadurch bestärkt, den Speer in die Linke, erhob die Rechte zum Himmel und betete zu den Göttern - so berichtet Kallisthenes -: wenn er wirklich von Zeus selber abstamme, dann sollten die Götter ihm beistehen und den Griechen mit ihm zugleich Kraft verleihen. Der Seher Aristandros aber, der in einem weißen Gewand mit einem goldenen Kranz auf dem Kopf neben ihm ritt, deutete auf einen Adler, der über dem Haupte Alexanders schwebte und geradewegs in Richtung auf die Feinde zuflog. Als sie das sahen, wurden alle zuversichtlich, und aus dieser Zuversicht heraus faßten sie Mut, ermunterten einander, und die Phalanx folgte im Laufschritt den gegen die Feinde losrückenden Reitern und flutete wie eine Meereswoge heran.

Bevor noch die vorderste Linie in den Nahkampf geriet, wichen die Barbaren bereits zurück, und es kam zu einer hitzigen Verfolgung, wobei Alexander den besiegten Flügel gegen das Zentrum zu drängen suchte, wo Dareios stand. Er hatte nämlich schon von weitem dessen auffallende Erscheinung durch die tiefgestaffelte königliche Garde hindurch erblickt: einen stattlichen Mann von großer Gestalt, der hochaufgerichtet auf seinem Wagen stand, von einer starken berittenen Eskorte in hellschimmernder Rüstung abgeschirmt, die sich dicht um den Wagen herum zusammengeschlossen hatte und den feindlichen Angriff erwartete. Aber als Alexander, der aus der Nähe einen furchteinflößenden Anblick bot, heranrückte und die Fliehenden auf die noch Standhaltenden warf, versetzte er die meisten in Schrecken und trieb sie auseinander. Die Tapfersten und Edelsten aber ließen sich bei der Verteidigung ihres Königs niederhauen, sanken einer über den anderen hin und hielten die Verfolgung auf, indem sie sich noch in Todeszuckungen an die Feinde und ihre Pferde anklammerten. Dareios aber, all dies grauenvolle Geschehen vor Augen, war in Gefahr, von den vor ihm aufgestellten Abteilungen umgerissen zu werden, denn es war schwer möglich, den Wagen zu wenden und wegzufahren. Vielmehr waren die Räder eingekeilt von den Massen der Gefallenen, und die dadurch scheu gewordenen Pferde, an den Platz gebannt und beinahe zugedeckt von Leichenbergen, bäumten sich auf und versetzten auch noch den Gespannführer in Verwirrung. Da ließ Dareios Wagen und Waffen zurück, bestieg, wie man erzählt, eine Stute, die vor kurzer Zeit ein Fohlen bekommen hatte, und wandte sich zur Flucht. ....

34. Mit dem Ausgang der Schlacht galt die persische Macht als völlig vernichtet. Alexander ließ sich zum König von Asien proklamieren, hielt glänzende Opferfeiern für die Götter ab und beschenkte seine Freunde mit Schätzen, Häusern und Statthalterposten. In seiner Ehrbegierde schrieb er an die Griechen, jede Tyrannenherrschaft sei nun aufgehoben, alle sollten sich selbst regieren, und er wolle aus eigenen Mitteln den Plataiern den Wiederaufbau ihrer Stadt ermöglichen, da ihre Vorväter den Griechen ihr Land als Kampfplatz zur Verteidigung der Freiheit zur Verfügung gestellt hätten. ...

35. Dann zog er durch Babylonien, das sich ihm sogleich mit sämtlichen Gebieten unterwarf. ...


LV Gizewski WS 2007/08

Autor des Skripts und Dozent der LV: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de