Zur assyrischen, babylonischen, persischen, griechischen und römischen Gefangennahme und Vertreibung von Völkern.


(1) (Bibel, 2. Könige, Kap. 17, 1 - 24) (1) Im zwölften Jahre des Königs Ahas von Juda wurde Hosea, der Sohn Elas, in Samaria König über Israel für neun Jahre. Er tat, was Jahwe mißfiel, aber nicht wie die Könige, die vor ihm waren. Gegen ihn zog der König Salmanassar von Assyrien heran, und Hosea unterwarf sich ihm, und leistete ihm Tribut. Der König von Assur entdeckte aber eine Verschwörung bei Hosea: dieser hatte Boten an So, den König von Ägypten gesandt und dem König von Assur nicht wie sonst alljährlich Tribut geleistet. [Schließlich] zog der König von Assur gegen Samaria und belagerte es drei Jahre lang. Im neunten Jahre Hoseas aber nahm der König von Assur Samaria ein, führte die Israeliten gefangen fort und siedelte sie an in Halah und am Habor, einem Flusse Gosans, und in den Städten Mediens. Die Israeliten hatten sich nämlich an Jahwe, ihrem Gott, der sie aus dem Lande ägypten, aus der Gewalt Pharaos, des Königs von Ägypten, heraufgeführt hatte, versündigt und andere Götter verehrt .... (24) Der König von Assur aber ließ aus Babel, aus Kutha, aus Awwa, aus Hamath und Sepharwaim Leute kommen und siedelte sie an Stelle der Israeliten in den Städten Samarias an. Sie nahmen Samaria in Besitz und ließen sich in seinen Städten nieder. ....


(2) (Bibel, 2. Könige, Kap. 24, 18 - 21) (18) Einundzwanzig Jahre alt war Zedekia, als er König wurde, und elf Jahre regierte er in Jerusalem. Seine Mutter hieß Amital und war eine Tochter des Jeremias von Lobna. Er tat, was Jahwe mißfiel, ganz wie Jojakim getan hatte. Denn weil Jahve über Jerusalem und Juda zürnte, kam es soweit, dass er sie von seinem Angesichte verstieß. Und Zedekia fiel vom König von Babylon ab. (Kap. 25, 1) Da, im neunten Jahre seiner Regierung, am zehnten Tag des zehnten Monats, rückte König Nebukadnezar von Babylon mit seinem ganzen Heere gegen Jerusalem und belagerte es; sie warfen ringsum einen Wall gegen es auf. So blieb die Stadt belagert bis zum elften Jahre des Königs Zedekia. Am neunten Tag des vierten Monats, als der Hunger in der Stadt schon überhand genommen und das Landvolk nichts mehr zu essen hatte, wurde eine Bresche in die Stadt geschlagen. Während die Chaldäer die Stadt noch rings umschlossen hielten, flohen in der Nacht der König und alle Kriegsleute durch das Tor zwischen den beiden Mauern, das am Königsgarten lag, und wandten sich nach der Araba. Da jagte das Heer der Chaldäer dem König nach, und sie holten ihn ein in der Steppe von Jericho. Sein ganzes Heer hatte sich bereits zerstreut und ihn verlassen. Sie ergriffen nun den König und führten ihn zum König von Babylon nach Rebla, und der sprach über ihn das Urteil. Die Söhne des Zedekia ließ er vor seinen Augen abschlachten, ihn selber blenden, in Ketten legen und nach Babylon abführen. Am siebten Tag des fünften Monats - es war im neunzehnten Jahre des Königs Nebukadnezar, des Königs von Babylon - kam Nabusaradan, der Oberste der Leibwache, der Diener des Königs von Babylon, nach Jerusalem und steckte das Haus Jahves und den königlichen Palast und alle Häuser von Jerusalem in Brand; alle bedeutenderen Gebäude äscherte er ein; und alle Truppen der Chaldäer, die der Oberste der Leibwache bei sich hatte, schleiften die Ringmauern von Jerusalem. Auch führte Nabusaradan, der Oberste der Leibwache, den Rest des Volkes ab, der in der Stadt zurückgeblieben war, und die Überläufer, die zum König von Babylon übergegangen waren, sowie den Rest der Handwerker. Nur von den geringen Leuten im Lande ließ der Oberste der Leibwache einige als Winzer und Ackerbauer zurück. Die ehernen Säulen am Tempel Jahwes, die Fahrgestelle und das eherne Meer im Hause Jahwes zerschlugen die Chaldäer und nahmen das Erz davon mit nach Babylon; auch die Töpfe, Schaufeln, Messer, Schalen, kurz alle ehernen Geräte, mit denen man den Dienst versah, nahmen sie mit. Ferner nahm der Oberste der Leibwache die Räucherpfannen und die Sprengschalen mit, alles, was von Gold und von Silber war; weiter die beiden Säulen, das eine Meer und die Fahrgestelle, die Salomon für den Tempel Jahves hatte machen lassen; das Erz aller dieser Geräte war nicht zu wägen. Achtzehn Ellen hoch war eine Säule, und auf ihr war ein Knauf aus Erz; fünf Ellen betrug die Höhe des Knaufes, und ein netzartiges Werk und Granatäpfel, alles aus Erz, liefen um den Knauf herum; dieselbe Ausstattung wies auch die andere Säule auf. Der Oberste der Leibwache nahm auch den Hohenpriester Seraja und den zweiten Priester Zephani und die drei Türhüter mit. Aus der Stadt nahm er einen Kämmerer, den Befehlshaber der Krieger, mit, sowie fünf Männer aus der beständigen Umgebung des Königs, die sich gerade in der Stadt befanden, den Schreiber des Feldhauptmanns, der das Landvolk fur den Kriegsdienst aushob, und sechzig Männer aus dem Volke die sich gerade in der Stadt befanden; dies alle nahm Nabuzardan, der Oberste der Leibwache, mit und brachte sie zum König von Babylon nach Ribla. (21) Und der König von Babylon ließ sie in Ribla im Lande Hamath hinrichten. Juda aber führte er aus seiner Heimat fort.


(3) (Herodot, Historien, 6. Buch, 18 - 21) 18. Als die Perser die Seeschlacht gegen die loner gewonnen hatten, belagerten sie Milet zu Lande und zu Wasser. Sie untergruben die Mauern und wandten alle möglichen Belagerungskünste an, so daß sie endlich die Stadt samt der Burg eroberten. Im sechsten Jahre nach dem Abfall des Aristagoras war es, als Milet fiel und der Orakelspruch, den Milet erhalten hatte, in Erfüllung ging. Denn als die Argeier wegen der Rettung ihrer Stadt in Delphi anfragten, erhielten sie einen Orakelspruch, der sich nicht bloß auf Argos bezog, sondern einen Zusatz über Milet enthielt. ... Die Stelle über die Milesier - die nicht zugegen waren - lautet folgendermaßen:

"Auch du, stolzes Milet, du Urheberin böser Taten, wirst zum leckeren Mahl, zur herrlichen Gabe für viele. Waschen werden die Frauen die Füße langhaarigen Männern, und in Didymoi werden den Tempel uns andere hüten."

Dieser Spruch ging jetzt in Erfüllung; denn die meisten Milesier wurden von den Persern, die lange Haare tragen, getötet, ihre Weiber und Kinder wurden Sklaven, und das Heiligtum in Didymoi, Tempelhaus und Orakelstätte, wurde geplündert und verbrannt. Von den Schätzen dieses Heiligtums habe ich schon öfters an anderen Stellen meines Werkes erzählt. 20. Die am Leben gebliebenen Milesier wurden gefangen nach Susa geführt. König Dareios tat ihnen weiter nichts, nur siedelte er sie am sogenannten Roten Meere an, in der Stadt Ampe an der Mündung des Tigris. Das Gebiet von Milet nahmen die Perser selber in Besitz, soweit es Stadtgebiet und Ebene war; die hochgelegenen Teile überließen sie den Karern aus der Stadt Pedasos. 21. .... Die Athener gaben auf mannigfache Weise ihrem Schmerz über den Fall Milets Ausdruck. So dichtete Phrynichos ein Drama 'Der Fall Milets'. Als er es aufführte, weinte das ganze Theater, und Phrynichos mußte tausend Drachmen Strafe zahlen, weil er das Unglück ihrer Brüder wieder aufgerührt habe. Niemand durfte das Drama mehr zur Aufführung bringen.


(4) (Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, Buch 7, aus 84 - 87, und Buch 8, 1) (VII, 84) ... Die Athener eilten vorwärts an den Assinaros, teils gejagt von dem allseitigen Angriff vieler Reiter und des übrigen Haufens, sie merkten, es würde ihnen leichter werden, wenn sie erst überm Fluß wären, teils auch wegen ihrer Abmattung und aus Begier zu trinken. Als sie hinkamen, stürzten sie sich hinein in aufgelöster Ordnung .... Die [auf der anderenSeite befindlichen] Peloponnesier stiegen nieder, ihnen entgegen, und schlachteten die im Flusse fast alle hin. Das Wasser war auch sofort verdorben und wurde trotzdem getrunken, schlammig und blutig wie es war, und die Menge raufte sich darum. Endlich, als schon viele Tote im Fluß übereinanderlagen und das Heer vernichtet war, teils im Fluß, teils auch, wenn etwas entronnen war, durch die Reiter, ergab sich persönlich Nikias dem [spartanischen Feldherren] Gylippos, dem er mehr vertraute als den Syrakusern: er und die Spartaner sollten mit ihm machen, was sie wollten, aber aufhören, die andern Soldaten zu morden. Darauf befahl Gylippos, von jetzt an nur noch Gefangene zu machen; sie brachten die übrigen lebend zusammen, soweit sie sie nicht unterschlugen (und das waren viele), und schickten den 300, die nachts die Wache durchbrochen hatten, Verfolger nach, die sie auch gefangennahmen. ... [86] Als die Syrakuser und ihre Verbündeten sich wieder gesammelt hatten, zogen sie mit allen Gefangenen und allen Beutewaffen, derer sie habhaft geworden waren, in ihre Stadt zurück. Die Athener und ihre Verbündeten, soweit sie sie gefangen, sperrten sie in den Steinbrüchen ein, als der sichersten Verwahrung. Nur Nikias und Demosthenes machten sie nieder, gegen den Willen des Gylippos. Denn dieser hätte es für einen herrlichen Preis seines Kampfes angesehen, wenn er zu allem andern auch die beiden Gegenfeldherrn nach Sparta gebracht hätte. .... [87] Die in den Steinbrüchen behandelten die Syrakuser in den ersten Zeiten sehr unglimpflich. In eingeschnittenem und engem Raum viele, litten sie anfangs noch unter der Sonne und der Hitze, wegen der sommerlichen Schattenlosigkeit, und die darauf folgenden kalten Herbstnächte mit ihrem jähen Umschlag brachten Krankheiten, und da sie wegen der Enge alles am gleichen Ort taten und außerdem die Toten ebendort übereinander geschichtet wurden, die an den Wunden und dem Umschwung und dergleichen gestorben waren, so waren die Gerüche unerträglich, und zugleich quälten sie Hunger und Durst - denn sie gaben einem jeden von ihnen acht Monate lang ein Maß Wasser und zwei Brote -, und von allen Leiden, die an solchem Ort Menschen zu gewärtigen haben, war keines, das sie nicht betroffen hätte. Etwa siebzig Tage lebten sie so beieinander, dann wurden außer den Athenern und wenn aus Sizilien und Italien welche den Kriegszug mitgemacht hatten, alle übrigen verkauft. Wieviel im ganzen gefangen waren, ist mit Genauigkeit schwer auszusagen, doch waren es nicht weniger als 7000. Man kann wohl sagen, daß dies Ereignis von allen in diesem Kriege das bedeutendste war, meines Erachtens sogar von allen, die wir aus der Überlieferung der Hellenen kennen, für die Sieger der größte Ruhm, für die Untergegangnen das größte Unglück: auf der ganzen Linie ganz besiegt und unter Leiden, von denen keines etwa klein war, hatten sie in buchstäblicher Vernichtung Fußvolk und Schiffe und überhaupt alles verloren, und nur wenige von so vielen kehrten nach Hause zurück. Dies waren die Ereignisse in Sizilien; (VIII, 1) als aber die Nachricht nach Athen kam, wollten sie es lange nicht glauben, sogar als richtige Soldaten, vom Schlachtfeld selbst entronnen, genauen Bericht brachten; es werde doch nicht die ganze Macht gar so vernichtet und vertilgt sein. Nachdem sie dann zur Erkenntnis kamen, waren sie ergrimmt gegen die Redner, die sich fur die Ausfahrt eingesetzt hatten - als hätten sie sie nicht selbst beschlossen ....


(5) (Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte, Buch 31, Kap. 10, 1 - 10) [Ein wildes[ Geschehen fegten die unheilvollen Stürme in Thrakien zusammen, als sich der Herbst zum Winter [d. J. 377/378 n. Chr., d. h. der Anfangszeit der Völkerwanderung] neigte. Als ob die Furien die ganze Welt in Aufruhr versetzten, drang der Wahnsinn dieser Zeiten sogar bis in entfernte Gegenden vor und griff weit um sich. Schon brachen die Lentienser, ein alamannischer Volksstamm, der den Gebieten Rätiens benachbart ist, den vor langer Zeit [mit den Römern] geschlossenen Vertrag und griffen mit hinterhältigen Raubzügen unser Grenzgebiet an. Diese Katastrophe nahm ihren verderblichen Anfang durch folgenden Umstand. Ein Angehöriger dieses Volks, der in der kaiserlichen Garde diente, erhielt in einer dringenden Angelegenheit Heimaturlaub. In seiner Geschwätzigkeit berichtete er vielen auf ihre Fragen über die Vorgänge im Palast, Gratian werde auf Anforderung seines Onkels Valens bald das Heer nach dem Osten in Marsch setzen, um mit verdoppelten Kräften die Bewohner der dortigen Grenzgebiete zu vertreiben, die sich zum Verderben des römischen Staates verschworen hatten. Diese Nachrichten griffen die Lentienser begierig auf, da sie diese Vorgänge gleichsam aus der Nachbarschaft beobachteten. Behende und raubgierig wie sie sind, rotteten sie sich zu Plündererbanden zusammen und gingen im Februar über den Rhein, den die Winterkälte begehbar gemacht hatte. Die Kelten, die zusammen mit den Petulanten in der Nähe zelteten, brachten ihnen - nicht ohne eigene Verluste - zwar eine schwere Niederlage bei und verjagten sie mit mächtigen Kräften. Doch gerieten die Germanen nur noch in heftigere Wut, nachdem sie zum Rückzug gezwungen worden waren; denn sie wußten, daß der größte Teil des [römischen] Heeres nach Illyrien vorausmarschiert war, da der Kaiser dort bald eintreffen werde. So nahmen sie ein größeres Vorhaben in Angriff, boten die Einwohner aller Gaue auf und brachen frech und voller Übermut in unser Gebiet ein, mit vierzigtausend Kriegern oder sogar siebzigtausend, wie manche behaupteten .... Sie wurden schließlich aber doch so geschlagen, daß von ihrer eben erwähnten Anzahl schätzungsweise nicht mehr als fünftausend im Schutz der dichten Wälder entkamen.


LV Gizewski WS 2007/08

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de