Die Römische Weltreichsbildung mit ihrer Provinzialisierung unterworfener Völker.


(1) Eine angemessene Weise historischer Beschäftigung mit der Weltreichsbildung der Römer. Polybios Historien, 8. Buch, 3 und 4.

3 (1) Es scheint mir recht gut zu meinem ganzen Vorhaben und zu dem von Anfang an vorhandenen Vorsatz zu passen, die Leser auf das Großartige der Operationen und auf die Beharrlichkeit in der Haltung der beiden Staaten, ich meine der Römer und Karthager, aufmerksam zu machen. (2) Denn wer würde sich nicht wundern, wie sie, obgleich sie einen so schweren Krieg um den Besitz Italiens und einen nicht leichteren um den in Iberien begonnen hatten und obwohl in gleicher Weise die Hoffnungen beider für die Zukunft noch ungewiß waren, da die augenblicklichen Gefahren gleich groß waren, - (3) wie sie sich dennoch nicht mit den vorhandenen Plänen zufrieden gaben, sondern auch noch um Sardinien und Sizilien zu kämpfen begannen und die ganze Welt umfaßten nicht allein in ihren Hoffnungen, sondern auch in ihren Vorbereitungen und Rüstungen. (4) Am größten ist aber wohl die Verwunderung, wenn man auf die Einzelheiten schaut. Denn die Römer hatten zwei vollständige konsularische Heere in Italien stehen und zwei Heere, ein Landheer und eine Flotte, in Iberien. Das Landheer befehligte Gnaeus, die Flotte Publius. (5) Bei den Karthagern verhielt es sich entsprechend. (6) Außerdem lag vor der Küste Griechenlands eine römische Flotte, um zu beobachten, was Philipp vorhabe. Diese Flotte befehligte zuerst Marcus Valerius, dann Publius Sulpicius. (7) Gleichzeitig sicherte Appius mit hundert Fünfruderern und Marcus Claudius mit Landstreitkräften Sizilien. Die gleiche Aufgabe hatte Hamilkar bei den Karthagern.

4 (1) Deshalb, so glaube ich, wird das, was ich immer wieder am Anfang meines Geschichtswerkes gesagt habe, jetzt durch die Tatsachen selbst bestätigt; (2) nämlich, daß es nicht möglich ist, durch Einzeldarstellungen den Gesamtverlauf der Geschichte zu überblicken. (3) Wie ist es nämlich möglich, daß jemand, der nur die Ereignisse in Sizilien oder Iberien für sich allein liest, die Größe des Geschehenen erkennt und begreift oder, was die Hauptsache ist, erfährt, auf welche Weise und durch welche Art von Verfassung das Schicksal das ungewöhnlichste Werk unserer Tage vollbracht hat, (4) nämlich alle bekannten Teile der Welt unter eine Herrschaft und eine Macht zu bringen - was bisher noch nie geschehen war? (5) Denn wie die Römer Syrakus einnahmen, und wie sie Iberien in ihre Gewalt brachten, kann man in gewissem Maße auch durch Einzeldarstellungen erfahren. (6) Wie sie aber zur Herrschaft über die ganze Welt kamen, was im einzelnen ihre gewaltigen Pläne hemmte, was sie unterstützte und zu welchen Zeiten, das ist ohne eine geschichtliche Gesamtdarstellung der Ereignisse nur schwer zu erfassen. (7) Aus demselben Grund kann man nicht leicht die Größe der Leistungen und die Stärke des Staatswesens erkennen. (8) Denn die Tatsache, daß die Römer Anspruch auf Iberien oder wieder auf Sizilien erhoben und daß sie mit Land- und Seestreitkräften dorthin zogen, wäre an sich wohl nicht weiter verwunderlich. (9) Wenn man aber berücksichtigt, daß zu derselben Zeit, in der sich das nebeneinander abspielte und in der auch noch vielerlei andere Dinge durch das Wirken derselben Macht und desselben Staates zustande gebracht wurden, die, welche all das Gesagte bewältigten, in ihrem eigenen Land Gefahren und Kämpfe zu bestehen hatten, (10) dann erscheint das Geleistete erst im richtigen Licht und ist erstaunlich. Und nur so kann es gebührend gewürdigt werden. Das ist an die Adresse derer gerichtet, die meinen, man könne sich durch eine Einzeldarstellung das Wissen aneignen, das eine Universalgeschichte bietet.


(2) Idee und praktische Konsequenzen der römischen Weltreichsbildung. Aurelius Augustinus, Vom Gottesstaat, 3. Buch, aus Kap. 9 und 10.

9. ... (Gewiß ist) der Friede eine große Wohltat. Aber er ist eine Wohltat des wahren Gottes, die er häufig wie Sonnenschein, Regen und anderes, das zur Erhaltung des Lebens dient, auch Undankbaren und Nichtswürdigen zuteil werden läßt. Wenn aber die Götter es waren, die Rom (in seiner Anfangszeit, unter König Pompilius) ... dies große Gut verliehen, warum haben sie es dem römischen Reiche später in seinen gepriesensten Zeiten niemals wieder gewährt? ... Was hat es ... zu bedeuten, daß unter Numas Regierung dreiundvierzig oder, wie andere wollen, neununddreißig Jahre anhaltenden Friedens verlebt wurden, während später nach Einführung der religiösen Bräuche und Übernahme der Schutzherrschaft durch eben die Götter ... in so vielen Jahren von der Gründung der Stadt bis hin zur Zeit des Augustus ein einziges Jahr nach dem ersten Punischen Krieg als großes Wunder erwähnt wird, in dem die Römer die Pforten des Krieges schließen konnten?

10. War die Ausdehnung des römischen Reiches durch Kriege wünschenswert ? Vielleicht antwortet man, das römische Reich habe nur durch anhaltende und stets aufeinanderfolgende Kriege sich so weit und breit ausdehnen und so hohen Ruhm erlangen können. Fürwahr, ein trefflicher Grund! Warum nur macht man sich so viel Unruhe, um großmächtig zu werden? Denken wir zum Vergleich an die Körperbeschaffenheit des Menschen. Ist es nicht wünschenswerter, mäßig groß, aber gesund zu sein, als unter beständigen Beschwerden zu riesenhafter Größe heranzuwachsen und auch dann keine Ruhe zu finden, sondern von um so schwereren Übeln geplagt zu werden, je mehr die Gliedmaßen an Umfang gewonnen haben? Wäre es so schlimm gewesen und nicht vielmehr das Allerbeste, wenn die Zeiten geblieben wären, wie Sallust sie mit folgendem Satze kurz beschreibt:

"Zunächst also pflegten die verschiedenen Könige diesen Titel führten die Herrscher anfänglich - teils den Geist, teils den Körper zu üben, und die Menschen lebten damals noch ohne Begehrlichkeit. Jeder war mit dem Seinigen zufrieden."

Oder mußte, damit bloß das Reich so weit sich dehnte, geschehen, was Vergil mit Abscheu folgendermaßen schildert:

"Schlechter und häßlicher wurden nun allmählich die Zeiten, Kriegswut brach jetzt herein und unersättliche Habgier."

Die Römer sagen zu ihrer Rechtfertigung wegen der vielen Kriege, die sie angefangen und geführt haben (allerdings): nicht Ruhmsucht, sondern die Notwendigkeit, Wohlfahrt und Freiheit zu schützen, habe sie gezwungen, den leidigen Angriffen der Feinde Widerstand zu leisten. Mag sein. Denn so schreibt ja derselbe Sallust:

"Nachdem ihre Verhältnisse durch Gesetze, sittliche Tüchtigkeit und Landerwerb sich günstig, ja aufblühend entwickelt hatten, weckte das Wohlergehen, wie es unter Menschen häufig geschieht, Neid. So griffen benachbarte Könige und Völker zum Kriege. Nur wenige Freunde leisteten Beistand, die übrigen, von der Gefahr zurückgeschreckt, hielten sich fern. Aber die Römer, in Kriegs- und Friedenszeiten auf dem Posten, eilten, rüsteten, feuerten sich gegenseitig an, gingen den Feinden entgegen und schützten Freiheit, Vaterland und Eltern mit den Waffen. Hatten sie durch ihre Tapferkeit die Gefahren abgewehrt, brachten sie auch den Verbündeten und Freunden Hilfe und schufen sich mehr durch Geben als Nehmen von Wohltaten Freundschaften."

(Aber auch hier gibt es für Augustinus einiges einzuwenden.)


LV Gizewski WS 2007/08

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de